Willy Seidel

Der Weg zum Chef
(Apotheose eines Literaten)

Erster Teil

Während des ersten Jahrzehntes dieses Jahrhunderts, also während einer nicht unromantischen Epoche unsrer Vorkriegszeit – in die sich der gütige Leser zurückversetzen möge, wenn ihn unsres Helden Beklemmungen ein wenig überholt oder gar schon historisch anmuten sollten – damals, gerüchtweisem Vernehmen nach, lebte ein Jüngling namens Bogumil oder Boggi, wie ihn seine Freunde nannten. Er hatte sein Leben auf der Verneinung auferbaut und betrieb sie mit Kunst und Ausgiebigkeit, so daß er die Stütze junger Geister ward, die sich von hausbackener Begeisterung fernzuhalten strebten. So genoß er, von trockenem Witz und bissig, einer schmeichelhaften Autorität. Sein Gesicht, trotz seiner dreiundzwanzig Jahre bereits mit drolligen Fältchen geschmückt, war eher weich als scharf geschnitten. So bot sein äußerer Anblick auf den ersten Blick nicht gerade den passiven Mephisto dar, den er herauszustecken liebte. Die Dosis Gemüt, über die er verfügte, äußerte sich in einem weniger genußfähigen als kritischen Blick für Bilder, Verse, Himmelstinten und hübsche Mädchen. Einmal, flüsterte die Legende, sei er verliebt gewesen und habe sich auf diesem ungewohnten Boden wie ein junger Hund benommen. Er, der Meister! Er, der Unantastbare! Das Faktum forderte ein Lächeln heraus, doch die Ehrfurcht stimmte tolerant.

In betreff des »jungen Hundes« lief noch weitere Version um: er habe sich, noch ehe er sich zur Bulldogge, den Raffzahn ins Nasenloch geklemmt, auswuchs, am Schlusse bemeldeter Verirrung kräftig gesträubt und seine Liebe mit scharf beklauter Pfote jämmerlich entblättert. Das blasse, unansehnliche Geschöpfchen wußte sich jedoch das Interesse der Jünger des »Meisters« durch einen eigenmächtigen Lebensabschluß zu erhalten. Das letztere bildete den wirksamen Beschluß jener rührenden Legende, wiewohl Boggi die düstere Phrase: »Das Weib habe nicht die Kraft besessen, sich gegen das Leben zu wehren . . .« dann und wann nachdrücklich betonte.

Genug, man schlachtete es in zwei oder drei eingehenden Biographien aus. Denn da Boggi es grundsätzlich verschmähte, eine Feder anzurühren, so übernahm es die Eskorte, seine Bonmots und sein Leben, das sich durch Eigenart der Beachtung empfahl, festzulegen. Er hatte nämlich keinen festen Wohnsitz, war überhaupt mit Glücksgütern nicht gesegnet. Seine Mäzene, oft jünger als er, erleichterten ihm das Dasein, denn sein Rat, sein Ausspruch dünkte ihnen Gold zu sein. Er schlief nach einem geregelten Wochenplan in fremden Betten, aß Menüs aus privaten Küchen oder Gasthöfen, eingeladen oder auf Grund vorbehaltlichen Übereinkommens, wie es sich gerade machte, und bezahlte seine Gönner mit stets bejauchzten Paradoxen oder ähnlich hinfälligen Redeblumen, die man später unter dem Titel »Herbstzeitlosen eines Geistes« in Buchform der Öffentlichkeit vorzulegen nicht verabsäumte.

Damals, in der Zeit ihres Entstehens, waren die »Herbstzeitlosen« noch für den Sommer geboren, als Knospenschimmer auf der nicht allzu dornigen Höhe dieses spröden Genies. Ihren aparten Namen erhielten sie erst, als das Folgende eintrat, das ich zu berichten unternehme: man hätte es selbst der spekulierenden Phantasie Boggis nicht als glaubwürdig hinstellen dürfen, ohne auf eine verwirrende Abfertigung zu rechnen. Denn eines Tages, als er, uneigennützig wie er war, in der Wohnung eines Muttersöhnchens auf dessen Wunsch sechzehn Liköre auf ihren Spritgehalt geprüft hatte, bettete er sich auf die seidene Steppdecke und hub an, sich einsam und behaglich der Wirkung dieser Genußmittel zu überlassen.

Es hat vielleicht ein beiläufiges Interesse, wenn ich seine Erlebnisse schildere, von dem Punkte an, wo seine Auflösung einsetzte, bis zu dem Punkte, wo sie vollendet war.

Der Marquis du Sang-Froid

Boggi lag zuversichtlich da und spürte den Planetenzustand einer großen, alles in ihren Blutwirbel hineinsaugenden Betrunkenheit. In den warmen Tiefen unergründlicher Bewußtseinsspalten brausten Urgewässer zweifelhaften Zielen zu. Urtöne begannen in launenhaften Rhythmen zu schwingen, als würde jedes der Gläser, die er um sich versammelt, am Rande leise gerieben. In dem großen Kessel, wo der Weingeist ihn mit tausend flüchtigen Bläschen sott, wurde der Höllenbraten gar, und eine große, abrechnende Beschließerstimme ward hörbar:

»Akute Alkoholvergiftung!«

Boggi grinste fröhlich und sprach laut und vernehmlich in die samtene Ampelbeleuchtung des Zimmers hinein: »Wie Sie belieben!« ohne doch im Augenblick recht zu wissen, wen er ansprach. Doch wurde ihm die Situation plausibel, als ein unterernährter Herr einen korrekten Seidenhut vor ihm lüftete, mit einer Gebärde, die besagte: »Darf ich Sie herausbitten?«

Dem Boggi war dies peinlich, zumal er rechtschaffen müde war, und er ignorierte den mageren Kontrahenten, wie er überhaupt zeit seines Erdenwallens derartige Förmlichkeiten vermieden hatte. Und der Herr hatte auch die Rücksicht, sich zu verflüchtigen, nicht ohne zu dem anschwellenden Gläserkonzert vorher einen kleinen Tanz auszuführen. Boggi glaubte noch einen Spiegel aufblitzen zu sehen, und in diesem sah er sich ganz objektiv die Todesqual an, die er naturgemäß durchmachte; er sah seinen letzten Kampf in eine Minute zusammengepreßt, mit allen Grimassenphasen, bis seine Augen, zuvor blank, wie Stearintropfen schrumpften. Dann konnte er sich eine Zeitlang keine Rechenschaft mehr von seinem Befinden geben. – – – Als er sich annähernd wieder über sich klar wurde, fühlte er ein gedämpftes Zittern unter sich. Über ihm halbkugelförmig in die schmale Decke eingelassen, hing eine Bogenflamme; der Strom sang und siedete leise zwischen den Kohlenstäben, so daß ein unbarmherziges, weißes Licht den gutgepolsterten Raum erfüllte, den er als das Coupé eines D-Zuges erkannte. Ein Surren umgab ihn auf beiden Seiten; die Luft wurde draußen von einer unerhörten Geschwindigkeit zerrissen und stand wie eine pfeifende Mauer hinter den dicken, spiegelnden Scheiben. Boggi, der sich nur halb ausgeschlafen fühlte, verhüllte die Lampe mit einem grünen, konvexen Schirm. Eine laue, stetig wachsende Wärme erfüllte den Waggon; an den Wänden waren Spiegel, die sich gegenüberstanden, mit einer unerschöpflichen, dämmernden Perspektive. Wohin die Fahrt gehe, überließ Boggi in einem träumerischen Fatalismus der Zukunft.

Da erschien der Kondukteur, ein hübscher und adretter Bengel in einer simplen Uniform, und überreichte dem Fahrgast mit einer lässigen Geste ein rotes Billett, auf dem in zierlicher Druckschrift vermerkt stand: »Passepartout pour l'Enfer«. Die Hitze wurde stärker, doch Boggi fühlte sich nur angenehm davon erregt. Das Surren fand draußen ein Echo, wie in einem Tunnel, und vervielfachte sich zu einem disharmonischen Getöse, wie Trambahnschienen auf einer Kurve. Dann glitten vielerlei Lichter draußen vorüber, eine Hetzjagd von Farben, die zuletzt nach der Skala des Regenbogens zu einem bläulichen Weiß verschmolzen. Plötzlich schwieg das Getöse wie ausgelöscht, weggewischt, und wie auf Gummi glitt der Zug weiter, verzögerte sich fast schmerzhaft gewaltsam und stand.

Ein Untergrundbahnhof von dürftigem Typus eröffnete sich Boggi, als er heraustrat. Es herrschte ein reger und seltsam geräuschloser Verkehr. Unterden Leuten, die den anderen Waggons entstiegen, gab es nur gut geschnittene, wenn auch mehr oder minder von Ausschweifung gezeichnete Gesichter, die alle einen Ausdruck von Resignation oder Gleichgültigkeit trugen. Der Kleidung nach rangierte alles in die besitzende Klasse; und die bunte Gesellschaft bewegte sich mühsam, gleich dem Beschauer von einer rätselhaften Kraft niedergezogen, wie unter der Last eines schwer zu atmenden Fluidums, dem Ausgang zu, wo sich ein großes schwarzes Tor erhob.

Bevor man hindurchtrat, wurde man einer seltsamen Prozedur unterworfen. Die Billette wurden abverlangt, und zugleich legten die Beamten ein elastisches Meßinstrument um die Stirn jedes Passierenden.

Hierauf verfügte sich die ganze Gesellschaft durch das Tor in ein Land, in dem ein abendliches Zwielicht herrschte. Der Himmel war hier von einzelnen ziemlich fernen, strahlenden Punkten durchsetzt. Das Land schien eben, die Fernsicht dämmernd, hügelarm, unbegrenzt. Zu beiden Seiten der weißleuchtenden Straße, die schnurgerade verlief, gab es eine wilde, duftreiche Vegetation. Man unterschied hier und da, wo der Wald durch moorige Strecken unterbrochen wurde, erstorbene, phosphoreszierende Bäume, die grotesk geformte Äste in die Luft hoben, verzweiflungsvollen Armen vergleichbar oder zusammengekrümmt wie erstarrte Kadaver. Erschreckend viele schwarze Vögel zogen lautlos über die Schreitenden dahin; zuweilen stiegen sie in Schwärmen irgendwo auf und stießen dann häßliche kurze Schreie aus. Zuweilen kam auch ein Hauch wie aus modrigen Kellern, und alle stockten und legten die Hand aufs Herz.

Doch schritten sie unablässig fürbaß, einem Ziele zu, das keiner dem anderen verriet, nach dem sie sich aber, großäugig und erschöpft, schmerzlich zu sehnen schienen. Der Schmerz strahlte gleichsam von diesen Gesichtern und machte sie zu verzerrten Masken, deren Muskeln unbeweglich ruhten, wie in Wachs gegossen, von einer einzigen hoffnungslosen Empfindung vergewaltigt. Hie und da krausten sich die Stirnen wie bei Schauspielern, die vorsichtige Brauen spielen lassen, um sich über ein pikantes Stichwort zu verständigen; sogar ein verlornes Lächeln blühte auf, dessen Reiz jedoch durch eine plötzliche, lüsterne Vertiefung gestört ward. – Die großen Hüte wackelten, die feinen, perlmutternen Hälse der Soubretten schienen ihrer Federlast zu erliegen. Der helle Staub legte sich gleichmäßig um durchbrochene Strümpfe und scharf gebügelte Hosen. Die Seide der Kleider rauschte, von müden Knien mechanisch vorwärts gestoßen; die Schuhe, deren Lack, vom Staub getrübt, in dem fadenscheinigen Licht matt blitzte, knirschten leise. Atemzüge vernahm man nicht, die Leute wurden wie Marionetten vorwärts gezogen. –

Wie lange man so gewandert war, konnte keiner sagen, denn die Zeit schien stillzustehen. Die Leute begannen zu räsonnieren, zu scherzen und zu lachen, und der Krampf in den Gesichtern löste sich. Es war, als ob hinter jeder Hirnschale etwas Erfrorenes taute; das Leichenhafte schwand, die alten Funktionen der Organe schienen freigegeben. Eine bald stockende, bald regsam dahinfließende Konversation erhob sich; jeder erzählte seine letzten Erlebnisse und die Art seines Todes. Selbstmorde schienen am meisten zu interessieren, und ein weißhaariger, wenn auch augenscheinlich erst vierzigjähriger Kavalier brachte sein chickes Ableben mit viel Selbstgefälligkeit und sportlicher Kürze zur Darstellung, so daß die anderen in ein beifälliges Schweigen versanken. Die kleinen Halbweltdamen und ihre exotischen Schwestern, asiatische, romanische, nordische Typen in buntem Wechsel, hefteten feuchte Tierblicke voll unterwürfiger Koketterie auf die Männer und klimperten mit ihrem Schmuck . . . Endlich war das Gespräch, endlich war der letzte Satz in zitternde Worte zerbrochen, in die leere Luft verhaucht. Schweigen lähmte alles, und Boggi, der am Ende des Zuges wie ein müdes Pferd trottete, empfand die Betäubung des absolut Leeren, doch ohne Genugtuung. Er fühlte sich nicht wohl unter diesen Gespenstern; das Geplapper hatte ihn wild und matt gemacht, die Wehmut und verbissene Klage hatten ihn widerlich sentimental gestimmt. Ein unabweisbares Verlangen nach der Ruhe zwischen erlesenen Likören, dem blauen Qualm ägyptischen Tabaks und dem einlullenden Zusammenprall von Billardbällen erfüllte ihn. Er sehnte sich darnach, dies alles als einen wüsten Traum von sich schieben zu dürfen, in ironische Distance, auf das Regal des passiven Witzes. Eine Wut erwachte in ihm und fraß seine Gedanken, und schließlich ward sie so stark wie ein roter Stern, der in feurige Funken auseinanderspritzt und alle Sinne versengt.

»Nicht einmal das hat man vom Leben, daß man sich in Ruhe aufs Ohr legen kann«, dachte er ingrimmig. »Man wird durch schattenhafte Gefilde gehetzt, mit zweifelhaften Leuten . . . die Razzia des Satans! – Wahrhaftig, ich möchte diesem Kavalier meine Meinung sagen! . . . Ich sehe nicht ein, weshalb ich mich so beeilen sollte!« – Er setzte sich auf die Straße. Die Gesellschaft war bald im Zwielicht verschwunden. Eine beklemmende Stille machte sich breit; eine Stille, die auf Unerhörtes zu sinnen schien. Waghalsige Träume, schattenhaft durch groteske Tiere verkörpert, belebten die Gegend. Allerhand durchsichtige Symbole, zu Scheinwesen erhoben, glitten über die Straße, die einem weiten Heerpfad wimmelnder Erinnerungsbilder glich; die ganze graue Kette leerer Stunden, an denen das Leben Boggis so reich gewesen, zog sich eintönig an ihm vorüber, wie der Schall von trägen Tropfen in schaudererregende, verschollene Tiefen. Nichts war festzuhalten, nichts zu entkleiden, nichts stand Rede, allen Dingen fehlte der letzte Schluß, die Auflösung . . . Er hörte eine peinvolle, beständige Dissonanz, die dem Gesang blutdürstiger Stechmücken glich, aus dem Sumpf der Herzensträgheit zu Millionen erzeugt . . .

