In Amerika von Susan Sontag, 2002, HanserSusan Sontag

aus: In Amerika

Fünf

Kalifornien. Santa Ana, der Fluß; Heim. Anaheim. Deutsche. Arme deutsche Einwanderer aus San Francisco, die vor zwanzig Jahren nach Süden zogen, um zu kolonisieren, Landwirtschaft zu betreiben, Erfolg zu haben. Unbeirrbare, sparsame deutsche Nachbarn. Überrascht darüber, daß wir so viele und nicht alle miteinander verwandt sind und uns ein kleines Haus am Rande ihrer Stadt teilen wollen. Sie fragen, wie viele Gewehre wir haben. Sie fragen, ob wir eine religiöse Sekte sind. Sie fragen, ob unsere Männer beim Bau eines neuen Bewässerungsgrabens helfen können. Sie fragen, ob Piotr zur Schule gehen wird oder ob wir ihn zu Hause lassen, damit er bei der Landwirtschaft helfen kann. Natürlich wird er zur Schule gehen! Das Haus, aus banalen Platanenbrettern statt aus Adobeziegeln, ist wirklich zu klein - was haben Julian und Ryszard sich nur dabei gedacht! -, wobei jedes Zimmer, bis auf die Küche, mit Teppichen ausgelegt ist, anscheinend eine amerikanische Sitte. Ja, wir sind hier, um zusammen dieses neue Leben aufzubauen. Aber bei all dieser Leere um uns herum - Amerika ist die Weite schlechthin - ist es absurd, daß wir so beengt leben sollen...
Sie haben einen hinreißenden Blick auf die Santa-Ana-Berge im Osten und das San-Bernardino-Gebirge weiter im Norden und Osten. Hinter dem Haus und zu beiden Seiten sind Lärchen, kalifornischer Berglorbeer, Feigenbäume und eine Virginia-Eiche. Dahinter liegt ein Feld mit hohem Gras, wo Heu- und Maishocken in der Sonne trocknen, dazu ein Weinberg, der sich ins Unendliche dehnt - alles, was fern vom Haus liegt, ist prachtvoll. Alles, was näher ist, eher ernüchternd. Der eingezäunte Vorgarten mit seinen Zypressen, dem struppigen Gras und ein paar Rosen sieht aus, wie Maryna sagte, wie ein schlechtgepflegter kleiner Friedhof.
"Ein Friedhof, Mama? Ein richtiger Friedhof?"
"Ach, Piotr", sagte sie lachend, "du darfst nicht auf alles hören, was ich sage."
Doch alle hörten sie darauf, allesamt, sie warteten auf ein Stichwort von ihr, daß sie sie mahnte, sie überwältigte, ihnen mit ihrem unerschütterlichen Eifer Halt gab. Gerade wegen ihrer Bestimmtheit, die aus ihrer Kraft zur Ichbezogenheit erwuchs, wegen ihrer Ungeduld ob der gelegentlichen Rückfälle der anderen in die Verzagtheit, ihrer kaum verhohlenen Verzweiflung über die Schwächen der anderen und daß sie nie, auch nicht mit den besten Leistungen, ganz zufrieden war, vor allem auch wegen ihres Schweigens, diesem eindrucksvollen, einschüchternden Schweigen, auch weil sie sich von dem allgemeinen Geplapper fernhielt und auf keine triviale Beobachtung oder konventionelle gesellschaftliche Nettigkeit oder unnötige Frage (denn nur das war es) antwortete, womöglich gar nicht einmal hörte, was gesagt worden war, wollten sie es ihr immer recht machen, deswegen meinten
sie, nirgendwo anders auf der Welt sein zu wollen als hier bei ihr, um Marynas Vision zu verwirklichen.
