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Roter Staub
(Leseprobe aus: Roter Staub,
Roman, 2001, Kunstmann - Übertragung
Uda Strätling)
Was wahr ist, ist doch wahr.
Shakespeare,
Heinrich IV, Teil 1, 1,4
1
Beschwingt stieg Sarah die Subwaystufen hinauf,
den Blick auf
ihre schwarzen Wildlederstiefeletten geheftet. Sie lächelte. Sooft sie
als Staatsanwältin im Gerichtssaal auch auf die Urteilsverkündung
der Geschworenen gewartet hatte, es blieb doch stets ein banger
Moment. Jetzt, wo der Fall abgeschlossen war, spürte sie die Erleichterung
fast körperlich. Als sie oben an der 79th Street stand, strahlte
sie. Nicht nur der Prozeßerfolg gab ihr Auftrieb; an solchen Tagen
empfand sie es erneut als großes Glück, in New York zu leben.
Sie ging rechts den Broadway hinab. Als sie den Schutz des
Apthorp-Blocks verließ, fiel sie ein schneidender Wind an. Es kümmerte
sie nicht. Sie liebte diese klaren, kalten Februartage mit eisblauem
Himmel, an denen sich die Konturen der Stadt noch schärfer
abzeichneten als sonst. Sie ging rasch, in Gedanken bereits bei
dem Malt-Whisky, den sie sich daheim einschenken würde. Wie
breit doch der Broadway war, und wie kompakt – mit seinem ausnahmsweise
fließenden Verkehr, den Geschäften, die mit Schlußverkaufsangeboten
lockten, dem Obst und Gemüse unter den Markisen
der Delis. Vor einem blieb sie stehen und bewunderte die
blanken Früchte und das Gemüse, das im Schein der Lampen so
knackig und frisch aussah. Trotz der Jahreszeit gab es alle Sorten.
Alles war hier so üppig und so anders als in dem öden, trockenen
Land ihrer Geburt.
Der Gedanke ließ sie stutzen. Eigentlich diente ihr die Heimat
schon lange nicht mehr als Vergleichsmaßstab. Inzwischen war ihr
die scharfkantige Skyline der Stadt so vertraut, daß es ihr bei den
seltenen Gelegenheiten, wenn Bilder ihres Heimatorts in ihr aufstiegen,
so vorkam, als würden sie eine Welt beschwören, die jede
Bedeutung verloren hatte. Sarah griff sich einen Einkaufskorb,
wählte einen dunkelgrünen Bund Rucola aus, ein paar dicke
Fleischtomaten und Chinakohl.
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