Schattenfuchs von Sjón, 2007, S. Fischer

Sjón

Schattenfuchs
(Leseprobe aus: Schattenfuchs, Novelle, 2007, S. Fischer - Übertragung Betty Wahl)

Erdschwarze Füchse sehen Steinen so verblüffend ähnlich,
dass es wie Hexerei erscheint. Wenn sie in ihrem
Winterkleid auf dem Fels liegen, sind sie vom Untergrund
kaum zu unterscheiden, ganz im Gegensatz zu
ihren weißen Verwandten, die immer einen Schatten
werfen oder sich gelblich fahl vom Schnee abheben.
Eine erdschwarze Füchsin liegt wie hingemauert
auf ihrem Stein und lässt Wind und Wetter über sich
hinwegfegen. Sie liegt fest zusammengerollt, das Hinterteil
in Windrichtung und die Schnauze unter dem
Hinterlauf vergraben; zwischen den halb geschlossenen
Lidern sind die Pupillen nur zu erahnen. Dennoch lässt
sie den Mann nicht aus den Augen, der reglos dort unter
der Schneewehe kauert, hier oben, am Rande der Hochebene
von Ásheimar – seit ungefähr achtzehn Stunden.
Der Schneesturm hat ihn zugeweht, nun erinnert er am
ehesten an einen verschneiten Mauerrest.
Doch eins darf das Tier auf keinen Fall vergessen:
dass er ein Jäger ist.

Unten in Dalur hatte er die Verfolgung aufgenommen.
Der Himmel war klar und das Morgenrot so schwarz
wie nur im schwärzesten Winter. Der Mann glitt die
Hauswiesen hinab und dann nach Norden über die
Hochebene, in Richtung Litla-Bjarg. Dort war noch kein
Schnee gefallen.
Oben angekommen sah er, wie sich am Saum der
Hochebene etwas bewegte. Er blieb stehen und kramte
sein Fernglas aus der Innentasche, klappte es auseinander
und hielt es vor sein besseres Auge:
Nein, es bestand kein Zweifel!
Da war eine von diesen Zottelpelzigen unterwegs.

Sie schien keinerlei Gefahr zu wittern. Alle ihre Bewegungen
wiesen darauf hin, dass sie nur auf die nächste
Magenfüllung aus war. Deshalb ging sie ruhig und
bedächtig vor, und nichts um sie herum konnte sie ablenken.
Der Mann nahm sie näher ins Visier.
Er richtete all seine Sinne auf das Tier, versuchte zu erspüren,
was sie nun vorhatte und in welche Richtung sie
sich davonmachen würde, sobald sie ihre Schnüffeleien
oben am Bergkamm beendet hätte. Da sprang sie ganz
unvermittelt auf und jagte davon, ohne dass der Mann
sich das erklären konnte. Ihr ganzes Verhalten deutete
darauf hin, dass sie sich zu Tode erschreckt hatte. Auf
gar keinen Fall konnte sie seine Witterung aufgenommen
haben, zumindest nicht auf gewöhnlichem Wege.
Es sei denn, eine geheimnisvolle Vorahnung hatte ihr
seine Absichten offenbart:
Dieser Mann hat es aufs Jagen abgesehen.

Der Mann stieg die Anhöhe hinauf. Er versuchte sich
das Bild der Füchsin genau einzuprägen, um sie später
leichter wiederzufinden: Wie ein abgeschossener Pfeil
war sie über das Eisfeld gesaust.
Oben am Bergkamm untersuchte er ihre Fährte.
Er maß einen Pfotenabdruck zwischen Daumen und
Zeigefinger; sie war ein stattliches Tier. Zwischen den
Schneekristallen auf seiner Fingerkuppe glänzte ein
Haar – und die Farbe, da gab es keinen Zweifel, war
erdschwarz.
Senkrechte Wolkenfetzen im Westen.
Vielleicht ein Schneesturm im Anzug.
Von der Füchsin nichts zu sehen.

