Selbst mit zwei Kreisen
Die freie Hand, der Pinsel zuckt,
wird grob, schlägt und hämmert,
kriecht, schwer von Farbe, sticht zu
und kratzt, spurt Furchen, schürt wirbelnd
die Oberfläche, brandig rauht sie auf,
im extremen Impasto flammen Ekzeme
schrundig schwitzende Pigmente,
Pocken schwellen, und endlich bricht
Tiefe auf, derart, daß das Auge nur kurz
nach Struktur und Form sucht und schnell
zu weniger unbestimmten Teilen schweift.
Im Chiaroscuro kriecht der Schatten
das schneckenbleiche Inkarnat hoch
wie ein Strumpf, und die Windungen
der Seele sind nicht mehr verständlich.
Erste Blickauslassungen
Sechzehnhundertzweiundvierzig,
ein Jahrhundert ohne Ironie,
ohne Marienerscheinungen,
aus dem der Fortschritt sich mühselig
zu Fuß entfernt. Hie und da
rumpelnde Pestkarren und Ratten,
die sich auf Türschwellen sonnen.
Noch im August sind die Blicke
der Damen in ihren Mühlsteinkragen
kühl wie die seidene Stoffalte,
die ein Finger entlangstreicht.
Aber im eisglatten Spiegel knistert
die Frostschmelze des Barock
und des Meisters Knurren in ruwer manier,
Abstand zu nehmen, tunlichst,
der Geruch der feuchten Farben
könnte die Nase beleidigen.
Kladdery (Lairesse). Die Liefhebbers
der Kunst nehmen den Hut. Man wittert
die Unvollendung der Seele,
doch über dem tierischen Leim
hellt sie sich auf und zeigt sich
in naetureelster Beweechgelickheit.
Smokarbeit. Die Palette ein Abstrich,
auf ihr tanzt der Pinsel Pirouetten.
Rembrandt van Rijn, d’eersame
en wijtvermaerde schilder, ewiger Müllerszoon,
Haarwolken unter dem mehlweißen Barett,
wilder Witwer, ein Sträußchen
Pinsel in der schweren Hand,
wie er sechzehnhundertfünfundsechzig
vor den knisternden Spiegel tritt.
Ein Tumor
in seiner Angst, ein Tumor zu sein,
denkt den ganzen Kopf verrückt,
anders die Seele. Unablässig
schickt sie ihr Bild in die Wildnis,
zu der sie als nächstes drängt,
und diese Nachricht empfängt,
wer vor ihr dort anlangt. Rembrandt
ist da. Und scheu,
als müsse heute unser Blick
seinen Weg nehmen,
treten wir an seiner Stelle
vor sein Spiegelbild und fühlen,
wie unmöglich unser Wunsch
nach Nähe ist. Die Terra incognita der Seele
bleibt unberührt. Die Tür steht
einen Spalt offen, aber kein Geräusch
dringt ein, und das Unerwartete
bleibt dem Auge verborgen.
Vier Jahre vor dem Ende ist dieses Bild
Rembrandts Prüfung seiner Liebe
zu sich selbst, in der alle Tragödien
sich erschöpft haben. Er ist der andere,
dem er wiederbegegnet.
Das in Schatten gesunkene Raubtierauge
bemerkt, wie ruhig der Tod
das fließende Leben beschleunigt
und ihm die neue Richtung gibt,
die keine Liebe erwartet.
Es ist der helle Instinkt,
der kein Auge zutut, der eigene
Wolfsblick auf den menschlichen Makel,
der ihn in seiner Haltung bestärkt.
Die sich lockernde Gier. Die Geilheit,
die nicht mehr ins Bett will.
Der Tod beginnt sein Werk
mit einem Pickel auf dem Ohrläppchen,
er läßt die kräftigen Locken welken
und rumort in den Falten des Schmerbauchs,
ein tierisches Seufzen aus den Därmen.
Dieser Blick taugt für Feinde,
während im Schlafsaal des spinhuis
es nach Käse riecht und die Irren
ihren Wahnsinn zu einem logischen Schluß
träumen, aus dem sie herausfallen müssen
und erwachen, stumm, die hellen Gesichter
wie Marmor, auf dem kein Schatten
haften kann. Die Natur selbst weigert sich,
irgendeine Freude an der Erscheinung
solcher Personen zu erkennen zu geben.
Wieviel abgeschmackter also für ein Gemälde,
solche Dinge zu zeigen? (Lairesse)
Monokultur der Noblesse.
Eisiges Waffenklirren
des Tafelsilbers auf Delfter Porzellan.
Geist stürzt in sein Gedächtnis und kehrt
auf der abgewandten Seite
des Lebens zurück. Hilflose Liebe,
in der die Pornographie gedeiht oder Gott;
sein Double, der alte Mensch.
Und Gott tritt aus diesem Knoten von Zufällen,
die der Mensch ist, zu beider Erlösung hervor,
dat men daer wijt ken afstaen.
Die Trennung der Kreise und das Kunstwerk vollendet, das Vornehmen ist nun erreicht,
bricht Rembrandt hier ab.
Ein Reisender durch die eigene Einsamkeit,
der den Blick nicht senkt,
wenn der Spiegel sich überzieht
mit einem Netz von Rissen.
Und eine Dünung von Liebe durchweht
diesen Körper wie den eines Gespensts,
so, als atme er aus,
als atme man lange aus,
erwidernd den Blick eines andern.
(2002)
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