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Wie man das Meer sehen kann
(Leseprobe aus:
Wie man das Meer sehen kann, Erzählungen, 2002,
Hanser - Übertragung Willi
Zurbrüggen).
Ich habe nie etwas Böses getan.
Ich weiß nur, daß ich jeden Morgen um sechs Uhr aufstehen muß,
damit ich Zeit habe, meinen Korb herzurichten, der immer ein
einziges Durcheinander ist. Ich brauche Zeit, um festzustellen, wie
viele Pfefferminz-, Anis- oder Veilchenbonbons ich einkaufen muß.
Ich brauche Zeit, um festzustellen, wie viele Schokoladenriegel
zerbrochen oder im Papier geschmolzen sind oder wie viele
Marzipansoldaten mit zerbrochenen Holzgewehren ihre kriegerische
Haltung eingebüßt haben und nur noch aus nutzlosen Beinpaaren
oder lächelnden Gesichtchen bestehen.
Ich brauche Zeit, um die Münzröllchen aus zehn, zwanzig,
fünfundzwanzig und fünfzig Centavos zu machen. Aus
Zeitungspapier muß ich exakte Rollen formen und dann mit
schwarzer Tinte den jeweiligen Betrag darauf vermerken. Um das
alles zu tun, brauche ich Zeit, aber auch, um meinen Henkelmann
aufzufüllen und mein Butterbrot zu schmieren und dann mit dem
kleinen Klapptisch und dem Korb im Arm nach draußen zu hasten,
um den Sammelbus um sieben noch zu erwischen.
Ich habe nie etwas Böses getan, aber mit den Leuten muß ich
trotzdem vorsichtig sein. Es gibt immer welche, die mich nicht
kennen, die auf meine stoppelkurz geschnittenen Haare starren, auf
meine Glupschaugen, die ich angeblich habe, obwohl es mir selbst
gar nicht so schlimm vorkommt, auf meine Kleidung, die ich aus dem
Asyl habe, die aber immer sauber und gebügelt ist. Am schlimmsten
ist, daß es immer welche gibt, die mich zu bestehlen versuchen, wenn
der Korb nicht richtig geschlossen ist, weil zu viele Süßigkeiten darin
sind. Das passiert immer montags und donnerstags, wenn ich zur
Bodega gehe und die Süßigkeiten einkaufe, die mir fehlen.
Wenn ich zur Plaza komme, sind da nur die Tauben, und es hat ganz
den Anschein, als würden sie mich so gut kennen, daß mein
Standplatz der einzige ist, den sie verschonen und an dem es nicht so
aussieht, als hätte es geschneit, ganz verloren unter der Vogelscheiße.
Ich glaube, die Tauben sind mir dankbar für die Brotreste, die ich in
meinem Zimmer sammle und die ich ihnen jeden Freitag in einer
Plastiktüte mitbringe. Ich glaube, daß die Tauben das wissen und
deshalb meinem Platz Respekt entgegenbringen, im Gegensatz zu
dem des Stummen, der Schuhe putzt. Er wirft immer Steine nach
ihnen und versucht, die jungen Täubchen zu fangen. Er sagt, gekocht
und mit viel Knoblauch wären sie gut für die Lunge. Ich glaube, die
Tauben mögen den Stummen nicht; sein Platz ist immer mit weißer
Scheiße bedeckt, und das bringt ihn fürchterlich in Rage.
Wenn ich auf den Platz komme, bekreuzige ich mich als erstes vor
dem Bildnis des wundertätigen Erlösers, aber bitten tu ich ihn nie um
etwas. Ich weiß nicht, ich schäme mich, ihn um etwas zu bitten; er
sieht immer so ernst aus, und zu seinen Füßen brennen immer so
viele teure Kerzen. Nein. Ihn bitte ich um nichts, ich bekreuzige mich
nur und habe eine Heidenangst, wenn ich in seine schrecklichen
Augen blicke, in denen sich die Flämmchen der Kerzen spiegeln, daß
es so aussieht, als würden die Augen Funken sprühen. Angst verspüre
ich auch, wenn ich seinen Umhang aus rotem Samt betrachte;
dieselbe Farbe trägt der Bischof bei der Prozession, wenn alle
Heiligen an die frische Luft kommen und durch die Straßen getragen
werden. Da muß ich ganz besonders aufpassen, weil jeder nur Augen
für die Heiligen hat, und die Leute mir letztes Jahr zweimal den
Klapptisch umgeworfen haben und auf meine Bonbons und
Schokoladen getreten sind und ich danach mehrere Tage nichts zu
essen hatte.
