Kleine Exkursion nach Ajaccio
(Leseprobe aus: Campo
Santo, Prosa+Essays, 2003, Hanser)
Im September vergangenen Jahres, während eines
zweiwöchigen Ferienaufenthalts auf der Insel Korsika, bin ich einmal mit einem
blauen Linienbus die Westküste hinab nach Ajaccio gefahren, um mich in dieser
Stadt, von der ich nichts wußte, außer daß der Kaiser Napoleon in ihr auf die
Welt gekommen ist, ein wenig umzusehen. Es war ein schöner, strahlender Tag,
die Zweige der Palmen auf der Place Maréchal-Foch bewegten sich leicht in einer
vom Meer hereinkommenden Brise, im Hafen lag wie ein großer Eisberg ein
schneeweißes Kreuzfahrerschiff, und ich wanderte in dem Gefühl, daß ich frei
sei und ledig, in den Gassen herum, betrat hier und da einen der dunklen,
stollenartigen Hauseingänge, las mit einer gewissen Andacht die Namen der
fremden Bewohner auf den blechernen Briefkästen und versuchte mir vorzustellen,
wie es wohl wäre, wenn ich in einer dieser steinernen Burgen wohnte, bis an
mein Lebensende mit nichts beschäftigt als dem Studium der vergangenen und der
vergehenden Zeit. Weil aber keiner von uns wirklich still nur für sich sein
kann und wir alle immer etwas mehr oder weniger Sinnvolles vorhaben müssen,
wurde das in mir aufgetauchte Wunschbild von ein paar letzten, an keinerlei
Verpflichtung gebundenen Jahren bald schon verdrängt von dem Bedürfnis, den
Nachmittag irgendwie auszufüllen, und also fand ich mich, kaum daß ich wußte,
wie, in der Eingangshalle des Musée Fesch mit Notizbuch und Bleistift und einem
Billett in der Hand.
Joseph Fesch war, wie ich später in meinem alten Guide Bleu nachlas, der Sohn
einer späten zweiten Ehe der Mutter Letizia Bonapartes mit einem in
genuesischen Diensten stehenden Schweizer Offizier gewesen und somit ein
Stiefonkel Napoleons. Zu Beginn seiner ekklesiastischen Karriere versah er ein
unbedeutendes Kirchenamt in Ajaccio. Nachdem er aber von seinem Neffen zum
Erzbischof von Lyon und Generalbevollmächtigten am Heiligen Stuhl ernannt
worden war, entwickelte er sich zu einem der unersättlichsten Kunstsammler
seiner Zeit, einer Zeit, in der der Markt im wahrsten Sinne des Wortes überflutet
war mit Gemälden und Artefakten, die während der Revolution aus Kirchen, Klöstern
und Schlössern geholt, den Emigrés abgenommen und bei der Plünderung der holländischen
und italienischen Städte erbeutet wurden.
Fesch beabsichtigte nichts weniger, als mit seiner privaten Sammlung den
gesamten Verlauf der europäischen Kunstgeschichte zu dokumentieren. Es ist
nicht genau bekannt, wie viele Bilder er tatsächlich besaß, aber es sollen an
die dreißigtausend gewesen sein. Unter dem, was nach seinem 1838 erfolgten Tod
und nach diversen Winkelzügen des mit der Testamentsvollstreckung beauftragten
Joseph Bonaparte in das eigens in Ajaccio gebaute Museum gelangte, befinden sich
eine Madonna von Cosimo Tura, Botticellis Jungfrau unter einer Girlande, Pier
Francesco Cittadinis Stilleben mit türkischem Teppich, Spadinos Gartenfrüchte
mit Papagei, Tizians Porträt des jungen Manns mit dem Handschuh und andere
wundervolle Gemälde.
Am schönsten von allen dünkte mich an jenem Nachmittag ein Bild von Pietro
Paolini, der in Lucca gelebt und gearbeitet hat im siebzehnten Jahrhundert. Es
zeigt vor einem tiefschwarzen, nur gegen die linke Seite in ein sehr dunkles
Braun übergehenden Hintergrund eine vielleicht dreißigjährige Frau. Sie hat
große, schwermütige Augen und trägt ein nachtfarbenes, von dem sie umgebenden
Dunkel nicht einmal ahnungsweise sich abhebendes, also eigentlich unsichtbares
und dennoch mit jeder Falte und Verwerfung des Stoffes gegenwärtiges Kleid. Um
ihren Hals liegt eine Kette von Perlen. Mit dem rechten Arm umfaßt sie schützend
ihre kleine Tochter, die, seitwärts, zum Bildrand gewendet, vor ihr steht, dem
Betrachter aber ihr ernstes Gesicht, auf dem eben erst die Tränen getrocknet
scheinen, zukehrt in einer Art stummer Herausforderung. Das Mädchen hat ein
ziegelrotes Kleid an, und rot gekleidet ist auch die kaum drei Zoll große
Soldatenpuppe, die sie uns entgegenhält, sei es zur Erinnerung an ihren ins
Feld gezogenen Vater, sei es zur Abwehr unseres bösen Blicks. Lange habe ich
vor diesem Doppelporträt gestanden und in ihm, wie ich damals glaubte, das
ganze unergründliche Unglück des Lebens aufgehoben gesehen.
