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Ein anderer Wind
(Leseprobe aus: absichtslos, Roman, 2007, Ritter-Verlag)
Zwanzig Jahre habe er für seine Bank gearbeitet, seit seinem achtzehnten
Lebensjahr habe er quasi durchgearbeitet, aber jetzt sei es genug, es ginge
nicht mehr, zwanzig Jahre seien genug gewesen, ein für alle Mal, er müsse
jetzt sofort zu arbeiten aufhören, habe Georg Keppling, der Bankberater von
Oswald, am Telefon zu ihm gesagt, er habe ihn diesbezüglich einfach anrufen müssen,
da Oswald stets, und das wollte er ihm einmal, nach diesen vielen Jahren, in
denen sie beide gleichsam miteinander verbunden gewesen waren, mitteilen, für
das Bankgeschäft, das er ja, wie er, Oswald, wisse, von Grund auf kennengelernt
habe, immer außergewöhnliche Geldbewegungen aufzuweisen gehabt hätte. Georg
Keppling sagte zu Oswald, er habe tatsächlich ein starkes Bedürfnis verspürt,
ihm von diesem seinen Entschluss zu informieren und ihn gleichzeitig darauf
aufmerksam zu machen, dass von diesem Tag an, wie er betonte, jemand anders für
seine Bankgeschäfte zuständig sein werde. Er könne nichts über seinen
Nachfolger sagen, weder Positives noch Negatives, aber es könne durchaus sein,
dass von nun an ein anderer Wind wehe. Oswald solle sich in jedem Fall nicht
sorgen, aber er, Georg Keppling, habe sofort, noch am selben Tag, an welchem ihn
diese Einsicht wie ein Blitz getroffen hätte, zu arbeiten aufhören müssen.
Als Oswalds Freundin Gerlinde ihn fragte, was denn das für eine Einsicht
gewesen sei, antwortete dieser, er, Georg Keppling, habe plötzlich, von einem
Augenblick auf den anderen, wie er versicherte, seine beiden Kinder mit anderen
Augen gesehen. Nicht mehr so, wie er sie jeden Tag, und das schon seit ein paar
Jahren, eigentlich seit deren Geburt, gesehen hätte, nein, plötzlich habe er
bemerkt, dass seine beiden kleinen Kinder alles das tun konnten, was sie
wollten, dass es ihnen egal sei, was sie, die Eltern oder auch andere Kinder von
ihnen verlangten, sie täten im Grunde immer das, was sie wollten, sagte er, und
dass er, Georg Keppling, seit nunmehr zwanzig Jahren, ununterbrochen das mache,
was man von ihm verlangt habe, was die anderen von ihm erwartet hätten. Und er
hätte diese seine permanenten Erwartungserfüllungen noch weitere
siebenundzwanzig Jahre fortsetzen müssen, und dann habe er mit einem Mal
absolut keine Lust mehr gehabt, hätte er noch einen Tag länger arbeiten müssen,
fuhr Georg Keppling fort, erzählte Oswald, hätten sie ihn auf der Stelle auf
die Baumgartnerhöhe bringen müssen, dessen sei er sich sicher.
Oswald sagte, dass Georg Keppling natürlich über all seine Geldbewegungen, wie
das in dieser Branche üblicherweise so bezeichnet wird, genauestens Bescheid
gewusst hätte. Manchmal habe er ihn, wenn sein Kontostand in neue, folglich für
sie beide noch niemals zuvor dagewesene Tiefen gesunken sei, die mit Sicherheit
für seine Bank ziemlich läppisch gewesen sein mussten, angerufen, um sich zu
erkundigen, wie es ihm denn so ginge, ob alles in Ordnung sei, aber er habe
auch, ohne Frage, dessen Höhenflüge gekannt. Allerdings habe er in diesen Fällen
nicht eigens angerufen, sagte Oswald zu Gerlinde, noch am selben Tag und keine
zwölf Stunden später, nachdem ihn Georg Keppling angerufen hatte, um ihm
anzuvertrauen, dass er von nun an einen anderen Bankbeauftragten haben werde. Im
Grunde habe Georg Keppling über jede Unterhose, die er sich gekauft hätte,
Bescheid gewusst, hätte er sich bei Palmers, oder wo auch immer, zwei Paar
Socken gekauft und diese mit seiner Kreditkarte bezahlt, hätte er dies gewusst,
eigentlich eine Ungeheuerlichkeit, sagte Oswald. Gerlinde fand den Sachverhalt,
dass sein Bankmensch, wie sie sagte, eine ganz spezifische Biografie von ihm
haben musste, äußerst interessant. Denn jener würde eine Geschichte von ihm
kennen, die sonst wohl niemand auf dieser Welt wusste, einschließlich ihrer
Person. Oswald solle, so Gerlinde, in jedem Fall noch ein Gespräch mit ihm darüber
führen. Sie würde nur allzu gerne wissen, was sich dieser so gedacht, welches
Bild er sich schlussendlich von ihm zusammengebastelt hätte.
