Der Bonbonpalast von Istanbul von Elif Shafak, 2008, Eichborn

Elif Shafak

Der Bonbonpalast
(Leseprobe aus:
Der Bonbonpalast, Roman, 2008, Eichborn - Übertragung Eric Czotscher).

DAVOR GAB ES HIER ZWEI ALTE FRIEDHÖFE: der eine
klein, rechteckig und gepflegt, der andere groß, halbkreisförmig
und verwahrlost, beide brechend voll und trotzdem verlassen.
Sie bedeckten eine ziemlich große Fläche, teilten dieselbe verfallene
Mauer und waren von einem efeubewachsenen Zaun
und steilen, schattigen Hängen umgeben. Der große gehörte
den Muslimen, der kleine den orthodoxen Armeniern. Damit
niemand hinüberkletterte, hatte man auf der etwa eineinhalb
Meter hohen Mauer zwischen den Friedhöfen verrostete Nägel,
Glasscherben und sogar Spiegelstücke gesteckt, ohne sich
um den Aberglauben zu kümmern. Die riesigen zweiflügeligen
Eisentore zu den beiden Grabfeldern befanden sich am jeweils
entgegengesetzten Ende, eines schaute nach Norden, eines nach
Süden.

Wenn nun einem Besucher eingefallen wäre, den anderen
Friedhof zu besuchen, hätte er den »seinen« verlassen, die
Mauer entlanggehen und, je nachdem von welchem Friedhof
er kam, hinunter oder hinauf steigen müssen, um schließlich das
gegenüberliegende Tor zu erreichen. Doch diese Strapazen
musste niemand auf sich nehmen, da kein Besucher mit Angehörigen
auf einem Friedhof jemals auf die Idee kam, den anderen
Friedhof zu besuchen.

Trotzdem gab es Wesen, die Tag und
Nacht hinüberwechselten. Der Wind, Diebe, Eidechsen und
Katzen kannten alle möglichen Wege, um das Hindernis obenherum,
untenherum oder mittendurch zu überwinden.
Das blieb nicht lange so.

Wegen des ständigen Zuzugs vom
Land füllten sich alle Lücken in der Stadt mit Häusern, die von
weitem aussahen wie eine Armee Betonsoldaten. Die beiden
Friedhöfe wirkten bald wie zwei umbrandete einsame Inseln.
Fortwährend wurden neue Wohnhäuser gebaut und ganze
Häuserblocks hochgezogen, zwischen denen winzige, verwinkelte
Gassen entstanden, die von oben wie Gehirnwindungen
aussahen — die Häuser blockierten Straßen, und die Straßen
wanden sich zwischen den Häusern hindurch. So wuchs die
Stadt und schwoll an wie ein Fisch, der nicht merkt, dass er
schon lange satt ist.

Kurz bevor der Fisch platzte,musste der geblähte
Bauch mit einem scharfen Messer aufgeritzt werden,
damit er und die Menschen drinnen wieder atmen konnten.
Dieser Schnitt bedeutete, dass bald eine neue Straße nötig war.
Durch das wilde Wachstum wurden die Straßen und Gassen
bald zu eng, und der Verkehr staute sich wie Abwasser, das an
den Ecken und Rändern nicht mehr abfließen kann. Nun
musste rasch eine große Straße her, die wie ein Kanal alle Wege
miteinander verband und den Verkehr wieder zum Fließen
brachte. Als sich die Verantwortlichen jedoch an die Planung der
Straße machten und die Gegend aus der Vogelperspektive betrachteten,
erkannten sie schnell, dass sie in einer Zwickmühle
steckten. Überall dort, wo die Hauptstraße hätte entlangführen
können, standen, als hätte sie jemand mit Absicht dorthin gestellt,
ein Regierungsgebäude, eine Prominentenvilla oder aber
die dicht an dicht gedrängten Häuser einkommensschwacher
Familien, die zwar jedes für sich genommen leicht zu beseitigen
gewesen wären, insgesamt aber einen aufwändigen Massenabriss
erforderlich gemacht hätten. Um die Straße zu bauen,
musste ihr also erst einmal ein Weg gebahnt werden.

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