Die Tigerin
(Leseprobe aus: Die Tigerin,
Geschichte, Seite 70, ff, 1998, Residenz-Verlag)
Dennoch gingen sie etwa eine
Viertelstunde noch neben, vor und hinter einander einher, bis endlich Fec das
unerträglich gewordene Schweigen brach, indem er, in einer unwiderstehlichen
Laune, den sehr unverständlichen Wunsch aussprach: "Gib mir eine Bohne und
ich werde dir sagen, daß jene Wurst blau ist."
Bichette wartete, ob nicht noch etwas folgen würde. Dann lachte sie häßlich
und laut. "Wie wärs, hein, wenn du diese geholten Sachen ließest?"
Fec wurde mit einem Blick lebendig. "Das ist es! Das ist es! Geholte
Sachen! Geholte Sachen!"
Bichette lachte noch lauter und noch häßlicher. "Machen wir uns, Herr
Baron? Oder machen wir uns nicht."
"Das ist es. Wir machen uns."
"Schlingue! Was denn! So sprich doch schon!" Bichette stupste Fec,
seinen Ellbogen packen, vorwärts.
Fec blieb sofort stehen. "Sprachst du nicht gestern von der Tatsache,
daß wir uns lieben? Und daß es feststünde, wir wüßten bloß nicht - warum,
und nicht - wie? Wenn aber ..." Er hielt, seine Hand auf Bichettes
Unterarm, inne, um die Wirkung dessen, was er sagen wollte, noch zu erhöhen.
"Wenn aber das Warum fehlt und das Wie, wie steht es dann mit der
Tatsache?"
Bichette riß sich zornig seine Hand herunter. "Was willst du damit sagen,
hein?"
"Folgendes." Fec ging, die Hände vor der Brust schließend, langsam
weiter. "Weder du hattest recht, noch hatte ich recht. Die Prügelei in der
Jetée hat sich nicht ereignet, weil wir doch leer laufen, aber auch
nicht, weil wir nicht mehr leer laufen. Unsere Abmachung ist durchaus
nicht etwas anderes geworden. Sie ist geblieben, was sie war."
"Du weißt mehr als ich." Bichette trällerte schnippisch. "Was
war sie denn eigentlich."
Fec stutzte. "Famos!" Dann zog er Bichettes nur schwach
widerstrebenden Arm unter den seinen. "Worin unsere Abmachung eigentlich
bestand? Darin, daß wir, wie du in Paris auf der Fahrt zum Bahnhof sagtest, uns
vornehmen wollten, uns nichts vorzumachen wie die anderen, uns nichts
vorzutrillern, - sap zu bleiben, hart und klar uns selbst gegenüber, um alles
machen zu können. Das war unsere Abmachung. Nichts weiter."
Rezension I Buchbestellung I home IV05 LYRIKwelt © Residenz-Verlag