Die Schatten ferner Jahre von Anita Siegfried, 2007, Dörlemann

Anita Siegfried

Die Schatten ferner Jahre
(Leseprobe aus: Die Schatten ferner Jahre, Roman, 2007, Dörlemann)

Ein rascher Schnitt. Das Packpapier wurde der Länge nach aufgeschlitzt, klaffte auseinander, zwei Hände zerrten es von dem Rahmen.

Ada schaute aus dem Fenster. Der Park versank in der flachen Abenddämmerung. Über dem Fluss lagen Nebelbänke, es war Samstag, der 10. Dezember, ihr 21. Geburtstag. Sie hatte einige mineralische Gesteinsproben geschenkt bekommen, ein Teleskop und einen Kaschmirschal mit Blumenmuster.

Jetzt stand der Höhepunkt des heutigen Abends bevor.

Eine Überraschung und der eigentliche Grund für die Einladung, hatte die Mutter gesagt.

Sie stand am Kamin, schmallippig, dunkel gekleidet. Ein glanzloses Schiefergrau, seit über zwölf Jahren trug die Witwe keine Farben. Der Schnitt des Kleides erlaubte sich auch nicht die kleinste Frivolität. Mit einer Handbewegung bedeutete sie William, das Gemälde umzudrehen.

Er stellte es mit der Rückseite zur Lehne auf einen Stuhl, zerknüllte die Verpackung und warf sie ins Feuer.

Ada sah zu, wie die Flammen am Papier leckten. Ihr fragender Blick glitt zu William, zur Mutter und wieder in die Ferne. Über den Augen pochte der Schmerz, sie hatte den ganzen Tag gearbeitet.

Und jetzt das. Fürwahr eine Überraschung.

Ada erinnerte sich vage. In einem der Gedichtbände, den sie einst in der Fensternische des Salons wie achtlos liegen gelassen vorgefunden hatte, war zuvorderst ein schwarzweisses Porträt ihres Vaters abgedruckt, nicht viel grösser als ein Medaillon. Noch nie aber hatte sie ein lebensechtes Abbild von ihm gesehen.

Das Gemälde, das in ihrer frühesten Kindheit im Salon des grosselterlichen Anwesens in Kirkby Mallory gehangen hatte, war mit einem schlammfarbenen Samttuch verhüllt gewesen. Es zeigte ihren Vater in jungen Jahren, das hatte ihr Miss Lamont verraten. Ein einziges Mal war Ada auf den Kaminsims geklettert und hatte klopfenden Herzens einen Zipfel des Vorhangs angehoben. Verwirrt und masslos enttäuscht hatte sie festgestellt, dass das Bild darunter zur Wand gedreht war.

Eines Tages war die Wand über dem Kamin leer. Ein helles Rechteck zeichnete sich auf der Tapete ab.

Die Mutter rückte den Stuhl zum Fenster, wo noch etwas Zwielicht hinfiel. Der Hintergrund des Gemäldes verschwamm im Dunkel der Täfelung, aber die fremdländische Tracht, die der junge Mann trug, leuchtete in warmen Rot- und Goldtönen. Er schaute nach links, den Blick auf ein unbekanntes Ziel gerichtet, das Gesicht umrahmt von einem Turban aus einer rot und blau gestreiften Schärpe, das fransige Ende fiel lose auf die Brust. Die Hände, lässig vor dem Körper übereinander gelegt, waren zu feingliedrig, um das Krummschwert führen zu können, das, halbverdeckt durch einen dunkelblauen Umhang mit Goldborte, in der linken Armbeuge lag. Die Krempe des Turbans, die Neigung der Schulter, die rote Kordel über der Brust und das Schwert bildeten vier schräg verlaufende Parallelen.

Das also war er, dessen lasterhafter Ruf die Londoner Salons durchwehte wie der Name einer ansteckenden Krankheit, wie der Duft eines zu schweren Parfums, sinnenbetörend und giftig, und auch nicht Halt machte vor den Kammern der Bediensteten, die das ihnen Zugetragene allzu bereitwillig weitergaben. Wortfetzen, dunkel im Klang und beunruhigend, waren durch Flure und Zimmer geschwirrt, die kleine Ada hatte sich unsichtbar gemacht und angespannt gelauscht, wenn über ihren Vater gesprochen wurde. Der Sinn der Worte blieb ihr verschlossen, aber sie ahnte, dass sich dahinter Abgründe verbargen und Geheimnisse, die die Ursache waren für den Ausdruck von  Abscheu und Hass auf dem Gesicht der Mutter und ihr den Mund versiegelten, wenn Ada Worte wie Griechenland oder Poesie in den Mund nahm.

Niemand sagte ein Wort. Das rhytmische Stampfen eines Mörsers aus der Küche. Ein Knacken im Feuer. Verkohlte Papierfetzen entschwanden schaukelnd in der Schwärze des Kamins.

- Und, mein Vögelchen, sagte die Mutter erwartungsvoll, und?

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