Vor dem Verlassen des Museums bin ich noch in das Souterrain hinuntergegangen,
wo eine Sammlung napoleonischer Memorabilien und Devotionalien ausgestellt ist.
Es gibt dort mit Napoleonköpfen und Initialen verzierte Brieföffner,
Petschafte, Federmesser, Tabaks- und Schnupftabaksdosen, Miniaturen der gesamten
Verwandtschaft und der Mehrzahl der Nachgeborenen, Schattenrisse und
Biskuitmedaillons, ein mit einer ägyptischen Szene bemaltes Straußenei, bunte
Fayenceteller, Porzellantassen, Gipsbüsten, Alabasterfiguren, eine Bronze von
Bonaparte zuoberst auf einem Dromedar und, unter einem beinahe mannshohen
Glassturz, einen frackartigen, mit roten Bordüren und zwölf Messingknöpfen
versehenen, von den Motten abgefressenen Uniformrock – l’habit d’un
colonel des Chasseurs de la Garde, que porta Napoléon Ier.
Außerdem sind zu sehen zahlreiche aus Speckstein und Elfenbein geschnittene
Skulpturen des Kaisers, die ihn zeigen in den bekannten Posen und die, von zirka
zehn Zentimeter angefangen, immer winziger werden, bis fast nichts mehr zu sehen
ist als ein blindes Fleckchen Weiß, der erlöschende Fluchtpunkt vielleicht der
Menschheitsgeschichte. Eine dieser diminutiven Figuren stellt den abgedankten
Napoleon dar sur le rocher de l’île de Sainte-Hélène. Er sitzt, kaum mehr
als erbsengroß, in Mantel und Dreispitz rittlings auf einem Sesselchen, das
plaziert ist auf dem Gipfel eines tatsächlich von der Insel des Exils
stammenden Tuffsteinbrockens, und blickt mit gefurchter Braue hinaus in die
Ferne. Wohl ist es ihm dort, mitten im öden Atlantik, gewiß nicht gewesen, und
er wird sie vermißt haben, die Aufregung seines vergangenen Lebens, zumal
selbst auf die wenigen Getreuen, die ihn in seiner Einsamkeit noch umgaben,
anscheinend kein rechter Verlaß gewesen ist.
So zumindest konnte man das schließen aus einem
am Tag meines Besuchs im Musée Fesch im Corse-Matin erschienenen Artikel, in
dem ein gewisser Professor René Maury behauptete, eine in den Laboratorien des
FBI durchgeführte Untersuchung einiger Haupthaare des Kaisers habe zweifelsfrei
ergeben, que Napoléon a lentement été empoisonné à l’arsenic à
Sainte-Hélène,
entre 1817 et 1821, par l’un de ses compagnons d’exil, le comte de Montholon,
sur l’instigation de sa femme Albine que était devenue la maîtresse de
l’empereur et s’est trouvée enceinte de lui. Ich weiß nicht recht, was man
von solchen Geschichten halten soll. Der Napoleonmythos hat ja die
erstaunlichsten, stets auf unumstößliche Tatsachen sich berufenden Geschichten
hervorgebracht. So erzählt Kafka beispielsweise, daß er am 11. November 1911
auf einer Conférence zum Thema La Légende de Napoléon im Rudolphinum gewesen
sei und daß dort ein gewisser Richepin, ein starker Fünfziger mit Taille und
einer steif herumwirbelnden und zugleich fest an den Schädel geklebten
Daudetfrisur, unter anderem behauptet habe, das Grab Napoleons sei früher jedes
Jahr einmal geöffnet worden, damit die vorbeidefilierenden Invaliden den
einbalsamierten Kaiser anschauen konnten. Da aber sein Gesicht schon ziemlich
aufgedunsen und grünlich gewesen sei, habe man später den Brauch des alljährlichen
Graböffnens abgeschafft. Richepin selbst, so Kafka, sah den toten Kaiser aber
noch auf dem Arm seines Großonkels, der in Afrika gedient hatte und für den
der Kommandant das Grab eigens aufmachen ließ. Im übrigen sei die Conférence,
so heißt es in der Eintragung Kafkas weiter, zum Abschluß gebracht worden mit
dem Schwur des Vortragenden, daß noch in tausend Jahren jedes Stäubchen seines
Leichnams, falls es Bewußtsein hätte, bereit sein würde, dem Ruf Napoleons zu
folgen.
