Hanns A. Singer

Faraway
(aus: Weggefährten aus dem Ruhr-Wupper-Raum, 1962, Verlag Baltin, hrsg. von Hans Schulz).

Kürzlich kehrte eine Expedition aus Faraway zurück. Von all dem Merkwürdigen, das sie mitbrachte, sei hier nur über ihre Feststellungen hinsichtlich des Schriftstellerwesens berichtet. Schon immer hatte es in jenem Lande Schriftsteller gegeben, Männer, die neben ihrem Beruf Freude an der Ausübung dieser Tätigkeit fanden. Sie hatten sich zu Dichtervereinen zusammengefunden, zuerst in den Städten, dann aber auch in kleineren Orten, und zuletzt besaß fast jedes Dorf seinen Dichterverein. Allmählich bildete sich die Sitte heraus, die elf Besten jedes Vereins als eine Mannschaft zu betrachten, die ihren Heimatort nach außen bei Wettkämpfen und anderen Gelegenheiten vertrat. Denn es fanden tatsächlich Wettkämpfe zwischen den Mannschaften verschiedener Orte statt, und jeder Einwohner war stolz, wenn "seine" den Sieg davontrug. So groß war das allgemeine Interesse, und die Prominenten wurden hoch geehrt. Alles das verlief ruhig und liebenswürdig, und alles Notwendige ergab sich von selber. Und viel von der so gepflegten Kunst sickerte ins Volk. Indessen war es kein Volk von Dichtern; viele Einwohner huldigten anderen Liebhabereien, z.B. dem Fußballsport, und das eigentliche Dichten besorgten doch nur die Aktiven in den Vereinen. Die übrigen nannten sich zwar Dichtmänner, beschränkten sich jedoch darauf, die Wettkämpfe zu diskutieren und vielleicht die letzte Nummer einer Dichterzeitung zusammengefaltet in der äußeren Jacketttasche zu tragen.

Vor fünf Jahren hatte das Dichterwesen einen ungeheuren Aufschwung genommen. An bestimmten Tagen der Woche strömte jung und alt zu den Wettkampfplätzen, die immer weiträumiger angelegt wurden, da sie die Massen nicht mehr fassen konnten. Erschütternde Szenen spielten sich ab, und mancher mußte fortgetragen werden.

Nun setzte aber auch die Organisation ein. So primitiv wie früher ging das nicht mehr. Die Dichtervereine wurden zu Spitzen-, Haupt-, Ober-, Mittel- und Unterligen zusammengefaßt. Es gab Dichterbehörden, -ausschüsse und -kommissionen. Um Höchstleistungen zu erzielen, verpflichteten die Vereine bekannte Dichter als Vertragsdichter, die nun materiellen Sorgen enthoben waren und nur noch für ihren Verein dichteten. Auch hatte bald jeder Verein einen Trainer, der durch zielbewußte Arbeit immer neue Höchstleistungen und damit Siegenschancen für den Verein sicherzustellen hatte.

Hierbei konnte es natürlich nicht ausbleiben, daß sich die Vereine gegenseitig ihre Trainer und Vertragsdichter wegengagierten, indem sie ihnen z.B. mehr boten. Einige brachten es da zu beachtlichen Leistungen. Die Amateurdichter nannten dies jedoch ungeistig und wollten das Verfahren verpönt wissen. Da sie indessen nicht die Leistungen der Profis aufzuweisen hatten, strömte das Publikum nicht - wie gehofft - zu ihren Darbietungen. So verlief die heroische Bewegung im Sande, und es blieb alles beim alten. Böse Zungen murmelten sogar etwas wie "der Fuchs und die Trauben".

