Diana García Simon

Leopoldo Marechal

Marechals Karriere beginnt in den zwanziger Jahren mit der literarischen Gruppe der Martinfierristas, einem Kreis von Intellektuellen rund um die Zeitschrift Martin Fierro, der illustre Vertreter der argentinischen Kultur angehörten, unter anderem Oliverio Girondo, Güiráldez, Ricardo Molinari und Jorge Luis Borges. Bekannt geworden sind die Auseinandersetzungen Marechals mit Leopoldo Lugones über die verso libre (dt. Abfolge von Versen ungleicher Silbenzahl), Diskussionen, die in der Zeitschrift Martin Fierro stattfanden und das Verhältnis der beiden Dichter zueinander nachhaltig geschädigt haben.

Von Martin Fierro erschienen zwischen 1924 und 1927 insgesamt 45 Ausgaben, und nicht wenige Stimmen beurteilten die Martin-Fierro-Bewegung negativ. Borges, der sich schon kurz nach der Gründung wieder von der Gruppe distanzierte, beschreibt den martinfierrismo als „inocentes novedades ruidosas“ (Viñas 1971). Viñas selbst fällt ein noch weniger mildes Urteil:

Con los viejos, caducos e instalados, se practica un terrorismo suculento, sobreactuado o juguetonamente irónico de manera que se entienda- por exceso o por distancia- que la cosa no pasa por ahí y sólo se trata de ser reconocido por el otro en ese juego bonachón e impertinente. En el fondo los martinfierristas siempre presintieron que su pasaje de lo juvenil sería un salto a la vejez...“ (S. 63).

Marechal greift in seinen Texten immer wieder die Thematik von Borges auf, insbesondere die Exkurse über Taitas und Compadritos - Figuren der Tango Texte -, ein üblicher Zeitverteib der jungen Intellektuellen aus wohlhabenden Familie; im wohlhabenden Argentinien dieser Jahre unter der Präsidentschaft von Marcelo T. de Alvear war das sozial orientierte Interesse der Literaten nicht gerade ausgeprägt.

1927 gründete eine Gruppe von Schriftstellern, der unter anderem Marechal, Pondal Ríos, Borges, López Merido und die Gebrüder González Tuñón angehörten, das Comité Irigoyenista de Intelectuales Jóvenes, das sich für die Wiederwahl von Hipólito Yrigoyen, dem Gründer der Partido Radical und ewigem Gegner der Peronisten, einsetzte.

Als Lyriker gehörte Marechal auch dem Ultraismus, der von Guillermo de Torre in Madrid 1918 gegründeten Avantgardebewegung, und der ihr nahestehenden Publikation Proa, die aus der Wandzeitung Prisma hervorgegangen war, an. Proa war eine Nachfolgerin von Prisma, einer Wandzeitung, die schon nach zweimaligem Erscheinen eingestellt wurde.

Die Karriere Marechals verlief in den späteren Jahren zwar parallel mit den Schriftstellern des „Boom“, der die europäischen Leser ab 1960 faszinierten, unterschied sich aber ganz wesentlich. Als ein Beispiel sei hier Marechals Vorliebe für transzendentale Konfliktsituationen genannt, die nur wenig mit den menschlichen Leidenschaften der bekannten Literatur des Booms zu tun haben. Seine Texte sind vielmehr in Roman- oder Gedichtform gebrachte Philosophiestudien, die Wiedergabe einer Handlung ist nebensächlich. Er gilt deshalb auch als „Ideen“- Schriftsteller. Marechal sucht nicht die Identifikation der Leser mit seinen Figuren, sondern stumme Zeugen und Zuschauer seiner Theoriedarstellungen. Seine Protagonisten sind und bleiben körperlos, haben eine geliehene Stimme, werden nie Wirklichkeit, auch wenn er diese rigorose Erzähltechnik in den späteren Romanen etwas abmilderte. Die Figuren Marechals wirken mit auf einer Bühne, ohne ihre Rollen verinnerlicht zu haben, mit der Überzeugung, mit dem Gesprochenen einer rituelle Zeremonie beizuwohnen. In dieser Darstellung treten vorhandene humoristische Merkmale seine Prosa in den Hintergrund.

