Schwere Vorwürfe,schmutzige Wäsche von Franz Schuh, 2006, Zsolnay

Franz Schuh

Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche
(Leseprobe aus: Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche, Essay, 2006, Zsolnay)


Das Beisl im Eck. Als ich damals den berühmten französischen Philosophen und Psychoanalytiker Jacques Lacan durch Wien führte (ich zeigte ihm alle wichtigen Freud-Gedenkstätten, einschließlich des Wohnhauses von Leupold-Löwenthal und etwas vom Rest, den es darüber hinaus in Wien noch zu sehen gibt), da ereignete sich Seltsames mit dem berühmten Mann aus Frankreich. Kurz vor seinem Abflug - Kapitäne exotischer Linien, heimisches Bodenpersonal, Passagiere aus aller Herren Länder eilten an uns vorüber - nahmen wir im Flughafenrestaurant einen heißen Tee. Der Beutel schwabbelte übel in der braunen Brühe. War ein Teebeutel das Motiv der Inspiration? Jedenfalls schnellte der Analytiker plötzlich hoch und rief, wie vom Schicksal gebeutelt oder vom Schlag getroffen: »Le Beisl n'existe pas!«

Ich war peinlich berührt, wie ich es immer bin, wenn jemand aus sich herausgeht. Ich achte darauf, daß die Menschen bei sich bleiben und mich vor ihrem wahren Wesen, vor ihren Einfällen und Eruptionen beschützen. Aber wenn ein geistiger Mensch, ein Psychiater, sich so weit vergißt, daß er einen Satz unvermutet herausbrüllt, dann ist es unmöglich, diesem Satz gegenüber Widerstand zu leisten. Er blieb mir im Gedächtnis, und noch im Flughafenschallplattengeschäft erstand ich eine Kassette, auf der Peter Alexander sang: »Das kleine Beisl in unserer Straße«, ein Chanson, das es auch in gesamtdeutscher Sprache gibt: »Die kleine Kneipe in unserer Straße«.

Die Kassette schickte ich gleich vom Flughafenpostamt an Jacques Lacan, und ich gebe zu, daß ich damit dem großen Mann, wie man bei uns sagt, »eins auswischen« wollte. Ich stellte mir Lacan, dem wir immerhin eine neue Grundlegung der Psychoanalyse zu verdanken haben, vor, wie er in seinem Pariser Domizil diese zutiefst deutsch-österreichischen Klänge eines Peter Alexander auf sich einwirken ließ. Das konnte ihm, auch wenn ihm die schreckliche Rhetorik des Unbewußten kein Geheimnis mehr bot, nicht gut tun. Diese ungesund triefenden Töne, dieses schmierige Schmalz, mit dem sich Peter der Große, wie er hier genannt wird, die Butter aufs Brot verdient, mußte sogar einen Lacan entsetzen.

Aber ich hatte gleichsam die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Lacans Antwort erfolgte postwendend. An einem dieser strahlenden Morgen, an denen die Sonne den Flur meines Gemeindebaus paradiesisch erhellt, zog ich aus meinem Postkasten eine Pariser Ansichtskarte. Darauf war der Eiffelturm in voller, glänzender Banalität zu erkennen, auch wenn ihn der Absender mit zwei einander überkreuzenden Filzstiftstrichen unsichtbar machen wollte. Am Textteil der Karte stand in der mir gut bekannten Schrift: »Le Beisl n'existe pas. Jacques Lacan.«

Also sollte ich selber darauf kommen, der Mann gab den Schwarzen Peter an mich weiter. Es ist aber unerträglich, wenn jemand, den man für überlegen hält, sich weigert, Aufschluß zu geben. Ich gestehe, darunter hat mein gutes Verhältnis zu dem mittlerweile schon Seligen sehr gelitten. Es kam zum Bruch. Nur schwer kann ich heute ohne Verachtung Sätze wie »Je pense où je ne suis pas, donc je suis où je ne pense pas« lesen, obwohl es mir, und das ist doch merkwürdig, tatsächlich so geht: »Ich denke da, wo ich nicht bin, also bin ich da, wo ich nicht denke.«