Das war die Hölle. Boggi fühlte es und sprach zu sich: »Das ist die Hölle . . . was geht sie mich an?« Er lächelte verächtlich; er wappnete sich mit Gleichmut und erwartete die Zukunft ohne weitere Reflexion. Er ärgerte sich, daß er nichts zu rauchen hatte; sein vernickeltes Etui war leer. Er setzte sich auf einen Meilenstein; zwischendurch sah er die silbern schimmernden Telegraphendrähte an . . . »Wahrhaftig,« dachte er, »man ist allhier gut und modern organisiert.«

Da hörte er ein fernes, traumfernes, kläffendes Tuu . . . tuu . . . Eine Hupe. Boggi dachte: »Da kommt jemand schneller vom Fleck als ich . . . Tot bin ich ohnehin, und ›tot‹ hat keinen Komparativ. Guter Witz, wenn ich mich vor die Räder würfe! Man wird mich vielleicht zweckmäßiger und resistenter wieder zusammensetzen.«

Mittlerweile blinkten in der Richtung, in die er gespannt lauschte, zwei grüne Lichter auf, die rasend schnell wuchsen. Strahlengarben grünen Feuers jagten voran, und mit einem Male war es da, langgestreckt, wuchtig. Der schwarz spiegelnde Motorkasten schob sich in Sehweite. Er glich einem Sarge, in dem eine Unzahl Pferdekräfte gefesselt tobte; er war an vier Meter lang und fauchte wie ein Raubtier der Vorwelt. Boggi warf sich auf die Straße, ohne Herzklopfen, wie ein Scheit Holz. Der Motor sprang in die Höhe, knatterte wie eine Mitrailleuse und vollführte einen drolligen Tanz um die lotrechte Achse. – Ein Pfiff, und das Fahrzeug stand.

Der Motor schnappte ab, und eine ärgerliche Fistelstimme behauptete sich. Aus den Polstern löste sich ein Ballen von Gummistoff und rollte auf die Straße. In diesem Ballen steckte ein schmalwangiger, spitzbärtiger Herr, der eine grüne Schutzbrille trug; er näherte sich Boggi, hüstelte und sprach mit einer scharfen, farblosen Stimme:

»Sind Sie ganz?«

»Wie Sie sehen«, erwiderte Boggi und erhob sich. »Die Sache wurde erleichtert durch den Umstand, daß ich nicht Materie, sondern nur noch Esprit bin, wenn Sie gestatten.«

»Verdammt, Sie haben recht«, knarrte der Mantel. »Sie sind ein schlauer Kunde; Sie hätten mir beinahe eine Panne beigebracht!«

»Ich sehe keinen Grund, mir hier die Beine abzulaufen«, sagte Boggi gewinnend. »Ich habe es durchgesetzt hierherzukommen, und hoffe auf eine Sinekure. Es ist rücksichtslos, ein ganzes Schock armer Seelen auf dieser langweiligen Straße dahinzotteln zu lassen, ohne begründete Aussicht auf eine angemessene Veränderung. Sie werden das einsehen! – Ich habe mir daher erlaubt, mich abzusondern.«

Der Spitzbart wippte in die Höhe wie der Schweif einer Bachstelze, denn der Kavalier war amüsiert und grinste mit vielen Fältchen. Dann sprach er: »Ich durchbreche ungern meine Prinzipien, doch Ihre Entschlossenheit gefällt mir. Sie sind ein Egoist! He he! Eine Gattung, für die ich immer Kuverts auflegen lasse . . . Nehmen Sie Platz. Um mich vorzustellen: Marquis du Sang-Froid, Inspektor, Inhaber und Papst dieser freundlichen Gefilde.«

Man machte sich's bequem. Die Hupe jammerte wie ein Hund, dem man auf den Schwanz tritt, und der Motor begann tief und dumpf zu rauschen. Boggi bat um eine Zigarette und erhielt sie. Er steckte sie an einem Schwefelhölzchen an, was ihm ohne weiteres gelang, da trotz des rasenden Tempos, mit dem man die Straße unter die Räder warf, nicht der geringste Luftzug herrschte. Als Boggi einige Züge getan hatte, überkam ihn der alte Planetenzustand: zeitloses Vegetieren und zwischendurch eine kräftige Lust nach Sensation.

Da kniff der Marquis in den Gummiball, denn die Gesellschaft, der sich Boggi zuerst angeschlossen, war erreicht. Ein vielstimmiges »Halt!« aus vielen Kehlen klang zusammen, ohne jedoch Beachtung zu erfahren.

»Das ist nun schon die sechste Fuhre armer Seelen, die ich heute zähle«, sprach der Marquis durch die Zähne. »Wir haben jetzt stärkeren Zulauf, da der Selbstmord epidemisch wird.«

»Also alles Leute von Entschluß und Rückgrat!«

»Mein Lieber, Sie neigen zu Beschönigungen. Das Rückgrat knackt euch allen ab. Ihr treibt zu viel Grenzgebiete und Gedankensport.«

»Also kommt nur die Elite der Intelligenz herunter?«

»Freilich. – Aber unter diesen nur die Selbstmörder, d. h. die Gewohnheitsmenschen, die Nichtproduktiven, die bloßen Textkritiker und Kiebitze, die dem Leben in die Karten gucken. Durchschnittler, die das Gros darstellen, werden weder bei mir noch beim Chef akzeptiert. Dem Chef gehören die Philosophen und Künstler.«

»Dem Chef??«

»Junger Mann, denken Sie nach, und Sie werden wissen, wen ich meine. Denken Sie an den Gegenpol, die nimmersatte Produktion und die bekannte Schlange, die sich in den Schwanz beißt, den Kreislauf ! Denken Sie an die Kraft! – Jeder, der in seinem Leben einen Vers gemacht, rutscht mir durch die Finger. Jeder Pinselstrich, ja jeder kleinste augenverdrehende Gedanke ist eine Stufe zum Chef, eine empfehlende Karte, wenn Sie wollen. Mir gehört das Sterile, das Staubfreie, die liebe, beschauliche Verneinung; mir gehört das Begriffliche, junger Mann, der ganze selbstgezimmerte Kram, die Tribüne der Kritik und der bewußten Genüsse!«

Boggi kniff die Augen zusammen und dachte nach. »Da wäre ich ja ganz am Platze!« meinte er zu sich. »Ein netter Mann, dieser Marquis!«

»Kurzum,« schloß dieser seine Betrachtung, »mir gehören alle Eigenhorizontler, die sich wohl fühlen. Wenn der Chef seinen ›Funken‹ in einige Köpfe wirft, so daß sie bei jedem Rhythmus, jedem Kuhfuß, der sich im Dreck spiegelt, in ihr ›Heilig, heilig!‹ ausbrechen, so machen sich meine Kandidaten ihre Theorie zurecht, ohne Verzückung, ohne fanatisches Applausgeschrei. Alle Praxis riecht nach Schweiß und ist demnach unappetitlich. Doch der Chef braucht diese Kohorte von Priestern der Praxis, von Impressionisten und Naivlingen, um für die eigenen unzweckmäßigen Einrichtungen Reklame zu machen.«

»Sie sprechen mir aus der Seele, lieber Marquis!« fiel Boggi ergriffen ein. »Ich bin überzeugt, mein Leben in Ihrem Sinn geführt zu haben.«

»Als alter Physiognomiker«, meckerte der Spitzbart, »las ich's Ihnen vom Gesicht ab. Sie sind zu alt für Ihr Alter; Sie sind brauchbar. Manchmal –« fuhr er träumerisch fort, »muß man wohl zugestehen, daß einige originelle Ideen uns entgangen wären, wenn wir sie nicht hübsch realisiert vorgefunden hätten. Deshalb brauchen wir die Produktiven, schon um Stoff für unsere Moquerien zu haben!« Er gab Boggi einen schelmischen Stoß mit dem spitzen Ellenbogen.

Da belebte sich die Straße mit einigen hellschimmernden kleinen Gestalten, die im Gänsemarsch des Weges zogen und wie ein Taubenschwarm auseinanderflatterten, als die Hupe ertönte.

»Es macht mir ein Vergnügen, da hineinzuplatzen«, lachte der Marquis. »Es ist das ›Korps der Hoffnungsengel, E. V.‹; die Piepmatze sind vom Chef angestellt, um mir zum Schluß noch ein Drittel meiner Pensionäre zurückzuködern; sie attackieren die Tränendrüsen mit Singsang und dergleichen rührendem Gewäsch. – Na ja, des Menschen Wille ist sein Himmelreich!« Er nieste.

Die Gegend, die das Fahrzeug jetzt durchquerte, war kahl. Felsblöcke lagen auf einer baumlosen Ebene verstreut, und ein Wind wimmerte irgendwo in der Ferne. Die kleinen bläulichen Sonnen wurden größer; sie schienen langsam, in großen Pendelschwingungen, vom Platz zu rücken . . . Ein leichter, rötlicher Hauch war am Horizont sichtbar, und irgendwoher tönten dumpfe Wasserstürze.

»Ich lese Erstaunen von Ihren Zügen, Verehrter«, sprach der Marquis nach einer Weile und zog seine Uhr. »Ich will Ihnen die Gegend erklären. Sie befinden sich sechs Kilometer unter der Erde; ich habe mich hier etabliert und eine selbständige Filiale eröffnet, müssen Sie wissen. Denken Sie sich, daß wir unter der Schale einer Pomeranze leben: daß wir uns mit Mitteln, auf die euere geschätzten Ingenieure wohl so bald nicht verfallen werden, einen großen Maulwurfsbau gewühlt haben. Wir haben rumort und rasaunt, haben eine Ehrenkompagnie von Dunkelmännern, von muskulösen Witzbolden und erfinderischen Athleten besessen und zu einer Zeit, wo die erste Amöbe im ersten Regentropfen Scheinfüßchen von sich streckte, schon über komfortable Etablissements verfügt. Man ist ja etwas älter jetzt; nun freilich! – In meiner Entstehungszeit war ich ein hübscher Bursche, das können Sie glauben. Wie ein Sonnenstäubchen im Weltraum, keinem Magnetismus unterworfen, mit schillernden Flügeln . . . Ich war damals noch das unbehelligte ›Ding an sich‹, das sich seines Lebens freute; die Privatpilzzucht auf dem Weltendünger, Menschheit, war erst zum Teil aufgegangen; es waren noch rüde Kumpane mit großen Eckzähnen, die ohne Galanterie miteinander verfuhren. Als die ersten philosophischen Köpfe entstanden, brachen sie mit Begriffsbestimmungen wie eine Herde Büffel in meine friedliche Existenz hinein und erhoben mich zur Lustspielfigur und zum tragischen Dämon. In tausend Rollen wurde ich beschäftigt, um schließlich einen Messengerboy der Geschichte abzugeben, der allerhand unbequeme Leute an passende Adressen schickt.«

»Doch haben Sie nicht auch Befriedigung in Ihrem Beruf gefunden, Marquis?«

»Selbstverständlich. Ich bin den Leuten unentbehrlich; sie brauchen Ereiferungen über mein Treiben, geradeso wie die Erbauung beim Chef, für den ich eine Folie abzugeben habe. Ich bin ein behender Lieferant von erwünschten Lustgefühlen und beherzten Entschlüssen. Das ›Allgemein Menschliche‹ ist mir odios; ich karikiere es tunlichst. Zuweilen sehe ich mich auch belohnt . . . Sehen Sie den guten, offenherzigen Geheimrat Goethe (derzeit schon Intimus des Chefs, sozusagen Vizegott vermöge rabiater Produktionskraft): dieser Mann, – ein Filou übrigens, will ich Ihnen sagen! – hatte manche Stunden, wo er mir sympathisch war und mit mir harmonierte. Wir gingen zuweilen Arm in Arm; er war ein Witzbold, halb Faun, halb Causeur; er konnte in seinem Hirnkasten die Fächer auf- und zuschnappen lassen. Doch seit er sich auf den Kothurn begeben hatte, war er auch durch schalkhafte Rippenstöße nicht mehr herunterzubringen. Wahre Stelzen hatte er sich angeschafft; er schwoll von Pathos, er war eine wandelnde Orgel und ein aufdringliches Plakat für den Chef, den er überall herauszuwittern meinte . . .«

Der Lenker stoppte. Die bläulichen Sonnen waren näher gekommen; sie flackerten in tiefer Finsternis. Doch das Fahrzeug war hell beleuchtet. Als Boggi sich fragend an den Marquis wandte, sah er statt seiner ein schimmerndes Phantom, ein menschliches Gerippe mit dem Schädel eines Raubtieres. Boggi fuhr zusammen. Und das Phantom regte die Kiefer, schattenhafte, spitzzahnige Kiefer, und sprach: »Mein Lieber, diese kleine Überraschung ist für jeden neu. Sie sehen, wie wenig Geheimnisse ich vor Ihnen habe: wie einen Strumpf krempele ich mich um. Wir sind jetzt in der Röntgenregion; diese Effekte erzielen wir durch die hübschen Radiumlaternen, die Sie dort oben pendeln sehen. – Betrachten Sie sich gütigst auch!« – – Boggi sah seine Organe hinweggelöscht, ausgetilgt; nur in der Gegend des Herzens saß ihm ein dunkler Fleck.

»Sie haben da noch so etwas wie einen Rest Gemüt und eine lichtempfindliche Platte, die schwarz anläuft«, sprach der Marquis. »Diese kleine Unzulänglichkeit wird hoffentlich bald schwinden. – Nun wollen wir weiterfahren; dort bei der Brücke über dem ›Großen Abgrund‹ ist diese Durchstrahlung zu Ende.« Das Auto raste weiter, und rechts und links wirbelnde, von Finsternis schwärende Klüfte, nichts und abernichts bis in den wuchernden, unermeßlichen Raum hinein, zogen zwei klaffende Tiefen vorüber. Endlich sahen sie einen Komplex von tiefrot beleuchteten Palästen, Pyropolis, die Flammenstadt: Strontiumfeuer auf allen Dächern.

Das Panoptikum

Es gab da große Säle, in deren hohe Fenster das rote Licht von draußen fiel und flackernde Quadrate auf das Parkett warf. Boggi deuchte, als sei er in der Gunst seines Gönners gestiegen. Er übte die mit Pläsier verbundene Befugnis aus, die Leutchen, die am Hofe seiner höllischen Eminenz zugelassen wurden, einander vorzustellen: Haudegen aus vergangener Zeit, Kondottieri, französische Marschälle, Chevaliers des Regime, Landsknechtsführer, die wie Schlachterhunde in das Gewisper verzuckerter Idiome bellten, lasterhafte und hiebfeste Eigenbrötler ohne Gewissen . . . Boggi freute sich, wenn die Ehrbegriffe früherer Epochen in die Lücken der späteren platzten und der Streitlust Futter boten. Die Herren wimmelten durcheinander wie eine maskierte Tanzreunion. Das Weib schien nur die Rolle des Mittels zum Zweck zu spielen. »Das Weib«, meinte der Marquis, »ist eine Entartung, ein Umschlag in die Sinnensphäre, geistlos und folglich Objekt. Man kann es in zwei, drei Typen erschöpfen, kondensiert, wissen Sie, wobei alles auf seine Rechnung kommt. Was die Herren anbelangt, so haben wir hier die Auslese seit 1500. Die früheren Daten arbeiten wir in unserer Fabrik um, neuer lebensfähiger Mischungen wegen, die wir dann droben – auf der vorletzten Haltestelle! – zu Ausleseexperimenten verwenden. Der Esprit ist unzerstörbar; gegen Grundstoffe kämpfen wir nicht an. – So ist jede Generation mit Stoff aus der vorigen bedacht; Sie selbst, mein Lieber, sind auch ein Resultat, das schon früher irgendwann einmal herausgesprungen ist.«

»Das wäre eine handliche Deutung der Seelenwanderung!« sprach Boggi.

