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Dunkles Bild
(Leseprobe aus: Dunkles
Bild, Erzählungen+Essay, 2005,
Hanser).
Wenn ich ihn, den Kleinen, das Kind, seine zerstörten Augen hätte
malen können, wäre mir klar gewesen, ob es nur die Februarkälte
war. Er saß auf dem Schlitten, lautlos weinend, die Hände tief
zwischen die Schenkel gegraben, die Schultern gekrümmt. Das
Schlittenseil war schwarz vereist. Das Tor: ein grüner Riß im Schnee.
Wieder hatte ich versucht, ihn hier draußen zu malen; es mißlang
auch jetzt, er fror noch in der Kapokjacke; meine Hände waren vom
Seil zerschnitten, auch sie taub und vereist. Obwohl der Schnee fast
schwarz ist: der Grundlosigkeit dieser Landschaft läßt sich nicht
begegnen; meine Augen brannten. Hinabgebeugt über ihn: er drückte
das Gesicht an mich, den Kopf wie ein Vogel gereckt, die weit
offenen Augen mit den reglosen Pupillen starrten mich an, als ich
sein Gesicht rieb: Komm, sagte er, du kannst es morgen noch einmal
versuchen oder im März, bald. Ich sah die schwarzgraue
Tränenkruste. Und Jahr um Jahr die immer härtere Frage: was
mochte in diesen Blicken entschwunden sein, ehe sie in der Schmiede
unter einem Funkenschauer erloschen, wie war das zu malen, wie
dem Entschwundenen zu folgen, ich wußte es nicht, es war das
Zurückstürzen in das einst Gesehene, mit Farben unmöglich zu
ergründen. Die Leere des Dorfes dort unten: es schien nur noch von
Schatten bewohnt; dann die Hügel, von denen meine Hände
vielleicht, meine Augen nicht wußten, welche Farbe sie haben
würden, wenn ich sie auf die hellen Säcke malte; Andeutungen von
geschabtem Braun; keine Durchbrüche. Noch in der Frühe hallten die
Fröste nach. Ich legte, fast hoffnungslos, wieder die Decke um ihn.
Er wiegte sich vor und zurück, summte vor sich hin. Ich hatte Säcke
in Eiswasser gewaschen, sie froren, ich war ins Haus zurückgerannt,
sie wieder aufzutauen; so einen Vormittag lang. So kamen wir nun
zurück. Der Ofen war fast erloschen, ich brauchte lange, ein Kienholz
anzuzünden, Holz und dann die Kohlen nachzuwerfen, mir schien, als
seien die Hände hart gebacken, trug den Kleinen vor den Ofen, lehnte
ihn an das Schrägbrett, das ich mit den alten Kissen umwunden hatte,
die Schnüre tief ins Futter geschnitten; dann zog ich ihn aus, wickelte
ihn in die trockenen Decken (der Grabengärtner hatte sie aus dem
verlassenen Haus herbeigeschafft); was er trug, hätte ich waschen
müssen, vielleicht bald. Malen, sagte er. Ich schwieg. Hör auf,
flüsterte er, alles ist so kalt. Die Säcke waren getrocknet, ich zog sie
zur Decke hoch, als müsse jetzt alles andere gelingen, wäre wieder
möglich geworden. Die knappen Jahre, in denen wir hier zusammen
wohnen, haben den Raum nicht verändert. Zu ebener Erde; ein
Schuppen, auf die Stadtmauer gesetzt, hoch über dem Stadtgraben,
eine kleine Mauer zwischen dem Schuppen und dem verfallenen
Haus, von Holunder und Brennesseln umgeben: die Leute waren
irgendwann aus dem Haus verschwunden, nicht ausgezogen, sondern
einfach entschwunden, als wären ihre Gesichter in den Mauern
verblaßt: so wie wir eines Tages vielleicht verschwinden würden. Der
Raum war groß genug; ich schlief auf der Grabenseite unter dem
Fenster, der Junge auf dem kleinen Feldbett an der Wand, die das
ganze Jahr über trocken blieb. Den Ofen hatten der Händler und ich
in die Mitte gestellt, das Holz und die Kohlen ringsum an die Wände
geschichtet. Einige Bilder – verschollene Jahre des Dorfes, der Toten,
die es bewohnt hatten, Waldstücke – hatte der Händler
mitgenommen; ihr müßt leben, Mann, hatte er gesagt. Er brachte
Brot, Kartoffeln und Milch, im Herbst auch Äpfel für den Kleinen.