Nachdem ich das Museum des Kardinals Fesch verlassen hatte, saß ich eine
Zeitlang auf einer steinernen Bank auf der Place Letizia, die eigentlich nur ein
kleiner, zwischen hohen Häusern gelegener Baumgarten ist, wo Eukalyptus und
Oleander, Fächerpalmen und Lorbeer und Myrten eine Oase bilden inmitten der
Stadt. Der Garten ist durch ein eisernes Gitter getrennt von der Gasse, auf
deren anderer Seite die geweißelte Front der Casa Bonaparte emporragt. Die
Fahne der Republik hing über dem Tor, durch das in einem ziemlich stetigen
Strom die Besucher aus und ein gingen. Holländer und Deutsche, Belgier und
Franzosen, Österreicher und Italiener und einmal eine ganze Gruppe sehr
vornehmer alter Japaner. Die meisten von ihnen hatten sich wieder verlaufen, und
der Nachmittag neigte sich bereits seinem Ende zu, als ich endlich das Haus
betrat. Die dämmrige Vorhalle war verlassen. Auch der Platz an der Kasse schien
leer. Erst als ich unmittelbar vor dem Tresen stand und gerade meine Hand
ausstreckte nach einer der dort ausgestellten Ansichtskarten, sah ich, daß
hinter dem Tresen in einem schwarzledernen zurückgekippten Bürosessel eine jüngere
Frau saß, ja, beinahe hätte man sagen können, lag.
Man mußte förmlich über den Tresenrand zu ihr hinunterschauen, und dieses
Hinunterschauen auf die wahrscheinlich nur vom vielen Stehen ausruhende und
vielleicht ein wenig eingeschlummerte Kassiererin der Casa Bonaparte war einer
jener seltsam zerdehnten Augenblicke, an die man sich Jahre später noch
manchmal erinnert. Als die Kassiererin sich erhob, zeigte es sich, daß sie eine
Dame war von sehr stattlichem Format. Man konnte sie sich vorstellen auf einer
Opernbühne, wie sie, erschöpft vom Drama ihres Lebens, lasciate mi morir oder
sonst eine letzte Arie singt. Weit eigenartiger aber als das Divamäßige ihrer
Erscheinung war ihre erst auf den zweiten Blick deutlich werdende, dann freilich
umso verblüffendere Ähnlichkeit mir dem Franzosenkaiser, in dessen Geburtshaus
sie als Türhüterin amtierte.
Sie hatte dasselbe rundliche Gesicht, dieselben großen, stark hervortretenden
Augen, dasselbe in spitz zulaufenden Fransen ihr in die Stirn fallende falbe
Haar. Als sie mir mein Eintrittsbillett aushändigte und merkte, daß ich meine
Augen nicht von ihr abwenden konnte, lächelte sie mich nachsichtig an und sagte
mit einer geradezu verführerischen Stimme, der Rundgang durch das Haus beginne
im zweiten Stock. Ich stieg die schwarze Marmortreppe hinauf und war nicht wenig
verwundert, als mich an ihrem oberen Absatz eine weitere Dame empfing, die
anscheinend gleichfalls der napoleonischen Linie entstammte beziehungsweise
irgendwie mich erinnerte an Masséna oder Mack oder sonst einen jener legendären
französischen Feldherren, wahrscheinlich weil ich mir diese von jeher als ein
Geschlecht von zwergenhaften Heroen vorgestellt hatte.
Die Dame nämlich, die mich oben an der Treppe erwartete, war von auffallender
untersetzter Statur, ein Erscheinungsbild, das noch akzentuiert wurde durch
ihren kurzen Hals und sehr kurze, kaum bis zu den Hüften ihr reichende Arme. Überdies
trug sie die Farben der Trikolore, einen blauen Rock, eine weiße Bluse und
einen roten, die Mitte ihres Leibes umspannenden Gürtel, dessen mächtige,
messingglänzende Schnalle etwas ausgesprochen Militärisches an sich hatte. Als
ich die obersten Stufen erreicht hatte, trat die Marschallin mit einer
Halbwendung beiseite und sagte: Bonjour Monsieur, auch sie mit einem leicht
ironischen Lächeln, mit dem sie mir, wie ich meinte, bedeutete, daß sie weit
mehr wisse, als ich jemals zu erahnen vermöchte. Einigermaßen konsterniert von
der mir unerklärlichen Begegnung mit diesen beiden diskreten Botschafterinnen
aus der Vergangenheit, wanderte ich eine Weile planlos in den Zimmern herum,
ging in den ersten Stock hinunter und kam wieder in den zweiten herauf. Erst
nach und nach reimten sich mir die Einrichtungsgegenstände und Ausstellungsstücke
zusammen.
