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Das falsche
Kind
(Leseprobe aus: Das falsche Kind, Roman, S.
12-14, 1998,
FVA).
Noch bevor ich den heißen Tee in
die Tassen gießen konnte, platzte sie mit der Nachricht heraus: "Halt dich
fest, Clärchen, ich bin schwanger!" Vor Schreck goß ich mir den Tee über
die Hand.
Vera erzählte. Sie ging in die Einzelheiten, begründete, wägte ab, fragte und
gab sich selbst die Antworten. Ich hörte zu. Zwei Stunden lang. Mindestens. Das
Ergebnis hatte bereits am Anfang festgestanden: Sie, Vera Jakob, neununddreißig
Jahre, alleinstehend, klaren Geistes, wollte das Kind.
"Die Arbeit kann ich mir sowieso einteilen, wie ich will. Anrufbeantworter,
Fax, der ganze Kram. Und das andere muß ich eben abends machen, wenn das Kind
schläft." Die erste Frage, die mir auf der Zunge lag, hatte sie wie lästigen
Staub elegant fortgewischt.
Das andere. Das andere war das Eigentliche für Vera. Sie schrieb Artikel über
Reisen, Ausstellungen und kulturelle Ereignisse. Sie besprach Bücher und
lektorierte auch gelegentlich für verschiedene Verlage. Aber zur finanziellen
Absicherung führte sie in Nachfolge ihrer verstorbenen Mutter schon seit längerem
die kleine Niederlassung einer Schweizer Uhrenfirma. "Mein Standbein",
nannte sie diese Beschäftigung immer.
Vera war aus dem grünen Korbsessel aufgestanden und an das Fenster getreten,
das fast die Hälfte der Wand einnahm. Im Haus gegenüber beugte sich gerade
eine Frau im Kittel über die Balkonbrüstung, um ein Tuch auszuschütteln.
"Das Spielbein wird erst mal zu kurz kommen. Bis das Kleine durchschläft.
Also, ich arbeite jetzt vor, dann habe ich zwei, drei Monate lang genug Geld und
keinen Druck."
Vera verblüffte mich so vollständig, daß ich sprachlos in meinem Sessel
sitzenblieb. Ich schloß die Augen, um Mut für die Frage zu sammeln: "Und
der Vater?"
Sie stand jetzt in der Zimmermitte. Geradewegs nach oben blickte sie, als ob sie
sich für die kleine Stuckrosette interessierte, von der die Eisenlampe
herabhing. Fast gelangweilt wirkte ihr Gesichtsausdruck. Mit schmollenden Lippen
blies sie den Atem links am Mundwinkel aus. Das tat sie immer, wenn sie nicht
mit der Sprache herauswollte.
"Das Thema kannst du abhaken, Claire!"
Nachfragen hatte keinen Sinn. Das war Vera. Vera, wie sie im Buche stand. Sie würde
diese neue Aufgabe alleine in Angriff nehmen. Mit großem Schwung wie bisher
auch alles. Und das Lächeln, das fast wie ein Schatten kurz über ihr Gesicht
huschte, ließ keinen Zweifel daran: Vera war der Ansicht, sie würde sie auch
meistern.
Vera Jakob und Kinder. Ein eigenes Kind. Eine undenkbare Kombination. Ein Jahr
zuvor noch hatte sie Freundinnen zu ihrem Geburtstag nach Hause eingeladen.
Deutliche Worte hatte sie da gefunden, um das Problem zu beurteilen. Mutter und
Kind: "Das ist wie Tee mit Zitrone und Milch für mich. Am Ende dieses
Jahrhunderts ist dieser Komplex, ursprünglich der natürlichste, komplett
denaturiert."
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