Simons langer Weg von Simon Schweitzer, 2003, Büchergilde Gutenberg

Simon Schweitzer

aus: Simons langer Weg

Die Zeit zum Nachdenken läßt meine Jugend klarer denn je in meiner Erinnerung aufsteigen. Ich spüre Ereignissen in meinem Leben nach, die mich oft bedauern ließen, die Schrecken des Holocaust überlebt zu haben. Ich frage mich häufig, ob andere von denselben Gefühlen ergriffen werden, die mich davon abhalten, Bücher über den Krieg und die Judenverfolgung zu lesen oder Filme zu sehen, in denen die Konzentrationslager abgebildet sind.
Über die Geschehnisse zu schreiben kommt einer Reinigung gleich. Sie nimmt mir das Gefühl der Schuld, das ich nicht abschütteln kann – die Schuld, am Leben geblieben zu sein, während meine Eltern und meine ganze Familie starben. Ich frage mich immer wieder, warum ich verschont blieb. Sollte ich um jene trauern, die starben? Meine Mutter, mein Vater, meine Tanten und Onkel, sowie viele meiner Vettern und Kusinen waren gottesfürchtige Menschen und hatten verdient zu leben. Dennoch starben sie. Welches menschliche oder göttliche Gesetz ließ mich anstatt ihrer überleben?
Es kann nicht Darwins Gesetz der natürlichen Auslese sein, da ich weder von heldenhafter Statur bin, noch gelernt hatte, was es hieß, um sein Leben zu kämpfen. Als man uns trennte, sagte unsere Mutter: „Seid tapfer“. Worte, die wir nicht verstanden. Denke ich heute daran zurück, scheinen ihre Worte uns dennoch getragen zu haben, da unser Überlebensgeist stets die Oberhand behielt.
In den Lagern begegneten wir Menschen, die gegen die unwahrscheinliche Not, den Hunger und den Tod besser gewappnet waren als wir. Und doch starben sie – trotz ihrer Bildung, ihrer Ethik und Moral und ihrem festen Glauben an Gott. Ich erinnere mich an unseren Onkel Abraham, den Bruder meines Vaters, der aus einem anderen Lager in unseres gebracht wurde. Er lag im Sterben. Als er uns erkannte, bestand er darauf, daß wir seine mageren Rationen aßen. Er weinte vor Glück, daß er nicht einsam sterben sollte.
Wir verloren Cousins, deren Namen mir nur verschwommen in Erinnerung geblieben sind, Kinder und Tanten und Onkeln, die in unserem Alter waren. Der Gedanke an sie ist doppelt schmerzhaft. Sie waren unsere Vergangenheit, sie lebten in der gleichen Zeit wie wir und hätten unsere Zukunft sein können. Ohne sie fühle ich mich einsam, auch wenn ich mittlerweile eine eigene Familie habe, Vater erwachsener Söhne bin und Großvater einer Enkeltochter.
Mein älterer Bruder Joseph und ich wuchsen fast in Rufweite der damaligen deutschen Grenze in der oberschlesischen Stadt Krolewska-Huta auf. Unser Vater besaß eine Werkstatt für Schuhleder. Sogar während der Depression, die auch in Polen auf den Börsenkrach folgte, konnte er drei Angestellte beschäftigen. Damals wußten wir nichts von der schlechten Wirtschaftslage, der „kryzys“, wie sie die Polen nannten, oder daß die polnische Presse versuchte, die Juden für die Fehler der Regierung verantwortlich zu machen.
Wir waren mit den Jungen und Mädchen aus der Nachbarschaft befreundet und mit ein paar Kindern aus der Schule, die demselben Glauben angehörten wie wir. Die Schule endete mit der sechsten Klasse. Um die nötige Qualifikation für die Oberschule zu erhalten, mußten wir nach Abschluß auf die katholische Schule wechseln. Meine Eltern hatten hingegen beschlossen, daß ich in Sosnowiec eine Handelsschule besuchen sollte, die von der jüdischen Gemeinde betrieben wurde. Der Wechsel ging mit einer täglichen Zugfahrt einher, die meine Mitschüler und ich sehr genossen. Die Handelsschule bedeutete, gegenüber der Volksschulzeit eine große Veränderung, aber ich fühlte mich dort sehr wohl.
Im Jahr 1937 feierten wir meine Bar Mitzvah. Alles verlief gut. Natürlich kann man sie nicht mit den religiösen Festen vergleichen, die ich später in Kanada erleben sollte. Meine Freunde kamen in die schöne Synagoge aus dem Jahr 1865. Über dem Eingang gab es eine Chorempore, sowie Balkone für die Frauen. Zwei Jahre später wurde sie von den Nazis all ihrer Wertgegenstände beraubt und bis auf die äußeren Mauern zerstört.
