aus: Bittere Orangen
I.
Das Telefon hatte an
diesem Nachmittag pausenlos geklingelt, das war alles, an das er sich erinnern konnte. Er
war auf dem Sofa eingenickt und hatte tief und traumlos geschlafen. Das Telefon läutete
unzählige Male, es hämmerte ausdauernd und schlug Löcher in die feuchtwarme Luft. Der
Lärm hatte das Zimmer gefüllt und seine Schädeldecke durchdrungen, er fühlte einen
Druck auf den Schläfen, der nachließ, als sich das Läuten wie in einer Spirale
entfernte. Dann hörte es plötzlich auf. Totenstille. Und wieder ging es los. Als er
fühlte, wie sich das Hämmern erneut näherte, stand er auf und versuchte zu orten, woher
der Lärm kam.
Er nahm den Hörer ab und gab jemandem, der mit nasaler Stimme das Büro des
Transportunternehmens »Horizont« verlangte, mechanisch Antwort. Er hatte nicht die
geringste Lust, sich mit irgend jemandem anzulegen. Aber der Typ war
hartnäckig. Mit
einem Ausdruck in der Stimme wie ein beleidigter Gockel. Wie denn seine Telefonnummer sei,
ob er genau wisse, daß die letzte Ziffer nicht Null sei, und, egal, daß das
Transportunternehmen irgendwo anders hingezogen sein müsse, ob er nicht einen Blick ins
Telefonbuch werfen könne, um ihm die richtige Nummer zu geben? Am Ende wünschte Sid ihn
zum Teufel. Er ging zurück aufs Sofa, rollte sich zusammen, und das war's.
Es war drückend schwül, er konnte kaum atmen. Seine Arme hingen wie Fremdkörper von den
Schultern herab. Was, das war's also, fragte er sich. Er stand vor dem Badezimmerspiegel.
Die nackte Glühbirne gab ein grelles Licht, das in allen Regenbogenfarben schillerte und
in den kleinen Falten um den Mund klebte, so kam es ihm jedenfalls vor. Verquollene Augen,
unrasierte Wangen, ein noch jugendliches Gesicht. Noch. Nicht jugendlich, kindlich. Seine
volle Unterlippe hatte die Form eines halben O. Ohne Übergang direkt vom Kind zum Mann
mittleren Alters, dachte er. Und danach? Was danach? Es gab kein danach. Nur ein
Bedürfnis aufzustoßen. Er hatte seit dem vergangenen Abend nichts mehr gegessen, aber er
fühlte, wie ein ungeheurer Rülpser von seinem Magen die Speiseröhre hochstieg. Ein
lauter, stinkender Rülpser schlich schon seit Stunden durch seine Eingeweide, kurz davor
zu explodieren. Das war's also. Etwas rührte sich hinter seinem Rücken. Ein dumpfer
Flügelschlag.
»Hallo, Maria«, sagte der Beo.
Der Vogel hing an der Turnstange im Türrahmen. Er glotzte Sid an, als sähe er ihn zum
ersten Mal.
Sid nahm ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich vor den Fernseher. Fünfundvierzig
Tote waren die Bilanz des Wochenendes. Tote, haufenweise Verstorbene mit Goldkettchen und
blutigen Halstüchern, Krankenwagen, heulende Martinshörner, verunglückte Autos und
eine hingeworfene Babytragetasche, mitten auf dem Asphalt, was hatte die da zu suchen.
Dieselben Bilder machten eine Parade durch alle Kanäle. Immer wieder. Zwei junge
Männer, die ehrfürchtig eine behaarte, in eine Plastiktüte gewickelte Männerhand
transportierten, pas-sierten siebenmal den Bildschirm, blieben jedes Mal, wenn sie den
Straßenrand erreichten, kurz stehen und fingen ein Gespräch mit den Reportern an, wobei
sie ihren Beutefang anpriesen. Es ließ ihn kalt. »Wären die mal besser zu Hause
geblieben«, würde er sagen, wenn er sich die Nachrichten zusammen mit irgendeiner Braut
anschauen würde, in der Hoffnung, sie zu schockieren. Sie würde sich umdrehen, um ihn
auf eine besondere Art anzusehen. indem sie die Augen halb schließen und
leicht schielen würde, so als wollte sie einen Faden in eine Nadel einfädeln. »Warum
fahren die auch in den Urlaub?« würde er in diesem Ton weitermachen, mit dem Gefühl,
seinem Ziel näher zukommen. Dann würde er auf den Flur gehen, um telefonisch eine Pizza
zu bestellen, und wenn er ins Zimmer zurückkehrte, hätte die Braut ihre Schuhe
abgestreift, sie würde MTV gucken und dabei irgendeine Melodie summen.
