aus: Das Leiden anderer betrachten
Einen gerade
eintretenden Tod festhalten und für alle Zeit bewahren – das können nur
Kameras. Und Bilder aus dem Feld, die den Augenblick des Todes (oder den Moment
unmittelbar davor) zeigen, gehören zu den berühmtesten und besonders häufig
reproduzierten Kriegsfotos. Es besteht kein Zweifel an der Authentizität
dessen, was sich auf dem Bild ereignet, das Eddie Adams im Februar 1968
aufgenommen hat: der Chef der südvietnamesischen Polizei, Brigadegeneral Nguyen
Ngoc Loan, erschießt auf einer Straße in Saigon einen der Zugehörigkeit zum
Vietcong verdächtigten Mann. Und doch ist dieses Foto gestellt – von General
Loan selbst. Er führte den Gefangenen, dem die Hände hinter dem Rücken
gefesselt waren, auf die Straße, wo sich einige Journalisten versammelt hatten;
er hätte ihn dort nicht kurzerhand exekutiert, wenn die Journalisten nicht
anwesend gewesen wären und zugeschaut hätten. Loan stand neben seinem
Gefangenen, so daß sein eigenes Profil und das Gesicht des Gefangenen für die
Kameras hinter ihm sichtbar waren, während er aus kürzester Entfernung schoß.
Adams’ Bild zeigt den Augenblick, in dem die Kugel soeben abgefeuert worden
ist; der tote Mann mit dem verzerrten Gesicht hat noch nicht zu fallen begonnen.
Was indessen den Betrachter, was diese spezielle Betrachterin angeht – nun,
auch nach all den Jahren, seit dieses Bild gemacht wurde, kann man die Gesichter
darauf lange ansehen und vermag doch das Rätselhafte – und Anstößige –
solcher Komplizenschaft beim Zuschauen nicht zu ergründen.
Noch bestürzender ist es, wenn man Gelegenheit bekommt, Menschen zu betrachten,
die wissen, daß sie zum Sterben verurteilt sind: etwa die Sammlung von
sechstausend Fotos, die zwischen 1975 und 1979 in einem geheimen Gefängnis in
einer ehemaligen Schule in Tuol Sleng, einem Vorort von Phnom Penh, aufgenommen
wurden. Hier sind unter dem Vorwurf, sie seien »Intellektuelle« oder »Konterrevolutionäre«,
mehr als vierzehntausend Kambodschaner ermordet worden – und die Dokumentation
dieser Greuel verdanken wir den Archivaren der Roten Khmer, die jedes ihrer
Opfer, kurz bevor sie es hinrichteten, vor einer Kamera Platz nehmen ließen.*
Eine Auswahl dieser Bilder in einem Buch mit dem Titel The Killing Fields macht
es möglich, den Blick dieser in die Kamera – also auf uns – starrenden
Gesichter Jahrzehnte später zu erwidern. Der Soldat der Spanischen Republik ist
soeben gestorben, wenn wir dem glauben dürfen, was in bezug auf das Bild
behauptet wird, das Robert Capa aus einiger Entfernung aufgenommen hat: wir
sehen darauf nicht mehr als eine verwischte Gestalt, Körper und Kopf, und eine
Kraft, die den Mann im Fallen nach hinten schleudert. Die kambodschanischen
Frauen und Männer aller Altersgruppen, auch viele Kinder, die aus geringem
Abstand meist in Halbfigur fotografiert wurden, sehen – wie Marsyas auf
Tizians Bild »Die Schindung des Marsyas«, wo das Messer Apolls auf ewig im
Begriff ist, niederzufahren – für immer ihrem Tod entgegen, für immer stehen
sie kurz vor ihrer Ermordung, und für immer geschieht ihnen Unrecht. Der
Betrachter befindet sich ihnen gegenüber in der gleichen Position wie der
Henkersknecht hinter der Kamera – eine grauenvolle Erfahrung. Der Name dieses
Gefängnisfotografen ist bekannt – Nhem Ein –, ihn kann man nennen.
Diejenigen, die er fotografiert hat, mit ihren wie betäubt wirkenden Mienen,
ihren ausgemergelten Oberkörpern, das Schildchen mit der Gefangenennummer am
Hemd, bleiben Masse: anonyme Opfer.