»Gleichviel . . .« fuhr der Marquis fort. »Nennen Sie's Unsterblichkeit, so haben Sie ebenfalls recht. Der Herr dort hat den Stoff zu einem Trustkönig; eine robuste Rechentabelle; die nächste Inkarnation wird's zeigen; vorläufig ist er am grünen Tisch verkümmert. Hier schätzt man die Fähigkeiten, nicht die Leistungen, und jeder bringt seine latenten Anlagen an den Mann. Raufbolde können sich hier nach Belieben zerstückeln. Spieler können Unsummen einstreichen oder verlieren: die Illusion tut alles. Böcke können sich stimulieren, Literaten entdecken neue Formeln, alte Glossen in mundgerechter Verbrämung, denn nichts ist wahrhaft neu. – Ist kein Platz mehr, so kommt eine Schicht in die ›Große Retorte‹; der Geist wird analysiert und frisch gebraucht. Zwischendurch – und das ist eine schlimme Sache! – platzt wohl der Zuber, wenn einer von den ganz Großen, Spröden hineingerät; so mußte ich es bei der Durchsiebung Napoleons beim Versuch belassen. Das kommt von den konservierenden Ewigkeitspartikeln, die jedes Genie enthält; das Element hat sich bereits vorwitzig aus seinen Verbindungen losgeschält und zankt und explodiert, wenn man es zwingen will. Daher muß ich solche Leute nach einer sinngemäßen Drangsalierung hier wohlpräpariert an den Chef abgeben, der eine Art Raritätenasyl für sie besitzt. – Alle, auch der bewußte Napoleon, kommen schließlich da an; Hauptsache ist, daß sie die gute Menschheit irgendwie einmal gründlich ausgelüftet haben. Der Chef nimmt hier Partei und huldigt einem schier kindlichen Pragmatismus.«

»Momentan befindet sich der Korse noch hier?« fragte Boggi interessiert.

»Ja, er ist leider noch da und nimmt mir viel Platz weg. Da sehen Sie ihn . . .«

In der Tat sah Boggi ein Schemen: vor der Brust gekreuzte Arme und ein grollendes Kinn unter einem Dreispitz. Die Erscheinung pflanzte sich nach jeweilig kurzen, exakten Schritten auf den belebtesten Stellen auf.

»Sie haben alle nur die Pose gerettet«, lachte der Marquis. »Sie sind alle nur Bilder geblieben, und das oft recht verblaßte. Sie existieren hier eine Zeitlang weiter, so wie sie im Gedächtnis ihrer Mitmenschen leben: als ihr Charakteristikum. Von manchen sind nur Wörter übriggeblieben, große Wörter wie Tubenstöße und kleine, belanglose Sentenzen, pikante Variationen über langweilige Motive. – Sehen Sie den Salongreis dort! Er tut nichts, als seine zerknitterten Augenlider überlegen zu senken und Ihnen zu erzählen, daß er seine Meinungen nur auf Pantomimen beschränke; dabei übersieht er, daß diese Plattheit schon eine Meinung darstellt. Sehen Sie den Fabrikanten dort, der seinen Astralbauch wie einen Lampion umherträgt; dieser Mann behauptet, es gäbe teueres und billiges Geld; das teuere sei für die Idioten auf dem Drehstuhl, das billige für ihn; denn er habe die Dirigentengeste vom Klubsessel aus, und seine Transaktionen seien wie Petri Fischzüge! Sehen Sie den Tenor dort, den ich mir gelangt habe, weil seine Stimme ein reiner Geschäftsartikel für ihn ist; von diesem sehen Sie zumeist nur einen feisten Hals mit einem rollenden Kehlkopf und hören das hohe C – oft genug verdammt falsch, wie gerade eben, so daß man's ihm mit einem Korkzieher herausholen möchte. Spähen Sie schärfer, so sehen Sie noch den Umriß weibisch durchgedrückter Grübchenknie und gestöckelte Siegfriedsandalen. – Und dort, der literarische Klub, der wie ein giftgeschwollener Rattenkönig in jener Ecke wirkt! – Lehrreich ist das Jüdchen, das so regsamen Vorsitz führt und um jede Größe mit seinem Laternchen schnüffelt. Deshalb ist das Spürorgan deutlich ausgeprägt und von dem Rußwölkchen geschwärzt, das aus dem eigenen Laternchen stammt – so erklären Sie sich wohl dies Panoptikum: Der Mensch vergeht, der Typus besteht!«

Der Marquis war angeregt und wußte noch mancherlei Beispiele für seine Behauptung zu erbringen. Und als Lohn für Boggis entgegenkommende Gelehrigkeit bot er diesem geheime Unterhaltungen: er zeigte ihm die Hölle durch die Brillen aller Nationen. Er massierte sein Gehirn und fuhr wie ein verblüffend geschickter Ziseleur in geheime, nur ihm bekannte Windungen, wobei elmsfeuerartige Büschelentladungen, violetten, zierlichen Moosbäumchen vergleichbar, von seinen Fingerspitzen ausstrahlten. Seine Hände glichen einem Webstuhl, so haarfein konnte er die Nerven haspeln. Er pustete die Zellen auseinander, er goß scharfe Essenzen hinzu; er hantierte mit dem Hirn wie ein Koch mit einer kunstvollen Pastete. Und in der gärenden Soße, in der Neubildung der Schichten, entstand eine Art organischen Wiederauflebens, eine fiebernde Keimung und Spaltung, durch welche bald dieser, bald jener Sinn unnatürlich gereizt wurde und Traumbilder, kaleidoskopähnlich, von grauenhafter Farbenklarheit, erzeugte. Dabei beließ er dem Hirn das dominierende Kalkül, so daß Boggi mit beschaulicher Wollust alle Sensationen fanatischer Kleriker durchlebte, ohne das ironische Bewußtsein seines Zustandes einzubüßen. Hatte er der erschöpfenden Vorstellung genug, so modellierte der Marquis sein Hirn wieder in die alte Form zurück.

»Dieser Augiasstall von anrüchigen Begriffen und Kitzelmethoden«, sprach er, »ist noch wirr und ungesichtet, weil jeder sein Eigendüftchen, sein Eigengefühlchen liebt und weiterpflegt. Schaffte man hier nach dem Schema ›Urmenschlichkeit‹ Ordnung, so träte ein Schwarz oder Weiß zutage, vor dessen gleichgültiger, in sich ruhender Berechtigung alles verstummen müßte. Es trifft sich glücklich, daß man den Wert des Lebens immer noch in seiner Zersplitterung sucht und das Gegebene in erklügelte Beleuchtungen setzt, um sich dann wieder mit Entdeckerenthusiasmus auf ebendies Gegebene zu stürzen. Die liebe Selbsttäuschung liefert mir die meisten Pensionäre.«

Derlei emphatischen Abschweifungen gab sich der Marquis jedoch nur zuweilen hin; im allgemeinen trug er eine belustigte Schweigsamkeit zur Schau, was sich zu seiner reservierten und gesammelten Tracht – verschiedenfarbiger, meistens roter Frack – so übel nicht ausnahm. Von Zeit zu Zeit hielt er kleine Kongresse ab, wo ein literarischer Klub – der mit dem regsamen Jüdchen – neue Prägungen ausgab oder Meetings über die Annahme neuer sexueller Verirrungen oder Taktfragen gebildet wurden. Einmal wurden Embryonen, totgeborene Kinder mit knospenhaften Anlagen gezeigt. Der Marquis hob diese leuchtenden, großköpfigen Keimwesen, die mit einem drolligen Ausdruck verbissener, greisenhafter Grübelei kleine, runzlige Fäuste ballten, scheinbar aus einer Feuertaufe und schenkte ihnen eine kurze, schattenhafte Wiedergeburt, während der es ihnen vergönnt war, psychische Aufwallungen zu empfinden. Er beschenkte die prädestinierten Kinder mit dem Zynismus lebenslanger Erfahrung und erotischer Empfänglichkeit; er schuf eine Leibgarde von kleinen, schlauen Bastarden um sich, die sich gleich Fledermäusen, die man am Tag auf den Boden setzt, plump und ruckweise vom Platz bewegten. Ein ungetaufter Erdenbürger, dessen vererbter Biedersinn sich für solche Bestallung zu spröde erwies, wurde in das »Korps der Hoffnungsengel« gesteckt, eine Guttat, die dem Marquis eigentlich gegen den Geschäftsnerv ging.

Reine Akkorde waren ihm körperlich zuwider, und so durfte der Gesang dieser Engelspatrouille nur von dem einfach leiernden Rhythmus des Niggerkanons sein, Quinten, die um eine Note wanderten und das Ohr gepeinigt zurückgelassen hätten, wenn die Art des Vortrags nicht seltsam eindringlich gewesen wäre. So heischte es die Höllensatzung.

Der dunkle Fleck

Der Marquis sagte einmal zu Boggi: »Mein Freund, ich setze Vertrauen in Sie. Ich werde mich etwas droben amüsieren; Sie wissen ja, auf der vorletzten Haltestelle. Ich übertrage Ihnen für einige Zeit meine Funktionen. Vor allem sei es Ihnen angelegen, den dunklen Fleck in Ihrer Brust zu tilgen, ganz zu tilgen!« Dann ließ er sich von seinem Schüler an die Station bringen, und Boggi fuhr, das Gefährt nun selbst lenkend, mit der Würde eines stellvertretenden Vizepapstes geschmückt, fröhlich wieder zurück.

Ihm machte das Geschäft viel Spaß. Er saß auf erhöhten Stühlen, in der Ofenhitze der spiegelnden Säle, allein in dem roten Flackerlicht einer unwirklichen Welt, wo Zerrbilder von Menschen lebten und Leidenschaften, irr und abrupt, durcheinanderschlangen. Er befehligte ein Heer von Geschöpfen, die kraft seiner unerschöpflich kombinierenden Phantasie entstanden wie optische Überrumpelungen. Es gelang ihm, seltsamste Vorstellungen kraft seines geweckten Witzes zu bannen; er tat Fernblicke wie in den Farbennebel von Haschischträumen und streckte fuchtelnde Arme über einem willigen Orchester nie gehörter Klänge aus. Er hielt Revuen ab; er warf sich in die Pose des schattenhaften Imperators, der als lästiger Gast spukte; er exerzierte Gespenster und übte selbsterdachte Quadrillen ein, Tänze von unsinnigem Takt, Stolpertänze, die hirnloser Flucht glichen, und Trippeltänze auf erhitztem Parkett. Er kümmerte sich um die Fabrik und die »Große Retorte«; er sammelte einen funkelnden Schatz neuer Schlagwörter. Er liierte sich mit Madame Lilith, einem etwas ältlichen, aber noch hinlänglich reichhaltigen Frauenzimmer in rotem Haarschmuck, der wie ein Flammenhelm über ihr weißes Gesicht gestülpt war, und gab Feste, arrangierte Ausflüge und Picknicks in den toten Wäldern zwischen weißen Baumstrünken, wo leuchtende Frösche durch parasitische Blüten sprangen; er genoß ohne Überdruß, stets angespannt, nie befriedigt, immer elastisch, frisch und schlaflos.

Da, mitten im Trubel der Orgien, ereignete sich folgendes: er hörte irgendwoher eine Stimme wehen, kristallklar, unberechenbar fern und doch von greifbarer Wirkung, eine Stimme, tief vor Verlangen wie das Beben eines Cellos und zart wie kühlender Windhauch, und diese Stimme sprach: »Boggi, ich suche dich!«

Er faßte sich an den Kopf. Er befreite sich von den perlmutternen Gliedern Liliths, die ihn umschlangen; er lauschte, schmerzhaft angespannt, und in seiner Brust war etwas angetastet, das mitschwang: ein hilflos vibrierendes Echo. Er beobachtete sich staunend; er zuckte mürrisch die Achseln; ein erstes Mal ließ ihn der Verstand im Stich.

»Zum Teufel,« dachte er, »was mag das sein? – Wir haben viele Geräusche in der Hölle, doch dies da klingt absonderlich.« – Er fand keine Freude mehr an seinen Vergnügungen; er begann einsam zu wandern und sich unwohl zu fühlen in seiner Vizewürde. Auf einmal befand er sich auf derselben Straße, auf der er ehemals gekommen war. Und in dem »Korps der Hoffnungsengel«, die ihm, paarweise geordnet, entgegenwallten, ging eine, die hatte ein weißes Kleid an, und ihre Stimme fiel silbern aus dem Kanon.

Doch er blieb allein. Rings um ihn quoll ein Nachtleben, blinde Gespenster zeugend, ohne den Hauch von Seele und voll von Verlassenheitsgefühl. Kalt und klar spann oben das Radium seine spitzen Strahlen und senkte, rätselhaft sickernd gleich opalisierendem Tau, seine funkelnden, hirnversengenden Netze herab ; und unten breiteten sich die Gefilde vergewaltigt von sonnenlos dumpfer Luft . . . das Reich des Schattens und des Zweifels. Und symmetrisch, geradlinig kreuzten sich hier die Straßen; er sah die Flucht der aneinanderstarrenden Telegraphenstangen, wie sie sich gleichsam fraßen, erschlaffend parallel in Nichts verdämmernd. – Da, bei ihrer Wiederkehr, löste sich aus der Schar der »Hoffnungsengel« die eine im weißen Kleid; er sah die Bewegung ihrer blanken, spröden und ehemals von ihm beleidigten Glieder; sie schwamm auf ihn zu mit stillem Händebreiten und tiefem Blick. Und ihre Lippen, zag gespalten im Durst nach der Ruhe und Sicherheit in einem Kuß, der anderer Art war als alle Küsse der Hölle, hauchten ihren Seufzer:

»Boggi, ich suche dich!«

Sie war schön und hilflos. Sie tastete sich vorwärts, eine rätselhafte Kraft schien in ihr zu sein. »Was ist diese Kraft?« staunte er. »Komm doch, komm!« Er spielte mit ihr ein erhabenes und lächerliches Spiel; er haschte nach ihr wie nach einem Schmetterling. Der »dunkle Fleck« begann zu brennen . . . Doch auf einmal schien sie verschwunden, und er glaubte statt ihrer den Marquis zu sehen, der sich gelb und düster vor ihm auftürmte wie ein grollender Schatten.

