Das brennende Haus von Göran Sonnevi, 2009, Edition Lyrikkabinett bei Hanser

Göran Sonnevi

Neujahr 1990; Envoi
(Leseprobe aus: Das brennden Haus, Ausgewählte Gedichte 1991-2005, 2009, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser - Übertragung Klaus-Jürgen Liedtke).

Das Himmelslicht öffnet sich Die Sonne ist es

die kommt, die in den Baumkristallen leuchtet

Die niedere Sonne kommt von unten her

aus dem Innern, seinem klaren Dunkel

Es ist die gleiche Sonne, wir sind ihre Kinder

Wenn sich die Sonnen begegnen sind wir nicht mehr

Ich seh jetzt hinaus in die Zeit neuen Lichts Was

ich mir erwarte weiß ich nicht, auch kaum

was ich mir wünsche Wir bestehen aus Utopien, noch

ungeboren, im Realen, schimmernd im doppelten Licht

Hier können die Konflikte beginnen, ohne Gewalt, wenn

sie nur nichts zurückhalten So einfach?

Nein! Wie könntest du das glauben? Die Konflikte sind im Realen

Auch unüberschaubar, und mit versteckter Gewalt, auch unter

dem Offnen Wenn das Offene abgeschafft wird dringt das Versteckte hervor

Dann muß auch das fort Wir können miteinander reden

Der Gesang ist einsam, außer in äußerster Freiwilligkeit, oder ihrer

Annäherung, denn wir sind auch Menschen Du

hilfst jetzt meiner Mutter beim Haarewaschen; ich bin froh darüber

Jener Impuls von Zärtlichkeit Jenes Ungeschaffene Jenes Kind

Wir stehn im Offenen; aber nur solange es nicht

geschlossen wird, von außen oder innen Wir entscheiden nicht selbst

Keine Befreiung läßt sich kontrollieren; auch unsere eigene nicht

Wir schlafen nebeneinander, den Schlaf der ersten Nacht

Glaubte für einen Augenblick noch etwas mehr begriffen zu haben

von den Strukturen der Blendung, in mir, außerhalb von mir Dann

begriff ich, ich hatte nichts begriffen Daß es nicht

genug war Als wäre die dunkle Blendung

immer größer Aber das Licht kommt dabei aus mindestens zwei Richtungen

wieder, wieder, in seiner kreisförmigen Bewegung Wir nehmen sie hinein,

in immer neuen Umdrehungen Wie wir zählen hat keine Bedeutung Es

summiert sich in uns, in jedem Augenblick integral Wie

wir in Wirklichkeit zusammen leben, mit welchen Blindheiten

welcher Sicht Mit welchen Spiegeln die wir voreinander hochhalten

Die niedere Sonne dreht sich in mir Ich bin ausgespannt um ihr Universum

Vielleicht gibt es ein geringeres Wort Ich schaute auf die Gesichter der Toten,

einige lächelten im Tod, und mit offenen Augen Was vorher war

war schlimmer, jene Utopie Als könnten wir überhaupt wählen

Doch können wir es, alle, auch in der gemeinsamen Sonne Eine freie Wahl?

Nein! Keine Wahl ist frei, dennoch können wir wählen Wenn es

noch offen ist, wenn auch nur für einen Augenblick, zwischen den Regimen

Wir sind alle informiert von dem was es nicht gibt, dem Augenblick

vor dem Realen Aber wir müssen dann lebendig sein Wir stehn im offenen

Sonnenlicht

In seinem Wasserfall, auch von unten, von überallher

Im Baum

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