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Das letzte Ritual
(Leseprobe aus: Das letzte Ritual, Roman, 2007, S. Fischer
- Übertragung Tina Flecken)
Einleitung
Der Hausmeister schaute sich verwundert um. Was war das?
Durch das geschäftige Hantieren der Putzfrauen tönte ein sonderbarer
Laut aus dem Gebäudeinneren. Erst leise, dann immer
deutlicher. Tryggvi signalisierte den Frauen, ruhig zu sein, und
spitzte die Ohren. Die Frauen blickten einander mit großen
Augen an und zwei von ihnen bekreuzigten sich.
Bevor die Putzfrauen eingetroffen waren, hatte Tryggvi das Alleinsein
genossen. Er hatte in aller Ruhe bei der Kaffeemaschine
auf seinen Morgenkaffee gewartet. Sie konnten jeden Moment
kommen. Tryggvi war seit über dreißig Jahren Hausmeister im
Gebäude der Historischen Fakultät und hatte in dieser Zeit unglaubliche
Veränderungen miterlebt. Am Anfang putzten ausschließlich
Isländerinnen, die jedes Wort verstanden hatten. Jetzt
musste er die Arbeit mit Händen und Füßen und einfachen Anweisungen
erklären. Die Frauen waren alle Einwanderinnen, und
bevor die Lehrer und Studenten ins Haus strömten, hätte er sich
ebenso gut in Bangkok oder Manila befinden können.
Als der Kaffee fertig war, war Tryggvi mit der dampfenden
Tasse ans Fenster des menschenleeren Gebäudes getreten, hatte
hinausgeschaut und den schneebedeckten Campus betrachtet. Es
war ungewöhnlich kalt und die weiße Welt glitzerte. Es herrschte
absolute Stille. Tryggvi hatte an das bevorstehende Weihnachtsfest
gedacht und ihm war warm ums Herz geworden. Dann hatte
er ein Auto beobachtet, das in den Parkplatz einbog. Der Geist
der Weihnacht, dachte Tryggvi. Er hatte gesehen, wie der Fahrer
aus dem Wagen gestiegen war, die Autotür zugeknallt hatte und
auf das Haus zugestapft war. Tryggvi hatte die Gardine fallen gelassen
und war vom Fenster zurückgetreten.
Er hatte gehört, wie der Neuankömmling die Eingangstür öffnete.
Von allen Professoren, Dozenten, Lektoren und Sekretärinnen
konnte Tryggvi diesen Mann am wenigsten leiden. Er hieß
Gunnar, war Geschichtsprofessor und beschwerte sich ständig
über die Arbeit des Hausmeisters. Tryggvi konnte Gunnars Überheblichkeit
nicht ertragen und fühlte sich in seiner Anwesenheit
unwohl. Am Anfang des Semesters hatte Gunnar die Putzfrauen
beschuldigt, einen alten, maschinegeschriebenen Aufsatz über die
Papar gestohlen zu haben, jene irischen Mönche, die vor der
eigentlichen Landnahme in Island siedelten. Zum Glück tauchte
der Aufsatz wieder auf und die Sache verlief im Sande. Seitdem
fand Tryggvi Gunnar nicht nur unerträglich – nein, er verachtete
ihn. Warum sollten asiatische Putzfrauen irgendeinen dämlichen
Artikel über irische Mönche stehlen? Tryggvi interessierte sich
nicht im Geringsten für die Aufsätze des Professors. In seinen
Augen war das ein primitiver Angriff auf diejenigen, die sich nicht
wehren können.
Tryggvi war es nicht geheuer, als Gunnar Leiter der Historischen
Fakultät wurde. Zumal er sofort mit dem Hausmeister diverse
Änderungen besprach, die er für unumgänglich hielt. Unter
anderem wollte er, dass die Putzfrauen bei der Arbeit den Mund
hielten. Tryggvi versuchte erfolglos, diesen selbstgefälligen Mann
darauf hinzuweisen, dass das Plaudern der Frauen niemanden
störe, da sich während ihrer Arbeitszeit niemand im Haus befinde.
Außer Gunnar natürlich. Warum musste er auch jeden
Morgen zu einer Uhrzeit kommen, zu der noch nicht einmal die
Busse fuhren. Tryggvi war Gunnars Aufforderung, die Frauen anzuweisen,
dass sie bei der Arbeit nicht miteinander reden sollen,
nicht nachgekommen – er wusste nicht, wie er ihnen das verständlich
machen sollte, und außerdem hatte er einfach keine
Lust dazu. Auch wenn ihn die Sprachbarrieren manchmal ärger-
ten, hatte er die Fröhlichkeit dieser tüchtigen Frauen schätzen gelernt.
An jenem Morgen verhielten sie sich wie immer. Sie betraten
gemeinsam die kleine Kaffeestube und wünschten mit starkem
Akzent im Chor Guten Morgen. Darauf folgte üblicherweise heftiges
Gekicher. Tryggvi musste wie immer lächeln. Die Frauen
schälten sich aus ihrer bunten Winterkleidung, während er in
einiger Entfernung dastand und sie beobachtete. Ein ganz normaler
Tag, der nun eine unerwartete Wendung zu nehmen schien.
Tryggvi drängte sich durch die Gruppe der Frauen zur Tür, die
auf den Flur hinausführte. Er hörte, wie sich das Geräusch von
einem Stöhnen in ein Schreien verwandelte. Tryggvi konnte weder
ausmachen, ob es von einem Mann oder einer Frau stammte,
noch war er sicher, ob es überhaupt menschlich war. Konnte ein
Tier ins Gebäude gelangt sein und sich verletzt haben? Tryggvi
hatte keine Zeit, diesen Gedanken zu Ende zu denken, denn es ertönte
ein lauter Knall, wie wenn etwas zu Boden stürzt oder zerbricht.
Tryggvi beschleunigte seinen Schritt und betrat den Flur.
Der Lärm schien aus der oberen Etage zu kommen. Tryggvi wendete
sich schnell zur Treppe und rannte, zwei Stufen auf einmal
nehmend, hinauf. Die Frauen folgten ihm und begannen zu jammern.
Die Schreie kamen zweifellos aus den Büros der Historischen
Fakultät. Tryggvi spurtete los und die Frauen folgten ihm auf den
Fersen. Er riss die Feuerschutztür zum Büroflur auf und bremste
abrupt – woraufhin die Frauen eine nach der anderen gegen ihn
prallten. Tryggvi starrte geradeaus.
Es war nicht der Anblick des Bücherregals auf dem Fußboden
oder des Fakultätsleiters auf allen vieren auf dem Bücherhaufen
im Flur, der Tryggvi erstarren ließ. Dort drinnen lag eine Leiche,
die halb aus einem kleinen Druckerkabuff hinausragte. Tryggvi
spürte, wie sich sein Magen umdrehte. Was zum Teufel waren
diese Stofflappen vor den Augen? Hatte jemand etwas auf die
Brust gezeichnet? Und die Zunge – was war nur mit der Zunge?
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