Klaus Servene

Schandflecken
(Leseprobe aus: Nehmt mich beim Wort, Erzählung, 2003, C. Bertelsmann)

Großvater Oskar war Koch im Orientexpress, dann Koch in einer Kanonierbrigade im ersten Weltkrieg. Als Koch kam man durch den Frieden wie durch den Krieg mit einer gewissen Leichtigkeit. Köche werden als Letzte exekutiert. Wenn die Hoffnung schon tot ist, dann erst stirbt der Koch.

Doch die Arbeit war alles andere als leicht. Im Orientexpress schwitzte Oskar am Herdfeuer der winzigen Küche, während er Schnecken in Weißweinsauce für die Herrschaften brutzelte. Damen reisten selten nach Istanbul und wenn, dann waren sie wie in einem anderen Erdteil, nicht bloß in einem anderen Wagen für ihn. Es gab nur eine Ausnahme. Jonka, eine Beiköchin aus Sofia. Eines morgens stand sie verloren am Bahnsteig im Gare de l’Est, abends wusste sie schon, wo Oskar die Kartoffeln und die Edelpilze aufbewahrte. Das Zugpersonal war herablassend. Die Gäste tabu. Doch Oskar behandelte sie, wie er gerne eine der vornehmen französischen Damen im Speisewagen behandelt hätte. Er setzte ihr ein Stück vom besten Filet vor. Er beschwichtigte mit großer Geste ihre Dankbarkeit. Er beeindruckte sie, indem er mit seinen großen Ohren wackelte, sobald der Zugchef ihnen den Rücken zugedreht hatte. Beide schwitzten sie Tag für Tag am Herdfeuer und eines Nachts schwitzten sie gemeinsam im Bett. Oskar beeindruckte Jonka, indem er frische Trüffel an ihrem Körper versteckte, lachte und grunzte wie ein Trüffelschwein. Draußen flog der Balkan vorbei, drinnen flogen Jonka und Oskar. Die ganze Zeit ratterte der Orientexpress.

Sie war, fand Oskar, ebenso schön, seine Jonka, wie die Schönste unter den französischen Damen; wenn nicht sogar - im Laternenlicht des Abteils genau betrachtet - noch viel schöner. Nur arm und bescheiden war Jonka, statt reich und vornehm. Von vornehmer Bescheidenheit wusste Oskar nicht viel. Ebenso wenig vom Reichtum der Armut. Würde er darüber Bescheid gewusst haben, wäre er nicht Koch, sondern Bettelmönch oder Eisenbahn-Ingenieur geworden. Dafür brauchte man schnödes Geld, blaues Blut, am besten beides, oder die Berufung Gottes. All das fehlte in Oskars Familie. Was es gab war Phantasie - kostenlos - und darauf aufbauend eine schlecht bezahlte Kochlehre. So war Oskar zum Praktiker geworden. Er heiratete Jonka in Köln-Ehrenfeld und sie gebar drei Töchter und vier Söhne. Eine der Töchter war Ellas Mutter, eine andere Patricks.

Glaubte man Jonka und Oskar, dann ging nur die Geburt von Patricks Mutter nicht reibungslos ab, sofern man überhaupt von reibungslos abgehenden Geburten sprechen kann. Als Jonka mit ihr hochschwanger war, stieg sie die steile Treppe in den Keller hinab, um Kartoffeln zu holen. Als sie den Kartoffelsack öffnete, sprang ihr eine Ratte entgegen. Die Tollwut grassierte gerade. Im letzten Augenblick drehte Jonka ihren Körper zur Seite, die Ratte sprang über ihren rechten Oberarm auf die Kohlen. Die Ratte berappelte sich und machte Anstalten, erneut anzugreifen. Da erst schrie Jonka. Oskar stürmte heran, griff einen Gartenspaten und zermatschte das Tier. Soweit, so gut. Bei der Geburt von Patricks Mutter zeigte sich auf ihrem rechten Oberarm ein samtgrau schimmernder Fleck, der mit ihr größer, älter und reifer wurde, schließlich handtellergroß: Rattenfell.

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