Doch wie schuf man diesen utopischen Haushalt auf einer so beengten, kleinlichen Bühne? Zunächst, indem man sich behalf und sich einrichtete - Fertigkeiten, die Maryna während der ersten Jahre in Heinrichs Truppe, als sie durch die polnischen Kleinstädte getingelt waren (die Theater nur mit dem Nötigsten ausgestattet, die Unterkünfte heruntergekommen), beherrschen gelernt hatte; und die jetzigen Unannehmlichkeiten würden schon bald weniger werden. Ja, Maryna versicherte allen am Morgen nach ihrer Ankunft, es gebe bald ein zweites Haus, aus Adobe: Sie und Bogdan würden sich im Dorf nach mexikanischen Arbeitern erkundigen, die ihnen beim Bau helfen sollten. Bis dahin... müßten Danuta und Cyprian mit ihren Mädchen das große Schlafzimmer bekommen, sie und Bogdan das zweite, Wanda und Julian das kleinste der drei Schlafzimmer. Piotr werde auf dem Wohnzimmersofa schlafen; Aniela auf einem Feldbett in einer Nische in der Küche. Barbara und Aleksander akzeptierten tapfer, daß ihnen ein Lagerschuppen unweit vom Corral zugewiesen wurde; Holz, Leitern, Fässer mit Nägeln, Farbeimer, Drehbänke, Hämmer und Sägen kämen in die Scheune. Maryna wünschte sich, in der Scheune zu schlafen, allein, nur während der ersten Tage. Der Raum, den sie begehrte, deutlich getrennt von Tieren, Farmausrüstung und Heuboden, wurde behaglich mit Teppichen, Sätteln, Matten, Geschirr und Coyoteschädeln eingerichtet... aber, nein, das könne sie Bogdan nicht antun. In die Scheune kamen unsere beiden Junggesellen Ryszard und Julian.
Nachdem sie das Auspacken und die Fürsorge für die drei Kinder Aniela überlassen hatten, waren die Neuankömmlinge von der Familie des Vermieters auf dem Grundstück herumgeführt worden, und am Ende des ersten Tages hatten sie das Gefühl, es mit allen Sinnen in Besitz genommen zu haben. In die Nasenlöcher hatten sie einen üppigen Schwall von Hof- und Pflanzendüften aufgenommen, sie waren über die reichlich gewässerte Erde geschritten, hatten ihre Reben, schwerbeladen mit Mission-Trauben, befühlt und die Hände ins Wasser getaucht. Gleich hinter dem Weingarten gab sich die Natur eher wehrhaft und trutzig: eine weite, ernste Ebene, mit Kakteen und Sträuchern gesprenkelt, in Schweigen gehüllt. Sie blickten hinauf zu dem tiefblauen Himmel, und während die Sonne sich immer weiter dem Bergkamm näherte, verspürten sie das Bedürfnis, die Flut der neuen Eindrücke im stillen aufzunehmen, mit nicht mehr Vorbedacht als jenem, mit dem man sich auf einem Stuhl niederläßt und an die Decke starrt oder sich zu einem Spaziergang durch einen schattigen Park aufmacht, lösten sie sich voneinander und wanderten, einer nach dem anderen, in die Wüste hinein.
Keine Landschaft, nicht einmal der sumpfige Dschungel der Landenge von Panama, hatte ihnen allen eine so eigentümliche Ehrfurcht eingeflößt. Durch die Wüste wurden sie nicht gefahren, sie nahmen sie nicht als eine Szenerie auf, sondern sie gingen darin, darauf, denn alles war eine einzige fahle Fläche, der Himmel so hoch und der Boden so eben, und nie hatten sie sich als so aufgerichtet, so senkrecht empfunden, und der heiße Santa-Ana-Wind strich ihnen über die Haut, ihre Ohren wurden vom seltsam aufdringlichen Geräusch ihrer eigenen Schritte eingelullt. Wenn sie stehenblieben, vernahmen sie das Zischen dünner wüstenfarbener Wesen, die über die kiesige Fläche huschten. Schlüpfrige, mit Giftzähnen bewehrte Geschöpfe (eine Schlange!), aber weiter weg, fliehend. Kaum