Die Landschaft lag makellos, so weit das Auge reichte.
Der Mann schritt zügig voran, den Wind im Rücken.
Nun spielte es keine Rolle mehr, ob die Füchsin ihn witterte.
Sie wusste, dass er ihr auf der Spur war.
Ab und zu blieb er stehen und sah sich um. Wieder
ging er nach derselben Methode vor, verdichtete sein
ganzes Denken auf einen einzigen Punkt: welche Richtung
die Füchsin wohl einschlagen würde und wie er
ihr den Weg abschneiden konnte.
Auf einmal weiß er es, weiß, wohin sie will und wo er
ihren Weg kreuzen kann.
Die Füchsin läuft in Richtung Norden über die Hochebene.
Sie macht eine scharfe Wendung nach Osten,
dort liegt das Große Geröllfeld, nichts als Fels und Stein;
wie geschaffen als Versteck für einen schwarzpelzigen
Leisetreter.
War sie übertrieben vorsichtig gewesen? Hatte sie
sich allzu sehr auf die Gefahr konzentriert – und ihm
dadurch Zugang zu ihren Gedanken verschafft? Hatte
sie versäumt, ihn auf Abstand zu halten?
Konnte der Mann die Gedanken der Füchsin lesen?

Draußen auf dem Geröllfeld herrschte Windstille und
klirrende Kälte, nur ein leichter Eishauch streifte das
Gesicht.
Weit oben im Norden entdeckte der Mann einen erdschwarzen
Fleck. Er erstarrte. Nach einer Weile bewegte
der Fleck sich von der Stelle. Und kurz darauf löste sich
eine erdschwarze Füchsin vom felsigen Untergrund.
Da war sie also!
Was für ein kolossales Geschöpf. Moorschwarz und
zottig, mit einer gewaltigen Rute, und hässlich wie die
Nacht. In spitzen, steilen Sprüngen stob sie davon.
Der Mann setzte sich in Bewegung.
Und es kam, wie er erwartet hatte; die Füchsin steuerte
schnurstracks in den Schneesturm hinein. Doch just,
bevor die wirbelnden Flocken sie verschluckten, blieb
sie wie angewurzelt stehen und warf einen Blick in seine
Richtung.
Dann stürzte sie wieder davon, pfeilschnell.

Durch die Luft ging ein Pfeifen.
Ein Schneehuhn sauste, von einem Windstoß getrieben,
im Tieffl ug knapp an ihm vorbei. Dann folgte ein
Falke und schwang sich empor, mit sicherem, gleichmäßigem
Flügelschlag.
Der Mann kehrte dem Wind den Rücken, band den
Wollschal fester und wickelte den Schultergurt dreimal
um den rechten Arm, bis die Jagdtasche eng an seiner
Hüfte zu liegen kam.
Gerade noch rechtzeitig vor dem Schneesturm.

Der Mann pflügte durch die undurchdringliche Finsternis.
Anfangs hatte er noch Geröll unter den Füßen und
kam leidlich vorwärts, doch bald wurde die Schneedecke
dicker und das Vorankommen beschwerlicher.
Jetzt musste er sich auf seinen Spürsinn verlassen:
Füchse geraten bei Unwetter oft in eine geradezu kindische
Panik. Sie wühlen sich in eine Schneewehe oder
stürzen sich kopfüber in eine Schlucht, oder sie fl iehen
bis unterhalb der Frostgrenze und verkriechen sich dort,
bis alles vorbei ist.
Nun muss der Mann zusehen, dass er den Abstand
zwischen sich und dem Zottelpelz verringert.

Der Mann arbeitete sich Zoll für Zoll voran.
Und gerade als ihm schien, als habe er die Füchsin
fast eingeholt, wurde der Schnee plötzlich tiefer. Schon
versank er bis zum Schritt, und im nächsten Augenblick
steckte er fest.
Er konnte weder vor noch zurück und sah bald nicht
einmal mehr die Hand vor den Augen.
Der Schneesturm peitschte aus allen Himmelsrichtungen,
von oben und von unten.

Gegen Abend nahm das Unwetter zu, der Frost kroch
unter seine sonst wetterfesten Kleider, und ihm wurde
so kalt, dass er versuchte, sich durch Zittern etwas aufzuwärmen.
Der Mann beschloss, sich einschneien zu lassen.
Und während er sich mit winzigen Bewegungen zurechtkauerte,
türmte sich der Schnee um ihn herum zu
einer winddichten Schutzhülle.

Er war mittelgroß, gedrungen und oben herum recht
massig. Die Stirn über seinen groben Gesichtszügen war
von mittlerer Höhe, aber ihre Breite gab dem Gesicht
Kontur. Die kleinen, stahlblauen Augen lagen tief unter
mächtigen, zusammengewachsenen Augenbrauen, und
die Nase war lang und fleischig. Unter dem rötlichen,
silberdurchwirkten Bart, der Wangen und Kiefer überwucherte
und ihm bis auf die Brust reichte, waren Profi
l und Kinnlinie nicht auszumachen. Sein rotbraunes
Haar begann grau zu werden, und über dem linken
Nasenflügel wölbte sich ein Muttermal.
So sah er aus, der Mann in der Schneewehe.