Und selbst wenn man sie mit ihren Namen benannt hätte, wären sie »uns« doch
wahrscheinlich unbekannt. Virginia Woolfs Bemerkung, auf einem der Fotos, die
man ihr geschickt hatte, sei die Leiche eines Mannes oder einer Frau so verstümmelt,
daß sie auch der Körper eines toten Schweines sein könnte, will deutlich
machen: Krieg ist so mörderisch, daß er auch das zerstört, was Menschen als
einzelne oder überhaupt als Menschen erkennbar macht. So sieht der Krieg natürlich
nur für jemanden aus, der ihn aus der Ferne, als Bild sieht.
Opfer, trauernde Verwandte, Nachrichtenkonsumenten – sie alle haben ihre
spezifische Nähe oder Distanz zum Krieg. Die unverhohlensten Darstellungen aus
dem Krieg oder von Katastrophenopfern gelten Leuten, die besonders fremdartig
wirken und daher mit der größten Wahrscheinlichkeit unbekannt sind. Wenn uns
die abgebildeten Menschen näher sind, wird vom Fotografen mehr Diskretion
erwartet.
Als die Fotografien von Gardner und O’Sullivan im Oktober 1862, einen Monat
nach der Schlacht von Antietam, in Bradys Galerie in Manhattan ausgestellt
wurden, schrieb die New York Times:
Den Lebenden, die sich auf dem Broadway drängen, mögen die Toten von Antietam ziemlich gleichgültig sein, aber wir glauben, sie würden nicht so sorglos und nicht ganz so munter diese belebte Straße entlangschlendern, wenn man dort direkt vom Schlachtfeld einige bluttriefende Leichen niedergelegt hätte. Da gäbe es ein eifriges Röckeraffen und vorsichtiges Herumstaksen...
Auch wenn der Journalist hier das alte Klagelied anstimmt, daß diejenigen, die vom Krieg verschont bleiben, auf die Leiden außerhalb ihres Gesichtskreises nur stumpf und gleichgültig reagieren, bleiben seine Gefühle gegenüber der Unmittelbarkeit des fotografischen Bildes doch zwiespältig.
Selbst in unseren Träumen suchen uns die Toten des Schlachtfeldes nur sehr selten heim. Wir sehen die Liste der Gefallenen beim Frühstück in der Morgenzeitung und verbannen sie mit dem Kaffee aus unseren Gedanken. Mr. Brady jedoch hat etwas getan, womit er uns die furchtbare Wirklichkeit und den Ernst des Krieges vor Augen führt. Zwar hat er keine Leichen mitgebracht und sie in unsere Vorgärten und auf unsere Straßen gelegt, aber er hat etwas ganz Ähnliches getan... Diese Bilder sind von einer erschreckenden Deutlichkeit. Mit Hilfe eines Vergrößerungsglases kann man die Gesichtszüge der Erschlagenen genau erkennen. Wir würden wohl kaum in der Galerie zugegen sein wollen, wenn eine der Frauen, die sich über die Bilder beugen, in den starren, leblosen Umrissen der Körper, die vor den klaffenden Schützengräben liegen, womöglich den Gatten, den Sohn oder den Bruder erkennt.
In die Bewunderung mischt sich Mißbilligung
wegen des Schmerzes, den die Bilder den weiblichen Angehörigen der Toten
bereiten könnten. Die Kamera bringt den Betrachter oder die Betrachterin nah
heran – zu nah; nimmt er oder sie ein Vergrößerungsglas zur Hand – denn
hier geht es um die doppelte Wirkung zweier Linsen –, so liefert die »erschreckende
Deutlichkeit« der Bilder überflüssige, anstößige Informationen. Aber während
der Journalist der Times den unerträglichen Realismus des Bildes tadelt, kann
er selbst doch dem melodramatischen Effekt bloßer Wörter (»bluttriefende
Leichen« – »klaffende Schützengräben«) nicht widerstehen.
