|
|
Zur afghanischen
Grenze
(Leseprobe aus: Handbuch der
Wolkenputzerei, Gesammelte Essays, 2005, Hanser)
1. Teheran – Shiraz
Nach einer Woche im Iran blieben eher fast unübersehbar viele Gedankensplitter,
kaum Eindrücke, die einem nahegingen, eingingen. Man hat einen anderen Blick,
wenn man die ganze Zeit untereinander Positionen verhandelt und damit beschäftigt
ist, alle vorgefaßten Meinungen wieder zu vergessen und dieses Andere zu
begreifen; das Fremde bleibt fremd, seltsam uneigentlich, es hielt einen in der
Rolle des Beobachters, nicht des Betrachters. Wir waren als Intellektuelle
gefragt, weniger als Schriftsteller, wurden von einer Diskussion zur anderen geführt
und redeten, redeten bis in die Nacht mit einem stündlich wechselnden Gegenüber,
wandernde Akteure auf einer politisierten Bühne, ebensooft aber auch Publikum;
wir antworteten auf Stichworte und suchten hinter den Kulissen nach einem Plot,
einer Einheit der Handlung und der Zeit. Oder selbst noch nach der eines Ortes.
Nein, Teheran war weder Damaskus noch Bagdad; es erinnerte weit mehr an Athen,
ebenso zersiedelt, der Verkehr chaotisch und Dreck in der Luft, die Straßen
jedoch ungleich sauberer und die Schilder überall wie selbstverständlich
zweisprachig, Englisch unter den arabischen Schriftzeichen. Sie ließen einen
leicht übersehen, daß das Persische der Zoroaster selbst eine uralte indoeuropäische
Sprache war und das Arabische historisch ebenso aufgezwungen war wie auch der
Islam. Den Iran mit ihnen gleichzusetzen hieß, ihn mißzuverstehen und der
typisch westlichen Legasthenie zu verfallen,
die zwischen Iran und Irak keinen Unterschied herauslas; dagegen wehrte man sich
hier um so berechtigter, als die Vergleiche mit Europa weit näher lagen. Die
Atmosphäre in der Stadt glich vielmehr der eines Griechenlands Anfang der 70er
Jahre, das sich noch abzufinden hatte mit der Diktatur, doch im Bewußtsein, daß
das Ende bereits irgendwie absehbar sein mußte.
Die Menschen begegneten uns mit einer zuvorkommenden Zurückhaltung und waren
uns gegenüber dennoch offen; das war ein erstes Paradoxon. Das zweite aber, daß
jeder humorlose Konformismus und vorauseilende Gehorsam, wie sie sich in totalitären
Regimes ausbreiten, völlig fehlte; dazu waren sie zu abgeklärt und zugleich
doch aufgeklärt. Noch die Frauen suchten diesen Individualismus unter ihrem
Russari zu bewahren, und sie zeigten ihn mit jedem einzelnen Zentimeter, mit dem
sie das schwarze Kopftuch zurückrückten über den dunklen Haaren. Sich die
Nase von einem Schönheitschirurgen klassisch gerade richten zu lassen war
gerade in Mode; wer sich das nicht leisten konnte, klebte eben ein Pflaster
drauf, als ob. Es mochte eine allgemein spürbare Faszination für alles
Westliche verraten, andererseits aber blieb ihnen auch nur etwas Make-up und
sorgfältig manikürte Finger, um sich einer Öffentlichkeit zu zeigen, in der
Musik und Tanzdarbietungen offiziell verboten sind und es unstatthaft ist, einer
Frau offen in die Augen zu sehen oder ihr gar die Hand zu reichen.
Der Rückzug in die Illegalität des Privaten war offensichtlich. Armenier und Türken,
denen er zum Eigengebrauch erlaubt war, lieferten selbstgebrauten Wein frei
Haus; in großem Kreis wurden Partys gefeiert; der Schwarzmarkt führte von
unzensierten Videos bis zu Medikamenten alles, und im Untergrund gab es billiges
Opium, Prostituiertenviertel und Schwulenparks. Das Regime reagiert darauf,
indem es Exempel statuiert, drakonisch, einzeln und willkürlich. Sich auf
offene Konfrontationen einzulassen, dazu schien sein Rückhalt in der Bevölkerung
längst zu gering; ein gewonnenes oder verlorenes Fußballspiel bot Anlaß
genug, um diesen Anschein einer Ordnung für ein paar Stunden auf der Straße außer
Kraft zu setzen. Wenn darin ein offenes Aufbegehren lag, dann nur aus einem Bedürfnis
nach Normalität; von Revolutionen hatte man genug. Worin aber diese Normalität
bestehen könnte, blieb fraglich.