Die Herkunft seiner Romanfiguren bleibt im Verborgenen, die fehlenden Hinweise auf Kultur- oder Sprachzugehörigkeit verwandeln sie in Grenzgänger ohne jegliche Zugehörigkeit.

So spärlich wie zu Lebzeiten ist auch die posthume Verbreitung der Werke Marechals. Unmittelbar nach seinem Tod erschien bei Rusconi in Mailand die italienische Übersetzung des Banquete de Severo Arcángelo, erst 1993 folgte die französische Übersetzung des Roman von Anny Amberni des Roman bei Gallimard, später die französische Übersetzung von Adán Buenosayres bei Grasset. Im September 1994 veröffentlichte Pedro Barcia die Herausgabe von Descenso y ascenso del alma a través de la belleza und Adán Buenosayres bei Castalia (Madrid).

Adán Buenosayres ( 1948)

1947 stirbt der erste Frau Marechals, Maria Zoraida Barreiro, ein Ereignis, das den Schriftsteller in eine existentielle Krise stürzt. Der Roman, der schon während der Krankheit der Frau begonnen worden war, wurde in dieser Zeit und auf Grund der persönlichen Situation des Autors unterbrochen und dann wieder aufgenommen, was an manchen Unstimmigkeiten der Anordnung der Kapitel zu erkennen ist. So wurden frühere Texte in die Endfassung des Romanes eingefügt, was eine Erklärung dafür sein könnte, warum Marechals frühere Texte später nie einen Erzählband veröffentlicht worden sind.

Tras la muerte de mi mujer yo salía de un infierno y regresaba poderosamente a la vida ... Retomé mi cien veces postergado Adán Buenosayres , lo rehice casi todo y le dí fin.“ (Andrés 1968)

Adán Buenosayres ist ein Schlüsselroman, in dem jeder seiner Figuren ein Mitglied der Gruppe um Martin Fierro darstellt. Adán Buenosayres ist der Autor selbst: alle seine drei Romane tragen autobiographischen Zügen, hinter Luis Pereda verbirgt sich Jorge Luis Borges, hinter Bernini Raúl Scalabrini Ortiz, hinter dem Astrologen und Maler Schultze Xul Solar (seine richtige Name war Schulz-Solari) und hinter Samuel Tesler verbirgt sich eine Symbiose von Jacobo Fijman und Macedonio Fernández. Sogar sein Prólogo indispensable, der als Vorwort die Unterschrift des Autors und nicht die des Erzählers trägt, kann als fiktionaler Bestandteil gelten.

Dem Roman war nach seiner Veröffentlichung kein Erfolg beschieden. Eduardo González Lanuza und Emir Rodríguez Monegal rieten in ihren Rezensionen dem Leser davon ab, das Buch zu lesen. Auch die von Julio Cortázar zur gleichen Zeit erschienene positive Rezension beeindruckte die argentinische Kritik nicht, dazu besaß Cortázars Stimme noch nicht das nötige Gewicht.

Die in Jahr 1966 von Marechal verfassten Claves de Adán Buenosayres haben viel zum Verständnis seines vorangegangen Romanes beigetragen. Der Roman wird eingeleitet mit dem mit L. M. unterschrieben Prolog, in dem der Autor als Ich-Erzähler behauptet, der Dichter Adán Buenosayres habe ihm auf seinem Sterbebett zwei Manuskripte anvertraut mit dem letzten Wunsch, diese Texte zu veröffentlichen. Dieses procedere beeinflusste andere argentinische Autoren, wie der Prolog zu Marta Riquelme, 1956, (dt. Das Buch, das verschwand) von Ezequiel Martínez Estrada beweist.