Die Nacht war kalt und nahm kein Ende.

Der Mann brach aus seiner Eishülle hervor.
Er lobte die Reif- und Sturmriesen für den Unterschlupf,
den sie ihm an diesem wunderbaren Flecken
Erde gewährt hatten; von hier reichte der Blick weit
über die glitzernde Eiswüste.
Nun begann er, an sich zu klopfen und zu kneten, und
nachdem er sich die Oberarmmuskeln warmgerieben
hatte, streifte er die Fäustlinge über, stützte die Handflächen 
auf die Schneekante und hievte sich aus seinem Hochsitz.

Ja, er war wirklich ein Glückspilz.

Der Mann warf sich Gewehr und Jagdtasche über, stapfte
zügig los und verlangsamte seinen Schritt erst, als er
die Lófaklöpp erreicht hatte, diese felsigen Zeugen der
Eiszeit, die den Bergrücken überragen und auf denen
nie eine einzige Schneeflocke liegen bleibt.
Er warf den Tornister ab, schlüpfte aus Fäustlingen,
Lederstiefeln und Wollsocken und breitete alles zum
Trocknen neben sich auf dem Felsen aus.
Und dann, Teufel noch mal, schlüpfte er auch aus den
restlichen Kleidern und saß so, wie er auf die Welt gekommen
war, auf dem Stein:
In nichts als seiner nackten Haut.
Er war ein Kind der Erde und der Sonne.
Da rumorte es in seinen Gedärmen und der Mann
merkte, wie hungrig er war; beim Aufbruch hatte er sich
mit Kochfisch vollgestopft, seitdem aber nichts mehr
zwischen die Zähne bekommen; und das war mehr als
zwanzig Stunden her.
Etwas Eis hatte er zwischendurch gekaut, um genau
zu sein, aber das war eine fade und wenig gehaltvolle
Kost. Er öffnete seine Tasche:
Handtellerbreite Hammelkoteletts, Flachbrot mit gesäuerter
Schafsbutter und eingelegtem Lammbraten,
getrockneter Dorschkopf, saurer Blutpudding, etwas
Stockfisch, gerührter Quark und ein paar Brocken brauner
Zucker.

Das alles war in seinem Proviantbeutel.