Wen ich allerdings jedesmal um einen guten Tag bitte, das ist die
Barmherzige Jungfrau. Die Jungfrau ist etwas kleiner als der
wundertätige Erlöser und steht da jeden Tag mit ihrem lächelnden
Gipsgesichtchen, als hätte sie besonders gut geschlafen und als sei sie
früh am Morgen, noch bevor wir alle auf den Platz kommen, schon
von jemandem mit Levkojenwasser abgewaschen worden. Sie bitte
ich, daß es ein guter Tag werde, daß es nicht regnen möge, daß man
mich nicht bestiehlt, daß viele Schulmädchen kommen und alles
kaufen, was mein Korb hergibt. Ich bitte sie auch, daß ich mich nicht
verrechne, wenn jemand mit einem großen Schein bezahlt und ich
herausgeben muß. Wenn das passiert, werde ich immer ganz nervös,
und wenn ich nervös bin, fange ich an zu schwitzen, mein ganzer
Körper kribbelt, und ich fühle vom Bauch her einen üblen Geruch
aufsteigen, der mir womöglich die Kundschaft vertreibt. Wenn ich
nervös bin, kriege ich kaum ein Wort über die Lippen, und dann habe
ich wirklich das Gefühl, Glupschaugen zu machen.
Vor der Barmherzigen Jungfrau brennen fast nie feine Kerzen.
Höchstens solche Wachslichter, wie sie in den Häusern der Leute
brennen, die auf der anderen Seite des Flusses wohnen; man kann sie
eigentlich gar nicht Kerzen nennen. Von diesen hat sie welche, von
den allerbilligsten, und ich bringe ihr davon manchmal ein ganzes
Päckchen zum Dank, daß sie mir gute Tage beschert hat und ich fast
alle meine Süßigkeiten verkauft habe; daß mir kein einziger
Marzipansoldat im Korb zerbrochen ist; daß viele Kinder zur Plaza
gekommen sind und daß es nicht geregnet hat und mir nichts
gestohlen worden ist.
Wenn es Viertel nach sieben schlägt, baue ich schon meinen
Klapptisch auf, ordne die Süßigkeiten nach Farben und Geschmack,
die Schokoriegel nach Preisen, die teuersten lege ich aber immer
möglichst nahe zu mir, und die Marzipanfigürchen stelle ich wie zu
einer Parade auf; in Reih und Glied die kleinen Soldaten, und den mit
der Fahne immer vornweg.
Es macht mir Spaß, die Marzipanfigürchen aufzustellen. Ich denke
dabei an vergangene Zeiten, als mir noch eine Frau dabei half, die
Paraden aufzubauen, und mir Vanilleeis kaufte. Andere Zeiten, als
ich noch "Ram-tam-tam, Ram-tam-tam" sang, wenn die Trommler
und Paukenschläger zu Pferde vorüberzogen und die Erde erzittern
ließen. Wenn ich heute die Marzipanfigürchen aufstelle, singe ich
deshalb auch manchmal noch "Ram-tam-tam, Ram-tam-tam", aber
leise, ich will ja nicht, daß jemand mich hört, das wäre mir furchtbar
peinlich und würde mich nervös machen, und ich habe ja schon
erzählt, was passiert, wenn ich nervös werde.
Wenn um halb sieben das Glockenspiel erklingt, das mir so gut
gefällt, weil es die Tauben zum Tanzen bringt, habe ich alles fertig
und warte, daß die ersten Schulmädchen kommen.
Ich habe nie etwas Böses getan. Alles, was ich tue, ist, um sechs Uhr
morgens aufzustehen, um pünktlich mit meiner Arbeit anzufangen.
Ich weiß das genau; ich bin ganz sicher, nie etwas Böses getan zu
haben, und vielleicht bin ich deshalb an dem Tag so nervös
geworden, als die Männer mit dem Auto kamen, die mit den
Sonnenbrillen, und meine Verkaufslinzenz sehen wollten.
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