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Ein rascher Schnitt. Das Packpapier wurde der Länge
nach aufgeschlitzt, klaffte auseinander, zwei Hände zerrten es von dem Rahmen.
Ada schaute aus dem Fenster. Der Park versank in der flachen Abenddämmerung. Über
dem Fluss lagen Nebelbänke, es war Samstag, der 10. Dezember, ihr 21.
Geburtstag. Sie hatte einige mineralische Gesteinsproben geschenkt bekommen, ein
Teleskop und einen Kaschmirschal mit Blumenmuster.
Jetzt stand der Höhepunkt des heutigen Abends bevor.
Eine Überraschung und der eigentliche Grund für die Einladung, hatte die
Mutter gesagt.
Sie stand am Kamin, schmallippig, dunkel gekleidet. Ein glanzloses Schiefergrau,
seit über zwölf Jahren trug die Witwe keine Farben. Der Schnitt des Kleides
erlaubte sich auch nicht die kleinste Frivolität. Mit einer Handbewegung
bedeutete sie William, das Gemälde umzudrehen.
Er stellte es mit der Rückseite zur Lehne auf einen Stuhl, zerknüllte die
Verpackung und warf sie ins Feuer.
Ada sah zu, wie die Flammen am Papier leckten. Ihr fragender Blick glitt zu
William, zur Mutter und wieder in die Ferne. Über den Augen pochte der Schmerz,
sie hatte den ganzen Tag gearbeitet.
Und jetzt das. Fürwahr eine Überraschung.
Ada erinnerte sich vage. In einem der Gedichtbände, den sie einst in der
Fensternische des Salons wie achtlos liegen gelassen vorgefunden hatte, war
zuvorderst ein schwarzweisses Porträt ihres Vaters abgedruckt, nicht viel grösser
als ein Medaillon. Noch nie aber hatte sie ein lebensechtes Abbild von ihm
gesehen.
Das Gemälde, das in ihrer frühesten Kindheit im Salon des grosselterlichen
Anwesens in Kirkby Mallory gehangen hatte, war mit einem schlammfarbenen
Samttuch verhüllt gewesen. Es zeigte ihren Vater in jungen Jahren, das hatte
ihr Miss Lamont verraten. Ein einziges Mal war Ada auf den Kaminsims geklettert
und hatte klopfenden Herzens einen Zipfel des Vorhangs angehoben. Verwirrt und
masslos enttäuscht hatte sie festgestellt, dass das Bild darunter zur Wand
gedreht war.
Eines Tages war die Wand über dem Kamin leer. Ein helles Rechteck zeichnete
sich auf der Tapete ab.
Die Mutter rückte den Stuhl zum Fenster, wo noch etwas Zwielicht hinfiel. Der
Hintergrund des Gemäldes verschwamm im Dunkel der Täfelung, aber die fremdländische
Tracht, die der junge Mann trug, leuchtete in warmen Rot- und Goldtönen. Er
schaute nach links, den Blick auf ein unbekanntes Ziel gerichtet, das Gesicht
umrahmt von einem Turban aus einer rot und blau gestreiften Schärpe, das
fransige Ende fiel lose auf die Brust. Die Hände, lässig vor dem Körper übereinander
gelegt, waren zu feingliedrig, um das Krummschwert führen zu können, das,
halbverdeckt durch einen dunkelblauen Umhang mit Goldborte, in der linken
Armbeuge lag. Die Krempe des Turbans, die Neigung der Schulter, die rote Kordel
über der Brust und das Schwert bildeten vier schräg verlaufende Parallelen.
Das also war er, dessen lasterhafter Ruf die Londoner Salons durchwehte wie der
Name einer ansteckenden Krankheit, wie der Duft eines zu schweren Parfums,
sinnenbetörend und giftig, und auch nicht Halt machte vor den Kammern der
Bediensteten, die das ihnen Zugetragene allzu bereitwillig weitergaben.
Wortfetzen, dunkel im Klang und beunruhigend, waren durch Flure und Zimmer
geschwirrt, die kleine Ada hatte sich unsichtbar gemacht und angespannt
gelauscht, wenn über ihren Vater gesprochen wurde. Der Sinn der Worte blieb ihr
verschlossen, aber sie ahnte, dass sich dahinter Abgründe verbargen und
Geheimnisse, die die Ursache waren für den Ausdruck von Abscheu und
Hass auf dem Gesicht der Mutter und ihr den Mund versiegelten, wenn Ada Worte
wie Griechenland oder Poesie in den Mund nahm.
Niemand sagte ein Wort. Das rhytmische Stampfen eines Mörsers aus der Küche.
Ein Knacken im Feuer. Verkohlte Papierfetzen entschwanden schaukelnd in der Schwärze
des Kamins.
- Und, mein Vögelchen, sagte die Mutter erwartungsvoll, und?
Rezension I Buchbestellung I home IV07 LYRIKwelt © A.S./Dörlemann