Man versteht ein Land entweder in sieben Tagen oder in sieben Jahren; dennoch
aber blieben die Bilder des Iran, die wir bekamen, so unterschiedlich wie
widersprüchlich, und es gab so viele davon, wie es in einer Gasse des Teheraner
Bazars Spiegel gab. Der Westen kannte nur zwei davon. Persien, das war der alte
Orient der Touristen, die Teppiche, Wasserpfeifen, Rosen, Nachtigallen und Lustgärten;
der Iran jedoch Turban und Tschador, Fanatiker und Terroristen: moderne mediale
Illustrationen für jene hic dracones, ibi sirenes, die man immer schon an den
Rand der uns bekannten Welt gesetzt hatte und die nur Stereotype der Ignoranz
darstellten. Auch was wir von ihnen wußten, war wenig; sie von uns aber genug,
um dies zu begreifen. Dafür aber hatte Kultur, abseits von den üblichen
Stehempfängen und irgendwelchen Schriftstellerkolloquien, hier für einmal auch
eine unzweifelhafte Funktion, nämlich die Klischees auf beiden Seiten
offenzulegen, bloßzustellen und auszuräumen, um die Grundlagen eines Dialogs
zu schaffen, den die Politik dann vielleicht aufzugreifen imstande wäre.
Das war Adolf Muschgs Idee zu verdanken und den Initiativen des Schweizer
Botschafters Tim Guldimann und seiner Frau, die uns seit langem verschlossene Türen
öffneten zu Ministern, Mitgliedern des Zensurbüros, Rechtsgelehrten des
Islamischen Instituts, Übersetzern und Schriftstellern. Das Interesse, auf das
wir stießen, lag im Bemühen, uns ihre Denkweisen nahezubringen; das unsere
darin, sie in ihrer Differenziertheit zu begreifen. Ein Blatt vor den Mund zu
nehmen war dabei unnötig, als es keinen Anlaß zur Provokation gab; und das
wenige, was unausgesprochen blieb, lag dadurch nur um so deutlicher auf dem
Tisch. Aber gleich ob wir über Hafiz und Goethe sprachen, mit scholastischem
Vokabular über Religion und Sprache disputierten oder über die Rolle der
Literatur in der Gesellschaft debattierten, die Gespräche kreisten stets um den
Konflikt zwischen Tradition und Modernismus – womit sie den westlichen
Wertepluralismus, seine inflationäre Globalisierung und Medien meinten. Was
diese Schlagworte herausstellten, war aber letztlich wieder nur die Frage nach
einer Einheit der Zeit; ihrer Zeitrechnung nach befanden sie sich im 14.
Jahrhundert nach der Hedschra.
Tradition bedeutet für sie, in der Welt verortet zu sein, die existentielle
Sicherheit von Glaubensgrundsätzen, die Demut des Koran. Nichts
versinnbildlichte dies besser als die Gebetsnische in der Moschee; in ihr lag
der Prediger nicht nur seinem Gott zu Füßen, sondern auch den Betenden
ringsum. Wenn ihnen der Koran aber Gott erklärte, so lehrte Firdausis Epos
Shah-nameh sie dagegen den Nationalstolz auf ihre Geschichte und Hafiz’ Diwan
die Selbstbehauptung des Menschen gegen jede Obrigkeit. Und mit derselben
Verehrung knieten sie auch an seinem Grab in Shiraz und sprachen abends unter
den Zypressen seine Verse im Chor mit; kaum einer, der nicht ein abgegriffenes
Exemplar besaß, ihn als Orakel gebrauchte und bei jeder Gelegenheit eine der
vieldeutigen Maximen dieses Freigeistes einflocht. Daß sich noch Khamenei auf
ihn berief, verriet bloß die merkwürdig widersprüchliche Geschlossenheit
dieser Kultur. Doch gemessen an unseren Maßstäben war das so, als hätten das
Nibelungenlied und Oswald von Wolkenstein heute noch tagespolitische
Aussagekraft und als kulturelle Münze ihre Gültigkeit bewahrt. Wie sie aber
nun an einen modernen Tauschwert anpassen, ohne sie zu entwerten? Für unsere
Augen lag darin ein unüberwindlich scheinender Bruch: und zugleich war doch
auch der Anspruch, überlieferte Wertvorstellungen ungebrochen weiter bestehen
lassen zu wollen, verständlich.
