Aké von Wole Soyinka, 2003, Ammann

Wole Soyinka

Aké
(Leseprobe aus:
Aké, Jahre der Kindheit, 1986/2003, Ammann - Übertragung Inge Uffelmann)

I

All das überwucherte, hügelige Gelände gehört zu Aké. Wir empfanden mehr als bloße Loyalität gegenüber dem Pfarrhaus, und daraus erwuchs – nicht ohne stillen Groll – die Frage, warum es Gott gefiel, von der profanen Höhe Itokos aus auf seine fromme Zweigstelle, das Pfarreigelände, hinabzuschauen. Denn dort, fast auf dem Gipfel des Berges, gab es auch den geheimnisvollen Pferdestall des Chiefs mit lebendigen Pferden. Dahinter scherte dann der schwindelerregende Pfad ab, führte von einem lärmerfüllten Markt zum nächsten und gab schließlich über Ibàràpa und Ita Aké den Blick frei bis hinein in die tiefsten Schlupfwinkel des Pfarreigrundstücks.
An diesigen Tagen wurde die steile Anhöhe von Itoko eins mit dem Himmel. Wenn Gott vielleicht auch nicht wirklich dort oben wohnte, so gab es doch kaum Zweifel, daß er zuerst auf diesen Gipfel herabstieg, ehe er mit gigantischem Schritt über die lärmenden Märkte setzte – die es wagten, am Sonntag Waren feilzubieten – und die Kirche von St. Peter betrat. Danach besuchte er das Pfarrhaus und nahm mit dem Kanonikus den Tee. Immerhin gab es den kleinen Trost, daß er, trotz der Versuchung, zu Pferde herabzukommen, niemals zuerst beim Chief einkehrte, denn der war als Heide bekannt. Nie sah man den Chief bei einem Gottesdienst, außer am Jahrestag der Krönung des Alake. Nein, Gott schritt zur Morgenandacht geradewegs auf St. Peter zu, verweilte kurz bei der Mittagsmesse, behielt sich seine feierlichste und exotischste Audienz aber für die Abendandacht vor, die zu seinen Ehren immer auf englisch abgehalten wurde. Dann tönte die Orgel dunkel, rauchig-sonor; zweifellos wollte sie mit diesem Timbre eines egúngún ihren normalen Klang Gottes eigener Grabesstimme angleichen, mit der er auf die ihm dargebotenen Gebete antwortete.
Nur das Haus des Kanonikus konnte dem allwöchentlichen Gast Herberge bieten. Schon allein, weil es das einzige mehrstöckige Gebäude im Pfarreigelände war, quadratisch und massig wie der Kanonikus selbst, durchlöchert von schwarzen, holzgerahmten Fenstern. BishopsCourt war auch ein mehrstöckiges Gebäude, aber es wohnten nur Schüler darin, und folglich war es kein Haus. Vom obersten Stock im Hause des Kanonikus aus konnte man dem Gipfel von Itoko fast direkt ins heidnische Auge blicken. Das Haus stand auf dem höchsten bewohnten Punkt im Pfarreigelände, es war knapp hoch genug, das Tor zu überragen. Seinen Rücken kehrte es der Welt der Geister und Ghommiden zu, die den dichten Wald bewohnten und die Kinder verjagten, die auf der Suche nach Feuerholz, Pilzen und Schnecken zu tief in den Wald eindrangen. Das quadratische weiße Haus des Kanonikus war ein Bollwerk gegen die Bedrohung und Belagerung durch die Waldgeister. Seine Rückfront bildete die Grenze ihres Territoriums und verhinderte, daß sie sich gegenüber der Welt der Menschen Freiheiten herausnahmen.
Nur die Klassenzimmer der Volksschule teilten diese Nähe zum Wald, und sie standen nachts leer. Umgeben von grob verputzten Mauern, den fensterlosen Rückfronten und seinen Felstumuli gab sich das Pfarreigehöft von Aké mit seinen Wellblechdächern, die die riesigen Bäume vergeblich zu verdecken suchten, den Anschein einer Festung. In ihrem Schutz turnten wir nach Herzenslust zwischen den sich überlappenden und auseinanderklaffenden Dachflächen herum, kletterten in den steil abfallenden Felswänden, krabbelten ins Unterholz und in das plötzlich sich auftuende Versteck der angelegten Obsthaine. Der Hibiskus wucherte üppig. Schwer hing der Duft von Zitronenblättern, Guaven und Mangos in der Luft, mitunter war sie direkt klebrig vom Saft der boum-boum und den Absonderungen des Regenbaums. Die Schulhöfe waren von diesen Regenbäumen mit ihren weit ausladenden, schattenspendenden Zweigen gesäumt. Nadelpinien reckten sich über die Akazien, und die Bambuswälder hielten uns in ständiger Alarmbereitschaft; wenn die Riesenschlangen die Wahl hatten, dann böte ihnen das Baumdickicht den besten Wohnplatz.
