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Schwere
Vorwürfe, schmutzige Wäsche
(Leseprobe aus: Schwere Vorwürfe, schmutzige
Wäsche, Essay, 2006, Zsolnay)
Das Beisl im Eck. Als ich damals den berühmten französischen
Philosophen und Psychoanalytiker Jacques Lacan durch Wien führte (ich zeigte
ihm alle wichtigen Freud-Gedenkstätten, einschließlich des Wohnhauses von
Leupold-Löwenthal und etwas vom Rest, den es darüber hinaus in Wien noch zu
sehen gibt), da ereignete sich Seltsames mit dem berühmten Mann aus Frankreich.
Kurz vor seinem Abflug - Kapitäne exotischer Linien, heimisches Bodenpersonal,
Passagiere aus aller Herren Länder eilten an uns vorüber - nahmen wir im
Flughafenrestaurant einen heißen Tee. Der Beutel schwabbelte übel in der
braunen Brühe. War ein Teebeutel das Motiv der Inspiration? Jedenfalls
schnellte der Analytiker plötzlich hoch und rief, wie vom Schicksal gebeutelt
oder vom Schlag getroffen: »Le Beisl n'existe pas!«
Ich war peinlich berührt, wie ich es immer bin, wenn jemand aus sich
herausgeht. Ich achte darauf, daß die Menschen bei sich bleiben und mich vor
ihrem wahren Wesen, vor ihren Einfällen und Eruptionen beschützen. Aber wenn
ein geistiger Mensch, ein Psychiater, sich so weit vergißt, daß er einen Satz
unvermutet herausbrüllt, dann ist es unmöglich, diesem Satz gegenüber
Widerstand zu leisten. Er blieb mir im Gedächtnis, und noch im
Flughafenschallplattengeschäft erstand ich eine Kassette, auf der Peter
Alexander sang: »Das kleine Beisl in unserer Straße«, ein Chanson, das es
auch in gesamtdeutscher Sprache gibt: »Die kleine Kneipe in unserer Straße«.
Die Kassette schickte ich gleich vom Flughafenpostamt an Jacques Lacan, und ich
gebe zu, daß ich damit dem großen Mann, wie man bei uns sagt, »eins
auswischen« wollte. Ich stellte mir Lacan, dem wir immerhin eine neue
Grundlegung der Psychoanalyse zu verdanken haben, vor, wie er in seinem Pariser
Domizil diese zutiefst deutsch-österreichischen Klänge eines Peter Alexander
auf sich einwirken ließ. Das konnte ihm, auch wenn ihm die schreckliche
Rhetorik des Unbewußten kein Geheimnis mehr bot, nicht gut tun. Diese ungesund
triefenden Töne, dieses schmierige Schmalz, mit dem sich Peter der Große, wie
er hier genannt wird, die Butter aufs Brot verdient, mußte sogar einen Lacan
entsetzen.
Aber ich hatte gleichsam die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Lacans Antwort
erfolgte postwendend. An einem dieser strahlenden Morgen, an denen die Sonne den
Flur meines Gemeindebaus paradiesisch erhellt, zog ich aus meinem Postkasten
eine Pariser Ansichtskarte. Darauf war der Eiffelturm in voller, glänzender
Banalität zu erkennen, auch wenn ihn der Absender mit zwei einander überkreuzenden
Filzstiftstrichen unsichtbar machen wollte. Am Textteil der Karte stand in der
mir gut bekannten Schrift: »Le Beisl n'existe pas. Jacques Lacan.«
Also sollte ich selber darauf kommen, der Mann gab den Schwarzen Peter an mich
weiter. Es ist aber unerträglich, wenn jemand, den man für überlegen hält,
sich weigert, Aufschluß zu geben. Ich gestehe, darunter hat mein gutes Verhältnis
zu dem mittlerweile schon Seligen sehr gelitten. Es kam zum Bruch. Nur schwer
kann ich heute ohne Verachtung Sätze wie »Je pense où je ne suis pas, donc je
suis où je ne pense pas« lesen, obwohl es mir, und das ist doch merkwürdig,
tatsächlich so geht: »Ich denke da, wo ich nicht bin, also bin ich da, wo ich
nicht denke.«
Mein Vater war Ringer, das heißt, er ging am Sonntag immer ringen, und zwar ins
Gasthaus Maderl. Mein Vater hielt mich an der Hand, stellte sich an die Theke,
trank ein wenig vom Seidel, während Maderl, der Wirt, bereits unruhig wurde; er
wußte ja von vielen Sonntagen her, was kommen mußte. Da ich noch klein war,
hatte ich nicht den Überblick, aber wenn mein Vater meine Hand losließ, war es
wieder soweit. Gleich rang er irgendeinen Gast nieder, der frech geworden war.