Dort in Shiraz machte der schnauzbärtige Romancier Mahmoud Doulatabadi aus
seinem Pathos keinen Hehl, und der Schriftsteller Shariar Mandanipour erzählte
offen, wie er in seinem Idealismus freiwillig in den Irak-Krieg gezogen war: es
waren nackte Geschichten, grobe, blutige. Und einen Moment lang wurde einem auch
die Anmaßung bewußt, mit der wir ihnen gegenübersaßen, belehrend und ohne
das Bewußtsein verleugnen zu können, daß die Weltliteratur immer die unsere
gewesen war. Dabei beneideten wir sie insgeheim um das Ansehen, die ihre Dichter
genossen, die epische Fülle der Stoffe, die Bedeutung ihrer Rolle, die ein
minutenlang stehender Applaus quittierte, wenn sie auf die Bühne schritten, während
es umgekehrt ihnen schwer begreiflich zu machen war, welch gesellschaftlich
marginalen Rang die Literatur heute bei uns spielte und daß sie sich gegenwärtig
hauptsächlich mit einer Generation Golf im Faserland beschäftigte.
Wir waren angekommen, als die ersten Angriffe auf Afghanistan geflogen wurden,
und waren doch weiter weg von aller Kriegshysterie als in Europa, wo man
bestenfalls kopfschüttelnd auf diese Reise reagiert hatte. Niemand zeigte mit
Fingern auf uns. Spürbar aber war
die Betroffenheit, über den 11. September und die Bombardements. Wenn wir nach
dem Plenum dann in der Residenz des Schweizer Botschafters, der die
amerikanischen Interessen vertrat, noch mit Journalisten, Dissidenten und
Intellektuellen zusammensaßen, war es aber jedesmal unmöglich, die
Ambivalenzen der gegenwärtigen Situation auch nur ansatzweise schlüssig werden
zu lassen. Wir suchten nach Konzepten und Modellen: Adolf Muschg mit seinem
moralischen Gewissen und einem Glauben an das Gute, im Wissen darum, daß es
letztlich vergeblich war; seine Frau Atsuko mit ihrer beherrschten Wut, die ihre
Gerechtigkeit einforderte; Hans Magnus Enzensberger, dessen sokratischer
Intelligenz es um reale Proportionen ging und der an jeder Ideologie nur deren
utilitaristischen Gebrauchswert zu akzeptieren bereit war; und ich, der ich
wahrscheinlich die Poesie behauptete, aus einem eher anthropologischen Interesse
daran, was die Menschen unabhängig von Zeiten und Orten antrieb. Und wurden
jedesmal konfrontiert mit Argumenten, die alles erneut ins Gegenteil verkehrten.
Es war, als gäbe es keine Einheit der Handlung, nur beschränkte
Handlungsfreiheiten.
Doch das, was wir als instabilen und kritischen Zustand sahen, schien hier
gerade die Dinge im Gleichgewicht zu halten. So wie sie seit jeher jeder
Okkupation zu widerstehen vermocht hatten, wußten sie längst, daß man wenn,
dann nur auf dem rein Vorläufigen aufbauen konnte. Allen religiösen und
politischen Scharaden dabei setzten sie ihr eigenes Maskenspiel entgegen; und
die Figur, dessen Schirmherrschaft man dafür reklamierte, war die des
orientalischen Till Eulenspiegels, Nasredin Hodscha. Er hielt zumindest uns
seine Spiegel vor; ob wir dabei wirklich ihre Gesichter sahen oder sie sich
darin überhaupt selbst je erkannten, war nicht zu sagen. Aber es gab für das,
was sich unter der Maske verbarg, einen Namen: das Wort rend, das in seinen 365
eingebürgerten Auslegungen das Paradoxale ihrer unheilvollen Heiligen ebenso zu
umfassen verstand wie das von heiligen Narren und schelmischen Weisen. Sie verkörperten
eine Tragikomik, die die Perser nur allzugut verstanden. Und wenn man nicht mehr
weiterwußte und nach einer Regieanweisung suchte, schlug man eben wieder bei
Hafiz nach und ließ sich von ihm soufflieren, daß es genügte, Wein zu
bringen, denn an diesem Hof göttlicher Gleichgültigkeit sind sich König und
Sklave, Säufer und Nüchterner gleich. Wenn es Zeit wird, von dieser unseren Bühne
mit ihren zwei Türen abzugehen, ist es dann noch von Bedeutung, ob es eine
Pforte oder eine Säulenhalle ist und der Applaus groß oder klein?
Rezension I Buchbestellung I home II05 LYRIKwelt © Hanser-Verlag