|
|
Es war am ersten Sonntag der großen Sommerferien, sieben
Tage vor meinem vierzehnten Geburtstag, da verkündeten mir meine Eltern, sie
würden sich trennen. Und zwar jetzt. Auf der Stelle. Sie standen vor mir im
Flur, luftig gekleidet, sie hatten sich bei den Händen gefasst wie zwei
Schulkinder, und wie aus einem Munde sagten sie: »Wir trennen uns.«
Zuerst brachte ich kein Wort heraus. Ich war bloß erschüttert. Und mir stand
leuchtend hell eine Zahl vor Augen: die Dreiunddreißig. Nach meiner letzten
Kontrollrechnung waren nämlich genau dreiunddreißig Prozent meiner
Klassenkameraden Scheidungskinder, die Sitzenbleiber und die Klassenüberspringer
nicht einmal mitgerechnet. Ich hatte ziemlich viel Zeit damit verbracht, über
die Scheidungen in meiner Klasse Buch zu führen und die Betroffenen eingehend zu
befragen. Man muss ja schließlich wissen, was um einen herum passiert.
Doch erst jetzt ging mir auf, dass ich nie damit gerechnet hatte, es könnte mich
selbst einmal erwischen. Ich kam mir vor wie ein Afrikaforscher, der Tag für Tag
Giftschlangen untersucht und keine Sekunde lang fürchtet, er könnte gebissen
werden. Aus Verzweiflung, mehr aber noch aus Scham über meine Naivität, wurde
ich knallrot. Jedenfalls fühlte sich mein Gesicht von innen knallrot an.
Außerdem stand wohl darauf zu lesen, was ich dachte. »Es ist nicht, was du
denkst!«, sagte meine Mutter rasch. »Von Scheidung kann keine Rede sein. Papa
und ich verstehen uns glänzend. Wir bleiben sicher ein Leben lang zusammen.« Sie
machte eine kleine Pause. Dann sagte sie: »Wir trennen uns bloß von dir.«
»Ach so.« Mehr sagte ich nicht, weil ich in dieser Sekunde erfuhr, wie das ist,
wenn einem die Worte im Hals stecken bleiben.
»Deine Mutter und ich«, sagte mein Vater, »haben beschlossen, uns in Zukunft
mehr mit uns selbst zu befassen. Wir wollen unsere Beziehung vertiefen. Wir
werden älter, da wird es Zeit, inniger zueinanderzufinden. Und was dabei am
meisten stört, bist du. Deshalb werden wir uns von dir trennen.«
Aha! Ich sollte also kein Scheidungskind werden, sondern – was? Eine
Verlassenswaise? Gab es das überhaupt? Ich versuchte mir meine Zukunft ohne
Eltern auszumalen, doch dazu fehlte mir in diesen Sekunden die Fantasie.
Außerdem verstopften die vielen Worte, die ich sagen wollte, jetzt endgültig
meine Luftröhre von unten her, so dass ich von oben keine Luft mehr bekam. Das
wollte ich auch gerne mitteilen, weil ich es für wichtig hielt, brachte aber nur
eine Art Pfeifen heraus, ähnlich wie ein Fahrradschlauch, der gerne platzen
würde, aber nicht kann.
Papa schien das zu bemerken und gab mir eine leichte therapeutische Ohrfeige.
Der Wortstau in meinem Hals löste sich auf, ich sagte »Danke« und bekam wieder
Luft. Aber es war nicht viel, und als ich dann Sätze sagte wie: »Seid ihr
verrückt geworden!«, »Was soll der Unsinn! « und »Das könnt ihr doch nicht
machen!«, da klang das gar nicht vorwurfsvoll, sondern eher ein bisschen
verquietscht und albern.
Mama hob einen Zeigefinger. »Hab dich ein bisschen besser unter Kontrolle. Und
werd möglichst schnell erwachsen! Du bekommst natürlich das Haus. Ab sofort
lebst du hier alleine, da solltest du besser ruhig und souverän sein, wie es
sich für allein lebende Menschen gehört.«
»Und du solltest endlich darüber Bescheid wissen, wie es im richtigen Leben
zugeht«, sagte Papa. »Aber keine Angst! Wir haben dir einen Grundkurs in
Lebensbewältigung hinterlassen. An die wichtigsten Sachen haben wir Zettel
geklebt. Da steht alles drauf. Wie du die Waschmaschine bedienst. Wie du den
Müll trennst. Wie du die Beutel im Staubsauger wechselst. Eben alles, was man
braucht, wenn man für sich selbst verantwortlich ist.«
Meine Mutter schaute auf die Uhr. »Aber für lange Erläuterungen ist jetzt leider
keine Zeit mehr.« Und dann wiesen meine Eltern auf die Koffer, die sie
unbemerkt, jedenfalls unbemerkt von mir, gepackt und in den Flur geschafft
hatten.