Im Zeitalter der Kameras soll die Wirklichkeit neuen Anforderungen genügen. Es
kann sein, daß das Wirkliche nicht erschreckend genug ist und daher noch betont
werden muß; oder es muß nachgestellt werden, damit es überzeugender wirkt. So
zeigt der erste jemals von einer Schlacht gedrehte Wochenschaufilm nicht die
wirkliche Erstürmung der Höhen von San Juan auf Kuba – eine bekannte Episode
aus dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 –, sondern einen Sturmangriff,
den Oberst Theodore Roosevelt und seine Kavallerie-Einheit, die Rough Riders,
kurz nach den eigentlichen Ereignissen für die Vitagraph-Kameraleute
nachstellten, weil man zu der Auffassung gelangt war, dem wirklichen Angriff,
der ebenfalls gefilmt worden war, habe es an Dramatik gefehlt. Unter Umständen
sind die Bilder auch allzu schrecklich und müssen mit Rücksicht auf Anstand
oder Patriotismus unterdrückt werden – etwa Bilder, die eigene Tote ohne die
gebotene Teilverhüllung zeigen. Schließlich ist die Zurschaustellung der Toten
etwas, das der Feind tut. Im Burenkrieg (1899–1902) glaubten die Buren nach
ihrem Sieg bei Spion Kop im Januar 1900, die Verbreitung eines grauenvollen
Fotos, auf dem tote britische Soldaten zu sehen waren, könnte die Moral der
eigenen Truppe weiter festigen. Es wurde zehn Tage nach der Schlacht, in der die
Briten dreizehnhundert Soldaten verloren hatten, von einem unbekannten
Fotografen der Buren aufgenommen und zeigt einen langen, nicht sehr tiefen Schützengraben
voller Leichen. Besonders aggressiv wirkt dieses Bild durch das Fehlen aller
landschaftlichen Umgebung. Das Durcheinander der Leichen im Graben füllt die
gesamte Bildfläche. Die britische Empörung über diese neueste Schandtat der
Buren war groß, auch wenn sie nur in steifen Worten zum Ausdruck kam: derartige
Bilder zu veröffentlichen, so erklärte der Amateur Photographer, »dient
keinem nützlichen Zweck und appelliert allein an das Morbide im Menschen«.
Zensur hat es immer gegeben, aber lange Zeit erfolgte sie nur sporadisch, blieb
dem Gutdünken von Generälen und Staatschefs überlassen. Erstmals wurde die
Fotoberichterstattung von der Front im Ersten Weltkrieg systematisch reguliert;
sowohl das deutsche wie das französische Oberkommando ließen nur wenige ausgewählte
Militärfotografen in die Nähe der Kampfzone. (Die Zensur des britischen
Generalstabs war etwas flexibler.) Aber es dauerte weitere fünfzig Jahre und
bedurfte des Nachlassens der Zensuranstrengungen während des ersten,
kontinuierlich durch das Fernsehen vermittelten Krieges, bis erkennbar wurde,
wie schockierende Fotos auf die Öffentlichkeit in der Heimat wirken können. In
der Vietnam-Ära war Kriegsfotografie fast immer zugleich auch Kritik am Krieg.
Das mußte Konsequenzen haben: den Mainstream-Medien geht es nicht darum, bei
den Leuten Unbehagen an jenen Kämpfen zu wecken, auf die sie eingestimmt werden
sollen, und Propaganda gegen den Krieg wollen sie erst recht nicht verbreiten.
Seither hat die Zensur – sowohl die weitestgehende, die Selbstzensur, als auch
die vom Militär verhängte Zensur – zahlreiche einflußreiche Befürworter
gefunden. Zu Beginn des Falklandkrieges im April 1982 ließ die Regierung
Margaret Thatchers nur zwei Fotojournalisten zu – unter denen, die abgelehnt
wurden, war auch der bedeutende Kriegsfotograf Don McCullin –, und vor der Rückeroberung
der Inseln im Mai gelangten nur drei Sendungen mit Filmmaterial nach London.
Seit dem Krimkrieg hatte es keine so weitgehende Einschränkung der
Berichterstattung über eine britische Militäroperation mehr gegeben. Den zuständigen
amerikanischen Behörden fiel es schwerer, eine ähnlich strenge Kontrolle bei
ihren eigenen Auslandsabenteuern zu gewährleisten. Das amerikanische Militär
verlegte sich im Golfkrieg von 1991 auf die Verbreitung von Bildern aus dem
Technokrieg: der Himmel über den Sterbenden, erfüllt von den Leuchtspuren der
Raketen und Granaten – Bilder, die die absolute militärische Überlegenheit
Amerikas gegenüber dem Feind veranschaulichten. Was die amerikanischen
Fernsehzuschauer nicht zu sehen bekamen, waren von NBC beschaffte (und dann
nicht ausgestrahlte) Aufnahmen, die zeigten, was diese Überlegenheit anrichten
konnte: das Schicksal Tausender irakischer Wehrpflichtiger, die gegen Ende des
Kriegs, am 27. Februar 1991, aus Kuwait City flohen und auf ihrem Weg nach
Norden, in Konvois oder zu Fuß, auf der Straße nach Basra mit Sprengbomben,
Napalm, radioaktiver DU-Munition (depleted uranium – abgereichertes Uran) und
Streubomben belegt wurden – ein Massaker, das einer der amerikanischen
Offiziere damals als »Truthahn-Schießen« bezeichnete. Auch zu den meisten
amerikanischen Operationen Ende 2001 in Afghanistan hatten Pressefotografen
keinen Zugang.