»Lassen Sie den Unsinn!« hörte er es hallen. Und dann, wie durch den Witz erniedrigt und verkleinert, fuhr das Schemen fort, kalte Blicke mit den seinen kreuzend: »Sie blamieren sich, mein Lieber. Sie hängen zärtlichen Gedanken nach, die nicht zur Sache gehören. Sie sind nicht intakt; der ›dunkle Fleck‹ steht Ihnen nun und nimmer. – Mir scheint, eine unpassende Reminiszenz von droben behelligt Sie . . .« Und Boggi kehrte zurück, ernüchtert, geärgert und voller Sucht nach neuer Zerstreuung.

Mit der Zeit versuchte er sich vor dieser hämischen Mahnung zu rechtfertigen. »Ich habe keineswegs geträumt, teuerer Marquis«, behauptete er und trotzte auf. »Sie haben mir ein apartes Vergnügen ohne Berechtigung zerstört . . . Stören Sie mich nicht; bleiben Sie, wo Sie sind; keine Satzung gerät in Gefahr. Wer heißt Sie, meine Meditationen zu ironisieren? – – – Immerhin, Ihr Wohl!« Und er trank aus schnell gewechselten kleinen Gläsern von anstachelndem, gärendem Wein; hastig und unermüdlich. Er trank, lachte und schrie; er fühlte sich wohl in einem Pfuhl und behagte sich vor einer Arena von lasterhaften, amüsanten Krüppeln, die er aufmarschieren ließ und die auf sein Geheiß Wirklichkeit behielten oder verschwanden wie ausgelöschte Lichter.

Einmal saß er wiederum, lachend und spottend, hinter einer Batterie von Giften verschanzt, die die Zukunft über die arglose Erde verhängen sollte, in einem der Säle. Da sah er sich gegenüber die blutlose Inkarnation des Gräßlichsten, was je erdacht war, ein Stück Rumpf mit verdrehten Gliedern und epileptisch pendelndem Kopf, dessen formlose Züge, von der Farbe des Erstickens, durch den Krampf eines Grinsens unablässig verzerrt erschienen. Dieses Wesen erzählte ihm zerrissene Geschichten, Abenteuer von seltenen und nie begangenen Pfaden der Sinne, Befriedigungen und Sehnsüchte, so unerhört und verworfen, daß selbst der gewiegte Boggi seine Neugier nicht unterdrücken konnte und sich an dem Phantom weidlich ergötzte.

Und doch, trotz alledem, konnte er einem Klang nicht wehren, den sein Ohr nebenbei erhascht; er war von einer seltsamen Schönheit: »harmonisch«, dachte er. Eigentlich war's nur eine simple Figur, eine Verschwisterung zweier Töne, die ihn erregte. Und je mehr das Phantom Grimassen schnitt – es war, als sei ein nicht enden wollender, gräßlicher Schrei in der Luft –, desto dringlicher tat sich die Figur hervor. »Den Reiz des Gegensatzes«, nannte er's. »Der Fall ist einfach und doch eigenartig. Zwei Silben, hintereinander gesprochen, schmerzhaft und angenehm. Wie heißt es doch? ›Ich suche dich!‹ Mit einer netten Pointe auf dem U.« Und er begann, sich von dem Harlekin irritiert zu fühlen. Dieser wechselte die Farbe wie ein Chamäleon; lange Stielaugen traten hervor, suchten wie Schneckenfühler, schleimig tastend, auf dem Tisch und sprangen plötzlich saugnapfartig an seine Stirn. Es waberte und lohte da drinnen; sein Schädel war erfüllt von zwei gläsern starrenden, fühllosen Pupillen, die seine Denkkraft schluckten, so daß er nichts mehr sah und fühlte als diese seelenlosen Augen, die über alles hinwegfunkelten, bis sie im Leeren und Abstrakten erblindeten. Da brannte der »dunkle Fleck« wiederum; da breitete er sich aus, wie in weißem Damast versickernd, errötend wie Herzblut, fruchtbar und lieblich; er blitzte wie ein kleiner, rotierender Sternenhimmel. Boggi fühlte zeitlos; bis seine irrende Seele wiederum den Pol fand, den Heimatsakkord der beiden Silben.

Er bäumte sich auf. »Wer bist du?!« schrie er den Harlekin an. Und dieser darauf: »Seltsam, mein Lieber, wie du mich verkennst! – Bist du nicht mein Väterchen? Bin ich nicht ein Stück von dir, ein Pilz, der auf deiner Mischung wächst?« – »Den Teufel!« schrie Boggi. »Das bist du nicht!« – »Der Glaube ist das Maßgebende«, vernahm er noch; und dann war die Luft vor ihm leer.

Er rannte hinaus. Er rannte, so deuchte ihn, jahrzehntelang auf der schnurgeraden Straße, bis er den Quell des Lautes fand. Sie war da, sie stand im Staub. Und er meinte sie zu berühren, körperlich zu fühlen. Er umschlang sie und sie beharrten beide in dieser Stellung. Und Boggi, das Brennen verstärkt in sich spürend, überließ sich einer kaum gekannten, schmerzlichen Süßigkeit; der Vereinigung mit etwas längst Ferngerücktem und unendlich Erstrebenswertem. Und was er träumte, war dies:

Eine schirmverhängte Lampe, die ein kahlwandiges Zimmer in eine trübe und traute Beleuchtung setzte, grenzte einen kleinen Bereich ab gegen den Brodem der Vorstadt vor den Fenstern. Auf dem schlecht federnden Sofa mit seinen gelben Antimakassars saß eine Blondine mit stillen Augen im weißen Gesicht, mitten in einem Dunst von Geschmacklosigkeit und kahler Not. Vor ihr stand der dampfende, verbeulte Teekessel, und neben ihr saß ein egoistischer junger Mann, ein süperber Gesellschafter, kein Naivling mehr, Gott bewahre. Sie unterhielten sich, und sie fütterte ihn sorgsam; er war gefügiger und nicht so dämonisch wie im Kreis seiner Freunde. Er ließ sich bemuttern und liebte den Lampenschein, trotz der abscheulichen Fabrikate, über die er zärtlich streifte. Nachdem er seinen Tee mit viel gutem Kingstonrum, zu dessen Beschaffung sie vierzig Pfennige ausgeworfen, versetzt hatte, wich sein Selbstgefühl und wuchs seine Weinerlichkeit. Er redete nicht mehr in Offenbarungen, sondern gleichsam volkstümlich; und sie begriff zwar nicht alles, aber doch immer die Hauptsache, auf die es bei diesen Weinerlichkeiten ankam. Und beide begriffen, daß es sehr gemütlich sei, seine kleine und reputierliche Welt für sich zu haben, im fünften Stockwerk einer Mietskaserne, zwischen Kindergeschrei und unausgelüfteten Familien.

Ihr Gesicht war ihm ganz nah, dies weiche, vom rohen Leben umkreischte und umpfiffene Gesicht, diese köstliche Blüte aus dem Schmutz der Gewöhnlichkeit. Auch diesmal nannte er's »den Reiz des Gegensatzes«, jedoch mit einer gewissen schwermütigen Betonung auf dem »Reiz«. Hier trat der Verstand zurück mit dem Hut in der Hand; es war eine Unterscheidung des Herzens. Die Erinnerung begann ihm arg zuzusetzen, je mehr die neue Phase der Verschmelzung vorschritt. Er erinnerte sich an ein offenes Fenster: eiskalter Luftzug hatte hineingegriffen und das Idyll hinweggefegt. Sie hatte den Sprung gewagt, als er sie sitzenließ, vom fünften Stockwerk in den Hof hinunter.

Gesegnet sei der »Geist«. Er hatte dem erstaunten und angewiderten Boggi die Tatsache erleichtert und ihm handliche Kunstgriffe gewiesen, um Exzerpte und Aphorismen aus diesem Schulbeispiel von Naivität zu pflücken. Ja, und nun? – – – Sein Blick war verschleiert, und ein Herzpochen blieb zurück; es glich einer Mühle, die das Vergangene unzertrümmert, als handfeste Tatsache durch ihr ächzendes Räderwerk schleppte, das Vergangene, das nicht mit dem Strome schwimmen wollte und beharrlich und eigensinnig den Betrieb verstörte.

Da, auf einmal, als er sich noch in diesem konfusen Traumzustand befand, fühlte er es als einen Messerschnitt in die umklammernden Arme, verursacht durch eine lederne, dürre, knochenspitze Hand. – Er hatte überhört, was sich begab. Die Hoffnungsengel, die in ihren silbernen Hemdchen einen frommen Kreis um das Liebespaar gebildet, waren zerstoben, und der schwarzspiegelnde Motorkasten war gekommen, dumpf und behutsam rauschend wie eine grollende Windsbraut. Ein Herr im Spitzbart, in Gesellschaftstoilette, war mit der flachen Hand an der Brust Boggis herabgefahren mit einer wütenden, abschließenden Geste, und die flache Hand rief zuckende Schmerzen hervor, wie ein Griff in offene Wunden. Boggi ermannte sich halb und stand Rede.

»Ich bin etwas früher gekommen«, sagte der Marquis. »Ich fühlte als alter Neurastheniker, daß Sie hier Dummheiten machen, mein Vertrauen täuschen und ihre Vizewürde an Kindlichkeiten und anrüchige Menschlichkeiten verschleudern. Was haben Sie mit der Person zu schaffen?«

Seltsam, Boggi bekam Angst. Er verschluckte sich und hustete. Dann erwiderte er fast bittend: »Verzeihung, Meister. Ich bin nicht so ganz perfekt. Ich werde mich ändern . . .«

»Dazu ist es zu spät«, kam die klanglose Stimme zurück, und die Wut des Marquis schien zu wachsen. »Sie haben ganz gute Anlagen; es ist schade. Ausgebrannt müssen Sie werden, ganz ausgebrannt. Sie sind eine Blamage; ich habe viel an Sie gewandt. – Ich muß Sie hinauswerfen, verstehen Sie das?« schrie er schließlich. »Sie und das Frauenzimmer ! Und nicht bloß hinauswerfen muß ich Sie, ausmerzen muß ich Sie, in den Abgrund pusten, Sie widerliches Doppelwesen! Sie riechen zu stark nach der Erde, Sie abgefeimter Sektierer!!!« – Und er begann wieder, sich groß zu machen. Er wurde zur Wolke, spie Hagel und glühende Schlacken, der Motor, vor Vernichtungslust zitternd, nahm Anläufe und donnerte . . . Eine Welle von Verödung drohte aufzuschwellen, eine Welle, die alles bleichte und zerstampfte: so groß war die Wut des Marquis.

In diesem Augenblick lächelte das Mädchen, erglänzte von Lächeln. Sie nahm Boggis Hand und sagte ruhig und schlicht: »Nein! – das wird nicht sein! – Ich werde ihn behalten, Marquis!« – und zugleich ging ein Schatten von Blut über ihr ganzes Gesicht, ein rötlicher Schimmer; und auf der weißen Stirn klaffte eine Wunde und goß funkelnde Tropfen, wie von Rubin, über das durchsichtige Gewebe ihres Hemdes. Sie zeigte ihre Entstellung durch einen gräßlichen Tod, blitzschnell und sieghaft, ihre zerschlagenen, zarten Glieder; sie bot ihre Hinfälligkeit trotzig zur Schau. Und als die kurze Verklärung vorüber war, als der Abglanz ihres Opfers, das größer war als alle Kämpfe und Siege, die der Verstand je ausfechten kann, verlöscht war, stand der Marquis wieder da, die spitze Nase gekraust, die Hände über dem gefältelten Vorhemd verbindlich gekreuzt, und verneigte sich nicht ohne Respekt.

»Sie spielen Ihren Trumpf nicht ungeschickt aus, meine Dame«, sprach er heiser, doch voll süßer Betonung. »Es ist zwar nicht allzu stilvoll, mit dergleichen ins Feld zu rücken – doch ich gestehe gern, daß ich solchen Effekten nicht gewachsen bin.« – Und zu Boggi gewandt: »Scheiden Sie, mein Freund; Sie sind ein Zwittergeschöpf und verderben mir nur das Geschäft. Gehen Sie zum Chef . . . Alles in allem sind Sie noch ein rechter Dummkopf, einer von der Gilde der Impressionisten. – Urteil besitzen Sie nicht!«

Boggi hatte sich gesammelt. Das lächerliche Angstgefühl war verschwunden, und in schier humoristischem Ton tat er die Frage: »Und woraus schließen Sie das?«

Der Marquis sah ihn nachsichtig an. Er drehte die Kurbel an, sprang auf den Chauffeurplatz und rief schneidend, von Lachen geschüttelt:

»Weil ich Sie selbst bin und alles, was Sie hier sehen und erleben, nichts ist als Ihr eigenes Hirngespinst!!!«

Ein Wetterleuchten! – Ein abscheulicher Krach! – Ein Drunter und Drüber unter der Peitsche der Erkenntnis!!

Taghelle, Fanfarenklänge!

Die Hölle war verschwunden, weggelöscht, und statt dessen sah Boggi sich auf einer Ebene stehen, von einem milden, gleichmäßigen Licht umgeben. –

***

Zweiter Teil

Das Raritätenasyl

Boggi hatte über eine große Ebene zu wandern und ein Gebirge zu überklettern; eine recht strapaziöse Reise, die sich jedoch belohnt machte. Denn er gelangte in einen Kessel, ein Hochplateau oder eine Alpe von großer Ausdehnung, von silbern schimmernden Bergspitzen behütet und voll von Butterblumen und Margueriten. Aus der Mitte sah er etwas Weißes blitzen, einem Felssturz ähnlich oder auseinandergesprengtem Zucker. Er marschierte fröhlich und freute sich der Landschaft. Mit der Zeit (die Sonne, köstlich nah, begann zu brennen) stieß er auf einen hübschen, braungebrannten Jungen, der sich nackt im Grase rekelte und die flaumigen Wölkchen zählte, die oben im Azur auf der Weide waren.