Mein Vater war Ringer, das heißt, er ging am Sonntag immer ringen, und zwar ins Gasthaus Maderl. Mein Vater hielt mich an der Hand, stellte sich an die Theke, trank ein wenig vom Seidel, während Maderl, der Wirt, bereits unruhig wurde; er wußte ja von vielen Sonntagen her, was kommen mußte. Da ich noch klein war, hatte ich nicht den Überblick, aber wenn mein Vater meine Hand losließ, war es wieder soweit. Gleich rang er irgendeinen Gast nieder, der frech geworden war. »Soll ich mir ein altes Gwand anziehen«, hatte zum Beispiel einer einmal gesagt, nachdem ihn mein Vater eindringlich gemustert, also auf seine Eignung für den Kampf geprüft hatte. Der Mann hatte danach immer noch sein neues Gewand an, das aber so gut war wie ein altes, wie ein sehr altes, in Fetzen hängendes. »Soll ich mir ein altes Gewand anziehen«, bedeutet nämlich, daß einer sich erst umziehen muß, bevor er einen anderen anrührt und sich an ihm dreckig macht. So dialektisch formulierte man damals, als ich noch klein war.

Ich bin im Beisl aufgewachsen. Allmählich, mit den Jahren, wuchs ich dort zur nötigen Größe heran, um alles zu durchschauen: den abgetretenen, ölig schwarzen Fußboden, die dunkelgelben Tische, die verchromten Wasserhähne, den großen Kasten hinter dem Rücken des Wirtes. In solchen Kästen, stelle ich mir vor, lagen früher vom Eismann gebrachte Eisstücke, die die besten Waren des Hauses kühl hielten. Die Weinflaschen hatte der Wirt ins Wasser gestellt, und mit der unnachahmlichen Eleganz einer zur Gewohnheit gewordenen Pflicht schenkte er aus: Er faßte dabei die schweren Flaschen am Hals und schwenkte sie mit einem gemessenen Ruck zu dem wartenden Glas hin. In der Luft lag vor allem ein matter Biergeruch, vermischt mit dem Dunst servierter Speisen. Das setzt sich gut in den Kleidern fest. Ich höre noch genau dieses leicht in Kreischen ausartende Gemurmel der Angetrunkenen, das Schnalzen triumphierend ausgespielter Karten und ein immer wiederkehrendes »Wos-liegt-des-pickt«-Rufen.

Seit Lacans Ausspruch habe ich viele Monate in Beisln verbracht, forschend, ob sie nun existieren oder nicht. Ich finde schwer eine Antwort. Oft muß ich an den unglücklichsten Wirt denken, den ich jemals sah: Er war ein kleiner Mann mit einem großen Kopf, der ihm wie von fremden Mächten aufgesetzt schien. Wenn er an den Tisch trat, um eine Bestellung aufzunehmen, trug er steif seinen Kopf auf den hängendsten Schultern der Welt. Bevor er Wirt wurde, war er Computertechniker gewesen, perfekt in der Hard- und in der Software. Über all die Jahre sah er aber als Wirt kaum Kundschaft; es war ungerecht, denn er führte beste Speisen, mundende Weine und Schnäpse. Manchmal blieb der Briefträger, der ihm Rechnungen und Mahnungen gebracht hatte, auf ein Stehachterl, und manchmal kamen, in alphabetischer Reihenfolge angeführt, die beiden Autoren Gustav Ernst und Karin Fleischanderl.

Mir kochte die Frau des Wirts, die Köchin, sogar am Ruhetag auf: Als ich klopfte, öffnete er, ließ mich herein und sagte dialektisch: »Is eh Wurscht; es kommt ja auch sonst keiner.« Das bedeutet, er hatte eigentlich immer Ruhetag und konnte daher ruhig an seinem Ruhetag aufmachen. Gustav Ernst stellte einmal fest: »Das ist ja kein Beisl, es ist ein Wohnzimmer mit Wirt.« Heute ist es überhaupt nicht mehr, das Beisl ist zugrunde gegangen; an seiner Stelle hat man ein gut besuchtes China-Restaurant errichtet.

