Frankenstein von Mary W. Shelley, 2004, dtv

Mary W. Shelley

aus: Frankenstein
(Fünftes Kapitel)

In einer düsteren Novembernacht war es so weit: Vor meinen Augen lag das Ergebnis all meiner Müh und Plage. Mit einer angstvollen Erwartung, welche um nichts der Todesfurcht nachstand, baute ich das Instrumentarium des Lebens rings um mich auf, um dem reglosen Körper, welcher da zu meinen Füßen lag, den Leben spendenden Funken einzuhauchen. Schon wies der Zeiger der Uhr auf die erste Stunde des Morgens. Der Regen klopfte in trostlosem Gleichmaß gegen die Scheiben und meine Kerze war schon zu einem Stümpfchen heruntergebrannt, als ich in dem Geflacker der schon erlöschenden Flamme das ausdruckslose, gelbliche Auge der Kreatur sich auftun sah. Ein schwerer Atemzug hob ihre Brust und ein krampfhaftes Zucken durchlief ihre Glieder.
Wie fang ich's an, Euch die Empfindungen zu beschreiben, welche mich in dem schicksalhaften Augenblicke durchbebten, da das Verhängnis seinen Anfang nahm? Wie geb ich Euch ein treuliches Abbild der Spottgeburt, welche ich mit so unendlicher Mühe und Sorgfalt zu formen versucht? Wohl waren die Gliedmaßen in der rechten Proportion und auch die Züge hatte ich dem Kanon der Schönheit nachgebildet.
Schönheit! - Allmächtiger! Die gelbliche Haut verdeckte nur notdürftig das Spiel der Muskeln und das Pulsieren der Adern. Das Haupthaar war freilich von schimmernder Schwärze und wallte überreich herab. Auch die Zähne erglänzten so weiß wie die Perlen. Doch standen solche Vortrefflichkeiten im schaurigsten Kontraste zu den wässrigen Augen, welche nahezu von derselben Farbe schienen wie die schmutzig weißen Höhlen, darein sie gebettet waren, sowie zu dem runzligen Antlitz und den schwarzen, aller Modellierung entbehrenden Lippen.
Wie wandelbar ist doch das Menschenherz! Nicht einmal die Wechselfälle des Lebens reichen an seine Widersprüchlichkeit heran! Da hatte ich nun nahezu zwei Jahre lang die größte Mühe und Arbeit einzig darauf verwendet, einem unbeseelten Körper Leben einzuhauchen. Solches zu erreichen hatte ich mich aller Ruhe, ja noch der Gesundheit beraubt. Mein Begehren war ein so brennendes gewesen, dass es jegliches Maß überschritten hatte. Jetzt aber, da ich mich am Ziel meiner Wünsche sah, war die Schönheit des Traumes verflogen und atemloser Schrecken und Ekel füllten mir das Herz. Nicht fähig, den Anblick des Wesens, welches ich da geschaffen, noch länger zu ertragen, stürzte ich aus der Kammer und hastete in mein Schlafgemach, wo ich noch lange Zeit auf und nieder schritt, da ich viel zu aufgewühlt war, als dass ich ein Auge hätte zutun können. Doch ward solch innerer Aufruhr nach und nach abgelöst durch die Müdigkeit und ich warf mich aufs Bett, angekleidet, wie ich war, um wenigstens ein paar Atemzüge lang Vergessen zu finden. Doch vergebens: Zwar schlief ich tatsächlich ein, aber nur um von den ärgsten Träumen heimgesucht zu werden. Ich bildete mir ein Elisabeth zu sehen, wie sie in blühender Gesundheit durch die Gassen von Ingolstadt wandelte. Voll entzückter Überraschung schloss ich sie in die Arme. Da ich aber den ersten Kuss auf ihre Lippen drückte, ward sie totenbleich, mit ihren Zügen ging ein Wandel vor sich und mir schien's, als hielte ich jetzt den toten Körper meiner Mutter in den Armen! Ein Leichentuch verhüllte die Gestalt und in den Falten des Flanells wimmelte es von dem Gewürm der Verwesung! Zutiefst entsetzt schrak ich aus meinem Schlummer - der kalte Angstschweiß brach mir aus der Stirn - der ganze Körper zog sich mir zusammen - und zähneklappernd blickte ich um mich: In dem schwachen, gelblichen Mondlichte, welches durch die Fensterläden in die Kammer quoll, stand jenes erbärmliche Monstrum vor mir - der fürchterliche Popanz, welchen ich erschaffen! Er hielt den Bettvorhang zur Seite und heftete seine Augen, sofern sie diesen Namen überhaupt verdienten auf mich. Seine Kinnladen klappten auf und aus der klaffenden Öffnung ertönten irgendwelche unartikulierten Laute, dieweil ein Grinsen ihm die Wangen furchte. Mag sein, er sagte etwas, doch ich vernahm es nicht. Die eine Hand war nach mir ausgestreckt, als hätt er vor mich aufzuhalten: Ich aber stürzte davon und die Treppen hinunter, um Zuflucht zu suchen in dem Hinterhofe meines Wohnhauses! Dort verblieb ich für den Rest dieser schrecklichen Nacht, schritt in der größten Erregung auf und nieder und lauschte angespannt auf jeden Laut, begierig und dennoch voll Angst, er könnte das Herannahen dieser totenhaften, dämonischen Ausgeburt ankündigen, welcher ich auf so erbärmliche Weise zum Leben verholfen.
Nein! Kein Sterblicher konnte das Entsetzen ertragen, welches von solchen Zügen ausging! Nicht einmal eine zu neuem Leben erweckte Mumie hätte so grässlich aussehen können. Oft genug hatte ich in dies Antlitz gestarrt, solange es noch nicht vollendet gewesen, und schon damals war es mir hässlich genug erschienen. Als aber seine Muskeln und Scharniere sich zu bewegen begonnen, war ein Etwas aus ihnen geworden, wie es nicht einmal ein Dante hätte aussinnen können.
Ich verbrachte eine fürchterliche Nacht. Zuweilen ging mein Puls so rasch und schwer, dass ich jede einzelne Ader zu spüren vermeinte. Dann wieder war's mir, als müsst ich jetzt und jetzt zu Boden sinken vor Abgespanntheit und äußerster Erschöpfung. Und in all das Entsetzliche mischte sich auch noch die Bitternis meiner Enttäuschung: Jene Träume, welche so lange Zeit mein täglich Brot, ja meine Freude und Zuflucht gewesen, nun waren sie mir zur Höllenqual geworden! Und solcher Wechsel war so rasch erfolgt, dass mein Absturz ein vollkommener zu nennen war!
Nach und nach dämmerte ein trübseliger, nasser Morgen herauf und ließ vor meinen übernächtigen und schmerzenden Augen den weißen Turm der Ingolstädter Pfarrkirche zusamt seinem Zifferblatte erstehen: Der Zeiger wies die sechste Tagesstunde. Der Pförtner schloss die Torflügel des Hofes auf, welcher mir zum nächtlichen Asyle gedient, und ich trat auf das Pflaster hinaus und verlor mich im Gewirr der Gassen, welche ich eilenden Fußes durchschritt, als fürchtete ich hinter jeder Ecke jenes entsetzliche Wesen erblicken zu müssen. Ich wagte mich nicht nach meiner Behausung zurück, sondern hastete unter einem inneren Zwange voran, durchweicht von dem Regen, welcher aus einem schwarzen und rostlosen Himmel herniederrauschte.

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