Der Junge machte keine Miene aufzustehen; er schien von all dem Grün und Glanz angenehm hypnotisiert zu sein, und seine blauen, von schwarzen Wimpern eingefaßten Augen starrten groß und behaglich in die Höhe, während eine goldene Fliege sich auf seinem blanken Knie die Fühler putzte. Boggi gab ihm einen kleinen Tritt in die Seite. Der Junge sauste empor – federte förmlich ein wenig, ehe er stabil wurde –, stemmte die Hände in die Hüften und sagte: »Da seh' einer an! Ich verbitte mir solche Handgreiflichkeiten! – Was sind Sie denn für eine Pflanze?!«

»Entschuldigen Sie!« lächelte Boggi. »Ich hielt Sie für einen Ziegenhirten.«

»Hin und her . . .« sagte der Junge abweisend. »Ich bin ebensowenig ein Ziegenhirt als Sie. Erstens gibt's hier gar keine Ziegen, und zweitens bin ich ohnehin was Besseres. Mein Name ist Gabriel. Als solcher verlange ich Respekt; meine Funktionen freilich zu würdigen, dazu sind Ihre frisch irdischen Sinne zu grob.«

»Oh – nicht doch. Sie sind ein hübscher Gedanke vom . . . Chef, ähnlich wie diese Butterblumen und Margueriten. Sie sind ein Genrebildchen; ich liebe das; Sie machen sich gut mit diesem Hintergrund.«

Der Junge war ganz blaß geworden. Dann brach er los: »Erlauben Sie: ›Genre‹?!? – Und was wissen Sie vom Chef? – Ich verbiete Ihnen, diesen Namen in den Mund zu nehmen! Und überhaupt: Ihre ganze Betonung gefällt mir nicht. Mir ist's ein Rätsel, wie man Sie hereingelassen hat.«

»Ich hatte keine sonderlichen Schwierigkeiten. Ich mußte zwar klettern und schwitzen, aber die Leute, die auf dem bequemen Paß hereinwanderten, warfen mir Kußhände zu. Irgendwie bin ich wohl mit der hiesigen Einwohnerschaft solidarisch. Ich hoffe mich einzuleben«, schloß Boggi. »Und wir wollen uns vertragen, wie?« Er faßte den Jungen unters Kinn, bekam aber flugs einen derben Klaps.

»Nun gut«, sagte Gabriel. »Ich will Sie nicht hinauswerfen, wiewohl ich das könnte. – Aber das müssen Sie mir versprechen: Gewöhnen Sie sich das Denken ab. Denken Sie kindlich, lieben und verehren Sie das Allernächste. So machen wir's alle hier. Nur auf diese Weise können Sie reüssieren. Wir haben schon mehr Krittler bekehrt; Sie sind nicht der erste. – Doch sagen Sie nochmals auf Ehrenwort: Hatten Sie keine Beanstandung?«

»Nicht die geringste. – – Ich habe geliebt.«

»Das ist schon etwas«, sagte Gabriel. »Liebende passieren. – Irgendeine Liebe, und sei es auch nur eine kleine Passion, schafft hier Einlaß. – Und Ihr Wunsch?«

»Ich möchte zum Chef.«

»Ja ja! – Denken Sie sich's nicht zu einfach! Gerade bei Leuten wie bei Ihnen ist der Chef nicht so kordial; er materialisiert sich höchst ungern und läßt sich am liebsten durch Symbole vertreten. Ich wiederhole Ihnen darum nochmals: Wünschen Sie sich nichts! – Denken Sie an das Nächstliegende, am besten: empfinden Sie bloß! Das hat der Chef am liebsten, und so ist er zu jeder Gefälligkeit zu haben.«

»Aber ich kann mir nicht helfen!« rief Boggi in komischer Verzweiflung. »Ich muß doch kritisieren! – Ich muß mich doch amüsieren! – Und im Himmel amüsiert man sich doch!«

»Hol' Sie der Teufel!« schrie Gabriel, fuchsrot in seinem hübschen Gesicht. »Sie haben sich nicht zu amüsieren! – Sie machen sich unmöglich; probieren Sie's bloß! – Hier empfindet man!!« Er seufzte auf. »Mit Ihrer Rasse hat man doch die meiste Schererei! – Doch ich bin hier angestellt; ich habe Ihnen Direktiven zu geben und erwarte Gehorsam von Ihnen. – Leuten Ihres Schlages muß man derb kommen«, setzte er wie entschuldigend hinzu und schlug seine hyazinthblauen Augen fast verschämt zu Boggi auf.

Boggi lachte, und der gute Gabriel, verwirrt und schier von seiner eigenen Kühnheit eingeschüchtert, machte den Vorschlag, zu gehen.

»Ich habe hier den Führer zu machen«, sprach er. »Deshalb ersuche ich Sie, sich Ihren mokanten Verkehrston möglichst bald abzugewöhnen, denn sobald Sie irgendwie literarisch werden oder gar einen Witz machen, sind Sie unmöglich und müssen verduften – wie Sie das machen, ist Ihre Sache; doch wir werden's Ihnen schon erleichtern.«

»Ich will mir aufrichtige Mühe geben«, versprach Boggi und blinzelte seinen Führer an. »Aber sagen Sie: ist das Leben hier oben so ohne Amüsement nicht sterbenslangweilig? – Den ganzen Tag kann man doch die Wolken nicht zählen; da ist die größte Portion Phantasie bald zu Ende.«

»Sie müssen das nicht sagen«, erwiderte Gabriel eifrig. »Die Art Abwechslung, die Sie vielleicht gewohnt sind, gibt's hier freilich nicht; und doch hat man hier vollauf zu tun. Womit, werde ich Ihnen etwas später sagen. Doch eins müssen Sie zugeben: auch das Vegetieren in Sonne und Erdwärme hat sein Gutes; man erfüllt seinen Kreis wie eine Pflanze, und wenn man Lust hat, vergeht man ins All-Blaue. Gefällt einem aber der Zustand (ein klein bißchen beschauliches Kalkül behält man sich doch vor), so zeugt man sich fort, wie ich's mache; ich bin schon meine dritte Generation, durch drei farblose und schöne Mütter – ihr kennt sie nur unter großen Deckwörtern – dreimal aufgefrischt und verjüngt, ohne ein Quentchen meiner Eigenart einzubüßen. Man wächst hier furchtbar langsam und braucht bloß Luft und Wasser. Na, und so ist man für die Ewigkeit eingerichtet; leidlich zeugungskräftig ist man ja immer noch!« Er knallte sich wohlgefällig mit der flachen Hand auf den prallen Schenkel.

Boggi meinte: »Der Himmel sieht wesentlich anders aus, als man sich da drunten vorstellt. Man hat da viele Draperien und Kulissen, womit man diese einfache und freundliche Gegend umstellt und sie nach dem Geschmack phantasievoller Religionsgründer einrichtet. Schon das gefällt mir, daß man keinen Weihrauch riecht und die Sache keinen spezifisch christlichen Anstrich hat. Wie ich herkam, erwartete ich, schwarze Pfäfflein mit Harfen umherwallen zu sehen. Aber davon kann ich gottlob nichts entdecken.«

Gabriel hatte ihm angestrengt zugehört und all seine Geisteskräfte zusammengenommen. »So?« sagte er, »da habt ihr also drunten immer noch eure Tradition. Ich muß dir nämlich sagen, daß selten einer von denen, die heraufkommen, eine vorgefaßte Meinung hat. Sie wissen sich zum größten Teil ohne Vorurteil hier einzuleben, haben sozusagen schon auf Erden Präzedenzfälle für hiesiges gutes Benehmen dargestellt. Denn Vorurteilslosigkeit ist ein Haupterfordernis für hier oben. – Du hast doch nicht etwa eine Meinung?!«

»Nein,« log Boggi, »ich lasse alles gelten.«

Gabriel sah ihn von unten bis oben an und spazierte einmal um ihn herum. Dann lächelte er listig und sprach: »Du bist ein Schäker. Du hast deine Toleranz – freilich. Es ist aber eine spezielle Toleranz, mein Lieber! Eine Toleranz, die Ansprüche an die Dinge stellt, die sie toleriert, eine Aftertoleranz aus Bequemlichkeit; und was ihr zuwiderläuft, tut sie als geschmacklos ab. – Diese ist von der hier verlangten Toleranz grundverschieden.«

Boggi dachte: »Der unheimliche Bengel duzt mich schon; er scheint an Respekt zu verlieren. – Ich werde ihm einmal anders kommen. – – »Gabriel,« sagte er laut und pointiert, »Kritik verbitte ich mir, du junger Mensch. Ihr mögt ja hier oben auch euere Eigenheiten haben – gut. Aber ich bin so, wie ich bin, verstanden?« Er reckte sich gebieterisch in Pose.

»Soooo?« erwiderte der andere sanftmütig und schadenfroh. (Er brachte das O mit talerrundem Munde hervor.) »Dann brauchst du mich ja wohl nicht mehr. Dann kannst du dir zuerst wohl das Vergnügen machen, dir allein die Hörner etwas abzulaufen. Entweder du parierst (seine klaren Augen blitzten) oder du – verduftest, wie ich dir schon sagte.« Er warf sich ins Gras und wedelte mit der flachen Hand. »Adieu!« sagte er noch; dann drehte er sich auf die andere Seite und steckte das Gesicht in die Blumen.

Boggi stand unschlüssig da und überlegte, was zu machen wäre. Da ihm kein anderer Ausweg blieb, entschloß er sich, klein beizugeben.

»Steh auf!« rief er. »Ich gebe dir recht; du bist ein herrlicher Knabe.«

Gabriel wälzte sich herum und blinzelte ihn an. »Das hast du dir schnell überlegt«, meinte er nach einer Pause. »Willst du jetzt parieren?«

»Ich will, es ist mir ein Vergnügen«, schwor Boggi, und Gabriel sprang auf (er federte wieder ein wenig) und hängte sich an seinen Arm.

»Nun gut«, sagte er beifällig. »Trotzköpfe, Literaten und sonstige Witzbolde, die sich einschmuggeln wollen, werden flugs erraten, durchschaut und abgetan. Du bist so einer, nicht ein Quentchen Ehrfurcht steckt dir noch im Blut; wir wollen hoffen, daß sich dir noch das Nötige beibringen läßt.«

»Und wie war's mit der Toleranz von vorhin?«

»Du mußt mit dem Herzen denken, nur mit dem Herzen«, sagte Gabriel ernst und machte dicke Brauen. »Ein klein bißchen körperliches Behagen gönnt man dir ja.« – Sie wanderten eine kleine Strecke weiter, und Boggi erkannte jetzt, daß der Streuzucker, den er zuerst erblickt, ein freundliches, von einem hohen, grasgrünen Zaun umfriedetes Dörfchen war. Gabriel nahm einen Anlauf und sprang wie ein Gummiball über die wohl drei Meter hohe geschlossene Tür. Hinter dem Gitter lachte er fröhlich und steckte die Nase durch die Stäbe.

»Nun, und . . .?« fragte Boggi erstaunt. »Soll ich nicht hinein?«

»Du mußt erst einen Eid ablegen«, kam die Erwiderung, und Gabriels Stimme war geheimnisvoll und schön geworden, etwas wie ein reiner Akkord war in ihrem Klang. Auch leuchteten jetzt seine Glieder, zuvor braun, nunmehr wie frisch gefallener Schnee. »Du mußt beschwören, dich nicht mokieren zu wollen.«

»Gut,« sagte Boggi nach einer Pause verblüfft, »wenn das hier zum guten Ton gehört, so will ich ihn wahren und mich zusammennehmen. Also schwör' ich's.«

»Denke dir's nicht zu leicht«, kam der einschmeichelnde Klang zurück. »Du wirst Mühe haben, doch der Lohn ist köstlich. Mit der Zeit wirst du dich daran gewöhnen, und später geschieht es vielleicht, daß man dir als würdigem Kandidaten das Bürgerrecht in diesem Asyl gibt und dich hier logieren läßt.«

Er drehte den Schlüssel in dem goldenen Schloß von innen um, und das Tor sprang auf.

Das Dörfchen bestand aus Biedermeierhäuschen; sie standen hübsch bemalt und brav nach der Schnur gerichtet. Jedes hatte ein Gärtchen für sich, aus welchem farbige Glaskugeln, Sonnenblumen, Dahlien und die ganze bunte Fülle derber Hausblumen hervorlauschten. Einige prächtige Schmetterlinge saßen flügelspreizend auf der stillen, sonnigen Straße; der einzige Laut kam von einem Hahn, einem Prachthahn offenbar, der in der Ferne wie ein Glöckchen läutete.

Gabriel stellte sich salutierend am Tor auf: »Tritt ein«, sagte er. »Hier wohnen also die Herrschaften, denen du nachzueifern hast. Und wenn du dein Versprechen hältst, wirst du ja weiter keine Schwierigkeiten haben.«

»Aha, – das Raritätenasyl!« fuhr es Boggi heraus.

Gabriel wich einen kleinen Schritt zurück. »Wo hast du denn den Ausdruck her?« fragte er erstaunt.

Boggi blieb ernst, seiner Instruktion gemäß. »Den gebrauchte einmal der Marquis du Sang-Froid«, sagte er.

Gabriel schlug entsetzt die Hände zusammen. »Was?!« schrie er, »den kennst du also auch?«

»Ich habe bei ihm stationiert«, erwiderte Boggi. »Doch das hat nichts weiter auf sich, besonders da ich ihn abgetan habe. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß er nichts weiter war als mein eigenes Hirngespinst.«

»Das sagst du so«, sprach Gabriel und sah ihn halb interessiert und halb angeekelt an. »Ich höre den Namen nicht zum erstenmal, auch andere Leute hatten mit ihm zu tun. Er scheint so eine Art fixe Idee von deinesgleichen zu sein. Aber derartiges ist hier verpönt, der betreffende Herr ist ein Produkt angestrengten Denkens; (ich meinerseits kann ihn mir nicht vorstellen), er ist also gerade das Gegenteil von dem, was sich hier empfiehlt. – Übrigens, die Bezeichnung ›Raritäten‹ ist gut, fast noch präziser als ›Menschen‹. Ich warne dich aber, etwas von deinem Vorleben durchblicken zu lassen; du weißt, wie du alsdann hier ankommst. – – Nun Schluß!«

»Zunächst –« sprach er im Weitergehen, »will ich dir den Bürgermeister zeigen. Für die laufende Epoche hat Herr Geheimrat Goethe den Posten und wird ihn voraussichtlich noch lange behalten. Schon wird es dunkel, deshalb wollen wir uns ein wenig beeilen.« Er schritt auf seinen elastischen Sohlen vor Boggi her. Ein besonders schönes Haus mit weißer Diele war erreicht. Es bildete den Beschluß des Dörfchens, das sie inzwischen ganz durchwandert hatten. Vor der mit Lorbeerbäumchen in hübschen Abständen flankierten Tür stand eine runde Taxuslaube, auf die ein schnurgerader Weg von der Straße zuführte, an reinlich und symmetrisch bepflanzten Tulpenbeeten vorbei. In dieser Laube saß ein alter Herr in einem seidenen Schlafrock. Die Stirn, wie eine glatte Elfenbeintafel, war geneigt, sinnend geneigt über ein Gänseblümchen, das die Finger langsam zerpflückten. Boggi weidete sich an dem Bilde und trat dann zurück.

»Nun will ich dir auch erklären,« sprach Gabriel, »womit man sich hier beschäftigt –: Man staunt.«

»Wie –?«

»Man staunt«, wiederholte Gabriel ehrfurchtsvoll. »Und wer am erstauntesten ist, bleibt hier der Größte.«

Boggi kam ein Lachen an, er unterdrückte es.

»Sieh,« sagte der Knabe traulich, »ihr seid recht arm, daß ihr das nicht fassen könnt. Dieser alte Herr sitzt hier, stundenlang, in der Laube und staunt eine Grasrispe oder ein Gänseblümchen an. Er hat den ganzen Kreis durchlaufen, ist auf allen Abwegen gepilgert, ohne doch die große Straße aus dem Auge zu verlieren, ist Herr über sämtliche großen Wörter und Herr über sich; ja, er hat in seinen Augen die Welt wie in einem Spiegel eingefangen und alles eingeschlossen. Und als er zu Ende war, glaubte er wohl, seinen Kreis erfüllt zu haben, und das war eine Leistung, das gibst du wohl zu.«

Sie gingen weiter.