Was es noch gibt, ist das andere Extrem: das überbordende Beisl. Knapp nach elf dringen dort die Massen ein. Es ist eine Springflut aus Gästen. Immer neue kommen und besetzen die Plätze der Gesättigten. Aber Platz ist keiner, es ist gesteckt voll. Die Kellner bahnen sich ihren Weg mit Ellenbogentechnik, sie praktizieren eine, in Großbritannien wegen ihrer Brutalität ausdrücklich verbotene Form von Rugby: Gepunktet wird, wenn es gelingt, ein paar Teller und Gläser den eingezwängten Gästen vorzuwerfen. Wer am Tisch nach einer Semmel greift, stößt das Glas des einen Nachbarn um und faßt in den Zwiebelrostbraten des anderen. Das wichtigste Hilfsmittel ist daher die Serviette; alle sind in der kürzesten Zeit bekleckert. Die Kellner rufen die Bestellungen dem Schankburschen in Abkürzungen zu, es herrscht die Stimmung einer Börse: »Ein Bier klein/klein Braun/groß Weiß/ Manner Schnitten.«

Wer zu spät kommt, den bestraft die Küche: Kältliches Zeug schwimmt dann auf gelblichem Saft. Dafür wird Bier immer zu schnell gezapft: »Schnell gezapft, ist halb gesoffen«, denkt der fixe Bursche hinter der Schank und mustert zufrieden die dünne Schaumsuppe an der Oberfläche des Krügels. Gäste stürzen vorbei, Gäste fallen herein. Der Wein ist echt vom Hauer, aber zufällig besitzt der Hauer eine kleine chemische Fabrik, die sein Sohn führt. Alles muß schnell gehen, die Gäste haben schließlich auch keine Zeit. Sie eilen zur Arbeit oder zu dem, was sie für ihr Vergnügen halten. Wer Zeit hat, der kann hinter den Kellnerrufen, hinter dem Klirren der Teller und Bestecke ein sich näherndes Donnergrollen, ein Aufstoßen der Scheißer und dann plötzlich die Explosionen einer kollektiven Verdauung heraushören.

Lacan hat also recht. Zwischen den geschilderten Extremen reibt sich das Beisl auf. Aber was macht es, was geht dadurch schon verloren? Im Wort Beisl steckt das hebräische Wort für Haus, und die Sehnsucht nach dem Beisl ist die Sehnsucht nach garantierter Häuslichkeit. Im wahren Beisl verschwimmt die Grenze zwischen Gast und Familienmitglied, man sieht es heute noch jenen Gästen an, die sich wie zu Hause gehen lassen wollen. Der moderne Trinker ist jedoch unbehaust, und hinter dem Wirt sind die Steuerbehörden her. Die Sehnsucht, wenigstens im Beisl daheim zu sein, stößt auf diese nüchternen Tatsachen, die der große Peter Alexander wie im Rausch verklärt: »Wer Hunger hat, der bestellt Würstchen mit Kraut, weil es andere Speisen nicht gibt, die Rechnung, die steht auf dem Bierdeckel drauf, doch beim Wirt hier hat jeder Kredit.«

Das klassische Wiener Beisl war eine proletarische Variante des Clubs, eine Geborgenheit für Leute, die leicht auf der Straße sitzen. Die kleine Kneipe in unserer Straße? Aber »uns« gehört doch die Straße nicht. Der öffentliche Charakter des Beisls, in dem Leute sich miteinander verständigen, ist ebenfalls dahin, denn im Stammtischgequatsche ist das Fernsehen maßgeblich. Aber überhaupt ist diese Sehnsucht nach dem guten Essen und Trinken, nach der sogenannten Gemütlichkeit und diesem ewigen Daheimsein, widerwärtig. »Die Postkarten dort an der Wand in der Ecke, das Foto vom Fußballverein, das Stimmengewirr, die Musik aus der Jukebox, all das ist ein Stückchen daheim.«

