Die Frequenzen von Clemens J. Setz, Residenz, 2009Clemens J. Setz

Die Frequenzen
(Leseprobe aus: Die Frequenzen, Roman, 2009, Residenz).

Die Zugfahrt

Gerade als er eine passende Formulierung für seine Begrüßung gefunden hatte, wurde der junge Mann am Zugfenster von einem Tunnel überrascht, dessen unvermittelt einsetzende Finsternis ihm wie zur Verhöhnung sein bleiches Gesicht in der zitternden Fensterscheibe vorhielt. Sein Gesichtausdruck, der halb offen stehende Mund und die quecksilbrig über sein Spiegelbild wandernden Regentropfen gaben ihm für einen Augenblick das Gefühl, in eine Falle getappt zu sein.

Er schüttelte den Kopf über seine Schreckhaftigkeit, griff in die Mantelinnentasche und berührte die kleine, scharfkantige Fahrkarte, nur um sich zu versichern, dass alles in Ordnung war. Dabei streifte er an sein Hemd. Es war schweißnass.

Nach kurzem tauchte der Zug wieder aus dem Tunnel, zurück ins trübe Tageslicht. Der grau gefleckte Oktoberhimmel hing immer noch schwermütig und tief über der Landschaft. Wenn man lange genug schaute, wirkte er sogar ein wenig durchhängend, als befände man sich unter einer Matratze in einer riesigen Schlafkoje.

Der junge Mann stellte verärgert fest, dass er seine Begrüßung wieder vergessen hatte, und versuchte sich zu erinnern, aber das Einzige, was ihm in den Sinn kam, war die verschwommene Endlosschleife der vorübersausenden Vegetation am Rand der Bahnstrecke, vor dem Tunnel, als er aus dem Fenster gestarrt hatte. Während er nachdachte, legte sich ein Knöchel seiner linken Hand auf seine Oberlippe und wanderte langsam Richtung Nasenspitze.

Als die Hand dort angekommen war, sprang ein Funke über und ihm wurde klar, dass alle Anstrengungen zwecklos waren, die Formulierung war verschwunden, für alle Zeiten verloren.

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

Er stand auf, um sich ein wenig zu bewegen. In diesem Moment neigte sich der Zug etwas zur Seite, eine scheinbar unendliche Kurve, und der junge Mann musste ein paar Schritte in Richtung Abteiltür machen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.

Seine Blase machte sich bemerkbar. Er taumelte durch den schwankenden Gang, seine Hand berührte die eiskalte Fensterscheibe. In den Abteilen, an denen er vorbeikam, saßen Menschen auf Standby-Betrieb. Die Toilette war ein winziger, lichtarmer Raum, eine mittelalterliche Büßerzelle. Als er sich umdrehte, um die Tür hinter sich zu schließen, streiften seine Mantelschöße die metallfarbene Kloschüssel, die mehr an einen umgedrehten Stahlhelm erinnerte. Trotz der Enge zog er den Mantel aus und warf ihn sich, nach Art eines Flagellanten, über die Schulter. Der Lärm in der Kabine war unerträglich. Über die trüben Milchglasscheiben wanderten schwarze Attrappen von Regentropfen.

Walter hatte große Mühe, seinen Urinstrahl zu kontrollieren. Mehrere Male traf er neben die Kloschüssel, auf den Boden und die Wand, auf der zwei kleine Rinnsale abwärts wanderten.

Als er fertig war, betätigte er den Knopf der Spülung.

Einige Sekunden lang geschah nichts, dann öffnete sich in der Schüssel ein brüllendes, dreckverkrustetes Loch und gab einen kurzen Blick auf die unter dem Zug dunkel dahinflimmernden Schwellen frei; zumindest kam es Walter so vor. Genau hatte er nicht hingesehen.

Sich das Hemd wieder in die Hose steckend, schwankte er zurück zu seinem Abteil.

(...)

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