|
|
Sonetschka Behrs aus dem Kreml
(Leseprobe aus:
Sofja Andrejewna Tolstaja,
Ein Leben an der Seite
Tolstojs, 2009,
Insel - von
Ursula Keller und Natalja Sharandak).
»Feierlich und schweigend fuhren wir zur Kremlkirche, die sich
unweit unseres Hauses befand. Ich weinte auf dem Weg dorthin
die ganze Zeit. Der Wintergarten und die Hofkirche Mari Geburt
lagen in wunderbarem Licht. Im Wintergarten kam Lew Nikolajewitsch
mir entgegen, nahm meine Hand und führte mich
zur Kirchentür, wo uns der Priester empfing. Er nahm unser beider
Hnde in die seine und führte uns zum Altar. Es sang der Hofchor,
zwei Priester leiteten den Gottesdienst, und alles war überaus
prchtig, würdevoll und feierlich. Alle Gste waren bereits in
der Kirche. Die Kirche war auch gefüllt mit Außenstehenden, der
Dienerschaft des Hofes. Im Publikum machte man Bemerkungen
über mein allzu junges Alter und die verweinten Augen.
Den Ritus unserer Trauung hat Lew Nikolajewitsch unbertreff
lich in seinem Roman Anna Karenina in der Hochzeit Lewins
und Kittys beschrieben. Eindrücklich und kunstvoll hat er den ußeren
Ablauf des Zeremoniells und den inneren psychologischen
Prozeß Lewins dargestellt. Was mich betrifft, so hatte ich in den
vergangenen Tagen so viel Aufwhlendes durchlebt, daß ich, als
ich unter der Brautkrone stand, nichts fühlte und empfand. Mir
schien, daß etwas Unausweichliches, Unwiderrufliches sich vollzog,
etwas wie ein elementares Naturereignis. Daß etwas geschah,
was geschehen mußte, und daß alles Nachsinnen darüber müßig
sei.«
Sofja Andrejewna Behrs heiratet am 23. September 1862 Lew
Nikolajewitsch Tolstoj. In der kurzen Woche nach der Verlobung
mit dem Grafen ist dem jungen Frulein viel Aufregendes widerfahren.
Romantisch verliebt in den viel lteren Schriftsteller, weiß
Sofja nichts von den dunklen Seiten seines Lebens. Er jedoch ist
der Ansicht, es dürfe keine Geheimnisse zwischen künftigen Ehepartnern
geben, und gibt der Verlobten seine Tagebücher zu lesen,
die minutiçs von seinem ausschweifenden Vorleben berichten. Die
Braut ist von der Lektüre zutiefst bestürzt, doch sie verzeiht ihm.
Selbst am Hochzeitstag ist die Aufregung für die junge Frau
noch immer nicht zu Ende. Am Morgen stürmt der immer zweifelnde
Tolstoj in Sofjas Zimmer und bedrängt sie mit Fragen und
Bedenken. Ob sie ihn denn wirklich liebe und heiraten wolle?
Noch sei es nicht zu spät, alles abzusagen. Die resolute Brautmutter
bereitet diesem Auftritt ein Ende und macht ihrem zukünftigen
Schwiegersohn heftige Vorwürfe wegen seines ungebührlichen
Verhaltens. Als die Braut schließlich zurechtgemacht ist, wartet
sie zur verabredeten Stunde vergeblich auf den Brautführer. Nach
dem ungeheuerlichen Vorfall am Morgen beschleicht sie die Angst,
Tolstoj könne sich in letzter Minute davongemacht haben. Nach
mehr als einer Stunde bangen Wartens erscheint schließlich Tolstojs
Diener Andrej Stepanowitsch und berichtet, es sei vergessen
worden, dem Bräutigam ein gestärktes Hemd bereitzulegen. Nachdem
ein solches gefunden ist, kann die Trauung dann endlich stattfinden.
Ein solch aufregender Prolog leitet das Eheleben der Sofja Andrejewna
Tolstaja ein. Kurz nach der Hochzeitszeremonie bricht
das neuvermählte Paar nach Jasnaja Poljana, dem Landgut Tolstojs
im südrussischen Gouvernement Tula, auf. Für den Rest ihres Lebens
werden Jasnaja Poljana und Lew Nikolajewitsch Tolstoj für
die »Gräfin Sofja Tolstaja«, wie sie im ersten Brief nach der Hochzeit
gewichtig unterschreibt, Mittelpunkt ihres Lebens sein.