Zwischen der linken Flanke des Hauses des Kanonikus und dem Schulspielplatz lag – der Obstgarten. Viel zu artenreich, viel zu verschwenderisch ausgestattet, um nur schlicht ein Obstgarten genannt zu werden, es war ein Obstparadies. Hier gab es Pflanzen und Früchte, die den Garten zu einer Fortsetzung der Bibelstunde, der Sonntagsschule, der Sonntagspredigt machten. Eine Blattpflanze, weiß und rot gesprenkelt, hieß Cana lily. Als man Christus ans Kreuz nagelte und das Blut aus seinen Wunden spritzte, blieben einige Tropfen auf den Blättern haften und stigmatisierten die Lilie für alle Zeiten. Niemand hielt es für nötig, uns zu erklären, woher die unendlich vielen weißen Flecken auf den Blättern stammten. Vielleicht hatte es etwas mit der Reinwaschung von den Sünden durch das Blut Christi zu tun, das ja selbst die schwärzesten Stellen in den Seelen der Menschen schneeweiß wusch. Es gab auch die Passionsfrucht, einem anderen Teil der gleichen Geschichte entsprungen, bei uns Kindern dennoch nur wenig beliebt. Die grüne, prallsaftige Schale der Frucht schmiegte sich angenehm in die Handfläche, doch dann reifte sie in ein gedörrtes Gelb und fiel zusammen wie die Gesichter der alten Männer und Frauen, die wir kannten. Und sie schaffte es nur selten, süß zu werden, womit sie den untrüglichen Beweis, eine echte Frucht zu sein, schuldig blieb. Unbestrittener König des Obstgartens war der Granatapfel, der nicht aus einem Samenkorn gewachsen war, das die Steinkirche gesät hatte, sondern aus der Saat der lyrischen Sonntagsschule, denn es war dort in der Sonntags-schule, wo die wirklichen Geschichten erzählt wurden, Geschichten, in denen die Ereignisse zum Leben erwachten, Geschichten, die die Zeitgrenzen des Sonntags und die Bibelseiten überschritten, die in die Welt der Fabelländer und richtiger Männer und Frauen eindrangen. Der Granatapfelbaum war ein höchst geiziger Lieferant. Er brachte seine hartschaligen Früchte nur selten hervor, geduldig gehegt von dickgeäderten Händen und dem Gesicht eines Menschen, den wir nur als »Gärtner« kannten. Nur ihm konnte man vertrauen, wenn es darum ging, die gelegentliche Frucht unter die kleine Gruppe hingebungsvoller Granatapfelwächter zu verteilen, und noch der kleinste Bissen schickte uns auf die Reise ins Land der illustrierten Bibelgeschichten. Der Granatapfel war die Königin von Saba, Aufstand und Krieg, die Leidenschaft der Salome, die Belagerung von Troja, das Lob der Schönheit im Hohen Lied des Königs Salomo. Diese Frucht, die aussah und sich anfühlte, als hätte sie ein Herz aus Stein, öffnete uns die Keller des Ali Baba, befreite den Geist aus Aladins Wunderlampe, schlug die Saiten der Harfe, die Davids verwirrte Sinne heilte, teilte die Wasser des Nil und erfüllte das Pfarreigehöft mit Weihrauch aus dem düsteren Tempel Jerusalems.
Er wachse nur im Obstgarten, sagte der Gärtner. Der Granatapfel sei ein Fremdling auf dem Boden des Schwarzen Mannes, aber irgendein früherer Bischof, ein Weißer, habe die Samen mitgebracht und sie im Obstgarten gepflanzt. Wir fragten, ob es der Apfel sei, aber der Gärtner lachte nur und sagte nein. Noch, fügte er hinzu, würde man diesen Apfel auf dem Boden des Schwarzen Mannes finden. Der Gärtner wurde für unwissend erklärt. Es war völlig klar, daß nur der Granatapfel der Apfel sein konnte, der Adam und Eva um die Freuden des Paradieses gebracht hatte. Es gab noch eine andere Frucht, die hier Apfel genannt wurde, weich und doch knackig, mit rosafarbener Schale und leidlich saftig. Vor der Entdeckung des Granatapfels hatte sie die Stelle jenes Apfels eingenommen, der dem nackten Paar zum Verhängnis geworden war. Der Geschmack des ersten Granatapfels aber entlarvte den Hochstapler und verwies ihn auf seinen Platz.