Insgesamt war alles noch so, wie Flaubert es in seinem korsischen Reisetagebuch
beschrieben hatte: eher bescheidene Räume, ausgestattet im Geschmack der
Republik, ein paar Lüster und Spiegel aus Venezianer Glas, inzwischen fleckig
geworden und blind; sanftes Halbdunkel, denn wie damals, als Flaubert hier
gewesen war, standen jetzt zwar die Flügel der hohen Fenster weit offen, doch
die dunkelgrünen Jalousieläden hatte man zugemacht. In weißen Leiterstreifen
lag das Sonnenlicht auf dem Eichenparkett. Es war, als sei seither keine Stunde
vergangen. Von den von Flaubert erwähnten Dingen fehlte bloß der kaiserliche
Umhang mit den goldenen Bienen, den er seinerzeit aus dem Chiaroscuro
hervorleuchten sah. Still lagen in den Vitrinen Familiendokumente, ausgefertigt
in schön geschwungenen Buchstaben, die beiden Jagdflinten Carlo Bonapartes, ein
paar Pistolen und ein Florett.
An den Wänden hingen Kameen und andere Miniaturen, eine Reihe kolorierter
Stahlstiche der Schlachten von Friedland, Marengo und Austerlitz sowie, in einem
schweren mit Blattgold belegten Rahmen, ein Stammbaum der Familie Bonaparte, vor
dem ich zuletzt stehenblieb. Gegen einen himmelblauen Hintergrund ragte aus
brauner Erde eine riesige Eiche empor, an deren Ästen und Zweigen weiße, aus
Papier ausgeschnittene und mit den Namen und Lebensdaten sämtlicher Mitglieder
des kaiserlichen Hauses und der späteren Napoleoniden beschriftete Wölkchen
hingen. Alle waren sie hier versammelt, der König von Neapel, der König von
Rom und der König von Westphalen, Marianne Elisa, Maria Annunciata und Marie
Pauline, das frohsinnigste und schönste der sieben Geschwister, der arme Herzog
von Reichsstadt, der Vogelforscher und Ichthyologe Charles Lucien, Plon-Plon,
der Sohn von Jérôme und Mathilde Letizia, seine Tochter, der dritte Napoleon,
der mit dem gezwirbelten Schnurrbart, die Bonapartes von Baltimore und viele
andere mehr.
Ohne daß ich es gemerkt hätte, war die Marschallin Ney, veranlaßt vielleicht
von meiner spürbaren Ergriffenheit vor diesem genealogischen Kunstwerk, neben
mich getreten und sagte, in ehrfürchtigem Flüsterton, diese création unique
sei gegen Ende des letzten Jahrhunderts angefertigt worden von der Tochter eines
Notars und großen Napoleonverehrers in Corte. Die mit einigen Faltern
verzierten Blätter und Blütenstände am unteren Bildrand, sagte die
Marschallin, seien echte getrocknete Pflanzen aus dem maquis, Steinrosen, Myrten
und Rosmarin, und der dunkle, gewundene Stamm, der sich reliefartig von dem
blauen Grund abhob, sei geflochten aus dem eigenen Haar des Mädchens, das, sei
es aus Liebe zum Kaiser, sei es aus Liebe zu ihrem Vater, endlose Stunden über
ihrer Arbeit zugebracht haben müsse.