Es gibt kein richtiges Leben im falschen, sagt Adorno. Das ist zum Glück ein so allgemeiner Satz, daß er keinen Ausweg läßt, nicht einmal den in die Askese. Daher kann man umgekehrt sagen: »Auch das schlechte Leben ist kein gutes«, und sich fragen, warum dann nicht gleich gut leben? Ach, auf der Welt gibt es ja überhaupt kein richtiges Leben. Das Falsche, die Fälschungen sind unserer allerrichtigsten Vitalität eingeboren. Dennoch ist die Suche nach den Orten, wo man am besten lebt, am besten ißt und trinkt, heutzutage so schäbig und unwahr wie das alte Lied: »Die kleine Kneipe in unserer Straße, da, wo das Leben noch lebenswert ist, dort in der Kneipe in unserer Straße, da fragt dich keiner, was du hast oder bist.«

»Arschloch!« sagte der Hausmeister, dem ich, weil er ein kämpferischer Anhänger Lacans ist, diesen Text über das Beisl vorgelegt hatte. »Für so etwas leg' ich doch meinen Besen nicht weg«, und er lief hinaus aus meiner Wohnung, in den Hof hinunter, wo er mit zärtlichen Strichen die von den Bäumen gefallenen, herbstlich-goldenen Blätter auf seine Schaufel kehrte. Er sprach nicht mehr mit mir, nie wieder, und ich mußte aus dem im Haus kursierenden Tratsch rekonstruieren, was sich hinter »Arschloch« verbarg. Nein, keine Eifersucht auf meine persönliche Nähe zu Lacan - der Hausmeister hätte so eine Nähe für sich ja leicht herstellen können, denn er kannte Gerald Fürstfeld sehr gut, der der erste Österreicher war, der jemals in die Nähe von Lacan kam. Fürstfeld hatte einige Schriften des großen Franzosen nicht nur übersetzt, sondern er führte auch eine Ordination, in der er Patienten ganz im Lacanschen Sinne, also wortgetreu, heilte. Ich sah Fürstfeld, wenn er aus Paris gekommen war, manchmal in einem Wiener Beisl, das für die Intelligenz seiner Besucher notorisch war. Fürstfeld betrank sich dort auf eine so rohe und physisch peinliche Art, wie ihm das in Paris, einer Stadt mit Stil, niemals möglich gewesen wäre. »Ich brauche Wien für meinen Primitivismus«, soll er gesagt haben. Das Trinken erlaubte es ihm, so denke ich, die Knoten aus Sprache und Seele, die er beruflich zu knüpfen (und zu entflechten, wenn nicht zu zerschlagen) hatte, mit Flüssigkeit zu überschwemmen, damit sie endlich auf den Grund, also untergingen.

Als junger Mann hatte Fürstfeld mit dem Hausmeister in der Hausmeisterwohnung bis zum Morgengrauen schwerwiegende Fragen erörtert. Sie hatten einander in einem Beisl kennengelernt. Die Beisln waren damals, und vielleicht sind sie's heute noch, die wirklichen Universitäten der Stadt - hätte es im Beisl nicht weniger Scharlatane gegeben als in der Alma Mater Rudolfina, dann hätte man die beiden Institutionen glatt miteinander verwechseln können. In den Beisln saßen die Leute, denen was Neues einfiel und die nach Paris oder London gingen, manche, um niemals wiederzukehren. Die meisten sind auch in Paris und London (oder gar in New York), wie man sagt, »gar nichts geworden«. Aus Wien (oft auch aus Graz) hatten sie mit sich selbst die Kunst des Sich-selbst-im-Wege-Stehens exportiert, aber weil sie die so gut beherrschten, fanden sie wenigstens den Weg zurück nicht. Ich habe immer die Rückkehrer verachtet, weil ich sie zuerst um ihren Aufbruchsgeist beneiden und dann erkennen mußte, daß mein Neidaufwand umsonst war. Der Hausmeister hatte sein Studium im Beisl absolviert, Fürstfeld hatte ihn in der Hausmeisterwohnung spät nachts promoviert, und der frisch Promovierte hatte zuvor und danach nichts anderes als einen Hausmeisterposten im Sinn. Er füllte seinen Beruf von ganzem Herzen aus, nicht zuletzt, weil er ihm die Möglichkeit gab, sich für Studien in die Hausmeisterwohnung zurückzuziehen. So wurde er gescheiter und gescheiter, ohne daß er es jemals beweisen mußte, jedenfalls nicht nach den dafür in der Gesellschaft zuständigen Regeln: keine öffentlichen Streitereien und keine gut abgestimmten Lobgesänge, keine Intrigen, nichts von dem, was man so leicht verachten kann, auch weil es ins Auge sticht, wie verächtlich es ist. So blieb der Hausmeister konkurrenzlos. »Ich publiziere nicht«, sagte er, »wie Sokrates.«