Schwärme von Fledermäusen bevölkerten den Feigenbaum; ihr samengespickter Kot lag noch vor der Abenddämmerung festgebacken auf Steinen und Wiese, auf dem Pfad und den Büschen. Ein immergrüner Baum, weich und wuchernd, stand an der Grenze zwischen dem Spielplatz und dem Grundstück des Buchhändlers und trotzte dem Harmattan; durch ihn war das Pfarreigelände vom Dauerkonzert der Webervögel erfüllt.

Böses ist dem Pfarreigelände von Aké widerfahren. Das Land ist ausgewaschen, der Rasen kahl, alles Geheimnisvolle ist aus den verschwiegenen Talmulden gewichen. Einst offenbarte jeder Tag ein neues, unentdecktes Versteck, eine Felshöhle, ein dichtes Gebüsch, eine Schneckenkolonie. Das Autowrack steht noch, wo es einst aufgebockt wurde; die Kinder kletterten darin herum und unternahmen Reisen in ferne Fabelländer. Jetzt ist es nur noch ein abgetakeltes Gestell, rostige Höhlen seine Augen, das Drachengesicht zusammengefallen vom fortschreitenden Zahnausfall. Unter der Motorhaube gedeihen Unkraut und glänzende Schlangen, das Ganze ist nur noch ein Dreckhügel. Die noch stehenden Häuser – Häuser, die einst das innere Festungsgemäuer des Pfarreigehöfts von Aké bildeten – sind jetzt Pappkartons in einer geräumten Landschaft, voller Risse, preisgegeben und ohne Widerstandskraft.
Und die Stimmungen sind dahin. Selbst die offenen Wiesen und breiten Pfade, gesäumt von gekalkten Steinen, Lilien und Zitronengrasbüscheln, wechselten von Jahreszeit zu Jahreszeit, von Werktag zu Sonntag, von Sonnenaufgang zu Sonnenuntergang ihren Charakter. Und das von den Wänden im unteren Pfarreigelände widerhallende Echo nahm mit den wechselnden Jahreszeiten neue Klangfarben an, änderte sich, wenn sich die Wiesen leerten und sich die Schüler mit den beginnenden Ferien zu ihren Eltern verstreuten.
Wenn ich mich auf die Wiese vor unserem Haus legte, das Gesicht zum Himmel gewandt, den Kopf in Richtung Bishops-Court, dann zeigte jedes ausgestreckte Bein auf ein umzäuntes Grundstück im unteren Pfarreigelände. Ein Teil der Anglikanischen Mädchenschule nahm einen dieser unteren Bereiche ein, der andere Teil der Schule hatte von BishopsCourt Besitz ergriffen. Im Erdgeschoß lagen die Klassenzimmer der jüngsten Schülerinnen und ein Schlafsaal. Davor war ein Obstgarten angelegt, mit Papayas, Guaven, Bambus und wildem Unterholz. Während der Regenzeit fand man hier immer Schnecken. Auf dem anderen Grundstück lebte der Missionsbuchhändler, ein runzliger Mann mit einer gelassen-heiteren Frau, deren geräumiger Rücken uns allen irgendwann einmal Platz bot, die Welt zu betrachten oder an ihm zu schlafen. Durch dieses Grundstück führte eine Abkürzung zur Straße nach Ibarà, Lafenwá und Igbèin mit seinem Gymnasium, über das Ransome-Kuti die Aufsicht führte und wo er auch mit seiner Familie lebte. Auf dem Grundstück des Buchhändlers lag die einzige Quelle des Pfarreigeländes; während der Trockenzeit war dieser Ort niemals menschenleer. Und sein Boden schien die einzigen Kokospalmen hervorbringen zu können.