Ich nickte andächtig zu dieser Erklärung und blieb eine ganze Zeitlang noch
stehen, eh ich mich abwandte und aus dem Zimmer ging, hinab in den ersten Stock,
in dem die Familie Bonaparte seit ihrer Ankunft in Ajaccio gewohnt hatte. Carlo
Bonaparte, der Vater Napoleons, der Sekretär Pasquale Paolis gewesen war, hatte
sich nach den von den Patrioten in ihrem ungleichen Kampf mit den französischen
Truppen erlittenen Niederlage von Corte sicherheitshalber in die Küstenstadt
begeben. Zusammen mit Letizia, die zu jener Zeit mit Napoleon schwanger war, zog
er durch die wüsten Berge und Schluchten des inneren Landes, und ich denke mir,
daß die beiden winzigen Personen auf ihren Mauleseln inmitten des überwältigenden
Panoramas oder allein in finsterer Nacht bei einem Lagerfeuerchen sitzend,
ausgeschaut haben müssen wie Maria und Joseph auf einer der vielen überlieferten
Darstellungen der Flucht nach Ägypten. Jedenfalls erklärt diese dramatische
Reise, wenn es denn etwas auf sich hat mit der Theorie von der pränatalen
Erfahrung, manches am Charakter des späteren Kaisers, nicht zuletzt die
Tatsache, daß er alles stets mit einer gewissen Überstürzung erledigte,
beispielsweise bereits das Geschäft seiner eigenen Geburt, bei der er sich
dermaßen nach vorn drängte, daß Letizia nicht mehr das Kindbett erreichte und
ihn auf einem Sofa im sogenannten gelben Zimmer auf die Welt bringen mußte.
Eingedenk möglicherweise dieser denkwürdigen, den Beginn seiner Laufbahn
markierenden Umstände hat Napoleon später eine aus Elfenbein geschnitzte
Weihnachtskrippe von ziemlich zweifelhaftem Geschmack, die heute noch in der
Casa Bonaparte zu sehen ist, seiner verehrten Mama zum Geschenk gemacht.
Freilich hatten weder Letizia noch Carlo während der siebziger und achtziger
Jahre, als man an das neue Regime sich akkomodierte, geträumt, daß die Kinder,
die mit ihnen tagtäglich um den Eßtisch saßen, einmal aufsteigen sollten in
den Rang von Königen und Königinnen und daß ausgerechnet der händelsüchtigste
von ihnen, der in den Gassen des Quartiers ständig in Streitereien verwickelte
Ribulione, einmal die Krone eines riesigen, fast über ganz Europa sich
ausdehnenden Reiches tragen würde.
Aber was wissen wir schon im voraus vom Verlauf der Geschichte, der sich
entwickelt nach irgendeinem, von keiner Logik zu entschlüsselnden Gesetz,
bewegt und in seiner Richtung verändert oft im entscheidenden Moment von unwägbaren
Winzigkeiten, durch einen kaum spürbaren Luftzug, durch ein zur Erde sinkendes
Blatt oder durch einen von einem Auge zum anderen quer durch
eine Menschenversammlung gehenden Blick. Nicht einmal in der Rückschau können
wir erkennen, wie es wirklich vordem gewesen und zu diesem oder jenem
Weltereignis gekommen ist. Die genaueste Wissenschaft von der Vergangenheit
reicht kaum näher an die von keiner Vorstellungskraft zu erfassende Wahrheit
heran als, beispielsweise, eine so aberwitzige Behauptung wie die, die mir
einmal vorgetragen wurde von einem in der belgischen Hauptstadt lebenden, seit
Jahrzehnten mit der Napoleonforschung befaßten Dilettanten namens Alfonse
Huyghens, der zufolge sämtliche von dem Franzosenkaiser in den europäischen Ländern
und Reichen bewirkten Umwälzungen auf nichts anderes zurückzuführen waren als
auf dessen Farbenblindheit, die ihn Rot nicht unterscheiden ließ von Grün. Je
mehr das Blut floß auf dem Schlachtfeld, so sagte der belgische
Napoleonforscher zu mir, desto frischer schien ihm das Gras zu sprießen.
In den Abendstunden spazierte ich den Cours Napoléon hinunter und saß dann
zwei Stunden in einem kleinen Restaurant unweit der Gare Maritime mit Blick auf
das weiße Kreuzfahrerschiff. Beim Kaffee studierte ich die Anzeigen in der
Lokalzeitung und überlegte mir, ob ich ins Kino gehen sollte. Ich gehe ja mit
Vorliebe in fremden Städten ins Kino. Aber Judge Dread im Empire, USS Alabama
im Bonaparte und L’amour à tout prix im Laetitia schienen mir nicht das
Rechte für das Ende dieses Tags. So war ich gegen zehn Uhr wieder in dem Hotel,
in dem ich am späten Vormittag mich einquartiert hatte. Ich machte die Fenster
weit auf und schaute hinaus über die Dächer der Stadt. Der Verkehr rauschte
noch in den Straßen, doch dann war es auf einmal ganz still, ein paar Sekunden
lang bloß, bis, offenbar nur ein paar Straßen weiter, eine der in Korsika ja
nicht selten hochgehenden Bomben mit einem kurzen, trockenen Schlag explodierte.
Ich legte mich nieder und schlief bald schon ein, den Klang der Sirenen und
Martinshörner im Ohr.
Rezension I Buchbestellung IV03 LYRIKwelt © Hanser