»Wir haben auch nicht viel Zeit für gefühlvolle Abschiede«, sagte mein Vater.
»Wir beginnen unser neues Leben nämlich mit einer Weltreise. Und unser Flug in
die Karibik geht in zwei Stunden.« Darauf sagte meine Mutter »Hach!« und küsste
meinen Vater auf eine Art und Weise, dass ich dringend weggucken musste. »Wie
sehr ich mich darauf gefreut habe«, sagte sie, als sie mit dem Küssen fertig
war. »Antigua, Barbados, Jamaika. Und anschließend New York, London, Rom, Paris.
Ich denke, das wird wunderbar!«
Ich dachte nur: Neustadt.
Das ist die Stadt, in der wir wohnen. Pardon, in der ich jetzt den Rest meines
Lebens in Einsamkeit zubringen sollte. Denn wenn die Reiseroute meiner Eltern
stimmte, würde ich ihre Rückkehr vielleicht gar nicht mehr erleben.
Bei dieser Gelegenheit und für alle, die es nicht wissen: Unser Neustadt ist
nicht neu, sondern heißt nur so. Es ist allerdings auch nicht alt. Und außerdem
ist Neustadt weder groß noch klein, weder aufregend noch langweilig, sondern in
allem und jedem auf eine etwas aggressive Art und Weise mittelmäßig. Mir hatte
das bislang nicht allzu viel ausgemacht. Ich war überhaupt mit dem, was ich
hatte, ziemlich zufrieden. Außerdem hieß es immer, ich würde demnächst,
wahrscheinlich am Morgen meines achtzehnten Geburtstags, das mittelmäßige
Neustadt verlassen und in die sogenannte große weite Welt ziehen, um dort Glück
und Reichtum zu erwerben. Ich hatte dazu immer genickt und so getan, als würde
ich mich darauf ganz wahnsinnig freuen. Gleichzeitig hatte ich mir allerdings
vorgenommen, das Achtzehnwerden möglichst lange hinauszuschieben. Vielleicht
fände ich ja einen Trick und könnte es komplett verhindern.
Doch jetzt lag der Fall ganz anders. Meine Eltern, die kürzlich fünfunddreißig
geworden waren, verzogen sich in die große weite Welt – und ich durfte in
Neustadt bleiben, allerdings nur, um in bitterer Armut zu leben und unglücklich
vor die Hunde zu gehen.
Meine Mutter zerrte schon an den Koffern, aber mein Vater hatte offenbar meine
Gedanken gelesen. »Um Geld mach dir keine Sorgen. Es liegt genug im Haus. Das
wirst du beizeiten finden. Ich hab es dir eigentlich gleich geben wollen, aber
Mama hat gesagt: Lass nur, er soll ein bisschen suchen, damit er uns nicht
gleich hinterherkommt. Wir brauchen einen kleinen Vorsprung.«
Es ist kein schöner Moment im Leben eines fast Vierzehnjährigen, wenn er
herausfindet, dass die eigenen Eltern zu genau jenem grenzenlosen Egoismus fähig
sind, den sie ihrem Sohn seit Jahren unterstellen. Betreffender Sohn zweifelt
dann augenblicklich an allem und verlangt sehr heftig nach Trost und
Geborgenheit. Und obwohl ich nicht der besonders verschmuste Typ bin, wollte ich
mich spontan wie ein Dreijähriger an eines meiner Elternteile klammern. Doch
meine Mutter schien das zu ahnen und gab mir rasch zwei Küsse, die so flüchtig
waren wie sie selbst.
»Tschüssi«, sagte sie. »Und versuch nicht, uns anzurufen. Von unseren Handys
haben wir uns nämlich auch getrennt.« Tatsächlich lagen die beiden friedlich
nebeneinander auf dem kleinen Schrank im Flur.
Als meine Eltern kurz darauf mit unserem ehemaligen Familienauto um die Ecke
rauschten, stand ich barfuß im Vorgarten und sah dabei wahrscheinlich so albern
aus wie unsere beiden Punk- und Hippie-Gartenzwerge. Ich winkte meinen Eltern
kein bisschen nach; das war der einzige Protest, zu dem ich fähig war. Außerdem
hatte ich das Gefühl, gleich wieder keine Luft zu bekommen. Und winkend in
Ohnmacht zu fallen sieht sicher besonders dämlich aus. Überhaupt wollte ich mich
nie mehr bewegen. Ich wollte selbst ein Gartenzwerg werden, kein Hippie- oder
Punk-, sondern ein Trennungszwerg, dem allmählich Regen und Wind die billige
Farbe vom Plastik waschen.