BishopsCourt im oberen Pfarreigelände ist nicht mehr. Bischof Ajayi Crowther trat manchmal aus den Hortensien und Bougainvilleen hervor, ein Gnomengesicht mit vorquellenden Augen, das uns zuerst als steife Fotografie vom Einband seiner Lebensgeschichte angestarrt hatte. Er habe, so sagte der Lehrer, in BishopsCourt gelebt, und seit ich das wußte, spähte er mir aus den Kletterpflanzen heraus nach, wenn ich auf einem Botengang zu unserer Großtante, Mrs. Lijadu, an dem Haus vorüber mußte. BishopsCourt war jetzt das Wohnheim der Anglikanischen Mädchenschule und gab für uns einen zusätzlichen Spielplatz während der Ferien ab. Der Bischof saß still auf der Bank unter dem hölzernen Vorbau vor dem Eingang, seine Gewänder waren über und über mit den Ranken der Bougainvilleen bedeckt. Als ich näher herankam, wandelten sich seine Augen in leere Höhlen. Meine Erinnerung schweifte zu einer anderen Fotografie, auf der er ein geistliches Gewand mit Weste trug, und ich fragte mich, was wohl am Ende der Silberkette hing, die in einer der Westentaschen verschwand. Er grinste und sagte, komm näher, ich will es dir zeigen. Während ich mich dem Vorbau näherte, zog er an der Kette, bis eine kugelrunde Taschenuhr zum Vorschein kam, die massivsilbern glänzte. Er drückte auf ein Knöpfchen, und der Deckel sprang auf, doch es zeigten sich nicht Glas und Zifferblatt, sondern ein tiefer, wolkengefüllter Raum. Der Bischof blinzelte mit einem Auge, und es fiel aus seinem Gesicht in die Schale der Uhr. Dann blinzelte er mit dem anderen Auge, und es folgte dem ersten in das Uhrgehäuse. Er ließ den Deckel wieder zuschnappen, nickte und wurde kahl, seine Zähne verschwanden, seine Haut rollte sich zurück, bis die gebleichten Backenknochen entblößt lagen. Dann stand er auf und kam, während er die Uhr wieder in die Westentasche steckte, einen Schritt auf mich zu. Ich rannte nach Hause.
BishopsCourt, so schien es manchmal, wollte dem Haus des Kanonikus den Rang streitig machen. Es sah wie ein Hausboot aus, trotz seines Schutzwalls aus gekalkten Steinen und seiner reichen Blütenpracht, trotz seiner Holzgitter an der Vorderfront, die fast völlig von Bougainvilleen überwuchert waren. Dazu wurde es noch überschattet von diesen allgegenwärtigen Felsen, aus deren Klüften, wie durch ein Wunder, hohe, dickstämmige Bäume wuchsen. Wolken zogen sich zusammen, und die Felsen verschmolzen mit ihren vertrauten grauen Wirbeln; dann warf es die Bäume hin und her, bis sie über BishopsCourt zu schweben schienen. Doch geschah dies nur bei heftigen Stürmen. BishopsCourt, anders als das Haus des Kanonikus, grenzte nicht unmittelbar an die Felsen oder den Wald. Die Spielplätze der Mädchen lagen dazwischen, und wir wußten, daß diese Pufferzone schon immer bestanden hatte. Bischöfe hatten offensichtlich keine Neigung, die Geister herauszufordern. Nur die Vikare. Daß mir Bischof Ajayi Crowther mit seiner eigentümlichen Verwandlung einen solchen Schrecken eingejagt hatte, bestätigte nur, daß Bischöfe selbst, sobald sie gestorben waren, in das Reich der Geister und Spukgestalten eingingen. Der Kanonikus konnte sich nicht so vor meinen Augen auflösen, auch nicht Hochwürden J.J., der einst das Haus bewohnt hatte, vor vielen Jahren, als meine Mutter noch ein Kind war wie wir heute. J.J. Ransome-Kuti hatte zu seinen Lebzeiten sogar einige Ghommiden auf ihren Platz zurückverwiesen; meine Mutter konnte es bestätigen. Sie war seine Großnichte, und ehe sie in unser Haus zog, hatte sie im Haushalt von Hochwürden J.J. gelebt. Ihr Bruder lebte auch dort und wurde von allen als òrò anerkannt, weshalb er auch in den Wäldern wie zu Hause war – sogar bei Nacht. Einmal allerdings ist er wohl zu weit gegangen.