Das junge Frulein Behrs ist eine vorzgliche Wahl. Aus gutem
Hause, gebildet, hübsch, romantisch und unerfahren, ist sie die
ideale Ehefrau für Lew Tolstoj.
Geboren am 22. August 1844 in Pokrowskoje, dem nur wenige
Kilometer von Moskau entfernten Landsitz der Familie, als zweites
von insgesamt acht Kindern des kaiserlichen Hofarztes Andrej
Jewstafjewitsch Behrs und seiner Frau, Ljubow Alexandrowna,
wchst Sofja Andrejewna ganz in der Tradition der russischen Intelligenzija
auf.
Der Name Behrs geht zurück auf die deutsche Herkunft der
Familie des Vaters Andrej Jewstafjewitsch. Sein Großvater Hans
Behrs war als Rittmeister des Kürassierregiments an den Reformen
des russischen Militärs nach westlichem Vorbild beteiligt.
Während der Regentschaft der Tochter Peters des Großen, Elisabeth
I., nach Rußland eingewandert, war Hans Behrs einer der
Verantwortlichen für die Umsetzung der Neuorganisation der russischen
Regimenter nach den noch von Peter I., dem »Großen, Allweisen
und Vater des Vaterlandes«, erlassenen Dienstvorschriften.
Beim Brand von Moskau im Jahr 1812, der im Krieg gegen Napoleon
fast die gesamte Stadt zerstörte, verlor die Familie Behrs
ihren Besitz. So mußten die Söhne Alexander und Andrej einen
soliden Beruf ergreifen. Beide studierten an der medizinischen Fakultät
der Moskauer Universität und wurden Ärzte.
Sofja Behrs und ihre Geschwister leben also in der gediegenen
Atmosphäre eines Arzthaushaltes. Die gesellschaftliche und finanzielle
Position des Vaters ist recht gut. Unter Zar Nikolaj I. ist ihm
der Titel eines kaiserlichen Hofarztes verliehen worden, er hat ein
auskömmliches Gehalt und ein gutes Einkommen aus seiner Privatpraxis.
Die Familie lebt im Winter in Moskau, in einer Dienstwohnung
im sogenannten Ordonnanzhaus im Kreml, das an den
kaiserlichen Palast grenzt. Die Sommer verbringt man im Haus
auf dem Lande. Eine Dienerschaft von etwa zehn Personen verleiht
dem Leben einige Bequemlichkeit, und man achtet auf das
gesellschaftliche comme il faut. So werden die drei Töchter bei ihren
Spaziergngen stets von einem livrierten Diener begleitet, der
ihnen in gemessenem Abstand folgt.
Vermögend jedoch ist die Familie nicht, und der Haushalt wird
bescheiden geführt. Im Vergleich zum eleganten Sankt Petersburg,
der Residenzstadt des Zaren und damit Zentrum der Aristokratie,
ist das Moskau des 19. Jahrhunderts ziemlich provinziell. »In unserem
Heim gab es keinerlei Luxus. Überhaupt ging es damals in
Moskau recht patriarchalisch zu«, berichtet Sofjas jüngere Schwester,
Tatjana Kusminskaja, wobei unter »patriarchalisch« ganz offenbar
»rückständig« zu verstehen ist: »Das Trinkwasser wurde in
Fässern herangefahren, die Straßen waren schmutzig und kümmerlich
beleuchtet. Allerlei Viehzeug lief in den Höfen herum und
oft sogar in den Straßen.«
Auch Lew Tolstoj beschreibt das Leben der Familie Behrs als
das einer bescheidenen Beamtenfamilie in durchaus beengten Ver-
hältnissen: »Die gesamte Wohnung bestand aus einem komischen
Flur, die Entreetr führte vom Treppenhaus direkt ins Eßzimmer,
das Arbeitszimmer des Familienoberhauptes war ein Käfterchen,
die Fräulein Töchter schliefen auf seltsamen, verstaubten, durchgesessenen
Sofas, der heutige Engländer Mister water-closet hieß
dazumal noch gut russisch. Heute wäre das alles undenkbar. Unausdenkbar,
daß die Kranken zu ihrem Arzt über eine wacklige
Stiege gelangten und gelegentlich auch herunterstürzten, unausdenkbar,
daß im Zimmer ein Kronleuchter hing, gegen den selbst
ein Patient von mittlerer Größe stieß, so daß er sich, wenn er nicht
auf der Stiege strzte, zumindest am Kronleuchter den Kopf einrannte.«
In der Familie wird besondererWert auf Erziehung und Bildung
der drei Töchter Jelisaweta, Sofja und Tatjana gelegt, denn dies
ist ihr Kapital, mit dem sie, statt mit einer hohen Mitgift, ins Leben
entlassen werden sollen. Sie erhalten Fremdsprachenunterricht
durch Gouvernanten, nehmen Tanzunterricht, beschäftigen sich
mit der Literatur, lernen Zeichnen oder Gesang und besuchen
die Oper und das Theater – all dies entspricht den Gepflogenheiten
ihrer Gesellschaftsschicht zu jener Zeit.
