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Zimt
(Leseprobe aus: Der Bastard von Istanbul,
Roman, 2007, Eichborn -
Übertragung Juliane Gräbener-Müller)
Du sollst nicht verfluchen, was vom Himmel fällt. Dazu gehört auch der Regen. Egal was herabregnet, egal wie heftig der Wolkenbruch oder wie eisig der Schneeregen, du sollst niemals Flüche aussprechen gegen egal was der Himmel für uns bereithält. Jeder weiß das. Auch Zeliha. Und dennoch ging sie an diesem ersten Freitag im Juli fluchend auf einem Bürgersteig, der eine hoffnungslos verstopfte Straße entlangführte; sie hastete zu einem Termin, zu dem sie jetzt schon spät dran war, fluchte wie ein Kutscher und ließ eine Schimpfkanonade nach der anderen los, über das kaputte Pflaster, ihre Stöckelschuhe, den Mann, der ihr folgte, über jeden dieser Autofahrer, die wie wild hupten, obwohl doch jeder wußte, daß Lärm die Auflösung von Verkehrsstaus nicht befördert, über die ganze Dynastie der Osmanen, weil die vor langer Zeit die Stadt Konstantinopel erobert und aus Versehen geblieben war, und ja, über den Regen …, diesen verdammten Sommerregen. Hier ist Regen eine Qual. In anderen Teilen der Welt gilt ein Wolkenbruch wahrscheinlich als Segen für nahezu alles und jedes – gut für die Landwirtschaft, gut für Flora und Fauna und, mit einem Extraschuß Romantik, gut für Verliebte. In Istanbul ist das nicht so. Für uns hat Regen nicht unbedingt mit Naßwerden zu tun. Ja nicht einmal mit Schmutzigwerden. Wenn überhaupt, dann mit Wütendwerden. Er bedeutet Schlamm und Chaos und Zorn, als hätten wir nicht schon genug von alldem. Und Kämpfen. Er hat immer mit Kämpfen zu tun. Wie Kätzchen in einem Eimer Wasser kämpfen alle zehn Millionen von uns vergeblich gegen die Tropfen. Man kann nicht sagen, daß wir dabei ganz alleine wären, betroffen sind auch die Straßen mit ihren vorsintflutlichen Namen, die mit Schablonen auf Blechschilder geschrieben sind, die überall verstreuten Grabsteine aller möglichen Heiligen, die Müllhaufen, die an fast jeder Ecke warten, die überdimensionalen Baugruben, die sich bald in moderne Prachtbauten verwandeln sollen, und die Seemöwen … Uns alle macht es wütend, wenn der Himmel sich auftut und uns auf die Köpfe spuckt. Wenn aber die letzten Tropfen den Erdboden erreichen und noch viele weitere unsicher auf den nun vom Staub befreiten Blättern balancieren, in diesem ungeschützten Augenblick, wenn man nicht ganz sicher ist, ob der Regen endlich aufgehört hat, ja nicht einmal er selbst es weiß, genau in diesem Moment wird alles heiter. Eine ganze Minute lang scheint der Himmel sich für das zu entschuldigen, was er da angerichtet hat. Und wir, immer noch Tröpfchen im Haar, Matsch im Hosenaufschlag und Trostlosigkeit im Blick, starren in den Himmel, der jetzt in einem etwas helleren Tiefblau und klarer denn je erstrahlt. Wir blicken auf und lächeln unwillkürlich zurück. Wir vergeben ihm; das tun wir immer. Im Augenblick schüttete es allerdings noch und Zeliha empfand wenig bis gar keine Versöhnlichkeit in ihrem Herzen. Sie besaß keinen Schirm, denn sie hatte sich geschworen, daß es ihr, wenn sie so blöd wäre, noch einmal einem Straßenhändler Geld für noch einen weiteren Schirm hinzublättern, den sie, sobald die Sonne her- auskäme, wieder irgendwo liegenließe, ganz recht geschähe, bis auf die Haut naß zu werden. Im übrigen wäre es jetzt sowieso zu spät. Sie war bereits triefnaß. Hierin glich Regen der Traurigkeit: Man tat alles, um unberührt, sicher und trocken zu bleiben, aber wenn einem das nicht gelang, kam ein Punkt, wo man das Ganze nicht mehr als Problem einzelner Tropfen, sondern als unaufhörlichen Schwall betrachtete, und beschloß, daß man dann genauso gut auch richtig naß werden konnte. Regen tropfte von ihren dunklen Locken auf ihre breiten Schultern. Wie alle Frauen in der Familie Kazanci war Zeliha mit rabenschwarzem, krausem Haar zur Welt gekommen, aber im Gegensatz zu den anderen mochte sie es so. Von Zeit zu Zeit verengten sich ihre normalerweise weit geöffneten und eine messerscharfe Intelligenz ausstrahlenden jadegrünen Augen zu zwei Strichen unverhohlener Gleichgültigkeit, die nur drei Gruppen von Leuten zu eigen ist: den hoffnungslos Naiven, den hoffnungslos Zurückhaltenden und den hoffnungslos Hoffnungsvollen. Da sie zu keiner dieser Gruppen gehörte, war es schwer, diese Gleichgültigkeit zu verstehen, selbst wenn es eine so flüchtige war. Plötzlich war sie da und umgab ihre Seele mit narkotisierter Gefühllosigkeit, dann war sie weg und ließ ihre Seele allein in ihrem Körper zurück. So fühlte sie sich an diesem ersten Freitag im Juli abgestumpft, als stünde sie unter Drogen, ein außerordentlich quälender Zustand für einen so energiegeladenen Menschen wie sie. Konnte das der Grund sein, weshalb sie heute absolut keine Lust gehabt hatte, es mit der Stadt oder gar dem Regen aufzunehmen? Während die Gleichgültigkeit sich wie ein Jojo im ganz eigenen Rhythmus auf und ab bewegte, schwang ihr Stimmungspendel zwischen erstarren und kochen hin und her.
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