Doch da trat unsere Nachbarin zur Linken vors Haus, Frau Glossbach. Sie sah mich
merkwürdig an, dann machte sie eine lockende Handbewegung wie die Hexe im
Märchen. Wer weiß, dachte ich, was meine Eltern sonst noch alles arrangiert
hatten, um sich den Rücken frei zu halten. Womöglich hatten sie sich sogar mit
ihren Feinden verbündet, von denen Frau Glossbach der schlimmste war. Und
vielleicht hatte die in ihrem Keller schon ein gemütliches kleines Verlies für
mich eingerichtet. Ich raffte also meine Restkräfte zusammen, verschob den
Verzweiflungstod durch Vergartenzwergung auf später und ging zurück ins Haus.
In der Küche fand ich prompt den ersten der angekündigten Zettel; er war gelb
und klebte am großen Kühlschrank. Darauf stand: ACHTUNG! ALLE IN DIESEM GERÄT
VERWAHRTEN LEBENSMITTEL SIND GENIESSBAR. ABER VORSICHT! DU MUSST VOR DEM ESSEN
DIE VERPACKUNG ENTFERNEN. UND WENN DU KLUG BIST, WIRFST DU DIE VERPACKUNG NICHT
WEG. SO WEISST DU, WAS DU IM SUPERMARKT KAUFEN SOLLTEST, DAMIT DU NICHT
VERHUNGERST.
Ich öffnete den Kühlschrank. Er war nicht sehr üppig, dafür aber genau richtig
gefüllt. Einige Schälchen Milchreis, ein Dutzend Becher Götterspeise und
Karamellpudding, dazu ein paar Flaschen Multivitaminsaft. Das passte exakt in
mein eher schmales Lebensmittel-Beuteschema. Oder anders gesagt: Es waren die
einzigen Sachen, die ich wirklich mochte. Ich war also vorläufig gerettet, daher
gestattete ich mir das erste Aufatmen des Tages und komponierte eine kleine
Mahlzeit: Milchreis mit Götterspeise. Dazu trank ich Multivitaminsaft.
Als ich zum Nachtisch einen Karamellpudding wählen wollte, bemerkte ich
allerdings auf dem hintersten Milchreis im Kühlschrank einen zweiten gelben
Zettel, der mehr als doppelt so groß war wie der erste. Vermutlich würde darauf
eine Generalbelehrung meiner ehemaligen Eltern stehen, vielleicht ein Vortrag
über gesunde Ernährung im Allgemeinen und die Schädlichkeit von Fertigpudding im
Besonderen.
Danach war mir nun gar nicht, und so verzichtete ich dankend auf den Nachtisch.
Doch den Zetteln entging ich nicht. Denn als ich die leeren Packungen in die
Mülltonne werfen wollte, glänzte dort ein weiteres Exemplar: SEHR BRAV! DU
SCHONST DIE UMWELT. ABER LEIDER WEISST DU JETZT NICHT MEHR, WAS DU KAUFEN
WILLST, DU UNSELBSTSTÄNDIGER UND WELTFREMDER TAUGENICHTS.
Ich wollte nur noch ins Bett. Der Tag sollte nicht weitergehen. Schon immer
hatte ich die Fähigkeit besessen, im Handumdrehen einzuschlafen, wenn die Dinge
nicht gut standen. Davon wollte ich jetzt Gebrauch machen. Doch als ich die
Bettdecke zurückschlug, fand ich darunter den nächsten Zettel: WAS SOLL DAS
HEISSEN? INS BETT, OHNE DIE ZÄHNE ZU PUTZEN? ICH FASSE ES NICHT. AB INS
BADEZIMMER, DU FERKEL!
Gehorsam putzte ich mir die Zähne, dann kroch ich in mein Bett und zog mir meine
Lieblingsbettdecke über den Kopf, ein kunterbuntes Monstrum von sechs
Quadratmetern, das eine Bekannte meiner Mutter aus Hunderten von ganz
verschiedenen Stofffetzen zusammengenäht hat. Und obwohl ich befürchtet hatte,
es könnte diesmal nicht funktionieren, schlief ich ein, kaum dass die Welt
hinter der Patchworkdecke verschwunden war.
Rezension I Buchbestellung I home 0I09 LYRIKwelt © Schöffling