Die Fußballspieler von Faraway sahen dieser ganzen Entwicklung mit sehr gemischten Gefühlen zu, denn sie hatten einmal eine große Rolle im Lande gespielt. Jetzt rückten sie immer mehr in den Hintergrund. Sie wurden immer seltener zu Darbietungen aufgefordert, zumal diese in zunehmendem Maße von ausländischen Kräften bestritten wurden. Sie fingen an, Hunger zu leiden, mancher mußte sich wieder einem bürgerlichen Beruf zuwenden, was besonders den Anfängern sehr schmerzhaft war. Und wem das nicht gelang, der hungerte eben. Auch die einschlägigen Ministerien und andere Behörden konnten daran nichts ändern; das Interesse der Nation hatte sich nahezu vollkommen vom Fußball ab- und der Dichtkunst zugewandt. Außerdem waren sie von der kulturellen Bedeutung des Fußballsports gar nicht so fest überzeugt.

Die Dichtkunst feierte aber nun nie geahnte Triumphe. Im Laufe der Zeit war es üblich geworden, über den Ausgang bzw. Erfolg von Wettkämpfen, Uraufführungen und Neuerscheinungen Wetten abzuschließen. Das wurde nun in ein großartiges System gebracht - genannt Uraufführungstoto -, zwar recht ähnlich dem bei Pferderennen üblichen, aber das störte weder die Wettenden noch die Dichter, obwohl letztere sich durch die fast peinliche Analogie gekränkt hätten fühlen müssen. Sie hatten jedoch auch wirkliche Vorteile dabei, denn bald wurden bei jedem Anlaß Millionen umgesetzt, so daß die Vereine Zuschüsse erhalten konnten. Ja, es wurden sogar Dichtersanatorien gebaut, ein wirklich soziales Werk, denn einerseits zehrt das dauernde Dichten an der Gesundheit, und auf der anderen Seite führte die zunehmende Schärfe der Wettkämpfe immer häufiger die zunehmende Schärfe der Wettkämpfe immer häufiger zu ernsten Verletzungen der Dichter und der Schiedsrichter.

Auch andere Aufgaben von öffentlichem Interesse wurden durch die beim Toto umgesetzten Millionenbeträge gelöst. Die Fußballspieler bekamen natürlich nichts davon ab. Bei einer so ausgefallenen Liebhaberei, von der die Allgemeinheit wirklich nichts hatte, wäre das dieser gegenüber auch nicht zu vertreten gewesen.

In einem Punkt waren die Dichter allerdings enttäuscht. Sie hatten gehofft, daß die Posten der Generaldirektoren, Direktoren, Abteilungsleiter, Aufsichtsratsmitglieder usw. der Totogesellschaften aus ihren Reihen besetzt würden. Das hätte für manchen beim Ausscheiden aus dem aktiven Dichten doch viel bedeutet. Sie mußten aber erkennen, daß andere zwar für das Dichten viel übrig hatten, darüber jedoch die wirtschaftliche Verwertbarkeit solcher Ideale nicht aus den Augen verloren. So endete manche Dichterlaufbahn nach raketenhaftem Aufstieg im Besitz einer bescheidenen Totoannahmestelle. Nur wenige hatten soviel erspart, daß sie ein Dichterrestaurant eröffnen konnten.

Die für die Expedition vorgesehene Zeit war abgelaufen. Sie mußte an die Rückkehr denken, konnte also den Ausgang der Entwicklung nicht mehr beobachten, der allerdings kaum zweifelhaft sein dürfte. Bezeichnend mag lediglich sein, daß kurz vor der Abreise in einer Kunstausstellung eine Plastik preisgekrönt wurde, deren symbolischer Gehalt ein Licht auf die Erwartungen im Lande Faraway in dieser Hinsicht wirft. Sie stellte einen hingesunkenen Mann dar, der sich noch auf einen Arm stützt. Seine Züge waren abgehärmt und von Hunger, Entbehrung und Enttäuschung gezeichnet. Auf dem Sockel stand: "Der letzte Fußballspieler." Das Werk wurde von einem Dichterverein angekauft zur Zierde der zum Klubhaus gehörenden Parkanlagen.

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