Beim dritten Bier fühlte er sich besser. Sein Magen rutschte wieder an die richtige
Stelle, die Luft im Bauch löste sich langsam auf und wurde von seinen tiefergelegenen
Zellen aufgesogen. Auf dem Bildschirm führte ein braungebrannter Fünfzigjähriger in
einem gelben Blazer ein paar Gäste um einen Springbrunnen mit Plastikseerosen, bevor er
ihnen Plätze anbot und jeden von ihnen mit einer lächerlichen Handbewegung vorstellte.
Wenn ich den gelben Blazer treffe, stehe ich auf und hole ein Bier, sagte er und spuckte.
Die Spucke flog bis zum Fernseher und klebte drei Zentimeter unter dem Ziel wie ein
zerquetschter Wurm. Du bist fertig, hörst du? Wenn ich den Springbrunnen treffe, trinke
ich nichts mehr, sagte er und spuckte wieder. Bingo!
»Hallo, Maria«, sagte der Beo. »Hallo, Maria«, sagte er zu ihm.
Am Abend ging es mit den Anrufen wieder los. Es war nicht die Stimme vom Nachmittag, da
war er sich sicher. Der Typ kannte seinen Namen, er hatte ihn wahrscheinlich auf gut
Glück aus dem Telefonbuch herausgefischt. Er sprach höflich mit einer farblosen,
durchdringenden Stimme und verlangte hartnäckig irgend etwas. Aber seine Sätze waren
unverständlich, Sid legte den Hörer auf. Das Telefon klingelte wieder. »Liebel Hell,
bitte hören Sie . . .« Schließlich begriff er. Es war unglaublich. Ein Chinese, der
versuchte, ihn als Abonnenten für eine Lokalzeitung zu gewinnen. Unglaublich, was?
Liebel Hell, liebel Hell . . . Morgen.
Spät in der Nacht begann es zu regnen. Ein reinigender Schauer, der mit Getöse aus den
aufgerissenen Wolkenbäuchen niederging. Sid hörte den Regen nicht. Im Schlaf spürte er
die unerwartete Kühle ins Zimmer gleiten und sich wie eine Kompresse auf die glühenden
Wände legen. Er spürte, wie sich ihm ein Luftgeist näherte und ihm die Stirn
streichelte. Er hörte nicht, wie der Beo in seinem Käfig wild mit den Flügeln schlug.
Er hörte weder die klappernden Fensterläden noch das Brausen in den Abwasserkanälen. Es
regnete und regnete, die Stadt wurde reingewaschen.
Lia wachte vom Regen auf und stütze sich auf ihre Ellbogen. Es gab keine Gardinen vor den
Fenstern, und der Anblick des Regenwassers, das heftig gegen die Scheiben schlug, brachte
ihr plötzlich die Erinnerung an einen vergessenen Morgen ins Gedächtnis. Love me, love
me tenderly... Wer redete da? Es war ein Lied. Ein Morgen, an dem sie zusammen mit ihren
Mitschülerinnen blaugemacht hatte und ans Meer gegangen war. Im Juni. Nein, im Mai, denn
es war immer noch frisch draußen. Sie waren unter dem wolkenverhangenen Himmel losgezogen
und hatten drei Fischer getroffen. Sie spielten Amerikanerinnen. »Fishes, fishes, we want
fishes«, rief Fifi und rannte barfuß den Strand rauf und runter. Sie hatte ihre
Schulschürze abgemacht und ihren Rock im Bündchen hochgekrempelt, so daß ihre
berühmten Beine zu sehen waren. Mit Spitznamen hieß sie Okto-pus-Diva. Die Fischer
waren ganz verzückt stehen geblieben und schenkten ihr einen Korb mit Meerbarben. Und
danach? Danach hatte es zu regnen begonnen, und alle waren naß geworden. Love me
tenderly, spielte das Transistorradio mit einem kreischenden Saxophon am Ende der Strophe.
