Ein Bräutigam und zwei Bräute von Isaac B. Singer, 2004, Hanser

Isaac Bashevis Singer

Ein Bräutigam und zwei Bräute
(Leseprobe aus: Ein Bräutigam und zwei Bräute, Geschichten, 2004, Hanser - Übertragung Sylvia List)

Ein Stück Finsternis Die Tür ging auf, und eine alte Frau mit Stock
trat ein. Sie war nicht weiß, sondern schwarz: Sie trug eine zottelige
schwarze Frauenperücke, hatte ein dunkles, runzliges Gesicht,
schwarze Augen, ein schwarzes Bärtchen an der Spitze ihres
vorstehenden Doppelkinns – und sie trug ein schwarzes
Umschlagtuch und ein so langes schwarzes Kleid, daß es den Boden
hinter ihr zu fegen schien. Mit hohem Alter verbindet man
gewöhnlich Ruhe und Frieden, aber bei dieser Frau hatte es etwas
Finsteres, Hexenhaftes. Überall sprossen ihr Barthaare und Warzen.
Sie hatte jedoch ein jüdisches Anliegen. Sie sei alt, sagte sie. Sie
hatte ein wenig Geld gespart, das sie bei Lebzeiten nicht aufbrauchen
würde. Da sie kinderlos war, wollte sie einen achtbaren Mann
verpflichten, der eines Tages zu ihrem Andenken Kaddisch sagen
würde. Sie schlug vor, mein Vater solle das tun, und war bereit, ihm
einen Vorschuß von hundert Rubeln zu geben. Der Rest sollte nach
ihrer Beerdigung gezahlt werden. Wir hätten das Geld gut
gebrauchen können, aber mein Vater lehnte ab. Er sagte, niemand
wisse, was morgen sei. Wie könne er da Geld von ihr annehmen?
Niemand habe einen Vertrag mit dem Allmächtigen. Ich spürte, daß
Vater noch andere Bedenken hatte. Er wollte nicht vom Tod eines
anderen profitieren, selbst wenn es der einer alten Frau war. Die
ganze Sache war ihm zuwider. Doch die alte Frau ließ nicht locker.
Wenn der Rabbi ihr nicht helfen könne, wer dann, forderte sie laut
und pochte mit dem Stock. Vater überlegte, wer diese Aufgabe
übernehmen könnte, und fand rasch den rechten Mann. Im Bethaus
gab es einen kleinen Mann mit grauem Bärtchen, frischer
Gesichtsfarbe und jungen Augen. Obwohl nicht mehr der Jüngste,
hatte er noch immer einen munteren Gang. Er trank oft, dachte sich
Geschichten aus und machte seine Späßchen. Ganz offensichtlich war
er gesund, Gott sei Dank, und würde noch viele Jahre zu leben haben.
Er war ein kleiner Krämer gewesen, doch jetzt unterstützte ihn sein
Schwiegersohn, ein wohlhabender Obstgroßhändler. Vater ließ den
Mann holen. Als er ihm die Bitte der Alten vortrug, war der Mann
sofort einverstanden. Er rieb sich die geröteten Hände und sagte:
»Warum nicht? Kaddisch ist Kaddisch.« Die Alte starrte ihn finster
an. Ihre schwarzen Augen schienen sich in ihn hineinzubohren, um
seine innersten Geheimnisse zu ergründen. Nach einem kurzen
Augenblick rief sie: »Er soll bei dem Totengebet für mich auch
Vorbeter sein.« »Warum nicht? Ich mache den Vorbeter.« »Ein
ganzes Jahr lang!« stieß die Alte zornig hervor.»Gewiß, das ganze
Jahr hindurch.« »Und an meinem Todestag soll ein Jahrzeitlicht für
mich entzündet werden, und Sie müssen die Mischna studieren.«
»Die Mischna studiere ich sowieso...« »Ich will einen Vertrag und
einen Handschlag.« Hier schaltete Vater sich endlich ein: »Wir
können eine schriftliche Vereinbarung treffen, aber ein Handschlag