etwas ist hier nahe bei etwas anderem: die gekrümmten, betreßten Wächter, die Yuccabäume, die Sträuße sich herabneigender Speere, die Agaven, und die gedrungenen Büschel stacheliger Birnen, alle so weit auseinander, einander so unähnlich - und nichts hatte mit dem anderen etwas zu tun. Jedes allein, jedes für sich. Das Gefühl von Gefahr ließ sich nicht völlig ersticken (war das ein Skorpion?), beschleunigte zunächst ihre Schritte, als glaubten sie, bald irgendwo anzukommen. In der klaren Luft wirkten die Berge trügerisch nah. Und wie klein, als sie sich kurz einmal umdrehten, um zu sehen, wie weit sie gegangen waren, ihre kleine grüne Welt. Sie gingen weiter, verloren in der Lebendigkeit ihrer Eindrücke, gingen und gingen: Die Berge kamen nicht näher. Ihre Furcht hatte sich schon längst gelegt. Die Reinheit des Anblicks, seine kompromißlose Trostlosigkeit, wirkte erst wie eine Bedrohung, dann wie eine Erregung, dann wie eine Betäubung, dann wie eine andersartige Erregung. Ihre wahre Aufnahme in den verlockenden Nihilismus der Wüste hatte begonnen. Das geräuschlose, geruchlose, einfarbige Land, das so drastisch unbewohnt war, hatte auf alle dieselbe Wirkung: ein berauschendes Gefühl des Alleinseins, das nach und nach einer aktiveren Billigung der Erfahrung von Einsamkeit wich. Bei allen stellte sich ein Sehnen ähnlich dem Marynas ein - allein zu sein, wirklich allein (was wäre, wenn ich, was wäre, wenn sie, was wäre, wenn er...?) -, und sie ließen die Vorstellung zu, daß die ihnen Nächsten ohne Drama, ohne Schuld ebenfalls hier irgendwo verschwänden. Und ist Vorstellung nicht Wunsch? Die Hingabe an das Verdorren der Gefühle geschah rasch, verlor aber auch ebensoschnell an Reiz, als etwas, eine tiefere Furcht, sie veranlaßte, sich gereinigt, geläutert, davon zu lösen, und dann war es Zeit, umzukehren und zurückzugehen auf befeuchtetes Land und zu ihrem wäßrigen Leben.
Nur eine unter ihnen, die auch in diesem geistentleerten Dämmer umhergestreift war, hatte sich vom Verebben dieser köstlichen, subversiven Phantasie ausgenommen, denn ungeachtet der Warnungen Ryszards und Julians an alle, sich von den Kaktuspflanzen fernzuhalten, hatte Wanda ihre Neugier, wie es wohl sein mochte, eine zu berühren, nicht zu zügeln vermocht, hatte sich das flaumig scheinende biberschwanzartige Blatt einer Opuntie ausgesucht. "Das hat doch gar keine Stacheln", jammerte
sie. "Woher sollte ich wissen, daß es diese gräßlichen -" wimmerte sie. "Aber gleich beide Hände, Wanda? Mußten es gleich beide Hände sein?" schäumte Julian. Er hatte sie auf die Veranda geführt, zu Pinzette und Kerze. "Keinem auf der ganzen Welt außer dir würde es einfallen, einen Kaktus zu berühren mit..." Ächzend und seufzend stand er hinter ihr und hielt sie an den Schultern, während Jakub und Danuta eine Stunde lang Hunderte von winzigen haarartigen Nadeln herauszupften, die sich an Fingern und Handteller festgesetzt hatten. Als sie bei Wandas Gestöhn von irgendwo in der Nähe einen unmißverständlichen Schrei hörten, dachten alle sogleich, es sei eine weitere Kaktuskatastrophe. "Madame! Madame!" Maryna eilte zu Hilfe. Aber es waren nur die drei riesigen Auberginen, die hinter dem Haus wie dicke Bomben lagen, über die Aniela gestolpert war; sie hatte versucht, sie aufzuheben, nur um festzustellen, daß eine jede fest an dem steinigen Boden saß. Ryszard löste sie, indem er mit seinem Jagdmesser den kordelartigen Strunk durchtrennte.