„Dein Bankmensch hat dich extra angerufen, um dir zu sagen, dass er seinen Job
aufgibt und dass nun vielleicht ein anderer Wind wehen könne, etwas Ähnliches
habe ich noch niemals zuvor von irgendjemandem gehört, dass ihm das passiert wäre,
das finde ich großartig“, sagte Gerlinde zu Oswald und schüttelte dabei
ihren Kopf.
Es käme ihm vor, als ob sich ein ganz wichtiger Mensch aus seinem Leben
verabschiedet hätte, fuhr Oswald fort, er wäre jetzt allerdings nicht bloß
traurig, sondern auch bezüglich der Forderungen, welche seine Bank nun unverzüglich
stellen könnte, etwas nervös. Der Bankmensch sei für ihn, so Oswald, ihm
gefiel Gerlindes Formulierung, in schwierigen Zeiten so etwas wie eine atmosphärische
Schutzmacht gewesen. Seine bloße Anwesenheit habe ihm bei all seinen Aktivitäten
das nötige Vertrauen gegeben.
„Und dass er jetzt, von einem Tag auf den andern, in seiner Bank, wo er
zwanzig Jahre lang gearbeitet hat, zu arbeiten aufhört, um nicht auf die
Baumgartnerhöhe gebracht werden zu müssen, ist für mich unvorstellbar. Ein
großer Verlust. Tatsächlich ein großer persönlicher Verlust.“ Sie hätten
ihn sofort einliefern müssen, habe er ihm gesagt, noch einen Tag länger und es
wäre aus und vorbei gewesen mit ihm.
Beide saßen sie gerade mit Judith, einer guten Freundin von Oswald, gemeinsam
in einem Taxi und befanden sich auf der Fahrt von einer Wohnungseinstandsparty
nachhause, da deren Adressen sich im selben Bezirk befanden. Auf dieser Party,
welche am Abend desselben Tages stattgefunden hatte, redeten Gerlinde und Judith
stundenlang über Gott und die Welt. Judith hatte irgendwann von ihren
viermaligen außerkörperlichen Erfahrungen zu erzählen begonnen und war im
Laufe des Abends immer wieder darauf zurückgekommen. Gerlinde gelang es jetzt
nicht mehr, sich zu erinnern, warum sie überhaupt bei diesem Thema angelangt
waren, aber Judith sprang oft mitten im Satz, wie sie wusste, von einem Thema
zum anderen, wechselte gleichzeitig ebenso häufig ihre Argumentationen. Sie
betriebe eine Art Channelhopping in ihrem eigenen Kopf, bemerkte Oswald vor
Jahren einmal Gerlinde gegenüber. Viermal im Leben sei sie bisher aus ihrem Körper
herausgetreten und dabei immer zumindest einen Meter von diesem entfernt
gewesen, sagte sie. Einmal habe sie sich zehn Minuten lang überhaupt nicht
bewegen können, erst danach konnte sie wieder ihren kleinen Finger rühren.