ist nicht nötig. Wenn ein Jude ein Versprechen abgibt, hält er sein
Wort, so Gott will.« »Sie, Rabbi, würden Ihr Versprechen halten,
aber ihm traue ich nicht!« erklärte die Frau mit einer Heftigkeit, die
ihr Alter Lügen strafte. »Wenn Sie ihm nicht trauen, hat es keinen
Sinn«, sagte Vater. »Bei einer solchen Sache muß man darauf
vertrauen, daß der andere Wort hält.« »Rabbi, Ihnen vertraue
ich.«Der grauhaarige Mann stand die ganze Zeit dabei, und seine
Miene sagte: Wie immer es läuft, ich kann gut ohne diese Frau
auskommen... Er trug einen wattierten grauen Kaftan, eine
Plüschkappe, ein rotes Halstuch und Lederstiefel, die unverwüstlich
aussahen. Seine von Äderchen überzogenen roten Wangen zeigten
deutlich, daß er gerne trank und voller Lebenssaft war. Er holte eine
Schnupftabakdose heraus, schüttete sich eine Prise in die Hand und
zog sie durch seine behaarten Nasenlöcher tief ein. Er nieste nicht
einmal. Wir Chederschüler sagten immer, nicht zu niesen sei ein
sicheres Zeichen, daß der Tabak direkt ins Gehirn ging... Schließlich
setzten sie einen Vertrag auf, und der Mann unterschrieb. Als er
vorschlug, den Abschluß mit einem Glas Schnaps zu besiegeln,
schickte die Alte mich hinunter, um eine Flasche und Eierküchel zu
besorgen. Der Mann schenkte sich ein großes Glas ein, und die Frau
selber trank auch eins. Vater trank nicht. Der Mann, der
Kaddischbeter, füllte sich das Glas zum zweitenmal und rief: »Jetzt
haben Sie einen, der für Sie Kaddisch sagt – mögen Sie noch
hundertzwanzig Jahre leben!« Die Alte schüttelte den Kopf. »Wozu
ist mein Leben nütze?« Sie hatte vorgehabt, meinem Vater hundert
Rubel Vorschuß zu zahlen, doch dem Alten gab sie nur
fünfundzwanzig und versprach, der Rest werde nach ihrem Tod
beglichen. Der Alte willigte in alles ein und verschwand dann. Die
Frau blieb noch; sie kam in die Küche und deutete Mutter an, daß sie
mit dem Handel nicht zufrieden war. Sie habe kein Vertrauen zu
diesem Menschen. Meine Mutter hörte sie an und sagte: »Das beste
ist, für sich selbst Kaddisch zu sagen.« »Wie soll das denn gehen,
meine Liebe?« »Man tut gute Werke. Man betet. Man wahrt
Jüdischkeit. Man spricht nicht schlecht von anderen. All das ist
besser als das beste Kaddisch. «Die Alte sann darüber nach und ging
dann. Einige Monate vergingen. Plötzlich öffnete sich die Tür, und
die Alte humpelte herein, schwarz wie eine Krähe. Selbst ihre Nase
glich einem Krähenschnabel. »Rebbezin, ich bin hereingelegt
worden.« »Was ist passiert?« »Stellen Sie sich vor, dieser dämliche
Windbeutel will heiraten. «Offenbar wollte der alte Mann, ihr
Kaddischbeter, ein Miststück heiraten, das auf dem Markt faulige
Äpfel verkaufte.Im ersten Augenblick war Mutter überrascht, dann
fragte sie: »Was ist daran so schlimm? Er hat Ihnen versprochen,
Kaddisch zu sagen, und wird das auch tun.« »Seine Frau wird es
nicht zulassen.« »Warum nicht?« »Weil sie ein Biest ist.«Die Frau
bestand darauf, daß wir ihren Kaddischbeter holten. Ich mußte nicht
allzuweit laufen, denn das Ganze spielte sich in unserem Hof ab. Der
Mann saß im Bethaus und erzählte Geschichten. Er kam sofort mit.