Die einleitende Szene in Adán Buenosayres ist der Todesfeier Adáns, dessen Leichnam von Marechal und weiteren Mitglieder der Martin Fierro Gruppe zu Grabe getragen wird, da die Hauptfigur des Romans am Anfang schon tot ist. Die Handlung führt nun auf retrospektive Weise durch das Leben des toten Dichters. Die ersten Bücher seines Nachlasses (Bücher I-V) erzählen die Liebesgeschichte zwischen dem Dichter und Solveig Amundsen, Tochter einer seiner Freunde. Bei einer Einladung der Familie Amundsen beschließt der Dichter seine Cuaderno de Tapas azules zu überreichen. Die Reaktion der geliebten Frau entspricht in keiner Weise der Erwartungen Adáns: Solveig nimmt zwar den Text, aber sie schenkt ihm keine weitere Aufmerksamkeit. Statt dessen scheint sich das Mädchen für Lucio Negri, ein anderes Mitglied der Martinfierristas, zu interessieren. Adán fühlt sich durch diese Ablehnung gekränkt. Der Schmerz vermischt sich in der Folgezeit mit seinem Alltag und nimmt mehr und mehr die Gestalt einer spirituelle Krise an: Engel und Dämonen kämpfen um seine Seele.

In der schon erwähnten Cuaderno de Tapas azules ist der folgende Text nach dem Buch V, wird das spirituelle und philosophische Unbehagens seines Seins geschildert. Der Roman endet mit einem zweiten Manuskript: Viaje a la Oscura Ciudad de Cacodelphia, in dem der Dichter die spirituelle Reise mit der Begleitung vom Astrologen Schultze, ein Pendant zu Vergil, unternimmt. Beide Dichter gelangen zum Inferno, wo sie alte Bekannte wieder treffen.

Die Suche nach dem Paradies

Der Roman schildert das Streben der Gruppe, ihre Arbeit zu einem Projekt nationalen Ranges zu erheben. Die Zukunft Argentiniens steht im Mittelpunkt des Diskurses.

Auch vermischen sich autobiographische Elemente mit der Fiktion, Buenos Aires war der Spitzname, den er von Kindern vom Lande Marechal während eines Ferienaufenthaltes erhielt. Marechal fügt in den Roman verschiedene Anagramme mit symbolischen Kräften besetzter Namen ein: Urbano de Sasaney, Darius Anenae, Brandán Esoseyúa, Bruno de San Yasea, Edison Anabaruse. Gewiß existiert hier eine Anspielung an die Anagramme Leopold Bloom (Ellpodbomool, Molldopeloob, Bollopedoom, Old Ollebo) aus der Ulysses von James Joyce, einem Autor, den Marechal gelesen und verarbeitet hat.

Der Gruppe als Mikrokosmos in Konfrontation mit dem Makrokosmos der argentinischen Realität. Die Struktur weist zum einen auf die christliche Weltanschauung hin. Buenos Aires wird als ein Babel dargestellt, in der alle Rassen der Welt einen Platz haben und die Stadt prägen. Adán wird von zwei Konflikten zerrissen: seine Zweifel an der „irdischen Welt“ und gleichzeitig seine Zweifel gegenüber seinen Utopien: paradiesischer Garten und Stadt der brüderlichen Liebe. Die Verankerung in der Geschichte erscheint als ein dritter Weg sich aus dem Konflikt zu lösen. Die Suche nach einer argentinischen Identität wird zum Ziel und zur Obsession.

Es zeigen sich hier seine Bedenken und Ängste, ob durch eine Vermischung der verschiedenen Rassen, (die es im Argentinien am Anfang des 20. Jahrhunderts gab), ein anpassungsfähiges Individuum im Einklang mit der Realität und der Bedürfnissen der argentinischen Gesellschaft leben kann. So will die Theorie des Astrologen Schulze, einen neuen Menschentypus, den neocriollo (Neukreolen), künstlich zu erzeugen. Marechal betrachtet den Prozess der mestizaje aus einer pessimistischen Perspektive, nämlich aus der von Adán, als dieser das Paradies verlassen hat.