Es gelang ihm, das Resignative seiner Arroganz nicht zu bemerken. Aber gescheit war er, und ich rekonstruierte aus dem Tratsch im Haus, was er mit »Arschloch« eigentlich sagen wollte; es ging also gar nicht um Lacan, sondern um den deutschen Schlager. Im Flur hatte der Hausmeister diejenigen, die es in seinen Augen verdienten, darüber belehrt, daß die Menschen im ganzen Land vor allem von der deutschen Unterhaltungsmusik nichts begriffen. »Nehmen Sie nur«, soll er gesagt haben, »›Die kleine Kneipe in unserer Straße‹.« Zu einem Schlager wie diesem bekenne sich hierzulande keiner, und wenn, dann nur aus der dummen Begründung: »Das ist so doof, daß es fast schon wieder gut ist.« Im Flur sprach sich der Hausmeister, so hat man es mir erzählt, für »die Breitenwirkung« aus, gegen jede abwegige »Tüftelei«, und er fügte ihr, der Tüftelei, um sie einzugrenzen, hinzu, »die kaum einer versteht«. Er schrie, so habe ich es erfahren, den Seinen ins Gesicht: »Auch die weniger anspruchsvollen Geschmacksempfindungen«, schrie er, »die oft schon mit Rührseligkeiten zufriedenzustellen sind, wollen berücksichtigt sein!« Daraufhin hätte er ein glänzendes Plädoyer für den »Ohrwurm« gehalten. Keine Geringeren als die Größten der Musik hätten stets bestätigt, daß die »einfach-eingängigen Melodien mit Breitenwirkung«, die Ohrwürmer eben, die weitaus größeren Herausforderungen wären als irgendein ausgetüfteltes Musikstück. Und dann soll der Hausmeister so eindrucksvolle Sätze gesprochen haben, daß mein Informant sie nicht vergessen konnte: »Wer nie sein Brot mit Tränen aß«, soll der Hausmeister im Flur gesagt haben, »wer niemals einsam auf seinem Hotelbett saß, der wird vielleicht auch nie begreifen, daß Melodien wie ›Die kleine Kneipe‹, ›Griechischer Wein‹, ›Du kannst nicht immer 17 sein‹ tatsächlich etwas Tröstendes, ja geradezu Humanes haben.«

Ja, so ist es: Der Mensch, einen guten deutschen Schlager im Ohr (im schlimmsten Fall schon auf den Lippen), sucht, um sich zu trösten, das Humane. Auf dem Weg dorthin liegt zum Glück das Beisl.