»Nun, als er heraufkam, bildete er sich wohl ein: Ich bin zu Ende; hier kann man mir nichts Neues mehr bieten. Weit gefehlt! – Er ist nicht alterskindlich, wie du ihn so siehst; da er sehr, sehr schwer erschöpflich ist, verfiel er auf die Einzelheiten und blieb darin stecken wie ein empfängliches Kind. Er fängt von vorne an. Er verfällt wieder auf das Einfachste: die Symmetrie, und weiß sich nicht zu helfen vor Freude über ein Blümchen. Er wird noch lang, lang über dem Blümchen träumen . . . er ist der Vertrauensmann des Chefs. Ihr glaubt nicht, wie wenig weit ihr anderen gekommen seid. Ihr seid Grashüpfer, und er ist ein Vogel. Ihr wuchert mit einem Pfunde, das ihr nie erkannt habt . . .«

Inzwischen war die Abendsonne gekommen, und alle Fenster brannten. – Sie kamen noch an vielen Gärtchen vorüber, und überall saßen Leute und lächelten; der Widerschein der blitzenden Fenster schien dies Lächeln auf ihren Gesichtern hervorzurufen. – – Da hörten sie ein Trommeln, ein leises Pochen, und als sie hinzutraten, saß dort ein kleiner, häßlicher Mann. Sein Kopf, von schwarzem, ungepflegtem Haar umwuchert, wiegte sich leise, und sein bartloses Gesicht blickte stumpf und beinahe grollend auf ein Instrument, ein Spinett ohne Saiten, auf dessen perlmutterne Tasten er nachdenklich seine Finger drückte.

»Dies ist der stärkste Illusionist, den wir haben«, erklärte Gabriel. »Er ist völlig taub, doch alle Saiten, die er braucht, klingen in seinem Kopf. Er beschäftigt sich schon lange mit dem Wesen einer einzigen, simplen Tonfigur, einem Mollakkord: er ist stets erschüttert und voller Andacht, er hört und fühlt nichts anderes mehr. Das ist Liebe. Er hat seinerzeit alle Leidenschaften prächtig instrumentiert; jetzt fängt er von vorne an und bestaunt die einfachste Harmonie, findet das ›Quid divinum‹ im Urstoff wieder. Man kann zweifeln, wem von den beiden, dem Bürgermeister oder diesem Spinettmann hier, der Vorrang gebührt, denn sie machen sich, ohne es zu wollen, erhebliche Konkurrenz.«

Beethoven sah auf und sandte ihnen einen einsamen Blick zu; augenscheinlich störten sie ihn. Sie wanderten weiter. »Du wirst morgen«, sagte Gabriel, »noch genug Gelegenheit haben, dir die Einwohnerschaft zu betrachten. Die regsameren, noch nicht ganz eingesessenen, sind am ehesten noch für Zerstreuung und Gespräch zu haben. Einstweilen schläft hier alles, die Größten schlafen am längsten; du kannst also erst morgen abend mit ihnen konferieren. Da du als Eleve noch keinen festen Schlaf haben wirst, so darfst du mich bei meinem Nachtwächterdienst unterstützen und aufpassen, daß nichts passiert. Es gibt hier noch ein paar zweifelhafte Herren, auf die man achten muß, und Dummheiten sind hier, wie auf Erden, immer noch schnell gemacht.«

Gabriels Häuschen stand an der Tür des Eingangs; er ging hinein und holte sich eine lange Bambusstange, an der eine violette Papierlaterne baumelte, die ein sanftes, zärtliches Licht ausstrahlte. – – Der Hahn, wie ein fernes Glöckchen, krähte noch einmal melodisch; dann flog er über das Dorf, mit buntem Gefieder; sein Schweif glich einem kleinen Kometen. Ein köstlicher, leiser Choral erhob sich, der trotz seiner Getragenheit eine gewisse, leicht pulsierende Grazie der Tongebung erkennen ließ. Dann stand ein funkelnder Sternenhimmel wie eine blaue Glocke über die Alpe gestürzt, und die ganze Nacht hindurch sah man die Umrißlinien der Gebirge leise leuchten . . .

Das große Uhrwerk

Nach längerem, schweigendem Warten bemerkte Boggi, wie die Papierlaterne sich senkte: Gabriel war müde geworden, Gabriel schlief ein. Er sank ins Gras und schlief gesund und rotwangig, den Kopf auf die volle Achsel gebettet. Boggi fing die Laterne auf und promenierte umher, indem er angestrengt über das bisher Erlebte nachdachte. Da mußte er plötzlich unaufhaltsam lachen und bog sich vor Vergnügen. Indem er so mit sich selbst beschäftigt leise kicherte, übersah er einen Mann, der ihm entgegenkam; er trug eine Krücke und humpelte. Ein feines, weißes Gesicht unter einer seidenen, etwas fleckigen Kopfbinde. Und siehe da: der Mann kicherte gleichfalls, doch lautlos, wie angesteckt, und sprach: »Haben wir einen neuen Nachtwächter bekommen? Gott zum Gruß, Freund; wir sind Leidensgenossen; wir sind beide schlaflos; der Intellekt kommt nicht zur Ruhe.«

Boggi schnellte empor und erkannte in dem Mann den Dichter und Plauderer Harry Heine wieder. Er sammelte sich schnell und sprach: »Ich wußte selbst kaum, worüber ich lachte, Meister.«

»Also bloß animalisches Wohlbefinden«, sagte Harry und kicherte spitz, ein bißchen schwindsüchtig. Dann fuhr er zusammen und tastete sich langsam und sorgfältig seinen Rücken ab. »Es gibt mir jedesmal einen Riß in der verdammten Wirbelsäule, wenn ich heiter bin«, stöhnte er. – Dann freundlicher: »Doch schwindeln Sie nicht; Sie sind noch ein Neuling und auch vom sarkastischen Fach, wie mich dünkt. Sie dachten! Man hat, besonders wenn man noch so schlecht schläft wie ich, eine Art Ferngefühl und spürt es, wenn jemand denkt. Deshalb ersuche ich Sie: Lassen Sie uns ein wenig plaudern. Wir wollen promenieren, es ist noch mitten in der Nacht.«

Boggi faßte ihn unter den Arm, und mit schlürfendem Schritt ging der Meister neben ihm her.

»Man hat es ja ganz gut hier,« sagte er, »alles in allem ist's eine Sinekure, ein Sanatorium für überreizte Gehirne. – Wissen Sie, ich bin auch nur hierhergekommen, weil ich eine Art Unikum bin und außerdem noch Märtyrerverdienst um eine gute Sache habe. Ich habe mich keineswegs, wie Sie vielleicht, elegant mit dem Leben abgefunden, sondern unentwegt daran geglaubt, und an die hübschen Begriffe und Nippsachen, die das Dasein herkömmlicherweise verschönern sollen. Da ich eine lose Zunge hatte, ging mir's zuweilen recht munter, und ich wäre eine Hauptakquisition für unseren Marquis geworden –« (er flüsterte jetzt und sah sich scheu um), »wenn ich nicht wirklich empfunden hätte. Ja, das habe ich, Gott steh mir bei! – Ich habe nicht bloß nachgestammelt, sondern auch produziert! Unter Herzkrämpfen, ich versichere Sie! So sind denn auch einige ganz gute Sachen zustande gekommen. Doch dann geriet ich in Ihr Fahrwasser und warf mich aufs Glossieren. Daher kam's, daß ich manche eigene, echte Träne, die was darstellen sollte, unter die Lupe des Witzes nahm, wo sie nach kurzem Funkeln flugs verduftete; im Grunde bin ich ja auch nur ein Instrument für Augenblicksgefühlchen gewesen. Ich komme mir eigentlich unangebracht vor, hier, unter diesen Titanen . . . Man hat mich ans äußerste Endchen plaziert«, sagte er hüstelnd und schnupfte sich in ein gesticktes Taschentuch. »Doch Gabriel ist ein guter Bengel; er hat ein Herz für mich.«

»Aber Meister!« rief Boggi tief erstaunt. »Wo bleibt Ihre Selbstherrlichkeit? Sie sind ein Dichter! Sie gehören unter die Großen! – Und nun werden Sie sentimental?!«

»So?« sagte Harry, . . . »so? bin ich einer? Das freut mich. – – Du lieber Gott, meine paar Sächelchen! Man schätzt mich noch?«

»Bedeutende Verleger nehmen sich Ihrer an«, erwiderte Boggi. »Man druckt Sie in ungezählten Exemplaren – ja, zum Teufel, ich muß gestehen, Herr Heine, daß Sie mich enttäuschen! – Ich hoffte auf eine kleine, lästerliche Unterhaltung, einen kleinen Augurenaustausch, und nun sind Sie in solcher Verfassung!«

»Ja, nun ist das was anderes«, sagte Heine, plötzlich verwandelt, und hing sich fester an seinen Arm. »Sehen Sie, dies Taschentuch hat mir die Mouche noch gestickt; sie war ein gutes Kind. Ich glaubte, ich hätte den Chef arg verstimmt durch meine Witzchen, wissen Sie. Nun, der Chef ist tolerant, und die Mouche hat mir hier Zutritt verschafft. Ich liebte sie gar sehr, und auch ihr Busen hat für mich gebebt. Und, sehen Sie: in der Liebe kann man nie reproduktiv sein! – Man ist stets originell, wenn es zu Handgreiflichkeiten oder gar Versen kommt! . . . Wie finden Sie übrigens diese Kolonie?«

»Im Vertrauen,« sagte Boggi, »etwas langweilig.«

»Du lieber Gott,« meinte Harry, »das finde ich nämlich auch. All diese Charakterköpfe, man kennt sie bereits; man kommt sich schier wie ein bestaubtes Museumsstück vor. Doch der Wahrheit die Ehre: man ist im allgemeinen recht unbehelligt. Mir kann's gleichgültig sein, ob irgendein krittelnder Epigone an meinem Denkmal das Beinchen hebt oder ob es einen Machthaber in meiner Gesellschaft fröstelt. Ich glaube, ich bin auf dem Wege, zum Ursprünglichen zurückzugleiten, wie meine hiesigen Kollegen; nur werde ich vermutlich nicht über mein interessantes ›Ich‹ hinauskommen, denn für das Gänseblümchen bin ich zu stark östlichen Einschlags. Doch pssst! – Da wird es Tag, und meine Matratzen warten. Leben Sie wohl und Dank für das Plauderstündchen!« Er humpelte eilig davon.

Das nächtliche Intermezzo war von Gabriel nicht bemerkt worden, der, ausgeschlafen und munter, seine Laterne ausblies und Boggi suchte. Einmal noch zierlich gähnend, ging er in sein Häuschen zurück und bat Boggi, ihm zu folgen. »Eigentlich«, sagte er, »habe ich mein eigenes Bett. Du siehst es hier, es ist naturgewachsen.« Boggi sah ein Bettgestell, das mit Wurzeln in die Erde faßte. Das Plumeau war mit köstlichen Stickereien bedeckt: Liebesszenen aus dem ganzen Kreis der Schöpfung bis zu einem Menschenpaar, das sich durch Blumengewinde hindurch haschte. »Mein Erbteil,« erklärte Gabriel ernsthaft, »das ich mir jedesmal testamentarisch selbst vermache, wenn ich mich erneuere.« Boggis Fuß stieß an ein großes, perlmutternes Ei.

 »Meine Puppe«, sprach der junge Hausherr. »Siehst du, wenn ich wieder ganz klein bin, so passe ich hinein. Du mußt nämlich wissen, daß ich einen Kreislauf durchzumachen habe. Bin ich achtzehn Jahre alt, so werde ich wieder klein, mache einen Rückprozeß durch. Von meinem zehnten bis zum sechzehnten Jahre trage ich Flügel, die ich, sobald ich über den Zaun springen kann, wie ein lästiges Kaulquappenschwänzlein abwerfe. Du kannst das erleben, wenn du dich hier brav beträgst. Ich bin jetzt schon auf dem Rückweg und erhalte demnächst meine Flügel wieder.« Er drehte ihm den Rücken zu. Boggi sah zwei kleine, farblose Membranen, die von Gabriels Schulterblättern hingen wie feuchtkeimendes, noch gefälteltes Laub.

»Und was ist's mit den Müttern?«

»Ja,« sprach Gabriel, »die sind vonnöten. Denen macht meine Instandhaltung keine körperlichen Beschwerden, doch brauche ich ihre Brüste und ihren Futternapf, denn in gewissem Sinne verdanke ich ihnen meine Existenz. Du kannst sie gelegentlich zu sehen bekommen, wenn ich dich zu dem Garten der Illusionen bringe; sie heißen Elpis, Pistis und Agape. Sie gehen immer selbdritt, wie überhaupt die Dreizahl hier eine Rolle spielt.«

»Also bist du am Schluß ein ganz kleiner Bube, den man auf den Armen trägt?«

»Wenn es dir Spaß macht, wirst du das tun können«, lächelte Gabriel. »Doch als Gesellschafter kann ich dir dann nicht mehr dienen, denn meine Geistesgaben werden naturgemäß spärlicher. Zum Schluß habe ich nur noch knospenhafte Instinkte und werde sehr gehätschelt, denn dann bin ich ein typisches Symbol und verlege mich ganz aufs Staunen.«

Plaudernd traten sie heraus, und Boggi sah sich mit seinem Freunde zusammen die Gegend an. Ein milder, flaumweicher Wind wehte über kleinen, festlich frühlingshaften Birkenbeständen. Sie verließen die Ebene und gelangten zu der Gebirgskette. Nach dem Durchschreiten dämmeriger Forste, wo ein stetes, orgelartiges Sausen in den Wipfeln herrschte, erstiegen sie eine Höhe. Unter ihnen traten die Täler nach den vier Himmelsrichtungen auseinander, und jedes Tal war erfüllt von allen klimatischen Wundern der Schöpfung. Alle Stimmungen schienen zusammengedrängt; es war ein Funkeln, Duften und fernes Getöse millionenfach aufklingender Tierstimmen. Und während sie dort weilten, wurde Boggi demütiger und von großen Ahnungen gestreift; sie sahen Nacht und Tag wechseln, traumhaft schnell, Sonnenpausen von Verdunkelungen durchsetzt, nach den großen Gesetzen der Bewegung und Wiederkehr, als prächtiges Uhrwerk . . . Die Zeit rann, die Zeit fiel und stieg, wie Wassertropfen funkelnd, zerstäubend; alles Wesen, nach seinem Kreislauf, bildete sich neu oder versank . . . Und doch schienen's Boggi nur Minuten zu sein, in denen sich so unerhört viel abspielte, und er wandte sich, geblendet, erschöpft und sprachlos, dem Rückweg zu.

Als er Gabriel wieder betrachtete, entfuhr ihm ein Laut des Erstaunens. Ein milchjunger Knabe schritt neben ihm und trug Flügel am schmalen Rücken, Libellenflügel, die das Licht farbig brachen.

