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Arachne
(Leseprobe aus: Das gespaltene Herz,
Erzählung, 1891/2005, Elfenbein-Verlag
- Übertragung Gernot Krämer).
Ihr sagt, ich sei verrückt, und habt mich eingesperrt; aber ich lache über
eure Vorsichtsmaßnahmen und eure Ängste. Denn ich werde frei sein, wann immer
ich will; an einem langen Seidenfaden, den mir Arachne zugeworfen hat, werde ich
euren Wächtern und Gittern entkommen. Zwar ist die Stunde noch nicht da –
aber sie nähert sich: Mein Herz wird schwächer und schwächer, und mein Blut
beginnt zu stocken. Ihr, die ihr mich jetzt für verrückt haltet, werdet mich für
tot halten: Ich aber werde an Arachnes Faden über den Sternen balancieren.
Wenn ich verrückt wäre, wüßte ich nicht so genau, was geschehen ist, ich könnte
mich nicht so deutlich an das erinnern, was ihr mein Verbrechen nennt, noch an
die Plädoyers eurer Anwälte und das Urteil, das euer Richter in der roten Robe
sprach. Ich würde nicht lachen über die Gutachten eurer Ärzte und sähe nicht
an der Decke meiner Zelle den Glatzkopf, den schwarzen Gehrock und die weiße
Krawatte des Idioten, der mich für unzurechnungsfähig erklärt hat. Nein, ich
sähe ihn nicht, denn die Verrückten haben keine präzisen Vorstellungen – während
ich meine Überlegungen mit einer luziden Logik und außerordentlichen Klarheit
durchführe, die mich selbst erstaunen. Und die Verrückten haben Schmerzen
unter der Schädeldecke; sie glauben, diese Unglücklichen!, daß wirbelnde
Rauchsäulen aus ihrem Hinterkopf steigen. Mein Gehirn aber ist von einer
solchen Unbeschwertheit, daß es mir oft scheint, als sei mein Kopf leer. Die
Romane, die ich einst gelesen, an denen ich mich erfreut habe, überschaue ich
jetzt mit einem einzigen Blick und ermesse ihren Wert; ich erkenne jeden
Kompositionsfehler – während die Symmetrie meiner eigenen Erfindungen so
vollkommen ist, daß ihr verblüfft wärt, wenn ich sie euch erklären würde.
Aber meine Verachtung für euch ist grenzenlos; ihr könntet sie nicht
begreifen. Ich hinterlasse euch diese Zeilen als letztes Zeugnis meines Hohns
und damit ihr eure eigene Narrheit erkennen sollt, wenn ihr meine Zelle verwaist
finden werdet.
Ariane, die bleiche Ariane, bei der ihr mich aufgegriffen habt, war Stickerin.
Ich werde euch sagen, wie sie zu Tode gekommen ist. Ich werde euch sagen, wie
ich zu meinem Heil kommen werde. Ich liebte sie mit leidenschaftlicher Hingabe;
sie war klein, hatte bräunliche Haut und flinke Finger; ihre Küsse waren
Nadelstiche, ihre Zärtlichkeiten bebende Stickerei. Und die Stickerinnen sind
so leichtlebig und wechselhaft, daß ich sie bald drängte, ihre Arbeit
aufzugeben. Aber sie widersetzte sich mir; und ich verzweifelte, wenn ich sah,
wie die jungen Gecken mit ihren Krawatten und den pomadisierten Haaren darauf
lauerten, daß sie ihr Atelier verließ. Meine Aufregung darüber war so stark,
daß ich mich gewaltsam wieder in die Studien zu vertiefen suchte, die mir einst
Freude gemacht hatten.
Wie unter Zwang nahm ich den dreizehnten Band der Asiatic Researches zur Hand,
der 1820 in Kalkutta erschienen ist. Und mechanisch begann ich einen Artikel über
die Phansigar zu lesen. Das brachte mich auf die Thugs.
Kapitän Sleeman hat ausführlich über sie berichtet. Colonel Meadows Taylor
ist dem Geheimnis ihres Bundes auf die Spur gekommen. Sie standen auf
geheimnisvolle Weise miteinander in Verbindung und arbeiteten als Domestiken in
Landhäusern. Abends beim Souper betäubten sie ihre Herren mit einem
Hanf-Absud. Nachts kletterten sie die Mauern hoch, schlüpften im Mondlicht
durch die offenen Fenster und erwürgten die Bewohner des Hauses. Ihre Stricke
waren auch aus Hanf, mit einem großen Knoten am Genick, um noch schneller zu töten.
So verbanden die Thugs Schlaf und Tod durch den Gebrauch des Hanfs. Die Pflanze,
aus der das Haschisch hergestellt wurde, mit dem die Reichen sie abstumpften wie
mit Opium und Alkohol, diente auch dazu, sich an ihnen zu rächen. Mir kam die
Idee, daß ich meine Stickerin Ariane, wenn ich sie mit Seide strafte, im Tod
ganz an mich binden würde. Und diese unzweifelhaft logische Idee wurde zum glühenden
Mittelpunkt meines Denkens. Ich widerstand ihr nicht lange. Als sie ihren Kopf
zum Einschlafen an meine Schulter legte, schlang ich ihr behutsam die seidene
Kordel um den Hals, die ich aus ihrem Korb genommen hatte; und als ich sie
langsam zuzog, trank ich mit ihrem letzten Atem auch ihren letzten Kuß.
So, Mund an Mund, habt ihr uns erwischt. Ihr habt geglaubt, daß ich verrückt
sei, und sie tot. Denn ihr ahnt nicht, daß sie noch immer bei mir ist, auf ewig
treu, weil sie die Nymphe Arachne ist. Tag für Tag ist sie mir hier in meiner
weißen Zelle erschienen, seit ich eine Spinne entdeckt habe, die über meinem
Bett ihr Netz knüpfte: Sie war klein, braun und hatte flinke Finger. […]
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