Kaum erblickte er die Alte, funkelten seine Augen. »Was will sie
diesmal?« Die Alte erklärte, da er heiraten wolle, reue sie der ganze
Handel. »Reue und Geschäft sind zwei Paar Stiefel«, erwiderte der
alte Mann. Die Alte wollte ihre fünfundzwanzig Rubel zurück, aber
der Mann sagte, er habe sie schon ausgegeben. Er scharrte
ungeduldig mit den dickbesohlten Lederstiefeln. »So ein
Schlamassel!« entfuhr es ihm. Es war kein einfacher Rechtsstreit. Der
Mann stritt nichts ab. Er hatte das Geld schon verbraucht. Er hatte mit
der Alten nicht vereinbart, daß er nicht heiraten dürfe. Für einen
Vergleich war kein Raum, weil der Mann nicht willens war, auch nur
eine einzige Kopeke zurückzuzahlen. Vater sagte, die Heirat des
Mannes sei kein Hindernis, Kaddisch zu sagen. Wie sollte denn das
eine mit dem anderen zu tun haben? Aber die Alte war wütend. Ihr
Gebrummel und Gemurmel verhieß nichts Gutes. Sie starrte den
Mann finster an. Mir kam es vor, als wolle sie ihn mit dem bösen
Blick verhexen und ihn vernichten. »Ich werde mir jemand anderes
suchen müssen«, rief sie. »Warum denn? Ich werde für Sie Kaddisch
sagen.« »Ich will Ihr Kaddisch nicht.« »Dann eben nicht.« »Das
Geld, das er von mir hat, wird ihm Unglück bringen«, prophezeite die
Alte düster. Der alte Mann heiratete. Ein paar Wochen nach der
Hochzeit kam er ins Bethaus. Seine roten Wangen waren fahl
geworden. Er ging gebückt. Die Stiefel schienen ihm jetzt viel zu
groß. Die Männer im Bethaus hänselten ihn: »Na, wie geht’s dem
jungen Ehemann?« Der Mann spuckte aus. »Nicht gut.« »Was ist
los?« »Eine Hexe, das niederträchtigste Stück, das man sich
vorstellen kann.« »Was will sie denn?« »Was weiß ich? Sie piesackt
mich. Sie läßt mich mit ihrem Gekeife nachts nicht schlafen. Sie
weckt die Nachbarn. Die Leute kommen und hämmern gegen die
Tür.« »Also, was will sie?« »Weiß der Kuckuck. Sie redet wie eine
Irre, möge das keinem von uns widerfahren!« »Und was willst du nun
tun? Zurückgehen zu deiner Tochter?« »Sie würde mich nicht
aufnehmen.« »Wieso?« »Sie ist wütend, daß ich geheiratet habe.«
»Und was jetzt?« »Es sieht schlecht aus. «Der Mann hatte sich mit
Tochter und Schwiegersohn zerstritten und ein halbverrücktes
Marktweib geheiratet. Sein graues Bärtchen war schneeweiß
geworden.Er erzählte keine Geschichten mehr. Er saß im Bethaus
und psalmodierte wehklagend, wie für einen Schwerkranken.
Mehrmals ging er zum Schlafen nicht nach Hause. Am Morgen fand
der Schammes ihn auf einer Bank liegend, einen zerschlissenen
Gebetsmantel unter dem Kopf. Nach einer Weile hörte man, er habe
sich von dem Marktweib scheiden lassen, aber seine Tochter lasse
ihn nach wie vor nicht in ihr Haus. Er hatte ihre Mutter durch eine
ordinäre Marktvettel ersetzt – und das konnte seine Tochter ihm nicht
verzeihen. Der Mann unternahm Schritte, um ins Altersheim
aufgenommen zu werden, aber dort sagte man ihm, er sei zu jung.
Außerdem hätte er auch eine Mitgift einbringen müssen, wie – man
verzeihe den Vergleich – eine Nonne, die in ein Kloster eintreten
will. Da tauchte die Alte mit dem schwarzen Bärtchen wieder auf. Sie
fing an, Hafergrütze für ihn zu kochen, seine Strümpfe zu stopfen,
seine Hemden und Unterhosen zu waschen. Sie wurde seine
Beschützerin. Diese Frau, für die er Kaddisch sagen sollte, verhielt
sich auf einmal wie eine Ehefrau. Nicht lange, und das
Unvermeidliche geschah. Die Alte kam zu uns und verkündete, daß
sie gewillt sei, diesen Mann zu heiraten, der für sie hätte Kaddisch
sagen sollen und der sicherlich zwanzig Jahre jünger war als sie. Bei
dieser Rede pochte sie mit ihrem Stock auf den Boden. Ihr Bärtchen
zitterte. Die Warzen in ihrem Gesicht hüpften flink. Für eine Frau ist
es nicht schlimm, allein zu sein, erklärte sie. Wozu brauchte sie einen
Mann? Sie kocht sich ein bißchen was zu essen, wäscht ihre paar
Sachen, fegt ihre Wohnung, und schon ist alles in bester Ordnung.
