zusammen gewürfelt
lachten sie anfangs im Hinterland, wenn ich mich
überschlug, und ihnen dabei meine Flächen zeigte, meine Kanten, meine Löcher,
und sie tranken den Fürst Metternich aus Gläsern und das Bier aus Krügen,
fünf von einundzwanzig, anfangs,
hat sich deren Leben totgelaufen, das Leben von
Renate, die Schütze Arsch ist vom letzten Glied, Familie, ein flüchtig Ding,
sagt sie, das Glas mit dem Fürsten drin an die Wand, birst, Scherben bringen
Schnitte, die
Albin ableckt in alter Freundschaft, endlich Blut, Buch kann er keins mehr
riechen, täglich wird ihm davon übel in der Bibliothek, wo sich Staub auf ihn
legt statt Weib, wo er vor lauter Staub vergessen hat, Familie, das flüchtig
Ding, zu gründen,
und ich, sagt Rüdiger, reich, sonst nichts, hab Albin um das Zeug in seinem
Kopf beneidet, was sind wir für ein trauriger Haufen,
und Rüdiger läßt mich mit meinen Flächen, meinen Kanten, meinen Löchern
durch seine Rechte wandern, ihm ist die Frau gerade, und er hält das Warten
nicht mehr aus, das jede Nacht in Fetzen schwarz und rot vorm Fenster hängt,
bis die Sonne golden, träf er hier die vier Übriggebliebenen nicht alle fünf
Jahre,
dann!,
nimmt mich Rüdiger mit spitzen Fingern und steckt mich mit meinen einundzwanzig
Augen in Bettis einsamen brünetten Ausschnitt,
ohne euch, sagt sie, ist alles Fluß ohne Stein, aber Jammern hilft nicht,
Prost, auf uns, Freunde, und
Heribert tastet nach der Flasche, stößt sein Glas um dabei und lacht, wie er
das so sieht, ist er noch am besten dran, Tränen, die er mit gelber Binde und
mit schwarzen Punkten trocknet, während sein Lachen in die Gesichter springt
von
Renate und Albin und Rüdiger und Betti,
in deren Ausschnitt Heriberts betrunkne Hand jetzt krabbelt und nach mir greift,
über meine einundzwanzig Augen tastet, als könnten seine zwei blinden dann des
Büstenhalters Glanzstoff auf Bettis Matthaut sehen, und diese neue Sicht
beflügelt Heribert derart, daß er sagt,
wir gehören für immer zusammen, wir fünf, und mit dem da, ich klebe zwischen
seinen schwitzenden Fingern, sind wir sechs, drum sei "Würfel" unser
Name, unser Reich komme, und wofür wir sind, wird sich finden,
wogegen!, schreit Renate, blauäugig sie, ihr Hosenanzug in der Farbe von
Friedenstauben, wogegen!, schreit sie durch den Zigarettenqualm und pflückt
mich von Heriberts Fingern und erntet das Nicken der restlichen Vier,
nur ich halt mich raus, halt meine Löcher hin und tu gelangweilt, das ist das
Vorrecht des Glücks,
aber womit sind wir wogegen?, fragen sie bei der nächsten Flasche Metternich,
der nächsten Lage Bier,
notfalls mit Gewalt,
sinkt der Gedanke zahm in ihre Köpfe, dort zieht er Stiefel an,
Kampfeinheit Würfel, schreibt die Presse ein halbes Jahr später, hat wieder
zugeschlagen, auf den Hinterhöfen brennen Bücher, doch damit nicht
genug,
Deutschland, deine Helden haben sich totgelaufen,
schreiben Renate, Albin, Rüdiger, Betti und Heribert auf fliegende
Zettel,
aber noch leben die Buchstaben Hüter, die Wort Gewaltigen, die Schrift Führer,
und das muß anders werden! im Namen des Würfels, laut Beschluß des
Klassentreffens Fünf von Einundzwanzig,
Hunde, wollt ihr ewig leben?, oder endlich einsehen, daß ihr, um das Recht zum