»Um Gottes willen!« rief er aus. »Wie lange sind wir denn schon hier oben? – – Oder treibst du nur einen Scherz?«

»Einen Scherz?« sagte Gabriel und flatterte eine kleine Strecke lang, während er sich mit den rosigen Zehen von den Wurzeln abstieß. »Du bist ein ganzes Jahr hier oben gewesen, weißt du das? Du warst nur ein wenig verblüfft über das reichhaltige Panorama . . . Was wirst du erst Zeit brauchen, bis du zum Chef gelangst!«

Boggi schwieg verdrießlich. Dann sagte er: »Aber zunächst ersuche ich dich, wenigstens deine jetzige Fasson beizubehalten. – Du wirst nicht verlangen, daß ich mich allein durch alle diese Rätsel durchbeiße.«

»Rätsel?« klang die silberne Stimme zurück, kindlich und vergnügt. »Durchbeißen?! . . . Aber bester Herr, das gibt es ja gar nicht! – Gewöhne dir nur das Denken hübsch ab, dann gibt es auch keine Rätsel mehr. Das ist alles klipp und klar. Da gibt es weiter nichts zu predigen.«

Sie waren wieder auf die Wiese zurückgekommen. »Ich hoffe,« sagte jetzt der Knabe besorgt, »daß mir niemand inzwischen Dummheiten gemacht hat; eigentlich reut mich meine Zeitverschwendung in deiner Gesellschaft, weil es schließlich ziemlich belanglos ist, ob du bekehrt wirst oder nicht. – Sieh da! Da ist ja schon jemand ausgebrochen! Dacht' ich's mir doch!« Er lief, hüpfend und fliegend wie eine Zizindele, voraus. Boggi erblickte Harry Heine, der, mit seiner Krücke fuchtelnd, im Gras herumstolperte, und hörte seine scheltende Stimme. Vor ihm her schwebten, ängstlich zusammengedrängt, drei weibliche Gestalten von durchsichtigem Körperbau, die nach jedem Schlag der Krücke, die sie nie erreichte, ein Stückchen in die Höhe flatterten und dann, verwirrt spähend, auf den Platz zurücksanken.

»Ho!« schrie Heine. »Ach, das tut wohl, wenn man sich Luft machen kann! Ich gönne mir Bewegung und schikaniere diese drei luftigen Metzen. Sie glauben gar nicht, was sie mir das Leben verdorben und mich genarrt haben. Pschütt! – Sie machen einem weis, sie existieren, die verfluchten Seifenblasen. Zerstückelt müßten sie werden, zerpustet!!« – Er schöpfte mächtig Atem.

»Was machen Sie, Herr Heine!« jammerte Gabriel und fiel ihm in den Arm. »Lassen Sie mir doch meine Mütterchen in Ruh!«

»Ach was, Mütterchen!« rief der Dichter. »Du bist auch so ein windiges Produkt.« Dann, zu Boggi gewandt: »Lassen Sie sich nicht mit dem Bengel ein, Herr Kollege. Er ist zwar recht handfest, von realem Fleisch, doch er schwindelt wie gedruckt. – – Das gönne ich den drei Dirnen, daß er sie recht schröpft, wenn sie ihn aufsäugen müssen. Da steckt wenigstens noch Komik drin!«

»Herr Heine!« rief Gabriel befehlend und rasselte mit den Flügeln. Er stand spreizbeinig da, schön wie ein Blitz, und seine Muskeln bebten. »Sie werden sich auf der Stelle wieder hinter den grünen Zaun zurückziehen! Sie haben alle Disziplin verloren!«

»Hat sich was!« lachte Heine. »Ich bin guter Laune, wenn zwar etwas wackelig auf den Füßen. Doch so ein Windhund wie du hat mir noch lange nichts zu sagen!« – Und er attackierte von neuem das Trio.

»Er ist ganz außer Rand und Band«, flüsterte Gabriel Boggi zu. »Das kommt davon, wenn man anderen Leuten Gefälligkeiten erweist: da fängt dann so ein zweifelhafter Kerl wieder mit dem Denken an und geht den Illusionen zu Leibe. – Da bleibt nichts übrig; ich muß ihm deutsch meine Meinung sagen.« – Mit graziösem Schritt eilte er hinter dem Dichter her und sprang ihm auf die Schultern, wobei er ihm den Hals mit den Beinen zusammendrückte und ihm die Krücke entriß. Heine wurde zahm. Sein Kopf sank mit einem schmerzlich erschöpften Ausdruck nach vorn, und er trottete, von der Krücke sanft gelenkt, wie ein gehorsames Pferdchen mit seinem Reiter hinter den Zaun zurück.

»Und ihr«, rief Gabriel noch den Weiblein zu, »macht mir gleichfalls keine Exkursionen mehr, sondern bleibt, wo ihr hingehört!! Dort seid ihr wenigstens keiner ungalanten Behandlung mehr ausgesetzt!«

Der Garten der Illusionen

Gabriel sagte: »Hier hat man wieder eine langsamere Zeitrechnung als dort oben, wo du die ganze Menagerie und das Kreislaufsystem unseres Chefs gesehen hast. Ein ganz klein wenig Ehrfurcht hast du jetzt bereits«, sagte er verschmitzt und lächelte ihm unter seinen dunklen Wimpern zu. »Das mehrt sich und häuft sich, guter Herr, und die vielen kleinen Eindrücke schmelzen zusammen zum blendenden Gesamtkristall, in dem die ganze Materie steckt. – Du darfst jetzt bei mir übernachten; ich hoffe, daß meine Gegenwart dir noch ein wenig animalische Empfänglichkeit beibringt.« Er klappte die Flügel zusammen und warf sich aufs Bett, das einen Geruch von Humus ausströmte. Boggi streckte sich neben ihm aus. Da geschah ein Wunder: die Decke, die über beiden lag, begann in dem Glanz der Abendsonne, die durch den simplen weißen Vorhang des Fensters drang, wie ein lebendes Bilderbuch Farben um Farben zu entfalten. Boggi setzte sich auf und staunte. Er sah das ganze tiefe Schauwunder der Schöpfung, verkleinert gleichsam, üppig aufblühen; ja, er vermeinte Stimmen zu hören, fein und zart. Adam und Eva hatten sich erhascht und umfangen; Pfauhähne prunkten im Strahlengefieder um die Wette mit rotfüßigen Fasanen, die ihre Hennen sporenzuckend umkreisten; Kater und Katze flogen als wirbelnde Silhouetten vorbei; Affen rollten, unlieb schreiend, von Ästen oder schaukelnden Lianen; ja selbst ein dickes Flußpferd, asthmatisch schnaufend, wagte einen Galopp, alles niedertrampelnd, einer schelmischen Flußstute nach, die kleine Wassersäulen aus den Naslöchern spie. – – Und siehe da! – Ein kleiner Akkord geschah, ein holder, kurzzirpender Dreiklang, und alles erstarrte. Ein blaugewandeter, graubärtiger Mann ging langsam durch die Wildnis, und alles öffnete sich vor ihm, bis er im grünen Saum an der anderen Seite der Decke verschwunden war. Dann erlosch der Abendschein, um einer hellen Dämmerung Platz zu machen.

»Was war das?« fragte Boggi fassungslos. »Hast du jeden Abend diese reizende Unterhaltung? Und wer war der kleine Graubart im blauen Mantel?«

»Das war nichts Besonderes«, sagte Gabriel, der, phlegmatisch blinzelnd, die Arme unter dem Kopf, zugesehen hatte. »Das war nur eine kleine projizierte Phantasie von mir. Der kleine Graubart ist der Beschließer, der Aufsichtsrat über all diese rührige Zeugung; ich hab' ihn mir ausgedacht; er läuft noch einmal als letzter Effekt um die Peripherie, eh das Spielwerk aussetzt.« – Er strampelte die Decke auf den Boden. »Hör',« fuhr er fort, »ich habe dir noch etwas zu sagen. – In meinen letzten Gesprächen habe ich fast den Rest meines Geistes erschöpft; von morgen ab ist mein Denken ganz kindlich; ich werde acht Jahre alt, und mein Schlußvermögen macht so kleine Sprünge, daß du nicht mehr tiefsinnig reden darfst, wenn ich dich verstehen soll. – Darum will ich das bißchen Geist, was ich jetzt noch habe, dazu verwenden, deine nächsten Geschäfte zu regeln. Du hast dich also dem Bürgermeister vorzustellen und dich begutachten zu lassen; die Leute machen gerade ihre Zwielichtpromenade. Alsdann weckst du mich, und ich will dich zum Garten der Illusionen führen. – So, und jetzt will ich schlafen.« Mit dem letzten Wort, das schon von einem ächzenden, drolligen Gähnen erstickt ward, war er rosig entschlummert. – Boggi sprang auf und ging hinaus.

Eine schattenlose Dämmerung erfüllte die Straße, die von schweigenden Gestalten, die langsam dahinschritten, belebt war. Und doch, wenngleich alle Umrisse dunkel erschienen, leuchteten die Gesichter in einem milden Schein. Besonders die Stirnen und Augen, die sich aus stummer Grübelei erhoben, um dem scheuen Jüngling einen Blick zu schenken. Jeder hielt sein Spielzeug in der Hand, das doch gleichsam ein Attribut für ihn bedeutete; mit zärtlicher und behutsamer Andacht trugen sie es bald auf flacher Handfläche, bald unter dem Arm. Boggi erkannte die Spitzen der Menschheit in ihnen wieder, die größten unter den Produktiven, und schrak fast zusammen, als er auch hier, irgendwo, das grollende Kinn unter dem Dreispitz gewahrte. Doch seine Erinnerung ward hold enttäuscht: der General saß unter einem Holunderstrauch und blies auf einer Kindertrompete.

Die Musiker trugen Triangeln, die im Gehen leise schütterten; die Dichter skandierten vor sich hin und wiederholten oft ein einzelnes Wort, dessen Klangschönheit ihnen behagen mochte; und dann machten sie Notizen in winzige Büchlein und nickten einander zu. Die Philanthropen trugen Büchschen mit Impfserum und steckten zuweilen besorgt die Nase hinein; die Philosophen hielten Pyramiden von Papierschachteln und trippelten vorsichtig und in großer Angst, ihr System möchte aus den Fugen gehn. Die Theologen führten wollige Schäflein an seidenen Bändern – sie waren am dünnsten gesät; einer unter ihnen hatte sich Wundmale an beiden Händen beigebracht, die er abwechselnd düster betrachtete. Die Maler gingen wie Nachtwandler, ohne Attribute, doch in köstlichen Kleidern, und die Bildhauer schritten in dem Schwarm ihrer eigenen belebten Werke dahin.

Und da sah Boggi, wie sich eine Gasse bildete, und faßte sich ein Herz. Der alte Herr im Schlafrock kam, die andern überragend, sein Gänseblümchen im Knopfloch des Aufschlags, die Straße herab. Boggi nahte sich mit einer tiefen Verbeugung.

»Meister!« sprach er laut. »Erlauben Sie . . .« Goethe ging weiter. Boggi war bestürzt; dann rief er:

»Erhabner Fürst der Dichtung!«

Goethe drehte sich nicht um; einige Leute blieben stehn und kicherten leise. Boggi schlich dem raschelnden Schlafrock nach. Dann flüsterte er:

»Exzellenz!«

Dies wirkte. Der Schlafrock hielt an und drehte sich langsam um. Dann sank er eine halbe Elle tiefer, und Boggi sah zwei köstlich gezierte Kothurne neben ihm stehen. Die Augen blickten ihm aus der Nähe ins Gesicht, diese braune, von tiefem Glanzlicht geschmückte Pupille, die, von vergilbtem Weiß umgeben, wie ein Zauberspiegel leuchtete. Die Augen blickten lange, lange, ohne Wimpernzucken, und Boggi fühlte sich durchschaut; jedes Geheimnis schien restlos preisgegeben, restlos erkannt. Doch er fühlte auch, daß diese Augen nicht urteilten, sondern nur sahen, hinter alle Dinge und Begriffe, und doch immerdar menschlich und gütig blieben. Und eine metallne, sonore Stimme erklang:

»Womit kann ich Ihnen gefällig sein?«

»Ich möchte zum Chef, Exzellenz. Ich bitte, mich zu empfehlen.«

Eine Bewegung ging durch die Lauschenden. Das Wort »Chef« schien zu gefallen. Jeder sah den andern an und lächelte. Goethe blieb ernst.

»Ei, und womit legitimieren Sie sich?«

»Ich habe geliebt!«

Goethe schwieg eine Weile, dann sagte er: »Das war kurz und bündig. Eine Passion, das genügt. Und welcherlei Imagination besitzen Sie, mein Werter?«

Boggi sperrte den Mund auf. Goethe begann zu schmunzeln; dann fügte er bei: »Vom ›Chef‹, versteht sich.«

Boggi sammelte sich. »Das ist verschieden, Exzellenz. Drunten besaß ich wohl nur die eine: den Kuß; doch das ist wohl eine der passendsten Imaginationen.«

»Er ist immerhin ein vortreffliches Symbolum«, sprach der alte Herr. »Er ist ein goldnes Schlößlein für End- und Anfangsring der großen Kette. Sie waren kein Jüngling, der den Himmel stürmen wollte, dünkt mich. Doch suchen Sie – unbeschadet! – des Guten und Schönen hier teilhaftig zu werden. Lassen Sie sich ganz von den Erscheinungen erfüllen, die so unablässig drängen; und Sie werden den Einzelheiten Ihre Liebe zuwenden. Alsdann wird sich Ihnen das Größte – der Chef – im Kleinsten offenbaren.« Er streichelte sein Blümchen, drehte sich langsam um, bestieg seine Kothurne und verschwand, während die andern sich gleichfalls zerstreuten.

Boggi blieb etwas enttäuscht und ernüchtert zurück. »Das wäre nun die Begutachtung«, dachte er (sie kam ihm ein wenig gemeinplätzig vor). »Aber der Sache ist damit wenig gedient; ich werde mir bei Gabriel Rat holen.« Er trat in die Kammer und an das Bett. Da wäre er fast zurückgefahren, denn ein kleines, schmalhüftiges Bürschchen mit kindlichen Gliedern lag darin. Die Flügel hatte es abgestreift; sie lagen zerknittert am Boden.

»O weh!« dachte Boggi, »nun hat er seine Fasson wieder geändert – gebe Gott, daß er noch zu brauchen ist!« Eine Anwandlung von Zärtlichkeit kam über ihn, als er den schlummernden Knaben betrachtete. »Er hat mir wacker geholfen, der Kleine; er verdient meine Dankbarkeit! . . . Ich will ihn hübsch väterlich behandeln!« – Er weckte den Schlummernden. Gabriel maulte ein wenig; dann entschloß er sich, aufzustehen.