Wenn sie hin und wieder nachts Bauchschmerzen bekommt, erhitzt
sie einen Topfdeckel und legt ihn sich auf den Leib. Ein Mann aber
ist wie ein verlassenes Kind. Er kann nicht kochen, nicht Wäsche
waschen, nicht saubermachen. Wenn man nicht für ihn sorgt,
verwahrlost er völlig. Da er sowieso Kaddisch für sie sagen werde,
könne er ebensogut auch ihr Ehemann werden. Sie habe eine
Wohnung und etwas Geld. Er werde bestimmt nicht verhungern.
»Die paar Jahre, die ich noch habe, sollten wir in Anstand leben«,
setzte sie hinzu. Mutter hörte ihr zu und schwieg. Der alte Mann kam
auch dazu. Er hatte keine große Lust zu dieser Verbindung, aber er
sagte: »Habe ich denn die Wahl? Meine Tochter will mich nicht, also
muß sich irgendwer meiner erbarmen... und ich bin nicht mehr kräftig
genug, um auf einer harten Bank zu schlafen.« Er heiratete – hatte
aber anscheinend nicht das große Los gezogen. Wieder saß er im
Bethaus und psalmodierte wehklagend.Die jungen Leute fingen an,
ihn auszufragen. Sie wollten wissen, ob er der Hexe nähergetreten
sei, aber der alte Mann fauchte: »Ich bin nicht verpflichtet, euch
Auskunft zu geben.« »Wie alt ist sie?« »Ich habe ihre Jahre nicht
gezählt.« »Hat sie ein Reisigbündel?« »Werdet nicht frech!« rief der
alte Mann. »Zurück an eure Bücher!« Eines Winterabends, zwischen
Nachmittags- und Abendgebet, klagte der Alte, er sei stark erkältet.
Er ging nach Hause, erschien anderntags aber nicht zum
Morgengebet. Auch am folgenden Morgen kam er nicht ins Bethaus.
Dort meinte man, man werde ihm wohl einen Krankenbesuch
abstatten müssen. Doch es war schon zu spät – der Kaddischbeter war
gestorben. Bei der Beerdigung brach zwischen der Witwe und der
Tochter des alten Mannes Streit aus. Nach den sieben Tagen der
Schiwe kam die Alte zu Vater und verlangte, er solle einen neuen
Kaddischbeter für sie suchen. Und noch eins: Da ihr Ehemann keinen
Sohn hinterlassen habe und sein Schwiegersohn ein Grobian, Flegel
und Schurke sei, sei sie bereit, zusätzlich ein paar Rubel
aufzuwenden für jemanden, der für ihn Kaddisch sagte. Die Alte
stand in der Küche, kohlrabenschwarz, mit verzerrtem Gesicht,
schiefem Mund – ein Stück Finsternis. Eine dämonische Kraft ging
von ihr aus. Meine Mutter kam normalerweise allen Leuten
freundlich entgegen, aber gegen diese alte Mörderin zeigte sie
offenen Widerwillen. Vater sagte, er wisse keinen anderen
Kaddischbeter, und deutete an, sie möge ihn in Ruhe lassen. Doch sie
ging nicht sogleich. Ihr Blick strahlte grimmige Entschlossenheit aus,
die gespenstische Selbstsicherheit derer, die zu lange gelebt haben
und den Todesengel nicht mehr fürchten. Ich war damals noch ein
kleiner Junge, aber ich spürte genau, daß die Alte auf irgendeine
geheimnisvolle Weise ihren Kaddischbeter umgebracht hatte. Einer
Spinne gleich, hatte sie ihn in ihrem Netz gefangen und vernichtet.

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