Im Graben unten steht Dunst. Auch dort hatte ich den Jungen zu
malen versucht. Dann der Weg durchs Feld, durchs Dorf, die
entleerte Straße entlang, eine Straße ohne Spur, ein Widerweg, ohne
Nachhall und Stimmen. Als ich damals im August mit ihm ins Dorf
zurückgekommen war – ich hatte ihn (das Bündel) getragen, später
saß er auf dem Rollwagen, den ich zusammengenagelt hatte –,
huschten schon die Gespensterschatten der fliehenden Leute den Weg
hinan, irgendwo wurde rasch ein Vorhang beiseite geschoben, etwas
blickte hinaus, auf uns herab, erlosch; der Vorhang fiel zurück. Und
dann die Winter, heftig, vollkommene Starre, ich malte mich wie
besessen in das kleine Gesicht hinein, die Augen die Augen, der
erblindete, der entschwundene Blick, und meine Hände bewegten
sich fort, während ich schon das Schlittenseil hielt, mit ihm
zurückzukehren, hinter mir summte der Kleine, schien auch damals
schon lautlos zu weinen, unergründlich auch dies, und in der Kälte
schienen seine leinenweißen Augen noch einmal zu erstarren; wie
würde ich ihn malen, diesen Nichtblick, diesen Krater, in den ich
hinabstarrrte? Im Dunst des Grabens dann, er: vermummt, von
Decken umgeben: Grün und Braun und Lila, Probestücke,
Himmelsstriche in der Dezember-, der Februardämmerung. Ich
drehte mich nach ihm um, hinter mir schaukelte die Dorfstraße
zusammen: er saß da wie stets, die Arme steil zwischen die Schenkel
ich diese Augen, nicht sie, diesen Schatten, Schimmer, die helle
Verlorenheit, die in ihnen versunken war, malen müssen, von denen
vielerlei ausging, was nur im Nimmermehr zu ergründen war. Als
Kind hatte ich blinde Männer so gemalt, als hätten sie keine Augen,
wie die Skulpturen der alten Welt, das Grauen ihrer Leere vor
Jahrtausenden, mond- und sternlos. Das Kobaltblau wagte ich nicht,
probierte es einmal mit Chromgelb. Hinter dem Dorf zog ich dann
meist mit ihm die Hügel hinan, überquerte wieder die Felder. Nein,
sagte ich, wir sind noch nicht zurück; ich weiß, hörte ich ihn hinter
mir, der Graben riecht dunkler. Ich lief, konnte auch winters die
Hände unversehens wieder bewegen, die fahle Hoffnung, ein neuer
Ansatz sei möglich: so polterten wir in den Graben hinab. Ja, sagte
der Kleine, es geht, als spüre er meinen Blick und ahne, was ich zu
ergründen suchte: sprach viel vor sich hin, schien zu erzählen, Bilder
stoben herauf, ich beugte mich tiefer hinab, in die kleine, immer
ferner rückende Stimme hinein, als wispere durch seine Blindheit ein
vergessenes Leben. Ich ließ das Seil fallen, trat zurück, sah die in den
Schnee gegrabenen Schlittenkufen, sah sein Gesicht im Dunst stehen,
Wollmütze, Mund, die blicklose Helle oder was es war; sinnlos, wie
alle anderen Versuche. Im Graben hatte ich den Sack wieder von der
Mauer genommen, die Steine, die ihn gehalten hatten, in die Löcher
zurückgesteckt, das Seil gepackt, zwischen den Händen gerieben; den
Grabenweg durchs Buschwerk, über den Mauerweg bis ans grüne
Holztor in den Garten hinein und zum Schuppen. Tag um Tag die
gleichen Gesten: Ich trug den Kleinen hinein, setzte ihn an den Ofen,
zog ihm die Wollmütze, die Filzstiefel, die wattierte Jacke ab, ein
Immerfort und Immerwieder dieses rasch versinkenden Daseins.
Dann grub ich die Kartoffeln aus der warmen Asche vor dem Ofen,
zog sie ab, brockte und gab sie ihm, trocknete ihm Gesicht, Arme,
Brust. Seine Augen hätten schwarz sein müssen; ich hätte es noch
einmal versucht. Die Tage, verwirkt. Ich ging von Bild zu Bild, nur
wenige hatte der Händler zurückgelassen (nicht zu verkaufen, Mann);
es waren die Wege, die grundlose Landschaft, über die ich mir
Zugänge zu schaffen versucht hatte, ihn zu malen: die Echos, die
Möglichkeiten seiner Bewegungen, seiner eigenen Bilderflucht, mir
unbekannt, nichts als Entwürfe, halbe Striche, dem Rätsel anheim
gegeben, das vielleicht er selbst nicht war, eben nur: mein Ich zu
seinem. Kein Auge in Auge mehr, nicht das Sichtbare zum
Nichtsehenden, das einst nur die Laute sein würden, die er erlauscht
hatte, stumm hockend im Grabenschnee zwischen den Nesseln oder
im Sommer auf einem Holzstapel, oder: auf der Wiese neben der
leeren Dorfstraße. Oder: auf einem Schemel, während der Händler,
redend, ihn an der Hand hielt; Herbstlicht abermals. Während er
schlief, an das Brett vorm Ofen gelehnt, den Mund strichdünn
geschlossen, ging ich von Bild zu Bild. Die Farben alle, wie ich auch
heute, auch morgen sie malen würde: aber sie waren alle nicht
gemalt, kein Bild war gemalt, sein Bild der Versuch dazu – als sei es
zurückgewichen in die Holzverschalung der Wände wie die aller, die
hingesetzt waren, ihn zu ermöglichen: der Händler, der
Grabengärtner, auch die Frau, die das Kind damals fortgetragen hatte
(einen zu suchen, ders nimmt).
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