Himbeer Toni von Joachim Seidel, 2010, Piper

Joachim Seidel

Himbeer Toni
(Leseprobe aus: Himbeer Toni, Roman, 2010, Piper).

Anton aus Tirol – DJ Ötzi

Das Problem Nummer drei in meinem Leben ist seit einigen Jahren

mein Name: Ich heiße Hornig, Anton Hornig, und die meisten

nennen mich Toni. Natürlich bin ich nicht der Anton aus

Tirol, aber diese DJ-Ötzi-CD habe ich, als sie damals erschien,

gleich von drei Freunden zum Geburtstag geschenkt bekommen.

Und fortan sangen alle, wenn sie mich trafen: »Er ist so

schön, er ist so toll …« Damit hätte ich mich vielleicht gerade

noch arrangieren können, doch nur ein paar Monate später

brachte Mousse T. ein Lied mit meinem Nachnamen im Refrain

auf den Markt, und alle grölten jetzt: »I’m so Horny, Horny, Hornig

« oder nannten mich gleich Horny Hornich. Und als dann

Sponge Bob auf Super RTL lief, gesellte sich auch noch Plankton,

jener amöbenhafte Widersacher von Mister Krabbs auf der erfolglosen

Jagd nach der Krabbenburger-Geheimformel, in mein

unseliges Spitznamenregister. In letzter Zeit denke ich immer

öfter daran, meinen Namen ändern zu lassen, aber meine Mutter

ist gebürtige Finnin und heißt Sinisalo, was so viel heißt wie

Blau (sini) und Ödwald (salo) – und Toni Sinisalo finde ich auch

nicht wirklich besser.

Mein Problem Nummer eins aber heißt ganz klar Ada Teßloff,

ist sechsunddreißig, sieht wahnsinnig gut aus, und wir zwei hatten

seit Wochen keinen Sex, obwohl Ada und ich gerade mal seit

vier Monaten zusammen sind.

Dabei bin ich eigentlich ’ne Frohnatur, doch in letzter Zeit –

vor allem wegen der Probleme eins bis fünf – fühle ich mich

Früher war ich Basser in ’ner amtlichen Punkband, und Probleme

kannte ich eigentlich nur vom Hörensagen. Remo Smash

war vorbildlich abgehangene 78er-Schule. Wir haben uns damals

in Berlin getroffen und eine der besten Punkplatten überhaupt

aufgenommen: Toilet love. Jetzt bin ich über vierzig (Problem

Nummer vier), arbeite als freier Textknecht für verschiedene Verlage

und versuche in der restlichen Zeit, bislang vergeblich,

etwas Bleibendes für die Nachwelt zu hinterlassen (Problem

Nummer fünf).

Aber ab heute, Freitagnachmittag, wird zurückgeschossen,

denn wir, Remo Smash, feiern unser fünfundzwanzigjähriges

Bandauflösungsjubiläum, und dazu werden erwartet: ihre Durchlaucht

Herr Blümchen, mein ältester Freund am Schlagzeug, ich

natürlich und Sänger Holgi Helvis, mein direkter Wohnungsnachbar.

Fehlen werden Guitar-King Kurtchen »König« Reich,

denn er ist seit einigen Wochen wie vom Erdboden verschluckt

(Problem Nummer sechs), und natürlich Papa Punk, unser

Leadgitarrist und Songschreiber, den es vor über zwanzig Jahren

schwer zerrissen haben muss und der seitdem verschollen

ist.

Mein Neueinsteigerproblem auf Platz zwei wohnt seit ein

paar Tagen direkt über mir und meinem Etagennachbarn Holgi

Helvis in Stockwerk sechs und hört, soviel ich weiß, auf den

Namen Ursu – ein Mann, der so aussieht, als stamme er aus Gregorgisien

oder einer anderen dieser früheren sowjetischen Teilrepubliken.

Er ist der Logiergast von Ioan Rustavi, dem Intendanten

des Theater- und Kulturzentrums unserem Haus

gegenüber, wo Ursu, wie Rustavi sagte, schon letzten September

mit seiner Puppe aufgetreten ist. Rustavi ist fast nie zu Hause

und Hauptmieter der Dachgeschosswohnung über mir, in der

diese Ursu-Knallcharge gerade wieder auf meinen und vermutlich

auch Holgis Nerven rumtrampelt.

Zermürbt gehe ich rüber zu Holgi. Wir müssen etwas gegen

diesen Radau tun. Seine Tür ist wie immer offen. Mein Nachbar

liegt zwischen Stapeln von Autoprospekten und pennt. Dann öff-

net er die Augen und bläst sein Bazooka-Kaugummi auf. Ich sehe

mich um. Rechner und Scanner sind angeschaltet. eBay-Dreamkarl,

so nennen wir Holgi manchmal, hat offenbar noch nicht

Feierabend. Unter der Woche läutet Holgi nämlich seinen Feierabend

für Job Nummer eins gegen zwölf Uhr mittags gewöhnlich

mit einer bettschweren Einliterdose Elephant-Bier ein, die

nach Verzehr sein Einschlafen beschleunigt. Ich nehme einen

tiefen Zug aus Holgis Dose, die auf einem Prospektestapel steht,

seinem provisorischen Nachttischchen.