Der mestizaje ist kein Ausweg für Marechal, denn der Schmelztiegel Buenos Aires hat die Individuen unterschiedlicher Herkunft nicht zu einem Volk amalgamieren können, schreibt Ulrike Kröpfl (1995).

Religiöse Eschalotogie, utopisches Denken, aber auch Geschichtsanalyse kennzeichnet diesen Text, wobei aber auch der Humor nicht auf der Strecke bleibt:

Si, por desdicha, un Triste visitara tu hogar,
espera dignamente a que se marche;
y luego, con urgencia, lavarás el asiento
donde ubicó sus nalgas tormentosas,
y romperás el vaso en que ha bebido,
y quemarás en tu salón de seda
nueve granos de incienso con tres de cinamomo.
Buscarás enseguida la casa de un Alegre;
pues en verdad te digo
que vale más la rota pantufla de un Alegre
que la sandalia nueva de los tristes
“ (Paternain 1969)

Interessant ist unter anderem eine Referenz zu dem seit dem 19. Jahrhunderts latenten Konflikt mit Großbritannien wegen der Inseln im Südatlantik:

- „Creo que mister no ha entendido bien- empezó a decir- . Para nosotros Inglaterra no es el extranjero.
- ¡Ah, ah!- sonrió mister Chisholm complacido- ¿Qué cosa es entonces?
- ¡Inglaterra es el enemigo!- le respondió Bernini en son de trompeta
.“ (S. 145)

Außerdem werden die Gespräche in platonischem Stil geführt, ein Hinweis auf die teilweise parodistische Natur in der Urform der Beichte. Die Suche nach dem Paradies ist ein konstantes Merkmal der Literatur Argentiniens und findet auch in Marechal ein würdigen Vertreter.

Die Stadt besitzt sowohl einen Himmel Calidelphia und als auch eine Unterwelt Cacodelphia, Orte, an denen einer der Höhepunkte des Romans stattfindet: Ein Zug, der stark von Dante inspiriert ist genau wie in Die Göttliche Komödie. Der Astrologe übernimmt in Marechals Roman diese Rolle. Überhaupt nicht ein Dichter wie Vergil, sondern ein verbindet Marechal eine intertextuelle Beziehung zu Dante, auch zu Dantes Vita Nuova und als Mitglieder der Fedeli d´amore (Getreuen der Liebe), einem Geheimverein italienischer Dichter (Dante, Cavalcanti, Cino da Pistoia), deren Ziele noch immer nicht deutlich sind, aber vermuten lassen, dass es sich um eine geheime Sprache antipapistischer Natur handelt.

Ist Marechal also ein christlicher Schriftsteller mit einer kritischen Haltung dem Papst gegenüber? Man vermutet, dass Marechal an der Symbolik des Weiblichen interessiert war und an der Thematik, die an die Minnesänger erinnert, gefallen gefunden hat.

Fui extrayendo de aquella mujer todas la líneas perdurables, todos lo volúmenes y colores, toda la gracia de su forma; y con los mismos elementos (bien que salvados ya de la materia) volví a reconstruirla en mi alma.“(S. 400).

Das Weibliche kann hier als Symbol der Kirche gelten, wenn auch nicht unbedingt der katholischen, aber auch als Referenz zu den idealisierten Frauenfiguren, wie bei den drei obengenannten Dichtern und zu Leone Hebreo, der in der XVI. Jahrhundert mit seinem Dialogui d´Amore an diese Tradition anknüpft. Die platonische Liebe der Hauptfigur des Romans zu Solveig Amundsen und die Sonetos a Sophia y otros poemas bestätigen und illustrieren diesen Einfluss.

El núcleo de la novela o su motor interno está en una noción de la Solveig celeste (Madonna) que Adán presintió en su alma y que busca primero en la Solveig terrestre.“ (Cuaderno de navegación, S.126)

Genau wie La Flor del Barrio (der Name steht in intertextueller Verbindung zum berühmten Tango Duelo Criollo, 1928), einer der facettenreichen Frauengestalten der Adán Buenosayres.