Die Regeln für den nichtmilitärischen Einsatz von Kameras an der Front sind
sehr viel strenger gewor-den, seit die Kriegführung selbst sich zum Aufspüren
des Feindes auf immer präzisere optische Instrumente stützt. Ernst Jünger,
dieser bemerkenswerte Ästhet des Krieges, stellte schon 1930 fest, daß es
Krieg ohne Fotografie nicht mehr gibt, und lieferte damit eine neue Version der
fast unwiderstehlichen Gleichsetzung von Kamera und Gewehr, von »Bilder-Schießen«
und »Menschen-Schießen«, von »Schnappschuß« und »Fangschuß«. Kriegführen
und Fotografieren sind kongruente Betätigungen: »Es ist derselbe Verstand, der
den Gegner über große Entfernungen hinweg auf die Sekunde und auf den Meter
genau mit seinen Vernichtungswaffen zu treffen weiß, und der das große
geschichtliche Ereignis in seinen feinsten Einzelheiten zu bewahren sich bemüht.«*
Die von Amerika heute bevorzugte Kriegführung hat sich aus diesem Modell
entwickelt. Das Fernsehen, dessen Zugang zum Schauplatz durch staatliche
Kontrolle und Selbstzensur beschränkt ist, serviert den Krieg in Gestalt von
Bildern. Aber auch der Krieg selbst wird soweit wie möglich aus der Distanz geführt
– durch Bombenangriffe, deren Ziele dank der neuen Technologien zur
blitzschnellen Informations- und Bildverarbeitung auf einem anderen Erdteil
ausgewählt werden können: Die täglichen Bomberoperationen in Afghanistan Ende
2001 und Anfang 2002 wurden vom amerikanischen Central Command in Tampa,
Florida, gesteuert. Das Ziel besteht darin, dem Feind hinreichend schmerzhafte
Verluste zuzufügen und gleichzeitig seine Möglichkeiten zu minimieren, den
eigenen Kräften überhaupt Verluste zuzufügen; amerikanische und verbündete
Soldaten, die bei Fahrzeugunfällen oder durch Beschuß aus den eigenen Reihen,
sogenanntes »friendly fire«, umkommen, zählen und zählen zugleich auch
nicht.
Auch in der Ära des ferngelenkten Krieges gegen die unzähligen Feinde der
amerikanischen Macht werden noch Regeln darüber aufgestellt, was die Öffentlichkeit
sehen darf und was nicht. Tag für Tag treffen die Nachrichtenredakteure von
Fernsehsendern und die Bildredakteure von Zeitungen und Zeitschriften
Entscheidungen, aus denen sich ein schwankender Konsensus über die Grenzen des
öffentlichen Wissens ergibt. Oft kleiden diese Leute ihre Entscheidungen in
Urteile über den »guten Geschmack« – ein Maßstab, der dort, wo sich
Institutionen auf ihn berufen, immer repressiv ist. Die »Grenzen des guten
Geschmacks« lieferten auch die wichtigste Begründung dafür, die grausigen
Bilder der Toten nicht zu zeigen, die unmittelbar nach dem Angriff vom 11.
September 2001 an der Stelle, wo das World Trade Center gestanden hatte,
aufgenommen wurden. Die Massenpresse ist beim Abdruck von schauerlichen Bildern
im allgemeinen weniger zaghaft als die seriöseren Zeitungen; tatsächlich
brachte eine Abendausgabe der in New York erscheinenden Daily News kurz nach dem
Angriff das Bild einer abgetrennten Hand im Trümmerschutt des World Trade
Center; anscheinend ist es nirgendwo sonst erschienen. Die Fernsehnachrichten,
die sich an ein sehr viel größeres Publikum richten und daher auch sensibler
auf den Druck von Werbekunden reagieren, arbeiten unter noch strengeren, größtenteils
selbstauferlegten Beschränkungen im Hinblick auf das, was sich »schicklicherweise«
senden läßt und was nicht. Dieses neue Beharren auf »gutem Geschmack« in
einer Kultur, die ansonsten überreich ist an kommerziellen Tendenzen, die auf
eine Absenkung der Maßstäbe zielen, mag auf den ersten Blick verwundern. Es
wird jedoch verständlich, wenn man sich vor Augen führt, wie auf diese Weise
ein ganzes Knäuel nicht benennbarer Besorgnisse und Ängste in bezug auf die öffentliche
Ordnung und die öffentliche Moral im unklaren belassen wird, und wenn man
bedenkt, wie wenig wir imstande sind, auf herkömmliche Weise zu trauern oder
neue Formen des Trauerns zu finden. Was gezeigt werden kann und was nicht
gezeigt werden darf – es gibt wenige Fragen, die in der Öffentlichkeit
heftiger umstritten sind als diese.