Leben zu haben, gegen etwas kämpfen müßt?, müßt!,
das sind die Fragen mit Ausrufezeichen, die am Stand ausliegen neben
Sonnenblumen und auf Abnehmer warten,
und die Kampfeinheit erwürfelt sich Passanten, gegen irgendwas muß der Mensch
sein, sagen die Fünf im Chor, immer wieder, hinterlassen, wo sie die
uneinsichtige Sekretärin ans Kreuz schlugen, einen Würfel, statt wie Zorro ein
Zett,
wir!,
predigen sie von jetzt an immer und alle und überall und plötzlich in Khaki
von Klappstühlen herunter,
wir sind die Rächer der Gelangweilten, Gescheiterten, Gemütskranken, wir
fackeln ab, was wuchert, damit in euch die Leidenschaft keimt gegen Buchstaben
Hüter, Wort Gewaltige, Schrift Führer, nieder mit ihnen, nieder!,
und vom Klappstuhl aus werfen die Fünf Würfel unters Volk statt Bonbons, und
die Geköderten bücken sich nach dem gefundenen Gratis, würfeln ihre Gegner
aus, trifft es Christus, Töchter, Mütter, Väter, Söhne, Pech gehabt,
alle Macht dem Würfel!, nächstes Treffen vor der Bibliothek des
Staates!,
schreien die Fünf, Klappstuhlgeklapper dazwischen,
gemeinsam bringen wir Licht ins Dunkel,
tanzen sie nur anfangs allein um Bücherfeuer, und nur
Renate und Albin und Rüdiger und Betti und Heribert schreien noch auf der
Wache, wo Heribert gut dran ist mit seiner gelben Binde und den schwarzen
Punkten, ihm glaubt man am ehesten, als er beim Verhör sagt,
das hat er nicht kommen sehen,
und er wischt sich den Schweiß von der Stirn mit der Binde, das Ganze war nicht
so gemeint, ein Scherz, erdacht auf einem Klassentreffen, er hat seiner Treu
nicht kommen sehen, daß neben Büchern auch Menschen dran glauben müßten im
Zuge der Maßnahmen gegen,
aber was machen Sie denn da?, schreit Heribert, schreiben Sie etwa ein
Protokoll?,
und er stürzt sich blindwütend in Richtung Rascheln und Stiftkratzen, schlägt
mit dem rechten Auge an die Tischkante, fällt, zieht am Boden liegend ein
schwarzes, es hätte auch jede andere Farbe, Feuerzeug aus der Hose, zippt,
zippt wild um sich, erwischt das Hosenbein des verhörenden Beamten, zippt,
der schlägt ihm das Feuerzeug aus der Hand, schreit,
ich hab es ja kommen sehen, immer wissen diese Psychologen alles besser, und ich
muß dann die Hosenbeine hinhalten, während sich die da hinterm Spiegel eine
Meinung bilden, diese ein Gebildeten, nieder mit ihnen, nieder!,
gib mir Feuer, Heribert!,
der greift in die Tasche, und der Beamte rennt mit einem roten, es hätte auch
jede andere Farbe, Feuerzeug nach draußen, wo hinterm Spiegel Spezialisten
stehen und sich ihre goldne Meinung einbilden,
fackel, fackel, schreit der Beamte, wenn ich mit meiner Fackelt er nicht lang
und hält an Skripte, Haare, Strümpfe dieser ein Gebildeten, dieser
Spezialisten die Flamme,
während Heribert im Verhörraum auf dem Boden hockt und kichert, das hat nun
wirklich keiner kommen sehen im Hinterland,
außer Renate und Albin und Rüdiger und Betti, die
anfangs lachten, wenn ich mich überschlug, und ihnen dabei meine Flächen
zeigte, meine Kanten, meine Löcher, und sie tranken den Fürst Metternich aus
Gläsern und das Bier aus Krügen, fünf von einundzwanzig,
anfangs.
Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © Elke A. Sommer