Auch in der argentinischen Literatur findet Marechal Verbündete, besonders im Werk von Roberto Arlt. Die Figur des Astrologen Schulz hat Gemeinsamkeiten mit dem „Astrologe“ aus Arlts Roman Los Lanzallamas. Auch an Macedonio Fernández erinnern seine Texte.

Was die Struktur der Romane betrifft, ist der Einfluss von Joyce (Ulysses, Portrait of the artist as a young man und Stephen Hero) unübersehbar.

Wegen der minuziösen Schilderungen und der Bilder außergewöhnlicher Aussagekraft wird die Prosa Marechals an Proust erinnern. Das Wachrufen der Kindheitsgärten durch den Duft der Glyzinien, und zwar in allen Romanen, wird jedenfalls als Hommage an Proust gesehen.

Marechal, Nachkomme französischer Immigranten, hatte Adán Buenosayres während eines Paris Aufenthaltes begonnen und, zurückgekehrt nach Buenos Aires, am 741-Seiten-Projekt eifrig weitergearbeitet. Sieben Bücher geben der Handlung den äußerlichen Rahmen, zwei Tage der erzählten Zeit (28 bis 30 April, irgendwann in der 20er Jahre, während der Osterzeit) sind in den ersten fünf Büchern zusammengefasst: ein Spaziergang des Helden und seiner Freunde, durch burleske Kommentare ausgeschmückt, gleichzeitig Erinnerung an die Jugend, Beschreibungen der Stadtteile und der metaphysichen Überlegung, die eine Chronik der Ultraismus skizziert.

Das sechste Buch ist ein Versuch der spirituellen und literarischen Autobiographie Adáns. Der siebte Teil umfasst das schon erwähnte Werk Dantes.

Der Roman bedeutet nicht nur eine Neuerung in der Thematik der Literatur Argentiniens, sondern beeindruckt auch in seiner Sprachfreiheit, die weder vor der raffinierten Sprache des Siglo de Oro, noch vor eigenen Wortbildungen und Vulgärausdrücken zurückschreckt:

¡Esas malas palabras que tanto me censuraron algunos y que yo utilicé no por gusto, sino por necesidad!“ (Paternain, 1969)

Marechal ist ein Vorreiter der Avantgarde, insbesondere wenn man beachtet, dass das 1940 erschiene Buch von Eduardo Mallea La bahía del silencio (dt. Die Bucht des Schweigens) sich mit ähnlichen Mittel dem Thema mit einer sehr formalen Struktur und Sprachauswahl annähert.

Banquete de Severo Arcángelo ( 1966)

Der zweite Roman Marechal vertieft sich in der Thematik der religiösen Selbstbesinnung, der Esoterik, und einen sehr persönlichen Blick auf die Zeitgeschichte. Kröpf (1995) hat diese Einflüsse wie folgt zusammengefasst:

Gnosis, Neoplatonismus, Christentum, Mystik, Alchimie, griechische Epik und Mythen, ägyptische Kulte, Gralssage, und die indische Lehre sind die wichtigsten traditionellen Elemente im Werk Marechals.

Hier wird mit aller Deutlichkeit die umfangreiche Kenntnis Marechals sowohl der kosmogonische Welt der Hinduismus (Kastenlehre) wie auch der Metallgeschlechter Hesiods gezeigt: der Mensch des Goldenen, des Silbernen, des Bronzenen und des Eisernen Zeitalters. Der Mensch des Blutes trägt die Verantwortung, den Zyklus zu erneuern und den Eisernen Menschen in den Goldenen zu verwandeln.

Der Mensch des Blutes greift eine vielschichtige Tradition auf, nämlich die des Retters, der in verschiedene Kulturen als Märchenheld oder Patriot auftritt: König Barbarossa, Quetzalcóatl, Kalki, Christus, König Artus.

