Abende nicht von dieser Welt, St. Petersburger Salondamen und Künstlerinnen des Silbernen Zeitalters, 2003, Aviva Verlag - Ursula Keller und Natalja Sharandak

Natalja Sharandak

Abende nicht von dieser Welt
Schriftstellerinnen und die Petersburger Salons
(Auszug aus: Abende nicht von dieser Welt, St. Petersburger Salondamen und Künstlerinnen des Silbernen Zeitalters, 2003, Aviva Verlag, gemeinsam mit Ursula Keller).

(...)

Sinaida Gippius wird zur gefürchteten Kritikerin, die in ihren literaturkritischen

Essays in den einschlägigen Zeitschriften jener Jahre ohne

übertriebene Rücksichtnahme ihre Ansichten über die Werke ihrer

Kollegen formuliert: Konstantin Balmont kann sie nicht ertragen, von

Wjatscheslaw Iwanow und seinem Neoheidentum grenzt sie sich ab,

Inokenti Annenski erkennt sie in keiner Weise an, von der gesamten

»futuristischen« Dichtung will sie nichts hören.

Sie erfindet einen ganz eigenen Stil der Literaturkritik, der frei von

Klischees und gleichsam ein Gespräch mit dem Leser ist. Das Werk des

jungen Maxim Gorki, dessen realistische Schilderungen der sozialen

Zustände im zaristischen Russland der Bewegung des Symbolismus diametral

gegenüberstand, beurteilt sie besonders vernichtend, der Schriftsteller

wird einer ihrer Lieblingsfeinde. Gippius sieht in Gorki den

Vorgeschmack einer proletarischen Literatur und Kultur, und bemitleidet

ihn als einen Schreiberling, dessen Gefühle zu Literatur und Kultur von

der »Schönen Dame« des Symbolismus nicht beantwortet werden. In seinen

Erzählungen sei der Mensch frei von allem, was ihm einst eigen war:

»Von der Liebe, der Moral, von Besitz und Wissen, von der Schönheit,

Pflicht und Familie, von allem … Was aber bleibt nach allen diesen

Befreiungen? Nicht Mensch. Ein Tier? Nicht einmal ein Tier.«

Gippius wird zu einer Autorität, an die sich junge Dichter hoffnungsvoll

wenden, doch auch mit ihnen geht sie nicht gerade zimperlich um.

So berichtet die Witwe des heute weltberühmten Ossip Mandelstam,

Nadeshda Mandelstam, in ihren Erinnerungen, wie der junge, noch unbekannte

Ossip Gippius mit einigen seiner Gedichte aufsuchte. Mandelstam

drang nicht bis zu jenem sagenumwobenen Sofa vor, auf dem

Gippius in ihrem Salon in malerischer Pose liegend die Auserwählten

empfing, denn sie fertigte ihn schon an der Tür mit den kurzen Worten

ab, wenn er gute Gedichte schreibe, würde sie beizeiten davon erfahren,

vorerst sei es noch zu früh, sich mit ihm auseinanderzusetzen, da man ja

nicht wissen könne, ob etwas dabei herauskäme. Als Gippius bald darauf

die Gedichte Mandelstams las, begann sie sich für den begabten jungen

Mann zu interessieren. Sie hatte die Stärke, ihren Irrtum einzugestehen

und trug ihm von verschiedenen Seiten Einladungen zu Gesprächen an,

doch Mandelstam war zu stolz, sich nach der erlittenen Schmähung noch

einmal zu ihr zu begeben. So blieb es bei diesem einzigen Treffen der

beiden an der Türschwelle zur Wohnung der berüchtigten »Dame mit der

Lorgnette«.

Und obwohl ihr der Ruf der unerbittlichen Kritikerin anhängt, fördert

sie junge Talente wie den unter dem Pseudonym Andrej Belyj in die

Weltliteratur eingegangenen Boris Bugajew und Alexander Blok. Andrej

Belyj zeichnet in seinen Lebenserinnerungen auch eines der schönsten

Porträts der Gippius: »Sinaida Gippius ist gleichsam eine Wespe von

menschlichem Wuchs, fast wie das Gerippe der ›Verführerin‹ (aus der

Feder Audrey Beardsleys); eine Kugel zusammengefasster roter Haare

(offen getragen reichen sie bis zum Boden) bedeckte ein sehr kleines und

etwas schiefes Gesicht; Puder und Blitzen der Lorgnette, in die sie das

grüne Auge steckte; mit der geschliffenen Kette spielend, bohrte sie ihren

Blick in mich, die Flamme der Lippen zusammenpressend, rieselte der

Puder von ihr hinab; vor der Stirn, wie ein blitzendes Auge, hing ein

Stein: an einem schwarzen Band; am busenlosen Busen polterte ein

schwarzes Kreuz; und die Schnalle an den Schuhen schlug Funken; Bein

über Bein; die Schleife ihres anliegenden weißen Kleides hatte sie

zurückgeworfen; die Anmut ihres knöchernen, beckenlosen Gerippes gemahnte

an die Gläubige, die die Kommunion empfängt, und geschickt

den Satan betört.«

(Zum ersten Teil)

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