Das zweite Argument, mit dem die Unterdrückung von Bildern oft gerechtfertigt
wird, verweist auf die Rechte der Angehörigen. Als ein Bostoner
Nachrichtenmagazin ein in Pakistan hergestelltes Propagandavideo für kurze Zeit
im Internet publizierte, in dem das »Geständnis« (daß er Jude sei) und der
anschließende Ritualmord an dem entführten amerikanischen Journalisten Daniel
Pearl in Karatschi Anfang 2002 gezeigt wurde, entbrannte eine heftige Debatte über
den Konflikt zwischen dem Recht von Pearls Witwe, daß ihr weiteres Leid erspart
bleibe, dem Recht der Zeitschrift, alles zu veröffentlichen, was ihr geeignet
erschien, und dem Recht der Öffentlichkeit auf Information. Das Video wurde
wenig später aus dem Netz genommen. Interessanterweise sahen beide Seiten in
den dreieinhalb Minuten Horror nur einen Snuff-Film. Niemand, der nur die
Debatte verfolgte, wäre auf den Gedanken gekommen, daß das Video auch andere
Aufnahmen enthielt, eine Montage stereotyper Anschuldigungen (z. B. Bilder von
Ariel Scharon und George W. Bush im Weißen Haus, von palästinensischen
Kindern, die bei israelischen Angriffen getötet wurden), daß es eine
politische Botschaft transportieren sollte und mit allerlei finsteren Drohungen
und einer Liste konkreter Forderungen endete – lauter Aspekte also, die darauf
hindeuten, daß es sinnvoll sein könnte, sich auf dieses Video (sofern man es
denn erträgt) einzulassen, um nachher desto besser für eine Auseinandersetzung
mit der spezifischen Bösartigkeit und Unversöhnlichkeit jener Kräfte, die
Pearl ermordet haben, gerüstet zu sein. Leichter ist es allerdings, sich den
Feind einfach als Wilden vorzustellen, der mordet und den Kopf seines Opfers
dann hochhält, damit alle ihn sehen.
In bezug auf unsere eigenen Toten bestand schon immer ein strenges Verbot, sie
mit unverhülltem Gesicht zu zeigen. Die Aufnahmen von Gardner und O’Sullivan
wirken noch heute so schockierend, weil sie Soldaten sowohl der Nord- als auch
der Südstaaten zei-gen, die auf dem Rücken liegen und deren Gesichter
bisweilen deutlich erkennbar sind. Amerikanische Gefallene wurden dann während
vieler Kriege in allgemein zugänglichen Veröffentlichungen überhaupt nicht
mehr gezeigt – bis die Zeitschrift Life im September 1943 dieses Tabu brach
und ein von der Militärzensur zunächst zurückgehaltenes Bild von George
Strock brachte, das drei bei der Landung auf Neuguinea gefallene Soldaten an
einem Strand zeigt. (Es wird zwar immer wieder gesagt, »Tote GIs am Buna Beach«
zeige drei Soldaten, die mit dem Gesicht nach unten im nassen Sand liegen, doch
einer der drei liegt auf dem Rücken, sein Kopf ist allerdings aufgrund des
flachen Winkels, aus dem das Bild aufgenommen wurde, verdeckt.) Bis zur Landung
in der Normandie – am 6. Juni 1944 – erschienen dann noch weitere Fotos von
anonymen amerikanischen Gefallenen in mehreren Zeitschriften, aber immer lagen
diese Toten auf dem Bauch, oder ihr Gesicht war abgewandt oder verhüllt.
Anderen diese Würde zu lassen hielt man nicht für nötig.