»Sie waren schon mal zu uns gekommen«, sagte sie, »um sich zu beschweren. Wohlgemerkt, sie kamen nicht wirklich bis auf unser Grundstück, sie blieben weit davor stehen, genau da, wo der Wald endet. Ihrem Anführer, demjenigen, der für sie sprach, sprühten wild die Funken aus dem Kopf, es sah aus, als wäre sein Kopf ein einziger Funkenball – nein, halt, ich bringe ja zwei ganz verschiedene Sachen durcheinander –, das war erst beim zweiten Mal, als er uns bis nach Hause jagte. Beim ersten Mal haben sie nur einfach einen Abgesandten geschickt. Er war ziemlich klein, dunkel und rußigschwarz. Er kam bis an den Garten hinterm Haus und stand da und befahl, daß man Hochwürden rufe.
»Es war, als habe der Onkel seinen Besuch erwartet. Er kam aus dem Haus und fragte ihn, was er wolle. Wir duckten uns alle in der Küche zusammen und spähten hinaus.«
»Wie klang seine Stimme? Sprach er wie ein egúngún?«
»Darauf komme ich gleich. Dieser Mann, doch, ich glaube, man kann schon sagen, daß es ein Mann war. Obwohl er kein wirklich menschliches Wesen war, das konnten wir sehen. Sein Kopf war viel zu groß, und die Augen hielt er zu Boden gerichtet. Er sagte, er sei gekommen, um über uns Meldung zu machen. Sie hätten nichts dagegen, wenn wir in den Wald kämen, selbst bei Nacht, aber das Gebiet hinter den Felsen bei der dichten Bambusstaude am Fluß dürften wir nicht betreten.«
»Und was hat der Großonkel gesagt? Und du hast noch immer nicht von seiner Stimme gesprochen.«
Tinu blickte mich mit den tadelnden Augen der älteren Schwester an.
»So laß Mama doch ihre Geschichte in Ruhe zu Ende erzählen.«
»Du willst immer alles ganz genau wissen, was? Also gut, seine Stimme klang exakt wie die deines Vaters. Bist du jetzt zufrieden?«
Ich glaubte es nicht, aber ich ließ es durchgehen.
»Erzähl weiter, was hat der Großonkel dann gemacht?«
»Er rief uns alle zusammen und warnte uns davor, den Ort je wieder zu betreten.«
»Und trotzdem seid ihr noch mal hingegangen?«
»Na ja, du kennst doch deinen Onkel Sanya. Er war wütend. Schon allein, weil es da drüben auf der anderen Seite des Baches die fettesten Schnecken gab. Also maulte er herum, daß diese òrò einfach und schlicht selbstsüchtig seien und er ihnen schon zeigen würde, mit wem sie es bei ihm zu tun hätten. Na ja, und genau das hat er getan. Etwa eine Woche später führte er uns wieder an den Ort. Und er hatte recht, müßt ihr wissen. Wir sammelten einen ganzen Korb voll Schnecken und noch einen halben, die größten Schnecken, die ihr euch vorstellen könnt. Wir hatten die Warnung natürlich längst vergessen, und außerdem schien der Mond besonders hell. Ich habe euch doch erzählt, daß Sanya selbst ein òrò ist ...«
»Wieso denn? Er sieht doch ganz normal aus, so wie du und wir.«
»Das verstehst du noch nicht. Jedenfalls ist er ein òrò. Also fühlten wir uns in seiner Gegenwart völlig sicher. Bis plötzlich in der Ferne dieses eigentümliche Licht erstrahlte, wie ein Feuerball. Und selbst als es noch weit weg war, hörten wir schon Stimmen, als würden um uns herum ganz viele Leute gemeinsam immer die gleichen Worte murmeln. Sie sagten so etwas wie: ›Ihr dickköpfigen, halsstarrigen Kinder; wir haben euch gewarnt, wieder und wieder, aber ihr wollt ja einfach nicht hören ...‹«
Wild Christian schaute über unsere Köpfe hinweg und runzelte die Stirn, um sich besser erinnern zu können.