Neben dem Unterricht, der zu Hause stattfindet und zunchst
von der Mutter und französischen sowie deutschen Gouvernanten
erteilt wird, bereitet man die Mädchen auch auf die Rolle der
Hausfrau vor, sie lernen Nähen und Sticken, und die beiden ltesten
Töchter, Lisa und Sonja, wie Jelisaweta und Sofja genannt werden,
sind seit früher Kindheit an der Haushaltsfhrung beteiligt.
»Wir Schwestern hatten unsere Wsche selbst zu nähen und zu
stopfen, zu sticken und des Abends der Mutter nicht weniger als
dreißig Seiten am Stück vorzulesen. Auch der Haushalt lag zum
Teil in den Hnden meiner Schwester Lisa und mir. Bereits im Alter
von elf Jahren mußten wir des Morgens früh aufstehen und
dem Vater den Kaffee kochen. Dann gaben wir der Köchin aus
der Vorratskammer die Tagesration aus, und danach machten wir
uns alle für den Unterricht, der um neun begann, zurecht.
Meine Schwester Lisa und ich wirtschafteten im Wechsel . . .
und hatten alles einwandfrei zu übergeben: die Vorratskammer,
den Schrank mit den Trockenvorrten und den mit den Haushalts-
büchern und der Tischwsche. Ebenso mußten wir den Monatsvorrat
an Zucker kleinschlagen, Kaffee mahlen und die Schrankböden
putzen.«
Die Mutter Ljubow Alexandrowna Behrs scheint in allem recht
streng gewesen zu sein. Sie lebte zurückgezogen ganz für die Familie.
Für schlechtes Betragen erteilte sie den Kindern herbe Verweise
und verlieh diesen bisweilen mit einer tüchtigen Tracht Prügel
Nachdruck. Der Vater wird als geradliniger,warmherziger Mensch
beschrieben. Sein Jähzorn ist zwar selbst von seiner Gattin gefürchtet,
aber er tut der allgemeinen Beliebtheit des Familienoberhaupts
keinen Abbruch. »Vater liebte und verwöhnte uns und versorgte
uns nicht nur mit allem Notwendigen, sondern auch mit allen Annehmlichkeiten
des Lebens.«
Als Hofarzt ist Andrej Behrs monarchistischgesinnt und verehrt den Zaren. Diesen Patriotismus
vermittelt er auch seinen Kindern. Als eine der eindrücklichsten
Kindheitserinnerungen schildert Sofja Tolstaja die Feierlichkeiten
anlßlich der Krönung von Zar Alexander II. im August 1856.
Gleichwohl ist Andrej Jewstafjewitsch ein Mensch ohne Dünkel,
für den keine Standes- oder nationalen Unterschiede existierten.
Oft bringt er Gäste mit nach Hause, die Kreml-Wohnung der Familie
Behrs ist ein offenes Haus, immer voll von Verwandten und
Freunden.
Häufige und bei den Kindern der Behrs-Familie besonders gern
gesehene Gste sind die Brüder Nikolaj und Lew Tolstoj. Die Familien
Tolstoj und Islenjew, der Sofjas Mutter entstammt, sind
einander seit Jahrzehnten in Freundschaft verbunden, ihre Land-
güter liegen nur wenige Werst voneinander entfernt.
