Mit der Schreibmaschine meiner Mutter von Claudia Edith Schwarz, 2017, Pro BusinessClaudia Edith Schwarz

Gänseblümchen
(Leseprobe aus: Mit der Schreibmaschine meiner Mutter, Lyrik und Prosa, 2017, Pro Business).

Blaue Veilchen um die Augen, Gummiringe im
Mund und Draht statt Zähne, den linken Arm
in Gips.

So, und jeden Tag so, rauchte ich abends noch
eine Zigarette vor dem Schlafengehen, vom
blauen Morgenmantel meiner Mutter gewärmt,
entweder unten in der Halle an kühlen Tagen,
wo ich mein Gesicht im Spiegel der
Eingangstür sehen konnte, oder auf der
Terrasse an warmen Tagen, wenn der
Sternenhimmel zu sehen war. Mein Bett war
weiß und sicher, ich fühlte mich beschützt.
Geschützt im Krankenhaus und beschützt von
den Schwestern. Für mich war alles eine Burg,
deren Feinde, meine Feinde, schon auf dem
Weg dorthin aufgehalten und vertrieben
wurden. Mich konnten sie da nicht erreichen.

Im Garten war ich oft bei den Bäumen, den
Kirschbäumen und den Tannen, oft
verzweifelt, sehr verzweifelt, konnte ich dort
weinen. Ich hatte Angst und war traurig.
Dann ging ich weiter, weiter die Straße
entlang, meine mir wohlbekannten Wege
entlang, durch mein Leben, meine Freuden,
meine Schmerzen, meine Ängste. Ich saß auf
der Bank in der Sonne, rauchte eine Zigarette
und dachte an einen Menschen, der mir hier
geholfen hatte; es war ein weicher und
sanftmütiger Mensch gewesen.
Er war, so schien es mir, wie ein Strohhalm
und starker Baum in einem.
Meine Nacktheit habe ich im Krankenhaus
erlebt, als ich dalag, als ich in den Spiegel sah.
Ich war nicht einmal erstaunt über meine
Blutergüsse, mein Metallstück auf der Nase
und meinen zugeschraubten Kiefer.

Ich war stark.

Gänseblümchen. Gänseblümchen war das
erste, was ich danach wieder gesehen hatte.
„Wolltest du keine Gänseblümchen mehr
sein?“ hatte ich mich gefragt. Der Kaffee
schmeckte nach Kakao, und die Zigaretten
fielen mir dauernd aus dem Mund, weil ich
meine Lippen nicht spürte. Das hat am
meisten weh getan: die Nähte aus den Lippen
entfernt zu bekommen, denn die Fäden waren
schon eingewachsen. Ich hatte nie geschrien.
Ich dachte auch wenig nach in dieser Zeit, zu
sehr war ich damit beschäftigt, wieder ins
Leben gehen zu wollen. Außerdem war mein
mit Drähten und Gummiringen befestigter
Kiefer, der es mir unmöglich machte, den
Mund zu öffnen, ein weiterer Grund, Ruhe zu
bewahren. Ich hatte auch keine Wahl.

In dieser Zeit habe ich nie gelacht. Auch nicht
gelächelt. Meine Mutter war jeden Tag zu
Besuch gekommen. Ich hatte den Eindruck, als
gefiele es ihr, mich wieder als Kind umsorgen
zu können. Für sie war es so, als wäre mir mit
dem Rad ein kleiner Sturz passiert.
Einmal, etwas später, hatte sie mich gefragt:
„Du wolltest doch nur ein Zeichen setzen,
nicht wahr?“ Das sagte sie, Wort für Wort. Ich
hatte geantwortet: „Nein, ich wollte mich
umbringen.“
Meine Mutter verkrampfte sich, es schien mir,
daß sie weinen wolle – oder davonlaufen.
Jedenfalls sagte ich ihr dann, daß ich nur ein
Zeichen setzen wollte.

Ich bin damals, mit sechsunddreißig Jahren,
aus dem Fenster gesprungen, Kopf voraus, am
zweiten April. Es war abends und meine
Mutter, mein damaliger Freund und ich waren
in der Küche gesessen. Beide einander
gegenüber, ich in der Mitte. Wir hatten uns
gestritten, und ich fühlte mich von der
ständigen Unentschlossenheit meines
Freundes, sich mir gegenüber zu erklären,
gequält. Meine Mutter war wieder provokant
giftig, sodaß ich ihr ein Glas Rotwein ins
Gesicht schüttete und mich dann im Bad
einsperrte. Es war keine Flucht aus meiner
seelischen Not, sondern der Entschluß zu
sterben. Ich hatte mich entschieden! Ich war
ganz ruhig, als ich auf das schmale Fenster des
Badezimmers im obersten Stockwerk des
Hauses meiner Mutter kletterte und ins
Dunkel sah. Ich wollte in diese Finsternis
eintreten – für immer! Dann breitete ich die
Arme aus und sprang.

Ich hatte mir Kiefer, Nase und Augenhöhlen
gebrochen. Dazu kam ein Schädel-Hirn-
Trauma. An der linken Hand hatte ich eine
selbst zugefügte Bisswunde, da ich bei meinem
Sturzflug die Hand unbewußt und schützend
vor meinen Mund gehalten hatte. Ich war
einen halben Meter neben einer betonierten
Bodenplatte im Gras aufgeschlagen.
Gänseblümchen, sie hatte ich nach dem Koma
als erstes wieder gesehen und mich sehr
gefreut!

Gänseblümchen

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