»Man kann nicht mal sagen, daß es mehrere waren. Es war eigentlich nur diese eine feurige Gestalt, die ich sah, und sie war noch immer sehr weit weg. Und dennoch konnte ich sie ganz deutlich hören, als hätte sie ganz viele Münder, die sie alle gleichzeitig gegen meine Ohren preßte. Von Augenblick zu Augenblick wurde der Feuerball größer und drohender.«
»Was hat Onkel Sanya gemacht? Hat er ihn angegriffen?«
»Sanya wo ni yen? Er war der erste, der Fersengeld gab. Bo o ló o yá mi, o di kítìpa, kítìpa! Keiner dachte mehr an all die fetten Schnecken. Dieser iwin verfolgte uns bis zum Haus. Unsere Schreie kamen lange vor uns an, und der ganze Haushalt war ... na, ihr könnt euch den Aufruhr vorstellen. Der Onkel war schon die Treppe heruntergestürmt und stand hinten im Garten. Wir rannten an ihm vorbei, und er ging hinaus, dem Wesen entgegen. Diesmal überschritt der iwin tatsächlich die Grenze des Waldes, er ging unbeirrt weiter, als wollte er uns bis ins Haus hinein verfolgen. Das heißt, er rannte nicht, aber er folgte uns stetig.«
Wir warteten. Aber das war’s! Wild Christian hing ihren Gedanken nach, während wir in Spannung verharrten. Dann holte sie tief Luft und schüttelte mit einem seltsam traurigen Gesichtsausdruck den Kopf.
»Die Zeit des Glaubens ist dahin. Unsere ersten Christen, die hatten noch Glauben, Vertrauen und wirklichen Glauben; nicht nur in die Kirche rennen und fromme Lieder singen. Glauben. Igbàgbó. Und es ist dieser Glauben, aus dem wahre Kraft und Macht erwächst. Der Onkel stand da wie ein Felsen, er hielt seine Bibel hoch und befahl: ›Geh zurück! Geh zurück in jenen Wald, der dein Zuhause ist. Zurück sage ich, im Namen des Herrn.‹ Hm, und das war’s! Das Wesen drehte sich einfach um und ging weg. Die Funken fielen von ihm ab, schneller und schneller, bis es sich schließlich nur noch als schwaches Glimmen in den Wald zurückzog.« Sie seufzte. »Natürlich, nach dem Abendgebet hatten wir unsere Rechnung zu begleichen. Sechs von den Besten kriegte jeder auf sein Hinterteil. Sanya bekam zwölf. Und die ganze nächste Woche mußten wir jeden Tag Gras schneiden.«
Ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, daß die Angst als Strafe vollauf genügt hätte. Obgleich Wild Christian zu dem quadratischen Haus hinüberstarrte, schien sie doch zu ahnen, was in meinem Kopf vorging, denn sie fuhr fort: »Glauben und – Disziplin. Das war es, was die ersten Gläubigen hatten. Pah! Gott macht sie jetzt nicht mehr so wie früher. Wenn ich an den denke, der jetzt dieses Haus bewohnt ...«
Dann schien sie sich plötzlich wieder unserer Gegenwart zu erinnern.
»Was sitzt ihr denn noch hier herum? Ist es nicht längst Zeit für die Badewanne? Lawanle!«
Auntie Lawanle antwortete »Ma« aus irgendeinem fernen Winkel des Hauses. Doch bevor sie erschien, erinnerte ich Wild Christian: »Aber du hast uns noch nicht erzählt, wieso Onkel Sanya ein òrò ist.«
Sie zuckte die Schultern. »Es ist eben so. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.«
»Wann? Wann?« quengelten wir im Chor.
Sie lächelte. »Das versteht ihr noch nicht. Ein andermal werde ich es euch erzählen. Oder laßt es euch von ihm selbst erzählen, wenn er das nächste Mal wiederkommt.«
»Du meinst, du hast selbst gesehen, wie er sich in einen òrò verwandelt hat?«
Jetzt kam Lawanle herein, und wir wurden ihr übergeben.
»Ist es nicht Zeit für die Kinder zu baden?«
Ich bettelte: »Nein, warte noch, Auntie Lawanle«, wohlwissend, daß es vergeblich war. Sie hatte uns schon beide je an einem Arm gepackt. Ich brüllte zurück: »War Bischof Crowther ein òrò?«
Wild Christian lachte: »Was wirst du wohl als nächstes fragen? Ihr habt offenbar in der Sonntagsschule von ihm gehört, was?«
»Ich hab’ ihn gesehen.«
Ich stemmte mich gegen den Türrahmen und zwang Lawanle stehenzubleiben. »Ich sehe ihn immer. Er kommt und setzt sich auf die Veranda der Mädchenschule. Ich habe ihn gesehen, als ich zu Auntie Mrs. Lijadu hinüberlief.«
»Ja, ja, schon gut«, seufzte Wild Christian. »Geh jetzt baden.«
»Er versteckt sich unter der Bougainvillea und ...« Lawanle zerrte mich außer Hörweite.