Eine köstliche Mondnacht herrschte. Der Mond war dreifach so groß, als Boggi ihn je erblickt; er stieg, von dem zarten Rundregenbogen eines Hofes umgeben, wie eine große Seifenblase über den Wäldern auf. Der kleine Knabe strampelte, ohne ein Wort zu sprechen, neben Boggi her; ab und zu lachte er ihn an, mit leisem, glucksendem Lachen, das wie verhaltene Vorfreude klang. Und es wurde heller und heller; die große, veilchenfarbene Schattenphalanx der Berge drohte mit ihren Spitzen vergebens über die Alpe herein. Etwas wie Neuschnee, kühl und fröstelnd, lag in der Luft, und leichte Blitze säumten die Gipfel, wie der verlöschende Regen eines silbernen Feuerwerks. Unten auf der Wiese, zu ihren Füßen, lag noch der warme Duft wie ein feuchter Teppich und beschützender Schleier. Je mehr sie sich in unbekannter Richtung entfernten, desto kühler wurde es. Doch Boggi spürte kein sonderliches Frösteln; eine nie gekannte innere Wärme erfüllte ihn. Auch der Knabe war vergnügt. Da zeigte auf einmal der kleine Finger nach vorn, und der Mund, zuvor spröd geschlossen, sagte mit kindlicher Stimme:

»Da! – – Der macht den Anfang!«

Boggi spähte und nahm eine Gestalt wahr, die wie eine Mücke, vom Monde angezogen, stieg und sank. Der Mond hing, rund und glotzend, eine kalkweiße, von blauen Schatten berieselte Welt, im Raume . . . Die Gestalt nahm an Deutlichkeit zu. Mit verrückten Gebärden, wie ein Hemd im Winde, flatterte dort ein Pierrot und warf seine Arme und Beine nach dem Takt eines unhörbaren Walzers auseinander, als wüßte er sich vor jauchzender Freude kaum zu fassen. Doch lautlos, lautlos . . . Bisweilen schob sich ein weißes, lächelndes Gesicht, behutsame Augen unter tanzenden Brauen, aus der schwarzen Krause der seidenen Kutte, und eine Kette von Pompons, riesige violette Chrysanthemen, raschelte bis auf die kurzen Schuhe nieder . . . Und im magnetischen Strom des Mondes, im silbernen Lichtkegel, geschah noch mehr; allerhand kurze Rauschverzückungen, von holden Gespenstern der Lebensfreude getanzt: ein wimmelndes, lautloses Gewühl von Masken war's . . . Boggi vernahm ein Geräusch von zarten, wirbelnden Akkorden; ein Geigenstöhnen wie von Samt erstickt, schelmische Skalen gleich zerprickelndem Schaumwein . . . Und horch, fern ein geheimnisvoller Lerchentriller und bittende Worte Colombines: ›Au clair de la Lune . . .‹ . . . Dann traten sie aus dem Lichtkegel, und alles war verloschen, verklungen, vorbei.

»Na,« dachte Boggi, »wenn alle Illusionen, die ich noch zu sehen bekomme, in diesem Grade verständlich sind, so könnte mich schier ein Heimweh nach meiner früheren Station packen. – Sehen wir weiter zu. Ah, da ist ja schon das Tor! – Bei Gott, was für ein schwarzer Kolkrabe behütet denn dieses Paradies?!«

Ein hohes, durchsichtiges Gitter, zum Schutz durch eine Hecke verdoppelt, trat rechts und links vor ihnen auseinander. Sie kamen in eine Art Einfahrt; und der schwarze Kolkrabe hüpfte vor sie hin und sagte mit weicher, krächzender Stimme:

»Ich bitte um Ihren Paß!«

Eigentlich war es gar kein Rabe, sondern ein weißhaariger, schwarzgekleideter kleiner Professor, durch dessen goldene Brille (»o liebe Textkritik!« – dachte Boggi) zwei muntere, fast schelmische Augen blitzten.

»Ja,« sagte Boggi, »einen Paß habe ich nicht, aber einen Begleiter, der mich wohl empfiehlt.« Und er hielt den Knaben in die Höhe. Die Brille fuhr kurz an ihm herab und herauf und konstatierte: »Das genügt. Diesen Homunkulus kennen wir. Kommen Sie.« – Der Professor trat voran; er zog wie ein Täuberich bei jedem Schritte den Kopf etwas zwischen die Schultern. Da aber nahm Gabriel plötzlich sein Händchen aus der Hand Boggis, rief klingend und lieblich: »Leb' wohl!« und verschwand spurlos.

Boggi rief vergeblich; er war schier untröstlich, bis der Professor Notiz nahm und sich umwandte. – »Ja, ja«, sagte er. »Seien Sie ruhig; es hat nichts auf sich, daß der Kleine Ihnen entlaufen ist. – Er gehört auch zu den Illusionen, ist also unsterblich und folglich immer da, wenn Sie ihn brauchen. Jetzt habe ich die Führung übernommen, und mir als Philologen dürfte es mit Fug zustehen, Ihren Cicerone abzugeben.«

»Ich bin zum Hüter bestellt«, fuhr er fort. »Ich bin Klassiker, wie Sie ja auch an meinem Äußeren sehen« – er sah fast verschämt an sich nieder – »und demgemäß Verwalter aller großen Begriffe, an die sich Illusionen knüpfen. Sehen Sie, die Sprache, vornehmlich die griechische, ist eine Bildergalerie; sie enthält viel traditionelle, eingerahmte Wörter, die ich vor Verallgemeinerung schützen muß. – Ja, ja, die Verallgemeinerung!« summte er. »Da geht es dann schnell bergab mit so einer Illusion. Wenn sie nicht im vornherein genug Knochenmark hat, verkümmert und verblaßt sie, und ich muß alsdann mein stärkstes Brillenglas nehmen, um ihr Dasein zu beglaubigen.«

Der Mondschein erzeugte eine Tageshelle. Vom tiefschwarzen Samt der Schatten gesprenkelt, öffnete sich vor ihnen ein Heckengarten mit glitzernden Bassins. Fontänen warfen stille, zerstäubende Perlengarben empor, und irgendwo in der Ferne sang ein Vogel eintönig und lockend. Im Umkreis, an den Mündungen verdämmernder Laubengänge, standen dorische Rundtempelchen von schimmerndem Marmor, und auf den Wiesen ergingen sich, verschiedengestaltet wie ein buntester Strauß, Abbilder von Menschen, vervollkommnet gleich leuchtenden Blumen von Fleisch, in köstlicher Form, immer neu erdacht und ausgestaltet – ein lautlos überwältigender Hymnus auf die Harmonie der Bewegung.

»Hier sehen Sie«, sprach der Professor, »die Auslese der Illusionen; der Typus ›Mensch‹ ist zart und kunstvoll verwertet, um Wesen von großer Harmonie zu zeugen. So eine Illusion ist ungreifbar, unfaßlich; deshalb gibt es auch keine Persönlichkeiten hier, sondern nur das, was ihr ›Seelen‹ nennt, eben die Quintessenz großer Deckwörter, vage Vorstellungen solcher Begriffe. Denn die Begriffe selbst wurden noch nie konkret, und das ›Ding an sich‹ ist hier äußerst verpönt. Alles, was Sie wollen: Wörter, die auf dem Daunenpfühl der Überlieferung schlummern; traditionsstolze, einsame Begriffe, von sterbenden Helden oder großen Staatsleuten mit Vorliebe verwendet; auch Familienwörter, die mit einem Händedruck vererbt werden, Wörter unter Glas und Wörter, die mit jedem Frühling neu werden; alle diese gibt es hier, werden hier aufbewahrt, gehütet, gepflegt.«

»Und welche Liebschaft haben Sie, Herr Professor?« fragte Boggi, in das silberne Gewimmel starrend.

Der Gelehrte lächelte fein; er bekam Wasser in die Augen. »Sie werden das schwer verstehen; ich habe abgeschlossen mit jugendlichen Begriffen, und mein Herz erwärmt sich nur mehr am Abstrakten – es ist, verzeihen Sie, eben ein echtes Philologenherz! – ›Tugend‹ und ›Freundschaft‹ sind meine Lieblinge. Unentbehrlich ist mir auch die liebliche ›Agape‹, ja ich kann wohl sagen, daß sie mir im Grunde bei allem die Hauptsache ist.«

»Also goutieren Sie auch den kleinen Abkömmling dieser drei Mütter, der mich hierhergebracht hat?«

»Nun freilich, freilich«, sagte der Professor gedehnt und ehrfurchtsvoll (und doch mit einer sonderbar verschmitzten Miene): »Von dem plaudern wir noch später. – Die bunten, koketten Leutchen, die hier in den Laubengängen auf und nieder laufen, sind meist nur Bastarde, von heterogenen Begriffen gezeugt, ephemere Geschöpfe, Schlagwörter. Doch nun«, schloß er, »müssen Sie mich entschuldigen, wenn ich etwas mit dem Sprechen aussetze. Es herrscht, wie Sie ja wohl schon gemerkt haben werden, hier im Himmel mehr der Brauch des Betrachtens.« Beide gingen schweigend weiter. Als sie an einem der Tempelchen vorüberkamen, schritt der Gelehrte – er nahm sich sonderbar genug aus: schwarz und sinnlos in all der Farbenheiterkeit – zwischen den Säulen hinein, fachte das goldene Flämmchen, das in der Mitte brannte, sorgsam an und fuhr mit den runzeligen Fingern an der Kannelierung herab, wobei eine einzige, kleine, gerührte Träne sein Brillenglas trübte. Er nahm es herab und zwinkerte, kurzsichtig wie er war, mit einer drolligen Grimasse gleich einem geblendeten Kauz, bis er das Glas wieder geputzt hatte. Der kleine Professor begann Boggi lieb und wert zu werden, und er gab sorgsam acht, Schritt mit der morschen Gestalt zu halten, die gedankenvoll mit dem Kopfe nickte.

Und wie sie so dahinschritten, zögerte die Zeit, sie schien sich selbst einzulullen, sie schlief ein; und Boggi empfand – zum zweiten Male – die Betäubung des absolut Leeren; doch seine Genugtuung war groß. Der Mond schwebte, festgebannt, stets die gleiche kalkweiße, von blauen Schatten berieselte Welt, über dem Wundergarten, Wellen, gleichbleibende Wellen herabsendend im ewigen Rhythmus des Lichts. Und nun geschah es, daß der junge Mann sich verwandelt fühlte, ganz verwandelt. Der Spott versiegte wie ein müdes Bächlein, und die Ehrfurcht wucherte wie ungebärdiges Wachstum auf dem neu beackerten Boden seines Gemütes auf. »Nun beginne auch ich zu staunen«, sagte er sich und zitterte. »Ist das das Ende?«

Er wagte es, das Schweigen zu brechen.

»Herr Professor,« fragte er, »und was ist – – die größte, die Hauptillusion?«

Der Professor war zusammengefahren. Dann lächelte er wieder eigentümlich.

»Sie fragen: Was ist Wahrheit? – Ja, sehen Sie, Sie wollen es immer noch, dies ›Ding an sich‹. – Ich will's Ihnen aber verraten. Die größte Illusion ist der, zu dem Sie wollen.«

»Also der – Chef?«

»Ja.«

»Und was ist der Chef?«

Der Professor sparte sich die Antwort noch ein weniges auf. »Kommen Sie, ich will Ihnen etwas zeigen.« Der Weg stieg, und sie kletterten schweigend viele, viele Stunden lang. Endlich gelangten sie an eine Höhle, einem Tunnel vergleichbar, an deren Ende ein flammend rotes Dreieck glänzte. Sie schritten hinein, auf das Dreieck zu, das den Ausgang der Höhle bildete.

Der Professor hob die Hand. – »Gehen Sie durch; da werden Sie Ihren kleinen Freund wiederfinden und den . . . Chef erkennen.« Er selbst schritt zurück und zwinkerte heftig, denn seine Augen waren sehr geblendet. – Boggi trat aus dem Ausgang und sah sich um.

Er stand auf einer kurzen Halde, und ringsum blauten Abgründe. Er stand in kahler, einsamer, herrlicher Höhe. Die Sonne ging auf. Die Sonne, wie ein rotes Meer von Feuer, brandete mit Licht, purpurn zerrieselndem Licht über den hellblauen Himmel: sie färbte Bergspitzen über Bergspitzen; sie feierte ein mächtiges, schier zürnendes Auferstehen. Sie war wie ein Schild und ein Hagel von Glanzpfeilen und kühler Glut; sie war wie eine Schlacht; sie siegte; und alles beugte sich vor ihr, übergossen von rosiger Scham, erschauernd in Demut bis in unendliche Ferne.

Boggi fiel nieder. Und als er die Augen wieder erhob, sah er vor sich, im kurzen Gras, ein Kind sitzen, ein kleines, rosiges Kind. Dies hatte seine Händchen auf den Boden gestemmt und schaute mit geöffnetem Mund mitten in die Sonne hinein; ein kleines, unmündiges Kind war's in der gigantischen Einsamkeit der Bergwelt. Es staunte und saß regungslos, nur  in sein Staunen verloren. Und auch Boggi staunte, und staunend dachte er: »Dies ist . . . der Chef; ein Kindchen klein, das nicht einmal ›Ich!‹ sagt; das ganze Weltall lebt in ihm, schlackenlos, rein und von keinem Gedanken zerstückelt. Es sieht die Größe und staunt; es ist dumm und klein und sitzt auf einer Berghalde und weiß sich nicht zu fassen . . .«

Eine Reue überkam ihn, überwältigend, furchtbar. »Und ich? – habe ich ihn je erkannt? – Habe ich je auf einer Halde gesessen und in die Sonne gestaunt? . . .« Er wendete die Augen ab; ein Schluchzen schüttelte ihn. – Da sah er ein gefiedertes Blättchen unter seinem Gesicht; er hatte nie etwas Schöneres gesehen. Er streichelte es; es war ihm ein Wunder; ein unfaßliches Wunder.

Er lag und starrte es an.

Die Sonne stieg höher, rein, flammend; langsam und gewaltig trat sie ihren Kreislauf an. Boggis Gedanken schwanden. – – Er lag da; er hörte ein kleines, helles Jauchzen und lächelte; er sah das Kindchen, wie es sich leuchtend im Grase hin und her rollte.

Dann wurde es blau in ihm, immer blauer und blauer . . .

Als das Muttersöhnchen nach Hause kam, fand es den Meister mit einem sonderbaren Ausdruck tot auf seinem Bette liegen, und um ihn her standen sechzehn geleerte Liköre. Es rannte fassungslos fort und holte die anderen zusammen. – Sie kamen, verwildert und angetrunken, und nahmen ihm eine Gipsmaske ab.

Und dann, da er ihnen auf diese Art entzogen war, beklagten sie auch die Beträge, die sie nun und nimmer zurückerhalten sollten, und sahen sich nach einer Hinterlassenschaft um. Doch gelang es ihnen nicht, Gegenstände von Wert an Boggi zu entdecken.

So gewann denn, von keinen reellen Gesichtspunkten mehr beeinträchtigt, die ungetrübte Trauer wieder die Oberhand, und sie setzten ihn bei, schändlich frierend (man zählte den achtundzwanzigsten November), mit zartem Taktgefühl neben das schmucklose Grab eines ehemaligen Nähmädchens, eben desjenigen »Weibes, das nicht die Kraft besessen, sich gegen das Leben zu wehren«.

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