Wie Adán Buenos Aires und später in Megafón o la guerra bestimmt das Motiv des Zerfalls den Roman. Er beginnt am 14. April 1963 mit dem Fund des Erzählers, der in einer Aktentasche von Lisandro Farías das Manuskript von El banquete de Severo Arcángelo entdeckt, und die folgenden sechs Wochen beschreibt.

Nach einem Vorwort, in dem der Autor den folgenden Text als Abenteuerroman oder Kriminalgeschichte bezeichnet, fängt die Fiktion an, indem die Figuren zu Tisch gebeten werden. Während des Abendessens bringen die Gäste philosophische Exkurse zum Ausdruck.

Die Einladung anzunehmen bedeutet auch, sich dem Anlass entsprechend zu kleiden (Referenz an der Mystische Umhang von Hermes Trimegister)

¿el sastre no le ha tomado a Usted las medidas?
-Para qué le dije yo sin asombro.
-Para su „Traje de Banquete
“. (S. 189)

Und ein mehrere Seiten später:

Señor- me dijo él- su traje de Banquete ha de ser la expresión o retrato de su alma. Es lo convenido. Sin conocer su alma, yo no podría enhebrar mi aguja ¿entiende?“ (S. 224)

Der Gastgeber ist Severo Arcángelo (wörtlich: Strenger Erzengel), der Besitzer einer Gießerei, und wohnt in einem Landhaus in San Isidro, also einer der besten Adressen von Buenos Aires:

„Severo Arcángelo me llaman, o el quemador de hombres: deberían saber que sólo yo fui el quemado absoluto, y que sólo importa el bello monstruo quze nacerá de mi ceniza. ¿La estirpe de Caín? Ella descubrió la metalurgia y edificó la ciudad secreta: Caín mató, y el que mate a Caín será castigado siete veces.“ (S. 147)

Und:

Vivía en una casa grande, hermética y silenciosa como una Ciudad Alquímica.“(S. 59)

Severo Arcángelo, genau wie seine drei Begleiter vertraut mit der Metamorphose des Feuers und der Metalle, dem Architekten mit den Spitznamen El Fundidor, dem Metalúrgico (Gießer) und dem Viejo Cíclope (Alter Zyklop). S. Arcángelo wird das Gastmahl ausrichten und es sollte am 18 November stattfinden.
Unter den dreiunddreißig Gästen befinden sich unter anderem ein Erzähler, ein Astrophysiker und einige Clowns, Gog und Magog, ein wiederkehrendes Motiv des Grotesken bei Marechas, das duo gracioso, mit den Figuren Barrantes und Barroso, Ben und Nelson, Rómulo und Remo Domenicone, auch die Dämonen Nebiros und Antrax.

Gog und Magog versuchen den Rest der Gesellschaft davon zu überzeugen, dass das Ende des Gastmahls nur den sicheren Tod für alle bedeuten wird. Gerüchte über eine Sintflut werden verbreitet: Da niemand weiß, welches Ziel das Gastmahl verfolgt, sind alle Spekulationen glaubwürdig. Außerdem wird in einer verbotenen Zone des Grundstücks von einer Person die Stelle aus der Archebau in der Bibel rezitiert. Aus geheimgehaltenen Aufzeichnung der Monologe von Severo Arcángelos erfährt der Leser aber, dass das Motiv eines solchen Treffens die Erschaffung eine neuen Kindheit sei, durch die die Welt zu ihrer ursprünglichen Reinheit zurückkehrt.

Das Orchester begleitet mit einer fremdartigen Musik das Geschehen, die Gäste ziehen ihre Kostüme an. Pünktlich um zweiundzwanzig Uhr endet das Essen und gleichzeitig beendet der Erzähler die Erzählung. Die Clowns haben den Verstand verloren, die Gäste das Haus verlassen und ein einzige Gast, der die ihm auferlegten Proben des Gastgebers nicht zufrieden gestellt hat, hat sich das Leben genommen.

