Das Elsterneinmaleins von Kristin Schulz, 2005, Tisch 7 Verlag

Kristin Schulz

Das Elsterneinmaleins
(Leseprobe aus: Das Elstereinmaleins, 2005, Tisch7-Verlag)

Mein Großvater in Bad Frankenhausen war ein begeisterter Spieler, der über Doppelkopf sogar das Abendbrot vergaß und die Zeit, mich und meinen Bruder ins Bett zu schicken. ‚Hack ihn ab‘, das war sein Lieblingsspruch beim Doppelkopf, etwa wenn man die Alten überstechen konnte mit Spitz oder Dulle. Ich mußte immer an den Holzklotz denken dabei, der unter dem Birnbaum stand, an dem ich einmal Hühnerfedern gefunden hatte, und mir leuchtete ein, daß er deswegen nicht mehr wachsen wollte. Ich habe ihn dennoch gegossen und auch einen Hühnergott dazugelegt, zur Versöhnung, aber er trieb nicht wieder aus. Die Welt war eine Blutrinne. Man mußte nur rauskriegen, wohin das ganze Blut floß. Das hatte ich erfahren, als ich Donnerkeile sammeln wollte und auf dem freien Feld unterhalb des Bauernschlachtdenkmals, ein Panorama in Form eines Rundbaus mit einem riesigen Werner-Tübke-Gemälde darin, ein einfacher Weg, nicht einmal eine Straße, diesen Namen trug: Blutrinne. Soviel armes Bauernblut, wie ich mir vorstellte, weil Bad Frankenhausen sogar im Geschichtsunterricht behandelt wurde, obwohl es nur ein kleines, verschlafenes Städtchen war, konnte ich nicht auffangen. Ich hätte ihm gern einen Körper zurückgegeben, zur Not auch den eigenen. Im Traum kämpften die Bauern auf meiner Seite gegen die Hexen. Donnerkeile waren schwerer als Kirschkerne und älter. Das versprach Wirksamkeit. Mit Kirschkernen kam ich einfach nicht weit genug, die ich in Jena zu meiner Verteidigung verwendete. Obwohl ich die Urenkelin eines Jägers war.

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