Die deutsche Armee zog nicht in die Stadt ein. Es bestand keine Notwendigkeit. Die örtlichen Nazionalsozialisten übernahmen in ihrem eigenen Interesse das Ruder. Nichts durfte die Arbeit in den großen Stahl- und Kohlebergwerken unterbrechen; die Produktion ging weiter, als fände der Krieg nicht statt.
Die Erlebnisse während und nach dem Krieg ließen mich zuerst wieder alle Vernunft hoffen, daß ich irgendwann mit meiner Familie wiedervereint würde. Später, als all meine Hoffnungen zerschlagen waren, kehrte ich in Gedanken zu dem Mann zurück, dem ich wie viele andere Lagerinsassen mein Leben verdanke – Lagerkommandant SS-Hauptsturmführer „Rittmeister“ Willi Michael. Die Suche nach diesem Mann wurde zu meinem einzigen raison d’être, und die Vorstellung, ihn wiederzutreffen, hielt mich lange Zeit bei klarem Verstand. Seine Taten bewiesen, daß es im Deutschland der Nazizeit Ausnahmen gab und nicht die ganze deutsche Nation verroht war.
Noch heute leben Menschen, die die Konzentrationslager ertragen mußten und sie überlebten. Ich bin einer von ihnen, einer der glücklichen Minderheit, auch wenn ich mein Dasein oft anzweifelte, da ich mein Leben in einem fortwährenden Zustand der Trauer verbrachte. Es gibt viele, die die Schrecken der menschlichen Hölle niemals erlebten, die vielleicht die Geschichte der Millionen, die in ihr starben, nicht einmal kennen. Ich frage mich oft – und andere Überlebende vielleicht auch, ob unsere Existenz als Warnung dienen kann.
Ich erzähle auf diesen Seiten von meinen Erinnerungen, damit sie als Teil in die kollektive Erinnerung eingehen können. Man soll niemals behaupten, daß derart unmenschliche Geschehnisse sich nicht wiederholen können. In meiner Zeit waren Barbareien, wie jene, die ich erlebte, ebenfalls undenkbar, aber sie fanden statt, und es geschehen weiterhin Unmenschlichkeiten in der Welt, während diese mit kaum merklichem Interesse zusieht.
Unter dem zynischen Motto „Arbeit macht frei“ setzte die nationalsozialistische Verwaltung die Arbeitskraft körperlich tauglicher Gefangenen für die deutsche Wirtschaft ein.
Es wurden Arbeitslager für Facharbeiter und ungelernte Kräfte eingerichtet. Sie waren profitorientiert wie Werke oder Fabriken. Sie wurden von Hilfspolizisten oder der SS geleitet. Manche Lager erforderten schwere körperliche Arbeit. Die Gefangenen arbeiteten in Steinbrüchen, in der Rohdung oder auf dem Bau. Andere Lager machten sich die fachlichen Fertigkeiten der Häftlinge zunutze – sei es im Maschinenbau, der Holzverarbeitung, in Schreinereien, Schneidereien, Webereien oder Industriezweigen, die für den Krieg unerläßlich waren – der Munitionsfabrikation und verwandten Produktionsbereichen.
Einzelne Hauptlager konnten sich zu großen Komplexen ausweiten und auf einen weiträumig abgeschirmten Gebiet viele Hilfs- oder Nebenlager umfassen.
Die Verpflegung war erbärmlich, die Unterkunft überfüllt und vollkommen unzugänglich, und die allgemeinen Zustände entbehrten jeder Beschreibung. Es gab so gut wie keine Hygienevorrichtungen, und die Wasserversorgung war auf ein Minimum beschränkt. Die Arbeit war gefährlich, und Bestrafungen durch die SS, die deutschen Vorarbeiter und Kapos erfolgten ohne Vorwarnung und waren erbarmungslos.
Der folgende Bericht zeugt von der Stärke des menschlichen Geistes, der den Gefangenen half, im System der Konzentrationslager zu überlegen, ihren Widersachern standzuhalten und sich ihnen zu widersetzen.
Dieses Buch ist das Ergebnis einer Vielzahl von Wegen, und es ist mein Bedürfnis, für die kommenden Generationen Zeugnis meiner Erlebnisse abzulegen, um sie zu warnen und zu wappnen, einen derartigen Angriff auf die Menschlichkeit für alle Zeiten zu verhindern.

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