Später am selben Abend erzählte sie uns den Rest der Geschichte. Bei der bewußten Gelegenheit befand sich Hochwürden J.J. gerade auf einer seiner zahllosen Missionsreisen. Er reiste viel, zu Fuß oder per Fahrrad, um mit den zahlreichen Zweigen seiner Diözese Kontakt zu halten und das Wort des Herrn zu verbreiten. Er stieß häufig auf Widerstand, doch nichts konnte ihn abschrecken. In einem der Dörfer in Ijebu ereignete sich einmal etwas Schreckliches. Man hatte ihn davor gewarnt, an einem bestimmten Tag zu predigen, denn an diesem Tag sollte der öffentliche Auftritt eines egúngún stattfinden. Aber er ließ sich nicht beirren und hielt seine Predigt. Die egúngún-Prozession kam vorbei, während die Messe in vollem Gang war, und mit der Stimme der Ahnen befahl der egúngún dem Prediger, auf der Stelle Schluß zu machen, seine Gemeinde nach Hause zu schicken, herauszukommen und der Maske zu huldigen. Hochwürden J.J. nahm keinerlei Notiz von ihm. Der egúngún zog sich mit all seinem Gefolge zurück, doch als er am Hauptportal der Kirche vorbeikam, klopfte er mit seinem Stab dagegen, dreimal. Kaum hatte das letzte Mitglied der Prozession das Kirchengrundstück verlassen, da stürzte die Kirche ein. Die Wände kamen runter, und das Dach zerbröckelte. Wie durch ein Wunder aber brachen die Wände nach außen, während die Stützbalken des Daches in das Mittelschiff oder ebenfalls nach außen fielen – überall hin, nur nicht auf die Gemeindemitglieder. Hochwürden J.J. beruhigte die Gläubigen, hielt in seiner Predigt inne, um ein Dankgebet zu sprechen, und setzte dann seine Kanzelrede fort.
Vielleicht war es das, was Wild Christian meinte, wenn sie von Glauben sprach. Aber es brachte die Dinge gehörig durcheinander, denn schließlich war es ja dem egúngún gelungen, die Kirche zum Einsturz zu bringen. Wild Christian unternahm keinen Versuch zu erklären, wie das geschehen konnte. Folglich gehörte dieses Bravourstückchen wohl in jene Kategorie von Glauben, der Berge versetzt oder Wild Christian befähigte, Erdnußöl aus einer breitrandigen Schüssel durch einen schmalen Flaschenhals zu gießen, ohne dabei auch nur einen Tropfen zu verschütten. Sie hatte die seltsame Angewohnheit, dabei wie in Verzückung zu seufzen, die Ruhe ihrer Hand ihrem Glauben zuzuschreiben und Gott dafür zu danken. Wenn ihr aber die Schüssel wegrutschte oder auch nur ein oder zwei Tropfen danebengingen, dann murmelte sie, daß ihre Sünden zu groß seien und sie wohl inbrünstiger beten müsse.
Wenn Hochwürden J.J. also Glauben besaß, so hatte er aber auch den Starrsinn mit unserem Onkel Sanya gemeinsam. Starrsinn war, wie wir leicht erkannten, eine der schwersten Sünden. Und ganz gleich, wie Wild Christian auch immer versuchte, die Predigt von Hochwürden J.J. zu verteidigen, die er am Tage des Auftritts des egúngún entgegen allen Warnungen gehalten hatte, es klang nach Starrsinn. Und was Onkel Sanya anging, so gab es überhaupt keinen Zweifel; kaum war Hochwürden J.J. in Erfüllung seiner pastoralen Pflichten außer Sichtweite geradelt, als Sanya auch schon unter irgendeinem Vorwand in den Wald entschlüpfte, und zwar genau in die Gegend, die der òrò zur Bannzone erklärt hatte. Pilze und Schnecken waren das wahre Ziel, daß er Feuerholz sammeln wollte, war eine Ausrede.
Doch selbst Sanya wagte sich nun nachts nicht mehr in den Wald. Er sah ein, daß es zu gefährlich war. Tagsüber und in der frühen Dämmerung lauerte wenig Gefahr, denn die meisten Waldgeister kamen erst nachts hervor. Mutter erzählte uns, daß an jenem bewußten Tage sie und Sanya Pilze sammelten. Sie waren nur durch ein paar Büsche voneinander getrennt, sie konnte alle seine Bewegungen ganz deutlich hören, denn sie achteten jetzt sehr genau darauf, daß sie dicht beisammen blieben.