»Soll ich mir ein altes Gwand anziehen«, hatte zum Beispiel einer einmal
gesagt, nachdem ihn mein Vater eindringlich gemustert, also auf seine Eignung für
den Kampf geprüft hatte. Der Mann hatte danach immer noch sein neues Gewand an,
das aber so gut war wie ein altes, wie ein sehr altes, in Fetzen hängendes. »Soll
ich mir ein altes Gewand anziehen«, bedeutet nämlich, daß einer sich erst
umziehen muß, bevor er einen anderen anrührt und sich an ihm dreckig macht. So
dialektisch formulierte man damals, als ich noch klein war.
Ich bin im Beisl aufgewachsen. Allmählich, mit den Jahren, wuchs ich dort zur nötigen
Größe heran, um alles zu durchschauen: den abgetretenen, ölig schwarzen Fußboden,
die dunkelgelben Tische, die verchromten Wasserhähne, den großen Kasten hinter
dem Rücken des Wirtes. In solchen Kästen, stelle ich mir vor, lagen früher
vom Eismann gebrachte Eisstücke, die die besten Waren des Hauses kühl hielten.
Die Weinflaschen hatte der Wirt ins Wasser gestellt, und mit der unnachahmlichen
Eleganz einer zur Gewohnheit gewordenen Pflicht schenkte er aus: Er faßte dabei
die schweren Flaschen am Hals und schwenkte sie mit einem gemessenen Ruck zu dem
wartenden Glas hin. In der Luft lag vor allem ein matter Biergeruch, vermischt
mit dem Dunst servierter Speisen. Das setzt sich gut in den Kleidern fest. Ich höre
noch genau dieses leicht in Kreischen ausartende Gemurmel der Angetrunkenen, das
Schnalzen triumphierend ausgespielter Karten und ein immer wiederkehrendes »Wos-liegt-des-pickt«-Rufen.
Seit Lacans Ausspruch habe ich viele Monate in Beisln verbracht, forschend, ob
sie nun existieren oder nicht. Ich finde schwer eine Antwort. Oft muß ich an
den unglücklichsten Wirt denken, den ich jemals sah: Er war ein kleiner Mann
mit einem großen Kopf, der ihm wie von fremden Mächten aufgesetzt schien. Wenn
er an den Tisch trat, um eine Bestellung aufzunehmen, trug er steif seinen Kopf
auf den hängendsten Schultern der Welt. Bevor er Wirt wurde, war er
Computertechniker gewesen, perfekt in der Hard- und in der Software. Über all
die Jahre sah er aber als Wirt kaum Kundschaft; es war ungerecht, denn er führte
beste Speisen, mundende Weine und Schnäpse. Manchmal blieb der Briefträger,
der ihm Rechnungen und Mahnungen gebracht hatte, auf ein Stehachterl, und
manchmal kamen, in alphabetischer Reihenfolge angeführt, die beiden Autoren
Gustav Ernst und Karin Fleischanderl.
Mir kochte die Frau des Wirts, die Köchin, sogar am Ruhetag auf: Als ich
klopfte, öffnete er, ließ mich herein und sagte dialektisch: »Is eh Wurscht;
es kommt ja auch sonst keiner.« Das bedeutet, er hatte eigentlich immer Ruhetag
und konnte daher ruhig an seinem Ruhetag aufmachen. Gustav Ernst stellte einmal
fest: »Das ist ja kein Beisl, es ist ein Wohnzimmer mit Wirt.« Heute ist es überhaupt
nicht mehr, das Beisl ist zugrunde gegangen; an seiner Stelle hat man ein gut
besuchtes China-Restaurant errichtet.
