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Satt
(Leseprobe aus:
Satt, Roman, 2003, Knaur Lemon)
Eines Tages, es war ein Freitag,
Marie und Jakob wohnten inzwischen elf Monate in diesem Haus, klingelte es an
der Tür. Marie erwartete niemanden (Jakob war auf einem Richtfest, irgendwo in
einer der kleinen Ortschaften in der Nähe, und würde erst am späten Abend
heimkehren), noch hatte sie Lust, irgend jemanden zu sehen; sie blieb also im
Wohnzimmer sitzen und schrieb weiter an dem Brief an ihre Mutter, die am
übernächsten Tag Geburtstag hatte. Als es dann aber erneut und endlich zum
dritten Mal läutete, ging sie doch zur Tür. Draußen stand ein Kollege ihres
Freundes, sie kannte ihn schon und hatte sich einige Male mit ihm bei
verschiedenen Gelegenheiten unterhalten; sie mochte ihn, auch, oder vielmehr,
weil er ein wenig unbeholfen im Umgang mit ihr war. (Tatsächlich war er in sie
verliebt, schon seit ihrem ersten Aufeinandertreffen vor fast einem Jahr, aber
davon ahnte sie nichts.)
Guten Tag, Marie, sagte er ernst, darf ich hereinkommen?
Hallo, Marian. Ja, kommen Sie. Was gibt es denn?
Sie gingen ins Haus, Marie setzte sich auf das große schwarze Ledersofa im
Wohnzimmer, der Mann hingegen blieb im Raum stehen, die Hände in den
Hosentaschen vergraben; er sah sie bloß stumm und ernst an, und da wusste
Marie, dass irgend etwas nicht stimmte.
Marie, begann er und nahm jetzt die Hände aus den Taschen, es geht um Jakob. Er
ist vor einer Stunde von einem Baugerüst gestürzt. Er ist tot. Er hat sich das
Genick gebrochen.
Was der Mann im folgenden sagte, hörte sie gar nicht mehr, obwohl sie nicht die
Besinnung verlor; sie saß noch immer auf den Sofa und sah ihn bloß an, sah,
wie er sprach, sah, wie sein Mund sich öffnete und schloss und sich seine
Lippen auf und ab bewegten, sie hörte ein Geräusch dabei und konnte sich aber
später an kein einziges Wort mehr erinnern. Irgendwann ging der Mann wieder.
Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind, Marian, sagte sie.
Der Mann drehte sich noch einmal nach ihr um und nickte, Marie schloss leise die
Tür hinter ihm und drehte den Schlüssel zweimal um. Sie erschrak und stieß
sogar einen kurzen Schrei aus, als sie sich plötzlich in dem Spiegel im Flur
sah. Sie ging in die Küche, stellte die Geschirrspülmaschine an und wischte
den Küchentisch mit einem Schwamm, den sie vorher unter den Wasserhahn gehalten
hatte, ab. Anschließend ging sie ins Wohnzimmer, schrieb das Grußwort unter
den Geburtstagsbrief an ihre Mutter, steckte den Brief in ein Kuvert, klebte
eine Briefmarke darauf und verließ das Haus. Sie ging bis zum Postkasten an der
Straßenecke, eine Nachbarin nickte erst und grüßte sie dann, und Marie nickte
und grüßte zurück.
Das Leben ging weiter, es ging immer weiter: Die Vögel zwitscherten, die Autos
hielten an der roten Ampel und fuhren erst bei grünem Licht, die Kinder
spielten auf dem Spielplatz, zur vollen Stunde kamen die Nachrichten, die
Fahrradfahrer traten in die Pedale, Mütter schoben ihre Kinder im Kinderwagen,
der Wind pfiff in den Bäumen, und wenn Marie jetzt in ihr Haus wollte, musste
sie den Schlüssel in das Schloss stecken und ihn gegen den Uhrzeigersinn
drehen.
Als sie im Flur stand, fing sie an zu weinen und wusste nicht, wieso;
vielleicht, weil Jakob gestorben war; vielleicht, weil alles weiter lief, als
wäre nichts geschehen; alles funktionierte, ohne Rücksicht auf ihr Unglück
und seinen plötzlichen Tod. Marie zog sich aus, ging in den Keller, wo sich das
Schwimmbad befand und schwamm. Sie schwamm so lange, bis sie endlich vollkommen
erschöpft war und nicht mehr schwimmen konnte. Sie stieg dann aus dem Wasser,
ging ins Schlafzimmer, legte sich auf das Bett und schlief augenblicklich ein.
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