Die Sonne wärmt den weißen Männerkörper, und der
Schnee, der mit unentschlossenem Knirschen taut, ist
die Erkennungsmelodie.
Um die Mittagszeit leuchteten die Berge noch immer
hell am Horizont, und durch die Wolkendecke blitzte
der blaue Himmel. Der Mann dachte an die unzähligen
kostbaren Stunden, die er in den Bergen verbracht hatte,
seit er ein Junge war. Nichts würde an die Schönheit dieser
Tage je heranreichen – außer der neue Kronleuchter
unten in der Kirche von Dalur.
Nanu! Der Mann wirft sich auf den Boden: Was war
das dort hinten? Ein Felsvorsprung?
Er spähte durch das Fernglas, konnte aber nichts erkennen.
Beschlagen. Er wischte mit dem Ärmel darüber.
War es das, was er vermutete, tatsächlich? Jetzt war es
weg – nein, da war es wieder:
Der Kopf einer Füchsin! Ja, jetzt sah man die Umrisse
ganz deutlich. Da war sie also, die Erdschwarze! Hatte
wohl schon geraume Zeit da oben auf der Lauer gelegen.
Er steckte das Fernglas wieder ins Etui.
Die Füchsin stieß einen fürchterlichen Schrei aus.
Das Land dort oben hat wenig Gefälle, nur sanfte Grashöcker,
dazwischen flache Spalten, und nach Osten zu
leicht abfallend. Der Mann sah keine Chance, der Füchsin
den Weg abzuschneiden, ohne dass sie ihn bemerkte.
Also blieb er einfach dort liegen, wo er sie erspäht hatte,
und regte sich nicht mehr. Die Füchsin schnellte auf einen
Felsvorsprung und begann laut zu heulen. Dort saß
sie, und bei jedem Laut, den sie von sich gab, reckte sie
die Schnauze steil in die Luft.
So wollte die Füchsin den Mann dazu bringen, sich zu
bewegen. Denn sobald er sich hinkauerte, würde sie ihn
höchstwahrscheinlich aus den Augen verlieren.
Der Mann lag ausgestreckt auf dem Bauch. Es war ihm
gelungen, sich nach Norden auszurichten, das Gewehr
in Reichweite vor sich, aber größere Bewegungen wagte
er nicht, denn zwischen ihm und der Füchsin war der
Boden vollkommen eben, nichts, was ihn vor ihren Blicken
hätte schützen können. Zu alledem war die Waffe
nicht geladen. Es war aussichtslos, eine Patrone in den
Lauf zu bekommen, ohne dass die Fuchsbestie auf ihn
aufmerksam würde.
Jetzt kam es darauf an, entschlossen zu handeln, denn
die Schwarze noch einmal entwischen zu lassen, so wie
tags zuvor – das konnte er sich nicht leisten.
Was war also zu tun?
Die Füchsin auf dem Felsen reckte sich zu voller Größe
empor und wollte sich gerade davonmachen. Der Mann
rollte sich auf den Rücken und stocherte mit Armen und
Beinen in der Luft.
Er wuchtete sich auf alle viere, dann hob er das rechte
Bein wie ein Hund, der gegen den nächsten Grashöcker
pinkelt.
Er stieß einen lauten Klageton aus.
Mit dieser Art Spektakel gelang es dem Mann, die Flucht
der Füchsin hinauszuzögern. Er kroch in sein Versteck
zurück und überdachte den nächsten Schritt, und sie
hielt inne und wartete, ob es noch weitere Kunststückchen
zu sehen gab.
Jetzt lud der Mann sein Gewehr, er steckte eine halbe
Ladung Schrot in den Lauf, so viel würde er mindestens
brauchen, wollte er das Tier gleich mit dem ersten
Schuss erledigen. Dann fuhr er mit der Hand in seine
Tasche und tastete nach dem zerfledderten Gebetbüchlein,
das er immer mit sich herumtrug, riss eine Seite
heraus, zerknüllte sie zwischen den Fingern und stopfte
den Papierknäuel in den Gewehrlauf. So würde es nicht
mehr pfeifen, wenn ihm beim Anlegen die scharfen
Sturmböen direkt in die Laufmündung peitschten.
Mit schnellen, geschickten Handgriffen befeuchtete
er das vordere Ende des Gewehrlaufs mit Spucke und
befestigte dort ein Stück Moos, das schnell am Metall
festfror. Er schob es in Position, dann legte er an und
zielte zur Probe; die Flechte würde er auch in der tiefsten
Dunkelheit noch erkennen.
Der Mann richtete sich auf und legte die Flinte an, ging
in Schrittstellung, lehnte sich nach vorne auf den linken
Fuß und konzentrierte sich voll und ganz auf den Felsvorsprung.
Aber die Füchsin war nirgends zu sehen.
Er zögerte lange, bis er die Waffe sinken ließ. Diesmal
würde ihm das Tier nicht entkommen. Der Schnee deckte
alles zu, bis zum Fuß des Gletschers, nirgends ein
freier Fleck, und die Füchsin schrieb ihre Reisenotizen
auf die dick verschneite Ebene so schnell, wie sie sich
zutrugen.
Er packte die Flinte mit beiden Händen und setzte
sich in Bewegung.
Einen ganzen Tag lang rannte die Füchsin über Stock
und Stein, und der Mann folgte ihr dicht auf den Fersen.
Sie schrieb den Dienstplan, der ihm befahl, was er in
der realen Welt zu tun hatte.
Als der Mann den Findling am Rand der Hochebene
von Ásheimar erreichte, hätte er die Füchsin um ein
Haar aus den Augen verloren.
Er sah gerade noch, wie sie sich dreimal um sich
selbst drehte, sich an einen Felsbrocken kauerte, zusammenrollte
und die Schnauze unter die Schwanzspitze
steckte.
Und der Mann tat es ihr nach.
Am Horizont verdämmerte das letzte Tageslicht.
Nun herrschte im Himmelssaal ausreichend Dunkelheit,
und die Töchter des Nordlichts rüsteten sich zu
ihrem wilden Schleiertanz.
In atemberaubendem Farbenspiel glitten sie leicht und
behende über die weite Himmelsbühne, in flatternden
Goldgewändern und mit fließendem Perlenschmuck,
den sie in ihrem übermütigen Tanz bald hierhin, bald
dorthin schleuderten. Und dieses Schauspiel, das sich
da bot, ist kurz nach Sonnenuntergang besonders deutlich
zu sehen.
Dann fällt der Vorhang, und die Nacht übernimmt
das Regiment.
Nun wurde der Mann vom Schlaf erfasst, mit einer
Macht, die er nie zuvor gekannt hatte. Was wäre, durchzuckte
es ihn, wenn er hier nun ganz einfach sang- und
klanglos sterben würde. Er war völlig entkräftet, sein
Kopf schmerzte, und er atmete schwer. In seinen Ohren
dröhnte und toste es, aber zugleich hörte er ein Hämmern
und Klopfen. Sein Herz.
Was hatte das zu bedeuten?
In diesem Moment stieß die Füchsin drei lang gezogene
Warnschreie aus. Die Schreie kamen aus östlicher
Richtung, sie wurden von einem Windstoß herübergeweht
und trafen den Mann wie Donner und Blitz.
Er fuhr zusammen. Warf einen schnellen Blick nach
links; dort huschte ein dunkler Schatten, sie sah aus wie
ein kohlschwarzer Teufel.
Dann war sie verschwunden.
Totenstille. Nicht einmal mehr ein Herzschlag.
War er vielleicht schon tot?
Nach geraumer Zeit erspähte er genau am selben Ort
wieder eine Füchsin. Diesmal schien sie kleiner, und
ihre Bewegungen zeugten von ungewöhnlich großer
Anspannung, Vorsicht und Klugheit. Ganz anders als
bei der ersten. Und hören ließ sie keinen Laut.
Nachdem das Tier für eine Weile gut zu sehen gewesen
war, verschwand es aus seinem Blickfeld. Er kämpfte
gegen ein Gähnen, das sich unerbittlich auf seinem
Gesicht ausbreitete. Plötzlich bewegte sich etwas ganz
in seiner Nähe, und direkt vor seinen Augen löste sich
eine fuchsartige Gestalt aus dem Dunkel. Sie tanzte auf
den Hinterpfoten und schlängelte sich wie ein Aal in
der Strömung, als hätte sie sich schon ganz vom Boden
gelöst.
Eine vierte, unsichtbar in der Dunkelheit, stieß irgendwo
in der Ferne einen keckernden Schrei in die Nacht:
»Agga-gagg!«

