Dunkles Bild von Peter Schünemann, 2005, Hanser

Peter Schünemann

Dunkles Bild
(Leseprobe aus: Dunkles Bild, Erzählungen+Essay, 2005, Hanser).

Wenn ich ihn, den Kleinen, das Kind, seine zerstörten Augen hätte

malen können, wäre mir klar gewesen, ob es nur die Februarkälte

war. Er saß auf dem Schlitten, lautlos weinend, die Hände tief

zwischen die Schenkel gegraben, die Schultern gekrümmt. Das

Schlittenseil war schwarz vereist. Das Tor: ein grüner Riß im Schnee.

Wieder hatte ich versucht, ihn hier draußen zu malen; es mißlang

auch jetzt, er fror noch in der Kapokjacke; meine Hände waren vom

Seil zerschnitten, auch sie taub und vereist. Obwohl der Schnee fast

schwarz ist: der Grundlosigkeit dieser Landschaft läßt sich nicht

begegnen; meine Augen brannten. Hinabgebeugt über ihn: er drückte

das Gesicht an mich, den Kopf wie ein Vogel gereckt, die weit

offenen Augen mit den reglosen Pupillen starrten mich an, als ich

sein Gesicht rieb: Komm, sagte er, du kannst es morgen noch einmal

versuchen oder im März, bald. Ich sah die schwarzgraue

Tränenkruste. Und Jahr um Jahr die immer härtere Frage: was

mochte in diesen Blicken entschwunden sein, ehe sie in der Schmiede

unter einem Funkenschauer erloschen, wie war das zu malen, wie

dem Entschwundenen zu folgen, ich wußte es nicht, es war das

Zurückstürzen in das einst Gesehene, mit Farben unmöglich zu

ergründen. Die Leere des Dorfes dort unten: es schien nur noch von

Schatten bewohnt; dann die Hügel, von denen meine Hände

vielleicht, meine Augen nicht wußten, welche Farbe sie haben

würden, wenn ich sie auf die hellen Säcke malte; Andeutungen von

geschabtem Braun; keine Durchbrüche. Noch in der Frühe hallten die

Fröste nach. Ich legte, fast hoffnungslos, wieder die Decke um ihn.

Er wiegte sich vor und zurück, summte vor sich hin. Ich hatte Säcke

in Eiswasser gewaschen, sie froren, ich war ins Haus zurückgerannt,

sie wieder aufzutauen; so einen Vormittag lang. So kamen wir nun

zurück. Der Ofen war fast erloschen, ich brauchte lange, ein Kienholz

anzuzünden, Holz und dann die Kohlen nachzuwerfen, mir schien, als

seien die Hände hart gebacken, trug den Kleinen vor den Ofen, lehnte

ihn an das Schrägbrett, das ich mit den alten Kissen umwunden hatte,

die Schnüre tief ins Futter geschnitten; dann zog ich ihn aus, wickelte

ihn in die trockenen Decken (der Grabengärtner hatte sie aus dem

verlassenen Haus herbeigeschafft); was er trug, hätte ich waschen

müssen, vielleicht bald. Malen, sagte er. Ich schwieg. Hör auf,

flüsterte er, alles ist so kalt. Die Säcke waren getrocknet, ich zog sie

zur Decke hoch, als müsse jetzt alles andere gelingen, wäre wieder

möglich geworden. Die knappen Jahre, in denen wir hier zusammen

wohnen, haben den Raum nicht verändert. Zu ebener Erde; ein

Schuppen, auf die Stadtmauer gesetzt, hoch über dem Stadtgraben,

eine kleine Mauer zwischen dem Schuppen und dem verfallenen

Haus, von Holunder und Brennesseln umgeben: die Leute waren

irgendwann aus dem Haus verschwunden, nicht ausgezogen, sondern

einfach entschwunden, als wären ihre Gesichter in den Mauern

verblaßt: so wie wir eines Tages vielleicht verschwinden würden. Der

Raum war groß genug; ich schlief auf der Grabenseite unter dem

Fenster, der Junge auf dem kleinen Feldbett an der Wand, die das

ganze Jahr über trocken blieb. Den Ofen hatten der Händler und ich

in die Mitte gestellt, das Holz und die Kohlen ringsum an die Wände

geschichtet. Einige Bilder – verschollene Jahre des Dorfes, der Toten,

die es bewohnt hatten, Waldstücke – hatte der Händler

mitgenommen; ihr müßt leben, Mann, hatte er gesagt. Er brachte

Brot, Kartoffeln und Milch, im Herbst auch Äpfel für den Kleinen.