Plötzlich, so erzählte sie, hörte sie, daß sich Sanya mit irgend jemandem angeregt unterhielt. Erst lauschte sie eine Weile, dann rief sie Sanya beim Namen, aber er gab keine Antwort. Außer seiner Stimme war nichts weiter zu vernehmen, trotzdem schien er mit einer anderen Person freundlich zu plaudern. Sie spähte durch die Büsche, und da saß Onkel Sanya auf dem Boden und palaverte munter drauflos mit jemandem, den sie nicht sehen konnte. Mit ihren Blicken versuchte sie, die umliegenden Büsche zu durchdringen, doch es war niemand im Wald – außer ihnen beiden. Und dann fiel ihr Blick auf seinen Korb.
Sie hatte das schon mehrmals beobachtet, sagte sie. Es war immer dasselbe, ganz egal, wie viele Kinder aus dem Haushalt sich auch aufmachten, Schnecken, Beeren oder sonst was zu sammeln, Sanya verbrachte die meiste Zeit damit, herumzutollen, auf Bäume oder Felsen zu klettern oder irgendwohin zu spazieren. Seinen Korb ließ er achtlos stehen. Und doch, wenn sie sich auf den Heimweg machten, war sein Korb immer voller als der der anderen. Diesmal war es nicht anders. Als sie näher kam, fuhr unser Onkel Sanya erschrocken hoch, brach seine Unterhaltung brüsk ab und tat so, als suchte er im Unterholz nach Schnecken.
Mutter sagte, daß sie sich gehörig fürchtete. Sein Korb war voll bis zum Rand, zum Bersten voll. Außerdem war sie ziemlich entmutigt. Sie nahm also ihren fast leeren Korb auf und bestand darauf, daß sie sofort nach Hause gingen. Sie ging voran, doch als sie sich nach einiger Zeit umschaute, schien es, als versuche Sanya ihr zu folgen, werde aber gehindert – so, als ob unsichtbare Hände ihn zurückhielten. Von Zeit zu Zeit schlug er mit seinem freien Arm um sich und fauchte: »Laß mich doch los! Siehst du denn nicht, daß ich nach Hause muß. Ich sag’ dir doch, ich muß jetzt gehn, also laß mich!«
Jetzt rannte sie los, und Sanya tat es ihr gleich, sie rannten den ganzen Weg bis nach Hause.
An diesem Abend wurde Sanya krank. Er bekam einen heftigen Schweißausbruch, wälzte sich die ganze Nacht auf seiner Matte hin und her und murmelte ständig vor sich hin. Am nächsten Morgen war das ganze Haus in heller Aufregung. Seine Stirn fühlte sich brennend heiß an, und niemand konnte einen zusammenhängenden Satz aus ihm herausbringen. Zum Glück kam gerade eine ältere Frau, eine von J.J.s Konvertiten, zu einem ihrer üblichen Besuche vorbei. Als sie von Sanyas Zustand hörte, nickte sie weise. Sie verhielt sich ganz so wie jemand, der genau weiß, was hier zu tun war. Zunächst einmal fand sie heraus, was zuletzt geschehen war, bevor Sanya krank wurde. Sie rief meine Mutter zu sich und fragte sie haarklein aus. Die erzählte ihr alles, und die alte Frau nickte die ganze Zeit verständnisvoll. Dann gab sie ihre Anweisungen:
»Ich brauche einen Korb voll àgìdi, für 50 Portionen. Dann bereitet mir eine große Schüssel voll èkuru zu. Daß ihr mir aber jede Menge Johannisbrot und Krebsfleisch hineintut. Es muß so appetitlich wie möglich riechen.«
Die Kinder stoben in alle Richtungen. Einige rannten zum Markt, um die àgìdi zu holen, andere begannen die Bohnen für die gewünschte Menge èkuru zu mahlen. Den Kindern lief das Wasser im Mund zusammen, denn sie nahmen an, daß dies ein Beschwichtigungsfest werden sollte, ein sàarà für einen gekränkten Geist.
Doch als alles zubereitet war, trug es die alte Frau in Sanyas Krankenzimmer, dazu einen Krug kaltes Wasser und Tassen, schloß Sanya im Zimmer ein und schickte alle Kinder fort.
»Ihr geht euren ganz normalen Arbeiten nach, und daß mir keiner dem Zimmer hier nahe kommt. Wenn ihr wollt, daß euer Bruder wieder gesund wird, dann tut, was ich sage. Versucht nicht, mit ihm zu sprechen, und guckt auch nicht durchs Schlüsselloch.«

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