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Vereint saßen wir um den großen Eßtisch. In der Mitte
lagen zwei zusammengeklebte Zeichenblätter, auf denen Mama, ausgehend von dem
nun einmal vorhandenen Familiennamen Jakob Senger und ihrem im falschen Paß
angegebenen Mädchennamen Olga Fuhrmann, ein Kästchen an das andere fügte und so
einen fiktiven Stammbaum zusammenbaute, der allen schulmeisterlichen
Nachprüfungen standhalten konnte und dessen dichtes Blattwerk, Name für Name,
aus nichts als Lügen bestand. Ich durfte Mama dabei helfen, und ich ließ meine
ganze Phantasie spielen. Auch Paula, die später nach Hause kam, beteiligte sich
am Erfinden und richtigen Einordnen von rassekundlich akzeptablen Vorfahren. Die
Kunst war nämlich: es mußte mit den Namen, den Geburts- und Sterbedaten alles
zueinander passen, vertikal und horizontal und sogar im Rösselsprung.
Von weittragender Bedeutung war die Idee, die Geburtsorte aller Vorfahren in die
Gegend zwischen Don und Wolga zu verlegen und auf diese Weise glauben zu machen,
daß wir von Wolgadeutschen abstammten. Damit war auch gleich erklärt, warum in
unseren Pässen unter Staatsangehörigkeit »staatenlos« und »früher russisch«
stand.
Dreimal, fünfmal haben wir den Stammbaum umgeschrieben, da stimmte noch etwas
nicht und da nicht, ein Name klang noch nicht deutsch genug, ein anderer dagegen
zu deutsch. Doch dann stand er, zu aller Zufriedenheit, das heißt, zur
Zufriedenheit Mamas. Auch Papa gab seinen Segen. Dann machten wir noch etwas
sehr Kluges: wir fertigten eine Kopie des Stammbaums an und legten sie zu
unseren Familiendokumenten. Das sollte sich später auszahlen. Ob Alex im Auftrag
seines Lehrers in seiner Ahnengalerie herumforschen oder ein anderes
Familienmitglied beim Ausfüllen von behördlichen Formularen der gesunden Rasse
wegen die Namen der Großmütter und Großväter angeben mußte, dank dieser Kopie
hatten wir keine Probleme, keine Widersprüche und immer die gleichen Namen. So
wurde der anfangs als sehr lästig empfundene Stammbaum letztlich doch zu einer
starken Strebe in unserem Lügengebäude.
Eine schwache, vielleicht sogar verräterische Stelle hatte der Stammbaum
dennoch, und wir waren außerstande, sie auszumerzen. Wie konnten wir glaubhaft
machen, daß meine Eltern zwar Wolgadeutsche seien, aber in Litauen geboren sein
sollten? Aus unerfindlichen Gründen hatte mein Vater dem Aussteller des falschen
Passes in Zürich als Geburtsort Wilna für sich und seine Frau angegeben, wie es
dann auch von allen deutschen Behördenstellen übernommen wurde. Es ist möglich,
daß er damit von seinem wirklichen Geburtsort in der Ukraine ablenken wollte,
weil er ja noch immer in den dortigen Fahndungslisten geführt wurde; denkbar ist
aber auch, daß es sich einfach um einen Verständigungsfehler handelt. Ich habe
Gründe für diese Vermutung, denn auch der Name SENGER ist nur ein Schreibfehler
meines Vaters, wie er mir einmal gestand.
Als er nämlich beim Ausstellen des falschen Passes auf einem Blatt Papier
vorschreiben mußte, wie er in Zukunft heißen wolle, schrieb er JAKOB SENGER mit
E. Eigentlich sollte der Name SÄNGER mit Ä sein. SÄNGER mit Ä, das hatte für
einen Ostjuden, der nach Deutschland kam und sich einen zwar falschen, aber
dennoch schönen deutschen Namen zulegen wollte, einen Sinn; SENGER mit Ä
erinnerte jeden frommen Juden gleich an den Chasn, den Vorsänger in der
Synagoge; das war etwas Greifbares, Vorstellbares. Aber mein Vater hatte das
Pech, den im Russischen wie im Jiddischen unbekannten Umlautbuchstaben Ä nicht
zu kennen. Woher auch? So schrieb er eben Senger mit E, den Namen, den ich bis
heute trage.
Es wäre zu leichtfertig, diesen Schreibfehler als Kleinigkeit abzutun. Rektor
Beyer, den wir Vatermörder nannten, sorgte dafür, daß dieses E eine nachhaltige
Wirkung hatte. Vatermörders Steckenpferd war, wie gesagt, das Landsknechtleben.
Eines Tages, während des Unterrichts, ging er durch meine Bankreihe und blieb
vor mir stehen. »Steh auf, Senger!«
Ich sprang aus der Bank. Was wollte er? Was paßte ihm nicht?
»Hast du dir schon einmal überlegt, Senger, wer du überhaupt bist, von wem du
abstammst?«
Wie war das möglich, daß ausgerechnet Vatermörder hinter unser Geheimnis
gekommen war? Sollte er es wirklich herausgekriegt haben? Hatte die Stunde der
Wahrheit geschlagen? Ich stammelte: »Ich weiß es nicht.«
»Du solltest es aber wissen. Meinst du nicht auch?«
»Ja, schon.«
»Dann will ich es dir sagen: vom Tollen Christian.«
Ich atmete tief auf. In dem Augenblick war es mir tausendmal lieber, vom Tollen
Christian abzustammen, als von Moissee Rabisanowitsch aus Nikolajew.
»Vom Tollen Christian«, wiederholte er mit Nachdruck. »Das war der berüchtigte
Herzog Christian von Braunschweig, der schlimmste Landsknechtführer im
Dreißigjährigen Krieg. Wo immer er mit seinem wüsten Haufen hinkam, plünderte
und tötete er und setzte den Bauern den Roten Hahn aufs Dach. Und einer deiner
Vorväter muß zum Haufen des Tollen Christian gehört und sich beim Brandschatzen
besonders hervorgetan haben. Dein Vorfahr also, der zum Schluß alles angezündet
hat, dem gab man den Spitznamen ›der Senger‹. – Kapiert?« Ich nickte. »Siehst
du, so hat jeder Familienname seine Geschichte, und die kann oft sehr
interessant sein.«
Von dem Tag an bis zum Ausscheiden aus der Schule war ich für den Rektor der
»Tolle Christian«, und auch meine Klassenkameraden riefen mich so. Und das alles
nur, weil Papa den deutschen Umlautvokal Ä nicht schreiben konnte.
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