Die Dame mit dem Tablett. Ein Schauspieler des Burgtheaters hält eine Lesung in der Provinz. »Wir sind so froh, und es ist so selten, daß wir einen Mann von Ihrer Bedeutung hier haben.« Der Schauspieler muß sich das anhören, und sein Antlitz spiegelt virtuos ironischen Widerwillen. Die Leute im Saal lachen ihren Stellvertreter, den Einleiter und Vorsteller, nicht unfreundlich aus; sie sind nur ganz auf der Seite des Schauspielers und begrüßen auch dessen ironischen Widerwillen. Der Schauspieler konzentriert sich. Seine Konzentration ist zugleich das Signal für das Publikum, ruhig zu werden. Zu lesen ist ein sehr schwieriger Text, eine kitschige Erzählung eines gar nicht erfolgreichen Autors, der aber glücklich in dieser schönen Gegend wohnt. »Es wird immer ein merkwürdiges Erlebnis sein«, würde ein Snob mit Recht sagen, »wenn sich das Virtuosentum, die perfekte Kunst, das Burgtheater eines mißglückten Versuches annimmt.« Der Schauspieler stimmt sich auf das Drama des Textes ein, das Publikum ist schon hingerissen, aber da geht plötzlich die Tür des Saals auf, und eine Dame der Veranstaltungsleitung bringt auf einem Tablett eine große Flasche Mineralwasser mit zwei Gläsern. Einige Sitzreihen sind geschlossen, über ein paar Leute muß sie sogar drübersteigen.

Der Schauspieler ist aus seiner Konzentration herausgerissen, und er mustert, noch ganz in das Drama des Textes versunken, die Dame mit dem Tablett. Sie hat ihn inzwischen erreicht und tut auf seinem Tisch herum, schiebt das Mikrophon weg, auch das Manuskript, und stellt Flasche und Gläser ab. Man spürt, wie sie sich im Brennpunkt der Aufmerksamkeit fühlt. »Es gibt absolut keine Chance«, würde der Snob sagen, »ohne Peinlichkeit und bei atemloser Stille eines Publikums einem Schauspieler Mineralwasser auf die Bühne zu servieren.« Dem Schauspieler sitzt der Schrecken im Nacken; er wollte gerade das Beste aus dem Text herausholen und hatte sich zu diesem Zweck in den Text hineinversetzt. Das Publikum war mitgegangen - und jetzt diese Dame mit dem Tablett! Sie war wohl dazu erzogen, eher jede Peinlichkeit auf sich zu nehmen, als auch nur im geringsten von ihrer Pflicht abzulassen. Schon kehrt sie dem Schauspieler den Rücken, macht sich peinlich berührt auf ihren Weg durch die Sitzreihen, während es ihm tatsächlich gelingt, die Situation zu retten. Er hätte gekränkt reagieren können, es wäre nur verständlich gewesen, denn man stört die Meditation eines Menschen nicht. In der Meditation versammelt der Mensch seine besten Kräfte. Der Burgschauspieler hätte hysterisch schrill sagen können, wie komme ich in diesem Drecksnest dazu, von einer Serviererin in meiner Kunst gestört zu werden. Es hätte aber auch sein können, daß ihm die Kraft, sich umzustellen, verlorengegangen wäre: Es kostet nämlich sehr viel Kraft, aus einer Konzentration unverrichteter Dinge auszusteigen, das ist ein schrecklich schmerzhafter Leerlauf. Aber der Schauspieler hat sich einfach vom Text weg in die Wirklichkeit zurückgerufen. Dort hat er mit seiner Alltagsstimme gesagt: »Na, hoffentlich bringt mir jetzt nicht auch noch einer eine Jause.« Das Publikum lacht, und zwar, wie es richtig heißt, »erlöst«. Das ist auch die Leistung des sogenannten Humors, der einen dazu befähigt, die Blockierungen aufzuheben, um dem Wechsel von der einen zur anderen Situation ohne Lächerlichkeit entsprechen zu können. Der Schauspieler rückt das Mineralwasser weg, richtet das Mikrophon, blickt konzentriert ins Manuskript, stellt einfach den früheren Zustand wieder her. Dann spricht er mit dem gesamten Glanz seiner dunklen Stimme von einem Mann, der an einem Flußufer steht, und von einer Frau, die später hinzukommt, und davon, was aus den beiden werden wird.

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