Affäre Nina B. von Johannes Mario Simmel, 1997, Droemer TB

Johannes Mario Simmel

Affäre Nina B.
(Leseprobe aus: Affäre Nina B., Roman, 1958/1997, Droemer-Knaur)

Er hatte viele Feinde. Ich war sein größter. Es gab viele Menschen, die ihn haßten. Niemand haßte ihn mehr als ich. Viele Menschen wünschten ihm den Tod. Ich war entschlossen, ihn herbeizuführen, den Tod des Mannes, den ich über alle Maßen haßte.

An diesem Tage war es soweit. Ich hatte lange gewartet. Nun hatte das Warten ein Ende. Ich hatte lange gezögert. Nun war es mit dem Zögern vorbei. Nun ging es um mein Leben - und um seines.

Es war schon sehr warm in Baden-Baden an diesem 7. April. Der sanfte, bewaldete Talkessel, auf dessen Grund die Stadt errichtet stand, fing die Kraft der jungen Sonne ein und hielt sie in seiner dunklen, fruchtbaren Erde fest. Viele Blumen blühten in Baden-Baden, gelbe, blaue und weiße. Ich sah Primeln und Himmelschlüssel, Krokusse und Veilchen an den Ufern der schläfrig murmelnden Oos, als ich den schweren Wagen durch die Lichtentaler Allee lenkte. Es war sein Wagen, einer von den dreien, die erbesaß, und er paßte zu ihm: ein protziger, riesenhafter Cadillac mit weißen Reifen, rot und schwarz lackiert.

Alle Menschen auf den Straßen hatten freundliche Gesichter. Die Frauen lächelten mysteriös. Sie trugen bunte, leichte Kleider. Viele trugen verwegene Hüte. Ich sah eine Menge von verwegenen Hüten an diesem Morgen, als ich zum Polizeipräsidium führ, um eine Anzeige zu erstatten. Dies schien ein Frühling der Hüte zu werden, dachte ich.

Die Männer trugen graue, hellbraune, hellblaue oder dunkelblaue Anzüge, viele hatten bereits ihre Mäntel zu Hause gelassen. Die Männer sahen die Frauen an und ließen sich. Zeit dabei. Sie hatten keine Eile. Niemand hatte an diesem Frühlingstag Eile in Baden-Baden, niemand außer mir. Mich hetzte mein Haß, mich hetzte ein unsichtbares, unhörbares Uhrwerk, das ich selbst in Gang gesetzt hatte und vor dessen Stunde Null es kein Entrinnen gab - für ihn und mich.

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