Die Verhältnisse, in denen die Kinder der Familie Islenjew aufwuchsen,
waren ziemlich ungeordnet. Sofja Petrowna Koslowskaja,
die Großmutter der Behrs-Kinder, hatte sich nach kurzer, unglücklicher
Ehe von ihrem Mann, dem viel älteren Fürsten Koslowski,
getrennt und danach mit dem Tulaer Gutsbesitzer Alexander Michailowitsch
Islenjew in gesetzlich nicht anerkannter Ehe zusammengelebt.
Der Fürst Koslowski wollte seiner jungen Frau nicht
die Freiheit geben, und aufgrund einer von ihm angestrengten
Klage hatten die Behörden die in heimlicher kirchlicher Trauung
geschlossene Ehe Sofja Petrownas mit Islenjew für nichtig erklärt.
»Vor Gott bin ich sein Eheweib«, soll die Großmutter ihre schwierige
Situation gerechtfertigt haben. Alexander Islenjew, Offizier
des Moskauer Leibgarderegiments, nahmaufgrund der illegitimen
Verbindung mit der Fürstin Koslowskaja seinen Abschied von der
Armee. Da die Vaterschaft Islenjews für die Kinder, die der Verbindung
entstammten, nicht offiziell anerkannt werden konnte,
trugen diese den erdachten Familiennamen Islawin, »was sie in ihrem
späteren Leben oftmals in eine prekre Lage brachte«.
Sofja Petrowna Koslowskaja war von bester Herkunft und vor
ihrer Ehe Hoffräulein gewesen – ihr Vater, Graf Pjotr Sawadowski,
war unter Zarin Katharina der Großen Chef der Geheimkanzlei
und spter der erste russische Bildungsminister –, und so hatte
diese Geschichte selbst am Zarenhof viel Staub aufgewirbelt. Was
in der großen Gesellschaft bei Hofe als Stigma galt, wurde in den
Kreisen der fortschrittlichen russischen Intelligenzija indes stillschweigend
geduldet. Tolstojs Vater Nikolaj Iljitsch Tolstoj war
ein guter Freund Alexander Islenjews, und Lew Tolstoj war seit frü-
hester Jugend mit einer der Töchter, Ljubow Alexandrowna Islawina,
der spteren Frau Behrs, bekannt und befreundet. Ljubow
Alexandrowna und Lew Tolstoj waren etwa im selben Alter, und
manche berichten gar, er sei in seiner Jugend in sie verliebt gewesen.
Lew Tolstoj ist den Töchtern Behrs seit ihrer Kindheit vertraut.
»Immer sah er elegant aus und war sorgfältig frisiert . . .«, erinnert
sich Tolstajas Schwester Tatjana Kusminskaja, »und wir waren immer
froh über sein Kommen, denn er brachte Leben ins Haus, half
uns beim Einstudieren unserer Rollen, gab uns Rätsel auf, turnte
und sang mit uns, bis er dann unvermittelt auf die Uhr guckte, sich
eiligst verabschiedete, und fort war er.«
Der stets elegante Tolstoj, zu jener Zeit nicht einmal dreißig
Jahre alt, verkehrt in der Hautevolee und führt ein ziemlich unstetes
Leben, wie es in den Kreisen der Aristokratie nicht unüblich
ist. Geboren am 28. August 1828 als viertes vo
n insgesamt fünfKindern in einer der besten Familien der russischen Aristokratie,
wuchs Lew Tolstoj zunchst in Jasnaja Poljana auf, dem unweit
der Gouvernementshauptstadt Tula gelegenen Landgut der Familie.
Kaum zwei Jahre war er alt, als seine Mutter starb. Die Erziehung
der fünf Kinder übernahm die im Hause wohnende entfernte
Verwandte von seiten des Vaters,Tatjana Alexandrowna Jergolskaja,
genannt Tantchen Toinette. Der Vater Lew Tolstojs,Nikolaj Iljitsch
Tolstoj, hat seiner jungen Verwandten einst zrtliche Gefühle entgegengebracht
und machte ihr einige Jahre nach dem Tod seiner
Frau einen Antrag. Wie eine wertvolle Reliquie bewahrte Toinette
ihre Notiz zu diesem Ereignis in ihrem mit Glasperlen besetzten
Portefeuille mit allen ihren Dokumenten auf: »16. August 1836:
Nikolaj hat mir heute einen seltsamen Vorschlag gemacht«, heißt
es dort, »nämlich ihn zu heiraten, seinen Kindern die Mutter zu
ersetzen und sie niemals im Stich zu lassen. Ersteres habe ich abgelehnt,
das zweite versprach ich zu erfüllen, solange ich lebe.«8
Tatjana Jergolskaja hielt ihr Versprechen und lebte bis zu ihrem
Tod auf Jasnaja Poljana.
