Als ich noch ein Baum war
Als ich noch ein Baum
war, schien mir die Welt schöner und wärmer. In tiefem Dunkel liegt heut meine Jugend,
die große Freude als ich die
Erde verließ und den ersten Frühling in mich aufnahm. Die wilde, weiche Luft des weiten
Waldes um mich, die stets sich wandelnden Wesen, die Tiere. Nur Freude im Rauschen, nur
Lust im Herzen, nur Ekstase im wirbelnden Wind. Das reine, berauschende Wasser aus der
Tiefe drang durch meine Adern, mein Geäst, ließ mich wachsen und weiser werden, teilte
mit mir die Geheimnisse der alten Erde.
Die Kindheit ging dahin und neues Leben kam in die Wälder; ein Wesen auf zwei Beinen blickte voll Ehrfurcht auf zu uns und streichelte unsre Rinde, suchte unsern Schutz und unser Wissen. Seltsam verbunden fühlten wir uns diesen kleinen, kurzlebigen Menschen, wie Kinder waren sie uns. Leises Lachen lebte unterm Sommerlaub. Seltsam waren ihre Gebräuche, seltsam ihre Gedanken, seltsam ihre schnelle Wandlung in der Welt. Und seltsam auch das erste Fühlen einer Furcht in unsern jungen Herzen, die für die Menschen doch so alte Herzen war'n.
Nur kurze Zeit verging für uns, doch die Menschen mehrten sich und traten aus dem Licht ins Dunkel. Nicht mehr mit Ehrfurcht wanderten sie nun unter uns, sondern mit scharfer Axt und Feuer. Nie gekanntes Grauen ließ uns kalt erschauern sobald der Mensch den Wald betrat. Hilflos standen wir, die Alten, unbeweglich und stumm. Fernes Stöhnen der Brüder, verhaßtes Hämmern und Schlagen, Splittern von Holz und Beben der Erde im Fallen. Die Zeit der frohen Jugend war vorbei. Die Zeit der Erkenntnis brach jetzt an.
Der Mensch war keines von uns Kindern der alten, weisen Mutter. Woher nur kamen sie, die sich so wissend wähnten und doch Toren waren? Das warme Wasser gab uns keine Kraft mehr, die laue Luft keinen Rausch, die strahlende Sonne schien dunkler dort am hohen Himmel. Keine Freude war mehr in unserm Rauschen, keine Lust in unsern alten, kranken Herzen, keine Ekstase im rasenden Orkan.
Tod war nun in uns, braune Blätter im Frühling, brechendes Holz im Herbst. Das Singen der Brüder war verstummt und nur ersterbendes Raunen der Ahnung vom nahen Ende blieb; sanftes Summen der Sehnsucht. Da entschied ich mich, ein Stern zu sein, silberglänzend am fernen Firmament, noch im Fallen feuriger Funke. So verließ ich denn die Erde abermals und erhob mich auf zum Himmel. Einsam im eisigen All, doch staunendes Verstehen und Erkennen der Ewigkeit - meine Brüder nun die Sterne, meine Mutter nun die Zeit.
Doch wärmer und schöner erschien mir die Welt, als ich noch ein Baum war.
(1998)
III01© LYRIKwelt