Zuerst bloß ihren kleinen Finger, und es dauerte anschließend noch eine gute
halbe Stunde, bis sie sich wieder vollständig bewegen konnte. Sie habe während
dieser Zeit wie eine Wilde um ihr Leben gekämpft, versicherte ihr Judith. Vor
allem um ihre Seele habe sie Angst gehabt, davor, dass diese einfach weggehen
und nicht mehr auf die Erde zurückkehren könnte. Ihr Hausarzt meinte, dass es
sich dabei wohl um Herzmuskelstörungen gehandelt haben müsse, welche manchmal
in der Pubertät in einer solchen Heftigkeit und Häufigkeit aufträten. Da sich
Judith aber nicht mehr in ihrer Pubertät befände, wisse er auch nicht recht,
was dies zu bedeuten hätte. Sie solle zumindest versuchen, fuhr er fort, möglichst
jeglichen, gegen sie gerichteten Druck oder emotionalen Stress von ihr
fernzuhalten.
Jahrelang habe sie immer, in erster Linie jedoch aus ihrem diesbezüglichen
Unwissen heraus, ziemlich unbefangen behauptet, keine Angst vor dem Tod zu
haben, dass ihr der Tod gleichgültig sei, habe sie fast bei jeder Gelegenheit
bekundet, aber diese viermaligen Attacken hätten ihr eine wirkliche Angst
eingeflößt, da könne sie nicht mehr so einfach darüberhinwegsehen. Jetzt fände
sie es geradezu ungeheuerlich, sterben zu müssen, sagte sie zu Gerlinde, sie
empfände das Sterben als einen Fehlgriff der Natur. Ausgerechnet der Mensch,
die sogenannte Krönung der Schöpfung, habe nur eine lächerlich geringe Anzahl
von Jahren zu leben. Und bevor die meisten Menschen überhaupt erst richtig zu
sich kämen, müssten sie auch schon wieder abtreten. Das fände sie beschämend
und lächerlich. Sie hoffe da sehr auf die Stammzellenforschung und sämtliche
angrenzenden Wissenschaftszweige, auch wenn sich da, aller Wahrscheinlichkeit
nach, das befürchte sie jedenfalls, für sie persönlich nichts mehr ausgehen
werde.
„Eminem, der ist auch gut“, sagte sie auf einmal, „der ist wirklich gut.
Schon den ganzen Abend habe ich ein paar Songzeilen von ihm vor mich hingesummt.
Die sind mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Da können sich die österreichischen
Schriftsteller verstecken. Vor allem die Lyriker! Der ist fast so gut wie Bob
Dylan.“
Sie habe bloß sechs Cent eingesteckt, bemerkte Judith, während sie in ihrer
Brieftasche herumsuchte, erst montags bekäme sie wieder Geld, ob sie beide sich
denn schon einmal bewusst einen Eminem-Song angehört hätten. Gerlinde
verneinte und fügte hinzu, sie würde das Taxi bezahlen, das wäre kein
Problem. Von etwa sechstausend Schilling, man möge sie entschuldigen, aber sie
dächte noch häufig in der ehemaligen österreichischen Währung, lebe sie zur
Zeit, das ginge sich für sie gut aus. Es sei ihr lieber so, als mehr Geld zu
haben, fuhr Judith fort, denn da müsste sie auch mehr arbeiten, wodurch ihr
dann weniger Zeit bliebe, um jene für sie wesentlichen Dinge zu machen. Dies
wiederum würde sie aus dem Gleichgewicht bringen, dessen sei sie sich sicher.
Und das wolle sie auf keinen Fall. Die Bank habe es schon seit langem
aufgegeben, ihre Schulden einzutreiben. Vor etwa einem Jahr habe sie überhaupt
das letzte Mal Post von ihrer Bank erhalten.
Als Oswald und Gerlinde Judith vor ein paar Monaten zuletzt getroffen hatten,
rauchte diese beinahe ununterbrochen. Auf Gerlindes Frage, ob sie nicht mehr
rauche, diese Tatsache war ihnen beiden erst während der Taxifahrt und nahezu
gleichzeitig aufgefallen, ob sie denn zu rauchen aufgehört habe, antwortete
Judith, das wisse sie nicht, diese Frage könne sie nicht beantworten.