Je weiter entfernt oder exotischer der Schauplatz, desto größer die
Wahrscheinlichkeit, daß wir die Toten und Sterbenden unverhüllt und von vorn
zu sehen bekommen. So besteht das postkoloniale Afrika im öffentlichen Bewußtsein
der reichen Länder – wenn man von seiner Musik einmal absieht – hauptsächlich
aus einer Abfolge unvergeßlicher Fotos von Opfern mit weit aufgerissenen Augen
– angefangen bei den Hungergestalten im Biafra der späten sechziger Jahre bis
zu den Überlebenden des Völkermords an fast einer Million ruandischer Tutsis
im Jahre 1994 und den Kindern und Erwachsenen, denen im Zuge des Massenterrors
der aufständischen Truppen der RUF in Sierra Leone einige Jahre später die
Gliedmaßen abgehackt wurden. (In neuerer Zeit zeigen die Fotos ganze Familien
armer Dorfbewohner, die an Aids zugrunde gehen.) Von all diesen Bildern geht
eine doppelte Botschaft aus. Sie zeigen ein Leiden, das empörend und ungerecht
ist und gegen das etwas unternommen werden sollte. Und sie bekräftigen, daß
solche Dinge in dieser Weltgegend eben geschehen. Die Allgegenwart dieser Fotos
und dieser Schrecken nährt wie von selbst die Überzeugung, solche Tragödien
seien in den rückständigen – das heißt, armen – Teilen der Welt eben
unvermeidlich.
Vergleichbare Greuel und vergleichbares Unheil hat es jedoch auch in Europa
gegeben; vor nur sechzig Jahren haben sich in Europa Greuel ereignet, deren
Ausmaße und deren Grauenhaftigkeit alles übertreffen, was man uns heute aus
den armen Gegenden dieser Welt zeigen könnte. Inzwischen scheint sich
allerdings der Schrecken aus Europa zurückgezogen zu haben – zumindest so
weit, daß der Eindruck entsteht, der gegenwärtige friedliche Zustand sei
selbstverständlich. (Daß fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg auf europäischem
Boden wieder Todeslager errichtet wurden, daß Städte belagert und Zivilisten
zu Tausenden abgeschlachtet und in Massengräber geworfen wurden, verschaffte
dem Krieg in Bosnien und der Mordkampagne der Serben im Kosovo ihr spezifisches,
anachronistisches Interesse. Aber viele, die sich einen Reim auf die während
der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts in Südosteuropa verübten
Kriegsverbrechen zu machen versuchten, nahmen Zuflucht bei der These, der Balkan
habe schließlich nie wirklich zu Europa gehört.) In der Regel stammen die
grausam verstümmelten Körper, die in Gestalt von Fotos veröffentlicht werden,
aus Asien oder Afrika. Diese journalistische Gepflogenheit steht in der
Tradition der jahrhundertealten Praxis, exotische – also kolonisierte –
Menschen auszustellen: Afrikaner und die Bewohner fernöstlicher Länder wurden
vom 16. bis zum frühen 20. Jahrhundert in London, Paris und anderen europäischen
Hauptstädten in ethnologischen Ausstellungen wie Zootiere vorgeführt. Als der
Spaßmacher Trinculo in Shakespeares Sturm dem Caliban begegnet, ist sein erster
Gedanke, daß man ihn in England ausstellen könnte: »Jeder Pfingstnarr gäbe
mir dort ein Stück Silber... jedes fremde Tier macht dort seinen Mann; wenn sie
keinen Deut geben wollen, einem lahmen Bettler zu helfen, so wenden sie zehn
dran, einen toten Indianer zu sehn.« In der fotografischen Vorführung von
Grausamkeiten, die Menschen mit dunklerer Hautfarbe in exotischen Ländern zugefügt
wurden, setzt sich diese seltsame Spendenpraxis fort und schert sich nicht um
die Erwägungen, die uns von einer ähnlichen Zurschaustellung unserer eigenen
Gewaltopfer abhalten; denn der andere, selbst wenn er kein Feind ist, gilt uns
nur als jemand, den man sehen kann, nicht als jemand, der (wie wir) selbst
sieht. Doch auch der verwundete, um sein Leben flehende Taliban-Kämpfer, dessen
Schicksal die New York Times an prominenter Stelle abbildete, hatte eine Frau,
hatte Kinder, Eltern, Schwestern und Brüder, die eines Tages vielleicht auf die
drei Farbfotos stoßen werden, auf denen ihr Gatte, ihr Vater, ihr Sohn, ihr
Bruder zerfleischt wird – wenn sie sie nicht schon längst gesehen haben.
Rezension I Buchbestellung 0I04 LYRIKwelt © Hanser-Verlag