Im Krankenzimmer standen sechs Betten, aber nur ihres war belegt. Die letzte Kranke war am
vergangenen Nachmittag ent-
lassen worden. Es war so schön, allein zu sein. Tropf, tropf, das Wasser floß heftig in
der Regenrinne. Tropf, tropf, plätscher, plätscher. Lieb mich, lieb mich, du dummes
Küken. Aber es gab noch etwas anderes. Wasser in der Fischsuppe. Wann war das gewesen?
Sie erinnerte sich nicht. Ein Kind beugt seinen Kopf über den Teller, als sei es
ausgeschimpft worden. Weint es vielleicht? Ja, es weint, die Tränen tropfen in die
Fischsuppe. Aber das war es nicht, oder das war es nicht nur. Es gibt Regenwasser in der
Fischsuppe, da ist sie sich sicher. Eine Veranda mit Geranien und einem gedeckten Tisch.
Sommerfrische auf dem Land, es ist Ende August. Ihr Bruder mit kahlgeschorenem Kopf. Er
probiert die Suppe und spuckt in seinen Teller. Jemand gibt ihm eine Ohrfeige. Und da
fängt es an zu regnen. Alle nehmen ihre Teller und rennen schnell ins Haus. Ihr Bruder
bleibt wie festgenagelt auf seinem Stuhl sitzen, den Kopf über die Fischsuppe gebeugt.
Seine schmalen Schultern werden vom Schluchzen geschüttelt, und der Regen bildet ein
schmales Rinnsal, das von den Haarwurzeln über seine Nase fließt und auf den Teller
tropft.
Und was noch? Was noch? Sag es mir. Körper, die aus der Schlaflosigkeit kommen und für
kurze Zeit Seite an Seite gehen, ohne dabei zu sprechen. Das Morgengrauen hat eingesetzt,
und sie geraten leicht ins Wanken, als sie mit dem ersten Licht begreifen, daß ihnen der
andere Körper fremd ist. Indem sie die Liebe einer Nacht hinter sich lassen, indem jeder
sein eigenes Stück Haut mitnimmt. Körper, die bewegungslos weiterziehen, während es zu
regnen beginnt. Was in die Haut eingeritzt ist, wird nicht weggewischt, denken sie. Die
Morgen häufen sich. Wie viele solcher Morgen gibt es in der Dauer eines Lebens? Drei,
vier, vielleicht höchstens zehn. Alle gleich. Deine Haut dort lassen, wo sie hingehört.
Du gehst aus Trägheit durch den Regen weiter.
Der Regen hatte aufgehört. Bald würden die Krankenpfleger vorbeikommen. Heute hatte der
Musterschüler Dienst. Jung, grobschlächtig, mit idiotischem, kurzsichtigem Blick. Und
mit weißen Holzschlappen, die bis zum Ende des Flures hallten. Aber wie kann ich das
wissen? Wieso kann ich mich an diese Szene erinnern und an keine andere? Wie mein Bruder
im Regen über den Teller gebeugt weinte. Ich war drinnen. Ich aß. Ich ekelte mich vor
der Fischsuppe, aber nach dem, was geschehen war, wagte ich nicht zu protestieren. Ich
konnte seinen Rücken sehen, seine zuckenden Schultern, ich konnte mir seine Wut und
Verzweiflung vorstellen, eingekesselt in den kleinen Körper. Ich konnte sie mir
vorstellen. Nicht sehen. Ich saß in der Nähe des Fensters. Ich konnte den Regen sehen,
wie er die Geranien peitschte, wie die Erde aufquoll und schlammig wurde. Ich konnte mir
vorstellen, daß er unglücklich war. Ich hätte es wissen können. Nicht nur mir
vorstellen. Ich hätte es wissen können. Ich wollte nicht. Warum wollte ich es nicht
wissen? Ich war klein und hatte Angst. Gelogen. Ich hätte es wissen können, aber ich
wollte es nicht.
»Was für ein Unwetter, guten Morgen«, sagte die Putzfrau, als sie hereinkam. Sie nahm
den Abfallkorb, um ihn auszuleeren, und schaute sich mit einem flüchtigen Blick um.
Holzschlappen waren zu hören, die eilig aus dem Nebenzimmer kamen.
»Idiota Furioso.«
»Was?« fragte die Putzfrau.
Nichts, nichts, sie schüttelte ihren Kopf.