Während sie ausgelassen die erste Mahlzeit ihres neuen Lebens zubereiteten - die Auberginen, überm Feuer geröstet, ergänzt durch Vorräte, die sie im Dorf gekauft hatten -, verdunkelte sich der leuchtende, strenge Himmel zur Nacht, zu einer Schwärze, die hellere Sterne barg, als sie je in Zakopane gesehen hatten. Sterne, in Ebenholz gefaßt, sagte Jakub. Danuta und Cyprian gingen ins Haus, Cyprian, um eines der Teleskope zu holen, die Bogdan aus Polen mitgebracht hatte, Danuta, um ihre kleinen Mädchen zu Bett zu bringen; Piotr, der sich vernachlässigt fühlte, andererseits aber froh darüber war, nicht ins Bett geschickt zu werden, postierte sich auf der Veranda und übte sich darin, das Geheul der Coyoten zu beantworten. Bald wurden alle von dickbäuchigen Moskitos ins Haus getrieben; sie konnten durch die Kleidung stechen und machten den Schlaf in jener ersten Nacht (und noch Wochen danach) zur Qual. Doch auch ohne Moskitos hätten sie kaum gut schlafen können, da sie von ihrer eigenen Unerschrockenheit so erregt waren und immer wieder von lebhaften Träumen wachgerissen wurden. Julian von Wandas blutenden Händen. Ryszard von seinem Messer. Aniela von einer Mutter, die sie nie gekannt hatte und die aussah wie die Jungfrau Maria in der Kapelle des Waisenhauses; sie träumte oft von ihrer Mutter. Piotr von Toten, die aus ihrem Grab stiegen und das Haus belagerten. Bogdan davon, daß Maryna ihn wegen Ryszard verlassen hatte. Und Maryna von Edwin Booth, den sie doch noch, erst eine Woche zuvor, gesehen hatte. Denn nur wenige Stunden nachdem die Constitution in der Bucht von San Francisco festgemacht hatte, erfuhr Maryna, daß der große Booth dort auftrat, im California Theatre, und schon am folgenden Tag sah sie seinen Shylock und zwei Tage darauf seinen Antonius. Sie war nicht enttäuscht. Sie hatte geweint vor Bewunderung. In ihrem Traum beugt er sich zu ihr nieder. Er legt ihr die Hand auf die Wange. Er sagt ihr etwas Trauriges, spricht von etwas, was nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann, von jemandem, der gestorben ist. Sie möchte ihn an der Schulter berühren; auch seine Schulter ist traurig. Dann sind sie zu Pferde, reiten nebeneinanderher, aber mit ihrem Pferd stimmt etwas nicht, es ist zu klein, viel zu klein; ihre Füße schleifen auf der Erde. Er ist in die orientalischen Gewänder des alten Shylock gehüllt, trägt sogar die weiche gelbe Kappe und die spitzen roten Schuhe des Schurken, obwohl er in Wirklichkeit Antonius ist. Sie steigen bei einer Chollaopuntie ab. Dann schleudert er seine Kappe auf den Boden, packt zu ihrem Entsetzen mit der bloßen Hand einen dornigen Ast des Kaktus und schwingt sich mit der Behendigkeit eines jungen Mannes hinauf. Nicht! schreit sie. Er klettert weiter. Wird er von diesen schrecklichen Nadeln nicht gemartert? Bitte kommen Sie herab! schreit sie. Sie weint vor Furcht. Er lacht. War das noch immer Booth? Er sieht ein wenig wie Stefan aus. Aber nein, ihr Bruder kann es nicht sein, der ist doch in Polen, nein, der ist tot. Er hält sich am obersten Ast der Cholla fest und hebt zu der großen demagogischen Hetzrede an, deklamiert hinauf in die Luft und dann zu ihr hinab, als er an folgende Stelle kommt:
O ja! Nun weint ihr, und ich merk', ihr fühlt
Den Drang des Mitleids; dies sind milde Tropfen.
Doch in den Worten, die aus seinem Munde strömten, lag etwas Neues, nein, Unvertrautes, nein, Vertrautes. In San Francisco hatte sie ihn sehr gut verstanden, und auch jetzt verstand sie ihn, obwohl die Rede nicht so klang wie zuvor im Theater. Sagte er sie etwa auf lateinisch? Antonius war Römer. Aber Shakespeare war Engländer. Mußte das Englische dann so klingen? Wenn es so war, dann war all ihr Lernen und Üben vergeblich gewesen. Und darum kreisten ihre Gedanken, als sie erwachte und lachend erkannte, daß sie Edwin Booth im Traum Polnisch hatte sprechen lassen.

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