„Bob Dylan ist trotzdem der größte, auch wenn Eminem noch so gut ist. Ein
Kandidat für den Literaturnobelpreis, ein durch und durch ängstlicher und
fragiler Mensch, aber wenn der einmal auf der Bühne steht, für diese zwei,
drei Stunden, dann verändert sich für ihn alles, dann ist er Sonderklasse, da
spielt er in einer eigenen Liga!“
Dieser schreibe die stärkste, wahrscheinlich die schönste, in jedem Fall aber
die verknappteste Lyrik, sagte Judith, als sie gemeinsam aus dem Taxi stiegen,
und Oswald, Kopf schüttelnd, bemerkte, dass es ihm schon eher absurd vorkäme,
er aber gleichzeitig sehr froh darüber wäre, dass Georg Keppling ihn extra
angerufen hätte, um ihm mitzuteilen, dass er von nun an nicht mehr in der Bank
anzutreffen sei. Seine zwei kleinen Kinder hätten ihm den Weg gewiesen. Er
wisse noch nicht, was er jetzt beruflich tun werde, habe dieser gesagt, aber es
sei ihm letztlich egal, seine beiden kleinen Kinder täten schließlich auch,
was sie wollten, das hätte ihm plötzlich diesen Impuls gegeben, dem er sich
nicht mehr hätte entziehen können. Einen Tag länger, hätte er bloß einen
einzigen Tag länger in seiner Bank verbringen müssen, hätten sie ihn
einliefern können, jetzt aber fühle er sich befreit. Er brauche nun, wie er
sagte, dieses Gefühl der Freiheit, welches er zwanzig Jahre lang nicht vermisst
habe. Von einem Moment auf den anderen habe er ein riesiges Reservoir an freier
Energie in sich gespürt, die er nicht länger unterdrücken könne und auch gar
nicht wolle, er habe plötzlich das Leben seiner Kinder im Hier und Jetzt ganz
und gar verstanden, möglicherweise nur einen Augenblick lang, aber das sei ihm
ebenfalls gleichgültig, denn auf diese Weise wäre er zum ersten Mal und völlig
unvermittelt Teil dieser unbegreiflichen Freiheit des Lebens, die sich, fand
Oswald, auch unversehens mit einer großen und gleichzeitig für ihn fremden
Freude in seiner Stimme ausdrückte, geworden. Niemals habe er, Oswald, während
der letzten zehn Jahre gedacht, dass eine solche Situation eintreffen könne.
Einen Meter neunzig, Georg Keppling sei bestimmt einen Meter neunzig groß, mit
Brille auf der Nase, immer grauer Anzug mit schwarzer Krawatte, er habe das nie
für möglich gehalten. Dunkles Bier habe er immer getrunken, wenn sie sich zufällig
einmal getroffen hatten, er habe schon immer eher mehr getrunken, ja, das könne
man durchaus sagen. Eigentlich habe er, wenn man es recht bedenke, ziemlich
gesoffen.
Jene Taxifahrt trug sich Anfang Feber zu, und Oswald hätte nicht sagen können,
ob dies alles, was sie da gesprochen hatten, besonders erwähnenswert gewesen
sei. Es hätte schließlich keine Geschichte mit einem sogenannten Höhepunkt
gegeben, wie man sich das so allgemein erwarte.
„Es ist völlig egal“, meinte Gerlinde, „ob deine Geschichte Höhepunkte
aufweist oder nicht, das Leben ist sowieso eine Linie, ohne Auf und Ab, mit der
wir uns, wenn wir ehrlich sind, nicht einmal vorwärtsbewegen.“ Wir würden
uns bloß bewegen, fuhr sie fort, und uns dann, wenn uns jemand fragte, eine
Richtung dafür ausdenken, der Geschichte erst eine Wendung geben, wenn dies für
uns, aus welchen Gründen auch immer, notwendig geworden sei, – je nachdem,
welcher Wind gerade wehe, fügte sie hinzu.
„Pürierter Sellerie mit Gervais und dazu diese Brise Muskatnuss, eine
fantastische Idee, eine wirkliche Gaumensensation“, sagte Oswald, als sie sich
von Judith verabschiedeten, die im Weggehen noch erwiderte: „Aber jede
Geschichte muss eine Kraft enthalten, die die eigene Trägheit wie ein Pfeil
durchbohrt.“
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