Der Mann rief sich zur Vernunft. Hier in diesen Landstrichen
war die erdschwarze Sorte so selten, dass sich
schon die Kunde von einem einzigen Tier blitzschnell
über Dörfer und Gehöfte verbreitete. Die Schwarze, die
Zurückhaltende, die Tanzende und die, die gekeckert
hatte: Alle waren sie ein und dieselbe Füchsin. Anders
konnte es gar nicht sein.
»Alles ein und dieselbe Füchsin, ein und dieselbe
Füchsin. Alles ein und dieselbe Füchsin, ein und dieselbe
Füchsin …«
Er wiederholte die Worte wieder und wieder, wie
jemand, der sich nach und nach aus einem Albtraum
befreit; im Stillen laut rufend. Schließlich spürte er Erleichterung,
und als seine Tränen langsam versiegten,
sah der Mann die Füchsin noch immer an derselben
Stelle.

Er selbst hatte sich keinen Millimeter vom Fleck bewegt.
Da begann es zu schneien.

Es schneite.

Erdschwarze Füchse sehen Steinen so verblüffend ähnlich,
dass es wie Hexerei erscheint. Wenn sie in ihrem
Winterkleid auf dem Fels liegen, sind sie vom Untergrund
kaum zu unterscheiden, ganz im Gegensatz zu
ihren weißen Verwandten, die immer einen Schatten
werfen oder sich gelblich fahl vom Schnee abheben.
Eine erdschwarze Füchsin liegt wie hingemauert
auf ihrem Stein und lässt Wind und Wetter über sich
hinwegfegen. Sie liegt fest zusammengerollt, das Hinterteil
in Windrichtung und die Schnauze unter dem
Hinterlauf vergraben; zwischen den halb geschlossenen
Lidern sind die Pupillen nur zu erahnen. Dennoch lässt
sie den Mann nicht aus den Augen, der reglos dort unter
der Schneewehe kauert, hier oben, am Rande der Hochebene
von Ásheimar – seit ungefähr achtzehn Stunden.
Der Schneesturm hat ihn zugeweht, nun erinnert er am
ehesten an einen verschneiten Mauerrest.
Doch eins darf das Tier auf keinen Fall vergessen:
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