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1 Dunkelkammer
(Leseprobe aus:
Adam und Evelyn, Roman, 2008,
Berlin-Verlag).
Plötzlich waren sie da, die Frauen. Sie erschienen aus dem
Nichts, angetan mit seinen Kleidern, Hosen, Röcken, Blusen
und Mänteln. Manchmal war ihm, als träten sie aus dem
Weiß hervor oder als wären sie einfach aufgetaucht, als hätten
sie endlich die Oberfläche durchbrochen und sich gezeigt. Er
musste nur die Schale mit der Entwicklerflüssigkeit etwas
ankippen, mehr brauchte er nicht zu tun. Erst war nichts und
dann etwas, auf einmal war es da. Doch der Augenblick zwischen
dem Nichts und dem Etwas ließ sich nicht fassen, ganz
so, als gäbe es ihn nicht.
Das große Blatt glitt in die Schale. Adam wendete es mit
der Plastezange, stupste es tiefer, wendete es abermals, starrte
auf das Weiß — und betrachtete dann so andächtig das Bild
einer Frau im langen Kleid, das eine Schulter frei ließ und
sich spiralförmig um den üppigen Körper wand, als wäre ein
Wunder geschehen, als hätte er einen Geist gezwungen, seine
Gestalt zu offenbaren.
Adam hielt das Foto mit der Zange kurz hoch. Die schwarze
Fläche des Hintergrunds war jetzt heller, ohne dass Kleid
und Achselhöhle an Kontur verloren. Vom Rand des Aschenbechers
nahm er die Zigarre, sog daran und blies den Rauch
über das nasse Bild, bevor er es ins Stoppbad tauchte und
von da in die Schale mit dem Fixierer.
Das Quietschen der Gartenpforte machte ihn unruhig. Er
hörte die lauter werdenden Schritte, drei Stufen hinauf, sogar
das dumpfe Geräusch der Einkaufstasche, als sie beim Aufschließen
gegen die Haustür schlug.
»Adam, bist du da?«
»Ja!«, rief er gerade so laut, dass sie ihn hören musste. »Hier!«
Ihre Absätze gingen über seinen Kopf hinweg, während er
das Negativ anhauchte, mit einem Lederläppchen putzte und
wieder in den Vergrößerungsapparat einlegte. Er stellte das
Bild scharf und machte das Apparatlicht aus. In der Küche
wurde der Wasserhahn auf- und wieder zugedreht, die
Schritte kehrten zurück — plötzlich hüpfte sie auf einem
Bein, sie zog ihre Sandalen aus. Die leeren Flaschen in dem
Korb, der hinter der Kellertür stand, klirrten.
»Adam?«
(...)
Rezension I Buchbestellung I home III08 LYRIKwelt © Berlin Verlag