Megafón o la Guerra (1970, posthum erschienen)

Der Roman vervollständigt die Trilogie, zu der Adán Buenosayres und Banquete de Severo Arcángelo gehören und bildet eine gelungene Synthese beider Texte. Mit seiner Struktur, die an den zweiten Roman erinnert, orientieren sich die Figuren des ersten Romanes an den Fall des Philosophen Samuel Tesler, der das exakte Datums seines Todes voraussagen kann, und der aus dem ersten in den dritten Roman wieder auftaucht.

Patricia Bell, die Witwe Megafóns, trägt als Name das Pseudonym der Lebensgefährtin Marechals (Elbia Rosbaco), unter dem diese schriftstellerisch tätig ist.

Megafón steht für den Ansager beim Boxkampf, der also hier auch für einen Namen, der in seiner symbolischer Funktion auf „Erwecker“ hinweist. In Anknüpfen an das Werk Nietzsches wird die Figur Megafóns als Pendant des Übermenschen gesehen, er übernimmt, wie Zarathustra, die Rolle der Ankündige der Apotheose.

Der Roman, der sich um den Zeitraum von einem Jahr erstreckt, ist in Ich-Form geschrieben von einem Erzähler der mit „M“ seinen Tagebücher unterschreibt. Es ist ein Versuch, die politischen Ereignisse nach den Sturz Peróns im Jahre 1955 und das folgende Parteiverbot der Peronisten zu beschreiben. Die zentrale Handlung des Roman ist ein Krieg, dessen Ziel es ist, ein verlorenes Gleichgewicht wiederherzustellen. Die himmlische Schlacht konzentriert sich auf die Befreiung einer (himmlischen) Frau, Lucía Febrero, ganz in der Tradition der schon erwähnten „idealen Frau“. Die irdische Schlacht wird von politischen Interessen dominiert und such die Verantwortlichen des argentinischen Chaos in der Zeit nach Peróns Herrschaft. Auch hier endet der Text mit einem Abendmahl der Gruppe Megafóns, wobei die biblische Brotvermehrung mit der Vermehrung von Brotkrümeln, Fischgräten und Coca-Cola parodiert wird, was als Beispiel der These von Ulrike Kropfl in Bezug auf die Geschichtsbewertung im Kontext der argentinischen Literatur dienen könnte:

Marechals Geschichtsbewertung tritt explizit in Form metahistorischer Betrachtungen auf, in Diskussionen oder Exkursen, aber auch implizit in weltanschaulicher Form.“ (Kröpfl 1995)

Als der „Peronist der ersten Stunde“, noch dazu als Anhänger der katholischer Weltanschauung heraus, distanzierte sich Marechal in den Jahren 1953-54 von der peronistischen Partei, nachdem die Spannungen zwischen Kirche und Staat zunahmen. Marechals christliche Überzeugung (wenn schon nicht katholisch, da Marechal sich 1959 einer evangelische Gemeinde gewandt hat) und seine politischen Neigung sind die Gründe, die ihm in der argentinischen (und lateinamerikanischen) Literatur dieser Jahre ausgegrenzt hat, obwohl eines der Merkmale des „neuen lateinamerikanischen Romans“ das politische Engagement war. Dabei spielte die kubanische Revolution eine nicht geringe Rolle. Schließlich waren es die nationalistischen Katholiken, die den Sturz Peróns in die Wege geleitet haben. Dieser Vorgang, der von Lombardi geleitet wurde und „revolución libertadora“ genannt wurde, bedeutete das Ende des öffentlichen Lebens Marechals. Die folgenden Regierungen, die Freiräume für die Entfaltung eines marxistisch orientierten Universitäts- und Verlagslebens boten, waren nicht der adäquate Boden für Marechals Werke. Doch als 1965 der Verlag Sudamericana seinen Roman El banquete de Severo Arcángelo veröffentlicht, wurde Marechal bis zu seinem Tod (1970) wieder als Dichter gelesen und gefeiert.

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