Was es noch gibt, ist das andere Extrem: das überbordende Beisl. Knapp nach elf
dringen dort die Massen ein. Es ist eine Springflut aus Gästen. Immer neue
kommen und besetzen die Plätze der Gesättigten. Aber Platz ist keiner, es ist
gesteckt voll. Die Kellner bahnen sich ihren Weg mit Ellenbogentechnik, sie
praktizieren eine, in Großbritannien wegen ihrer Brutalität ausdrücklich
verbotene Form von Rugby: Gepunktet wird, wenn es gelingt, ein paar Teller und
Gläser den eingezwängten Gästen vorzuwerfen. Wer am Tisch nach einer Semmel
greift, stößt das Glas des einen Nachbarn um und faßt in den
Zwiebelrostbraten des anderen. Das wichtigste Hilfsmittel ist daher die
Serviette; alle sind in der kürzesten Zeit bekleckert. Die Kellner rufen die
Bestellungen dem Schankburschen in Abkürzungen zu, es herrscht die Stimmung
einer Börse: »Ein Bier klein/klein Braun/groß Weiß/ Manner Schnitten.«
Wer zu spät kommt, den bestraft die Küche: Kältliches Zeug schwimmt dann auf
gelblichem Saft. Dafür wird Bier immer zu schnell gezapft: »Schnell gezapft,
ist halb gesoffen«, denkt der fixe Bursche hinter der Schank und mustert
zufrieden die dünne Schaumsuppe an der Oberfläche des Krügels. Gäste stürzen
vorbei, Gäste fallen herein. Der Wein ist echt vom Hauer, aber zufällig
besitzt der Hauer eine kleine chemische Fabrik, die sein Sohn führt. Alles muß
schnell gehen, die Gäste haben schließlich auch keine Zeit. Sie eilen zur
Arbeit oder zu dem, was sie für ihr Vergnügen halten. Wer Zeit hat, der kann
hinter den Kellnerrufen, hinter dem Klirren der Teller und Bestecke ein sich näherndes
Donnergrollen, ein Aufstoßen der Scheißer und dann plötzlich die Explosionen
einer kollektiven Verdauung heraushören.
Lacan hat also recht. Zwischen den geschilderten Extremen reibt sich das Beisl
auf. Aber was macht es, was geht dadurch schon verloren? Im Wort Beisl steckt
das hebräische Wort für Haus, und die Sehnsucht nach dem Beisl ist die
Sehnsucht nach garantierter Häuslichkeit. Im wahren Beisl verschwimmt die
Grenze zwischen Gast und Familienmitglied, man sieht es heute noch jenen Gästen
an, die sich wie zu Hause gehen lassen wollen. Der moderne Trinker ist jedoch
unbehaust, und hinter dem Wirt sind die Steuerbehörden her. Die Sehnsucht,
wenigstens im Beisl daheim zu sein, stößt auf diese nüchternen Tatsachen, die
der große Peter Alexander wie im Rausch verklärt: »Wer Hunger hat, der
bestellt Würstchen mit Kraut, weil es andere Speisen nicht gibt, die Rechnung,
die steht auf dem Bierdeckel drauf, doch beim Wirt hier hat jeder Kredit.«
Das klassische Wiener Beisl war eine proletarische Variante des Clubs, eine
Geborgenheit für Leute, die leicht auf der Straße sitzen. Die kleine Kneipe in
unserer Straße? Aber »uns« gehört doch die Straße nicht. Der öffentliche
Charakter des Beisls, in dem Leute sich miteinander verständigen, ist ebenfalls
dahin, denn im Stammtischgequatsche ist das Fernsehen maßgeblich. Aber überhaupt
ist diese Sehnsucht nach dem guten Essen und Trinken, nach der sogenannten Gemütlichkeit
und diesem ewigen Daheimsein, widerwärtig. »Die Postkarten dort an der Wand in
der Ecke, das Foto vom Fußballverein, das Stimmengewirr, die Musik aus der
Jukebox, all das ist ein Stückchen daheim.«
Es gibt kein richtiges Leben im falschen, sagt Adorno. Das ist zum Glück ein so
allgemeiner Satz, daß er keinen Ausweg läßt, nicht einmal den in die Askese.