»Mensch, tut das gut!«, sage ich. Über uns poltert es.

»Ey, lass uns hochgehen, Alter!«

Holgi richtet sich auf, greift sich ein frisches Bier. Ich wische

mir den Mund am Ärmel meiner Adidas-Joggingjacke ab.

Dann gehen wir ins Treppenhaus und tapern treppauf: General

Anton Blech mit seinem Blechbüchsenarmisten Holgi Helvis im

Schlepptau. Die Dosen im Anschlag, halten wir in Stockwerk

sechs inne. Ich bücke mich, presse ein Ohr ans Türschloss. Drinnen

spricht ein Mann mit hartem Akzent Englisch. Holgi lauscht

ebenfalls. Er liegt mit seinem Tipp wohl richtig, dass der Fremde

dort drinnen entweder mit sich selber kommuniziert und einen

an der Marmel hat oder aber in ein Telefon spricht. Holgi geht in

die Knie, späht durch den Briefschlitz. Ich drücke mein Ohr jetzt

fest gegen die Tür.

»Yeah, fine, babe … No, I’ll start at about nine … last time old

show, Ursu’s world’s famous magical puppet show, see ya tonight,

Adä.«

Adä! Woher kenne ich den Namen? Klingt wie Ada, nur mit

ä am Ende, denke ich, während ich mich aufrichte. Und Ada ist

meine Geliebte. Direkt vor meiner Nase befindet sich ein Stück

verchromtes Metall ohne Aufprägung. Kein Name. Weder Usus,

Ouzo, Ursus der Schreckliche noch der des Kulturbetriebsintendanten.

Ich drücke mein Ohr wieder an die Tür. Zack, geht die Tür auf.

Holgi und ich fallen vor Schreck fast vornüber, mit den Ohren

noch dort, wo eben noch die Tür war.

»What are you doing here?«

Wir heben die Köpfe und wandern mit dem Blick an einem

dunkelhäutigen Mann mit Schmerbauch empor, den er unter

einer Tunika aus schwerem schwarzen Vorhangstoff verbirgt.

Etwas lugt aus der Tunika heraus. Es sieht einem toten Politiker

ähnlich, den ich aus dem Fernsehen kenne, nur in klein. Das

Etwas starrt uns aus geröteten Augen an. Dann zieht es sich in

den schwarzen Umhang zurück.

Holgi ist sprachlos. Er, der ja auch an Aliens glaubt, kann seinen

Blick nicht abwenden von dem Herrn mit dem seltsamen

Wirtswesen. Die Stimme des Fremden hat überrascht geklungen,

aber nicht unfreundlich. Ich betrachte das gebräunte Gesicht

dieses nicht mal unattraktiven Glatzkopfs mit schorfigem

Haaransatz. Auch auf den zweiten Blick, finde ich, sieht der

Mann weder beängstigend noch besonders außerirdisch aus,

denn er hält wie wir eine Dose Bier in der Hand, mit der anderen

drückt er sich den Telefonhörer ans Ohr.

»Bye, love«, sagt er und legt das schnurlose Telefon auf der

Garderobe ab. Seine Dose lässt er in einer Tasche seines Umhangs

verschwinden. Der Mann sieht uns freundlich an und

kratzt sich den schrundigen Haarkranz. Wie Schneeflocken rieseln

feine Grind- und Schorfpartikel herab, die sich auf dem Umhang

mit der seltsamen Wesenheit darunter sammeln. Eines

steht fest, dieser Mann ist nicht Ioan Rustavi, der renommierte

Theaterintendant. Dieser Herr mit der juckenden Kopfhaut

würde nirgendwo auf der Welt als kaufmännischer oder künstlerischer

Leiter eines wie auch immer gearteten Kulturbetriebs

durchgehen – höchstens als Flohzirkusdirektor, der seinem Ensemble

den eigenen Körper als Heim-, Schlafstatt und Futterquelle

zur Verfügung stellt.

Und ganz offensichtlich hat der auch auf den dritten Blick

recht muslimisch-orientalisch erscheinende Herr gehörig einen

an der Marmel. Holgi denkt sicherlich das Gleiche. Mit jecken

Typen kennen wir uns aus. Der Mann pult weiter an seinem

Kopf. Soweit ich verstanden habe, ist er Künstler. Aber was kann

man auch erwarten von einem Zeitgenossen mit blutigem Schorf

in der Gesichtsmaske, der am helllichten Nachmittag Bier in sich

hineinschüttet und eine kindsgroße Puppe vor dem Bauch spazieren

trägt.

(...)

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