»Guten Morgen, guten Morgen, zum Glück hat es sich abgekühlt, stimmt's?« Stimmt, du
Idiot. Er schob den Rollwagen vor sich her, stellte ihn neben dem Bett ab und bereitete,
ohne Lia anzusehen, Spritze, Langzeitkanüle und Stauschlauch für die Blutabnahme vor.
»Könnten Sie jemand anders rufen?«
Er betrachtete sie hinter seinen dicken Brillengläsern, als sehe er einen
Außerirdischen.
»Was der andere kann, kann ich auch«, raunzte er sie ungeduldig an.
»Mein Arm ist beim letzten Mal ganz blau geworden.«
»Lassen Sie mich meine Arbeit machen.« Er beugte sich über sie, hielt den Stauschlauch
in der Hand und wollte ihr den Arm abbinden. »Ich weiß schon, wo die Vene ist.«
»Ausgeschlossen!« Sie sprang aus dem Bett und rannte barfuß ins Bad, wobei sie den
Tropfständer mitzog.
Es war ein kleiner Raum, warm und feucht, der nach etwas Undefinierbarem roch, weder nach
Chlorreiniger noch nach reinem Alkohol, sondern nach etwas Altem, Vergessenem. Der Geruch
hatte die Wände getränkt, dünstete jetzt aus und hinterließ dabei Spuren. Eine
Atmosphäre wie im Dampfbad. Es war immer wohltuend, hierher zu kommen und sich für kurze
Zeit abzusondern. Von draußen hörte sie das Geschrei des Krankenpflegers, der ins
Arztzimmer gegangen war und sich beschwerte. Wuff, wuff. Normalerweise standen drei
Bettpfannen auf den Fliesen in der Dusche. Heute fehlte eine. Noch irgendeine
Bettlägerige. Es gab weder Seife noch Toilettenpapier, jede Kranke brachte ihre eigenen
Sachen mit. »Da uns niemand liebt, sind die Krankenhäuser für uns geradezu ideal«,
sagte sie manchmal, wenn sie ein paar Leute unterhalten wollte. Das Lachen war am Anfang
etwas gezwungen, einige fanden sie exzentrisch, und andere vermuteten irgendein echtes
Gesundheitsproblem. Dann setzte sie noch eins drauf. Sie bluffte. Sie sagte, wie herrlich
es sei, krank zu sein, daß das Fieber den besten Rauschzustand erzeuge und daß man den
wildesten Sex nach einer Operation erleben könne, wenn man noch betäubt ist. Und daß
sie einmal auf der Intensivstation einen doppelköpfigen Penis gesehen habe. »Einen
doppelköpfigen Penis, na endlich!« war eine Galeristin herausgeplatzt und danach in
einem plötzlichen Krampf erstarrt. Hmm . . . ihren Freunden wurde es allmählich
langweilig. Hmm, hmm . . . einige, die in der Nähe herumstanden, hörten ihr zunächst
ungewollt zu und dann, weil alles gratis war. Aber sie konnte nicht gut bluffen. Sie
konnte nicht gut pokern, das wußte sie. Und die Bekannten fingen an, einer nach dem
anderen, sich dünnzumachen.
In der Zwischenzeit.
Jemand klopfte an die Badezimmertür. Professor Kalotychos stand davor, aufgebracht.
Kommen Sie raus.
Sie sind kein Kind mehr. Das alles ist unsinnig.
Und wie willst du das neue Jahrtausend empfangen, Sid?
Mit einem Bier in der einen Hand und dem Schwanz in der anderen.
Hi, hi.
Sag das noch mal. Scheiß drauf.
Aber am besten konnte sie die anderen mit den Geschichten von ihrem kleinen Bruder
unterhalten. Drei Jahre jünger. Ein Fuchs. Sein Humor dringt durch Mark und Bein. Black,
very black. Er ging niemals aus, bevor es nicht dunkel war. Er lebte allein mit einem Beo.
Er war nicht einzuschätzen. Rot. Gelb. Blau. Von allem etwas. Und als einmal irgendein
Premierminister, während einer Kirchenprozession, schwarzgekleidet auf die Straße
getreten war, Arm in Arm mit den Bischöfen, da war ihr kleiner Bruder, damals fünf Jahre
alt, in den obersten Stock des Hauses gestiegen und hatte auf die Prozession gepinkelt.
Sag das noch mal.
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