Daher kann man umgekehrt sagen: »Auch das schlechte Leben ist kein gutes«, und
sich fragen, warum dann nicht gleich gut leben? Ach, auf der Welt gibt es ja überhaupt
kein richtiges Leben. Das Falsche, die Fälschungen sind unserer
allerrichtigsten Vitalität eingeboren. Dennoch ist die Suche nach den Orten, wo
man am besten lebt, am besten ißt und trinkt, heutzutage so schäbig und unwahr
wie das alte Lied: »Die kleine Kneipe in unserer Straße, da, wo das Leben noch
lebenswert ist, dort in der Kneipe in unserer Straße, da fragt dich keiner, was
du hast oder bist.«
»Arschloch!« sagte der Hausmeister, dem ich, weil er ein kämpferischer Anhänger
Lacans ist, diesen Text über das Beisl vorgelegt hatte. »Für so etwas leg'
ich doch meinen Besen nicht weg«, und er lief hinaus aus meiner Wohnung, in den
Hof hinunter, wo er mit zärtlichen Strichen die von den Bäumen gefallenen,
herbstlich-goldenen Blätter auf seine Schaufel kehrte. Er sprach nicht mehr mit
mir, nie wieder, und ich mußte aus dem im Haus kursierenden Tratsch
rekonstruieren, was sich hinter »Arschloch« verbarg. Nein, keine Eifersucht
auf meine persönliche Nähe zu Lacan - der Hausmeister hätte so eine Nähe für
sich ja leicht herstellen können, denn er kannte Gerald Fürstfeld sehr gut,
der der erste Österreicher war, der jemals in die Nähe von Lacan kam. Fürstfeld
hatte einige Schriften des großen Franzosen nicht nur übersetzt, sondern er führte
auch eine Ordination, in der er Patienten ganz im Lacanschen Sinne, also
wortgetreu, heilte. Ich sah Fürstfeld, wenn er aus Paris gekommen war, manchmal
in einem Wiener Beisl, das für die Intelligenz seiner Besucher notorisch war. Fürstfeld
betrank sich dort auf eine so rohe und physisch peinliche Art, wie ihm das in
Paris, einer Stadt mit Stil, niemals möglich gewesen wäre. »Ich brauche Wien
für meinen Primitivismus«, soll er gesagt haben. Das Trinken erlaubte es ihm,
so denke ich, die Knoten aus Sprache und Seele, die er beruflich zu knüpfen
(und zu entflechten, wenn nicht zu zerschlagen) hatte, mit Flüssigkeit zu überschwemmen,
damit sie endlich auf den Grund, also untergingen.
Als junger Mann hatte Fürstfeld mit dem Hausmeister in der Hausmeisterwohnung
bis zum Morgengrauen schwerwiegende Fragen erörtert. Sie hatten einander in
einem Beisl kennengelernt. Die Beisln waren damals, und vielleicht sind sie's
heute noch, die wirklichen Universitäten der Stadt - hätte es im Beisl nicht
weniger Scharlatane gegeben als in der Alma Mater Rudolfina, dann hätte man die
beiden Institutionen glatt miteinander verwechseln können. In den Beisln saßen
die Leute, denen was Neues einfiel und die nach Paris oder London gingen,
manche, um niemals wiederzukehren. Die meisten sind auch in Paris und London
(oder gar in New York), wie man sagt, »gar nichts geworden«. Aus Wien (oft
auch aus Graz) hatten sie mit sich selbst die Kunst des
Sich-selbst-im-Wege-Stehens exportiert, aber weil sie die so gut beherrschten,
fanden sie wenigstens den Weg zurück nicht. Ich habe immer die Rückkehrer
verachtet, weil ich sie zuerst um ihren Aufbruchsgeist beneiden und dann
erkennen mußte, daß mein Neidaufwand umsonst war. Der Hausmeister hatte sein
Studium im Beisl absolviert, Fürstfeld hatte ihn in der Hausmeisterwohnung spät
nachts promoviert, und der frisch Promovierte hatte zuvor und danach nichts
anderes als einen Hausmeisterposten im Sinn. Er füllte seinen Beruf von ganzem
Herzen aus, nicht zuletzt, weil er ihm die Möglichkeit gab, sich für Studien
in die Hausmeisterwohnung zurückzuziehen. So wurde er gescheiter und
gescheiter, ohne daß er es jemals beweisen mußte, jedenfalls nicht nach den
dafür in der Gesellschaft zuständigen Regeln: keine öffentlichen Streitereien
und keine gut abgestimmten Lobgesänge, keine Intrigen, nichts von dem, was man
so leicht verachten kann, auch weil es ins Auge sticht, wie verächtlich es ist.