Im Graben unten steht Dunst. Auch dort hatte ich den Jungen zu

malen versucht. Dann der Weg durchs Feld, durchs Dorf, die

entleerte Straße entlang, eine Straße ohne Spur, ein Widerweg, ohne

Nachhall und Stimmen. Als ich damals im August mit ihm ins Dorf

zurückgekommen war – ich hatte ihn (das Bündel) getragen, später

saß er auf dem Rollwagen, den ich zusammengenagelt hatte –,

huschten schon die Gespensterschatten der fliehenden Leute den Weg

hinan, irgendwo wurde rasch ein Vorhang beiseite geschoben, etwas

blickte hinaus, auf uns herab, erlosch; der Vorhang fiel zurück. Und

dann die Winter, heftig, vollkommene Starre, ich malte mich wie

besessen in das kleine Gesicht hinein, die Augen die Augen, der

erblindete, der entschwundene Blick, und meine Hände bewegten

sich fort, während ich schon das Schlittenseil hielt, mit ihm

zurückzukehren, hinter mir summte der Kleine, schien auch damals

schon lautlos zu weinen, unergründlich auch dies, und in der Kälte

schienen seine leinenweißen Augen noch einmal zu erstarren; wie

würde ich ihn malen, diesen Nichtblick, diesen Krater, in den ich

hinabstarrrte? Im Dunst des Grabens dann, er: vermummt, von

Decken umgeben: Grün und Braun und Lila, Probestücke,

Himmelsstriche in der Dezember-, der Februardämmerung. Ich

drehte mich nach ihm um, hinter mir schaukelte die Dorfstraße

zusammen: er saß da wie stets, die Arme steil zwischen die Schenkel

ich diese Augen, nicht sie, diesen Schatten, Schimmer, die helle

Verlorenheit, die in ihnen versunken war, malen müssen, von denen

vielerlei ausging, was nur im Nimmermehr zu ergründen war. Als

Kind hatte ich blinde Männer so gemalt, als hätten sie keine Augen,

wie die Skulpturen der alten Welt, das Grauen ihrer Leere vor

Jahrtausenden, mond- und sternlos. Das Kobaltblau wagte ich nicht,

probierte es einmal mit Chromgelb. Hinter dem Dorf zog ich dann

meist mit ihm die Hügel hinan, überquerte wieder die Felder. Nein,

sagte ich, wir sind noch nicht zurück; ich weiß, hörte ich ihn hinter

mir, der Graben riecht dunkler. Ich lief, konnte auch winters die

Hände unversehens wieder bewegen, die fahle Hoffnung, ein neuer

Ansatz sei möglich: so polterten wir in den Graben hinab. Ja, sagte

der Kleine, es geht, als spüre er meinen Blick und ahne, was ich zu

ergründen suchte: sprach viel vor sich hin, schien zu erzählen, Bilder

stoben herauf, ich beugte mich tiefer hinab, in die kleine, immer

ferner rückende Stimme hinein, als wispere durch seine Blindheit ein

vergessenes Leben. Ich ließ das Seil fallen, trat zurück, sah die in den

Schnee gegrabenen Schlittenkufen, sah sein Gesicht im Dunst stehen,

Wollmütze, Mund, die blicklose Helle oder was es war; sinnlos, wie

alle anderen Versuche. Im Graben hatte ich den Sack wieder von der

Mauer genommen, die Steine, die ihn gehalten hatten, in die Löcher

zurückgesteckt, das Seil gepackt, zwischen den Händen gerieben; den

Grabenweg durchs Buschwerk, über den Mauerweg bis ans grüne

Holztor in den Garten hinein und zum Schuppen. Tag um Tag die

gleichen Gesten: Ich trug den Kleinen hinein, setzte ihn an den Ofen,

zog ihm die Wollmütze, die Filzstiefel, die wattierte Jacke ab, ein

Immerfort und Immerwieder dieses rasch versinkenden Daseins.

Dann grub ich die Kartoffeln aus der warmen Asche vor dem Ofen,

zog sie ab, brockte und gab sie ihm, trocknete ihm Gesicht, Arme,

Brust. Seine Augen hätten schwarz sein müssen; ich hätte es noch

einmal versucht. Die Tage, verwirkt. Ich ging von Bild zu Bild, nur

wenige hatte der Händler zurückgelassen (nicht zu verkaufen, Mann);

es waren die Wege, die grundlose Landschaft, über die ich mir

Zugänge zu schaffen versucht hatte, ihn zu malen: die Echos, die

Möglichkeiten seiner Bewegungen, seiner eigenen Bilderflucht, mir

unbekannt, nichts als Entwürfe, halbe Striche, dem Rätsel anheim

gegeben, das vielleicht er selbst nicht war, eben nur: mein Ich zu

seinem. Kein Auge in Auge mehr, nicht das Sichtbare zum

Nichtsehenden, das einst nur die Laute sein würden, die er erlauscht

hatte, stumm hockend im Grabenschnee zwischen den Nesseln oder

im Sommer auf einem Holzstapel, oder: auf der Wiese neben der

leeren Dorfstraße. Oder: auf einem Schemel, während der Händler,

redend, ihn an der Hand hielt; Herbstlicht abermals. Während er

schlief, an das Brett vorm Ofen gelehnt, den Mund strichdünn

geschlossen, ging ich von Bild zu Bild. Die Farben alle, wie ich auch

heute, auch morgen sie malen würde: aber sie waren alle nicht

gemalt, kein Bild war gemalt, sein Bild der Versuch dazu – als sei es

zurückgewichen in die Holzverschalung der Wände wie die aller, die

hingesetzt waren, ihn zu ermöglichen: der Händler, der

Grabengärtner, auch die Frau, die das Kind damals fortgetragen hatte

(einen zu suchen, ders nimmt).

Rezension I Buchbestellung I home III11 LYRIKwelt © Hanser