Die Ufer des Tages von Anita Siegfried, 2000, Nagel&Kimche

Anita Siegfried

Die Ufer des Tages
(Leseprobe aus: Die Ufer des Tages, Roman, 2000, Nagel&Kimche)

Hinter den Vorhängen greifen aufgefächerte Schatten ins Leere, filigranes Blätterwerk. Sie nimmt es aus den Augenwinkeln wahr, das Gesicht starr zur Zimmerdecke gerichtet. Nur ja keine Bewegung, sonst kommt der Schmerz wieder.

Sie schliesst die Augen, der Frachter ist jetzt unter dem Brückenbogen hindurchgefahren, schäumendes Kielwasser, die Wellenkämme driften auseinander. Möglich auch, dass heute die Schifffahrt eingestellt wurde, kein Frachter also, kein Mann, kein splitterndes Holz, aber der Baum ist da, sie muss den Kopf nicht drehen, um sich seiner Gegenwart zu versichern. Manchmal spricht er mit ihr.

Weiss flockend standen im Frühjahr die Blütendolden vor dem Fenster, auf dem Sims lag gelber Staub. Den Sommer hindurch verschattete die Krone das Zimmer. Die ersten Sonnenstrahlen zeichneten an klaren Morgen ein zitterndes Muster auf die Tapete. Jetzt hat sich der Baum gelichtet, das spärliche Laub ist welk und eingerollt. Die Früchte sind heruntergefallen, leise dumpfe Schläge, gefolgt von einem kullernden Geräusch. Der Boden war übersät mit Kastanien, dazwischen die aufgeplatzten Hüllen, die Innenseite von reinstem Weiss, die Ränder glatt, als wären sie mit einem Messerhieb zerteilt worden.

Kinder haben die Kastanien aufgesammelt. Auch Elsa hat in dieser Jahreszeit immer die Taschen voll davon. Sie liegen auf ihrem Tisch, sattbraun glänzend und dunkel gemasert, auf der Unterseite die herzförmige, schimmelfarbene Zeichnung. Aus einigen hat Elsa Tiere gemacht, Bauch, Kopf, vier Streichhölzer als Beine, zwei gebrochene Hölzchen als Hörner oder Ohren. Eine kleine Herde steht dort, Elsa sagt, es seien Ziegen, genauso gut könnten es aber Hunde oder Pferde sein.

Die eine Ziege hat Elsa in Seidenpapier eingewickelt.

Eben vorhin ist Elsa leise ins Zimmer getreten. Wortlos stand sie am Bett und starrte an die Wand, als sehe sie flammende Zeichen gemalt. Die Wollstrümpfe ringelten sich auf den Knöcheln. Ihre mageren Beine, die Knie zeichnen sich als knotige Verdickungen ab, aber wie ein Kind dazu bringen, mehr zu essen, alles Reden ist zwecklos.

Hinter dem Fenster war ein Flattern, ein Krächzen. Ein Schatten löste sich von einem Ast, schwang sich hinauf.

Elsas Augen wurden dunkel.

Mama!, schrie sie. Du darfst nicht sterben!

Wie kommst du bloss darauf, sagte sie. Ich sterbe nicht, Elsa, es ist alles gut, mach dir keine Sorgen. An Migräne ist noch keiner gestorben.

Bestimmt nicht?, fragte Elsa.

Nein, bestimmt nicht, sagte sie.

Bevor Elsa hinausging und leise die Tür hinter sich zuzog, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und riss mit einer schnellen, heftigen Bewegung ein Blatt vom Zettelkalender, der am Türrahmen hängt.

Samstag, 26. Oktober.

Ein Lichtstreifen schiebt sich zwischen die Vorhänge. Er kriecht über den Parkettboden, glimmt auf, ein honigfarbener Stab, verblasst wieder und erlischt.

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