So blieb der Hausmeister konkurrenzlos. »Ich publiziere nicht«, sagte er, »wie
Sokrates.«
Es gelang ihm, das Resignative seiner Arroganz nicht zu bemerken. Aber gescheit
war er, und ich rekonstruierte aus dem Tratsch im Haus, was er mit »Arschloch«
eigentlich sagen wollte; es ging also gar nicht um Lacan, sondern um den
deutschen Schlager. Im Flur hatte der Hausmeister diejenigen, die es in seinen
Augen verdienten, darüber belehrt, daß die Menschen im ganzen Land vor allem
von der deutschen Unterhaltungsmusik nichts begriffen. »Nehmen Sie nur«, soll
er gesagt haben, »›Die kleine Kneipe in unserer Straße‹.« Zu einem
Schlager wie diesem bekenne sich hierzulande keiner, und wenn, dann nur aus der
dummen Begründung: »Das ist so doof, daß es fast schon wieder gut ist.« Im
Flur sprach sich der Hausmeister, so hat man es mir erzählt, für »die
Breitenwirkung« aus, gegen jede abwegige »Tüftelei«, und er fügte ihr, der
Tüftelei, um sie einzugrenzen, hinzu, »die kaum einer versteht«. Er schrie,
so habe ich es erfahren, den Seinen ins Gesicht: »Auch die weniger
anspruchsvollen Geschmacksempfindungen«, schrie er, »die oft schon mit Rührseligkeiten
zufriedenzustellen sind, wollen berücksichtigt sein!« Daraufhin hätte er ein
glänzendes Plädoyer für den »Ohrwurm« gehalten. Keine Geringeren als die Größten
der Musik hätten stets bestätigt, daß die »einfach-eingängigen Melodien mit
Breitenwirkung«, die Ohrwürmer eben, die weitaus größeren Herausforderungen
wären als irgendein ausgetüfteltes Musikstück. Und dann soll der Hausmeister
so eindrucksvolle Sätze gesprochen haben, daß mein Informant sie nicht
vergessen konnte: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß«, soll der Hausmeister im
Flur gesagt haben, »wer niemals einsam auf seinem Hotelbett saß, der wird
vielleicht auch nie begreifen, daß Melodien wie ›Die kleine Kneipe‹,
›Griechischer Wein‹, ›Du kannst nicht immer 17 sein‹ tatsächlich etwas
Tröstendes, ja geradezu Humanes haben.«
Ja, so ist es: Der Mensch, einen guten deutschen Schlager im Ohr (im schlimmsten
Fall schon auf den Lippen), sucht, um sich zu trösten, das Humane. Auf dem Weg
dorthin liegt zum Glück das Beisl.