Im Juni 1837 starb der Vater. Die Vormundschaft der Kinder
übernahm die Schwester des Vaters, Pelageja Iljinitschna Juschkowa,
die mit ihrem Mann in Kasan anässig war. Die beiden nahmen
die Waisen auf. Seine Jugendzeit in Kasan bezeichnet Tolstoj
später als die »Wüste der Einsamkeit«, in der niemand ihm moralische
Orientierung zu geben vermochte. »Jedesmal, wenn ich das,
was meine tiefsten Herzenswünsche ausmachte, auszusprechen
versuchte, nmlich daß ich moralisch unfehlbar sein wolle, traf
ich auf Verachtung und Spott«, schreibt er in seiner Beichte. »Aber
wenn ich mich den schlechten Leidenschaften hingab, lobte man
mich und förderte dies. Ehrgefühl, Herrschsucht, Habsucht, Sinnlichkeit,
Stolz, Wut, Rache – all dies wurde geachtet.«
Nachdem er im zweiten Anlauf das Aufnahmeexamen der Universität
bestanden hatte, nahm Tolstoj 1844 das Studium an der
Fakultät für orientalische Sprachen an der Universitt Kasan auf.
Er war jedoch kein strebsamer Student. Gleichwohl las er viel und
beschäftigte sich mit Philosophie. Jean-Jacques Rousseaus Confessions
waren seine Offenbarung. Bei seinen Aufenthalten auf dem
Land inszenierte er sich als Diogenes. Der einstige Stutzer, der in
der Stadt größten Wert auf ein entsprechendes Auftreten legte und
nirgendwo erschien, ohne feinste Handschuhe zu tragen, trug auf
Jasnaja Poljana, inspiriert durch seine philosophischen Studien,
eine Art Schlafrock aus Sackleinwand, keine Strümpfe und plumpe
Pantoffeln.
Kasan galt als das russische Eldorado jener Zeit, und die Möglichkeiten
des Amsements waren zahllos. Bälle, Diners, Soireen
boten interessantere Zerstreuung als die Universität. Einer angesehenen
Familie entstammend, war Tolstoj als möglicher Heiratskandidat
ein gerngesehener Gast in den Salons. Da er sich für unansehnlich
und wenig anziehend hielt, war Tolstoj gehemmt, tanzte
nur ungern, und die jungen Damen fanden ihn hölzern und langweilig,
einmal muß er sich gar sagen lassen, er sei ein »sac de
farine« [Mehlsack]. Das Gesicht, das ihm aus dem Spiegel entgegenblickte,
rief in ihm Mißfallen hervor. Tolstojs Schwester Maria
berichtet dagegen, daß »er seine Häßlichkeit stets übertrieb. Er
war sehr charmant und anziehend und steckte uns mit seiner Fröhlichkeit
oft an.«
Doch nicht nur in der sogenannten feinen Gesellschaft war der
junge Tolstoj anzutreffen. Im Alter von knapp fünfzehn Jahren verlor
er seine Unschuld. Seine älteren Brüder nahmen ihn in ein Bordell
mit, wo der Heranwachsende sich zum ersten Mal seiner sexuellen
Leidenschaft hingab.
Der Wechsel an die juristische Fakultät weckte bei Tolstoj keinen
Enthusiasmus für das Studium. Ihm fehlte die Disziplin, was
einmal gar mit Arrest im Karzer endet. »Was werden wir aus diesem
heiligen Tempel der Wissenschaften mitnehmen?« fragte er.
»Worauf sollen wir hier vorbereitet werden, wozu werden wir nützlich
sein?«
Am 12. April 1847 reichte der Student Tolstoj sein Gesuchum Exmatrikulation »aufgrund gesundheitlicher Probleme
und familiärer Umstnde« bei der Universitätsleitung ein. Die Be-
gründung war ebenso fadenscheinig wie zutreffend. Im Monat zuvor
hatte er sich aufgrund einer venerischen Erkrankung einer Behandlung
im Universitätsklinikum unterziehen müssen.
(...)Rezension I Buchbestellung I home II10 LYRIKwelt © Insel Verlag/U.K.+N.S.