Die Dame mit dem Tablett. Ein Schauspieler des Burgtheaters hält
eine Lesung in der Provinz. »Wir sind so froh, und es ist so selten, daß wir
einen Mann von Ihrer Bedeutung hier haben.« Der Schauspieler muß sich das anhören,
und sein Antlitz spiegelt virtuos ironischen Widerwillen. Die Leute im Saal
lachen ihren Stellvertreter, den Einleiter und Vorsteller, nicht unfreundlich
aus; sie sind nur ganz auf der Seite des Schauspielers und begrüßen auch
dessen ironischen Widerwillen. Der Schauspieler konzentriert sich. Seine
Konzentration ist zugleich das Signal für das Publikum, ruhig zu werden. Zu
lesen ist ein sehr schwieriger Text, eine kitschige Erzählung eines gar nicht
erfolgreichen Autors, der aber glücklich in dieser schönen Gegend wohnt. »Es
wird immer ein merkwürdiges Erlebnis sein«, würde ein Snob mit Recht sagen,
»wenn sich das Virtuosentum, die perfekte Kunst, das Burgtheater eines mißglückten
Versuches annimmt.« Der Schauspieler stimmt sich auf das Drama des Textes ein,
das Publikum ist schon hingerissen, aber da geht plötzlich die Tür des Saals
auf, und eine Dame der Veranstaltungsleitung bringt auf einem Tablett eine große
Flasche Mineralwasser mit zwei Gläsern. Einige Sitzreihen sind geschlossen, über
ein paar Leute muß sie sogar drübersteigen.
Der Schauspieler ist aus seiner Konzentration herausgerissen, und er mustert,
noch ganz in das Drama des Textes versunken, die Dame mit dem Tablett. Sie hat
ihn inzwischen erreicht und tut auf seinem Tisch herum, schiebt das Mikrophon
weg, auch das Manuskript, und stellt Flasche und Gläser ab. Man spürt, wie sie
sich im Brennpunkt der Aufmerksamkeit fühlt. »Es gibt absolut keine Chance«,
würde der Snob sagen, »ohne Peinlichkeit und bei atemloser Stille eines
Publikums einem Schauspieler Mineralwasser auf die Bühne zu servieren.« Dem
Schauspieler sitzt der Schrecken im Nacken; er wollte gerade das Beste aus dem
Text herausholen und hatte sich zu diesem Zweck in den Text hineinversetzt. Das
Publikum war mitgegangen - und jetzt diese Dame mit dem Tablett! Sie war wohl
dazu erzogen, eher jede Peinlichkeit auf sich zu nehmen, als auch nur im
geringsten von ihrer Pflicht abzulassen. Schon kehrt sie dem Schauspieler den Rücken,
macht sich peinlich berührt auf ihren Weg durch die Sitzreihen, während es ihm
tatsächlich gelingt, die Situation zu retten. Er hätte gekränkt reagieren können,
es wäre nur verständlich gewesen, denn man stört die Meditation eines
Menschen nicht. In der Meditation versammelt der Mensch seine besten Kräfte.
Der Burgschauspieler hätte hysterisch schrill sagen können, wie komme ich in
diesem Drecksnest dazu, von einer Serviererin in meiner Kunst gestört zu
werden. Es hätte aber auch sein können, daß ihm die Kraft, sich umzustellen,
verlorengegangen wäre: Es kostet nämlich sehr viel Kraft, aus einer
Konzentration unverrichteter Dinge auszusteigen, das ist ein schrecklich
schmerzhafter Leerlauf. Aber der Schauspieler hat sich einfach vom Text weg in
die Wirklichkeit zurückgerufen. Dort hat er mit seiner Alltagsstimme gesagt: »Na,
hoffentlich bringt mir jetzt nicht auch noch einer eine Jause.« Das Publikum
lacht, und zwar, wie es richtig heißt, »erlöst«. Das ist auch die Leistung
des sogenannten Humors, der einen dazu befähigt, die Blockierungen aufzuheben,
um dem Wechsel von der einen zur anderen Situation ohne Lächerlichkeit
entsprechen zu können. Der Schauspieler rückt das Mineralwasser weg, richtet
das Mikrophon, blickt konzentriert ins Manuskript, stellt einfach den früheren
Zustand wieder her. Dann spricht er mit dem gesamten Glanz seiner dunklen Stimme
von einem Mann, der an einem Flußufer steht, und von einer Frau, die später
hinzukommt, und davon, was aus den beiden werden wird.
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