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Tristan da
Cunha
(Leseprobe aus: Tristan da Cunha,
Roman, 2003, Hanser)
E-BASE: vier
Wohneinheiten auf einem Stahlgerüst, durch einen schmalen Plankengang
verbunden, Funkraum, Küche, Schlafraum, die Hütte für die Duschen und den
Generator. Die Emergency-Base, die hauptsächlich zur Ein- und Ausschiffung
dient, wurde 1985 errichtet, nachdem der alte Unterschlupf vom Schnee zu tief
unter die Oberfläche gedrückt worden war (und jetzt hundert Fuß unter ihr
liegt, verformt und zerpreßt vom Gewicht des Eises; es schneit etwa drei Fuß
pro Jahr).
Das Klo besteht aus einem Brett mit einem Loch in der Mitte, unter dem ein
Plastiksack hängt; er wird verknotet und draußen in eine Tonne geworfen, wo
die Scheiße binnen Minuten gefriert. Ekel stellt sich so lange nicht ein, wie
etwas notwendig erscheint; was mich anwidert, ist nur das verpisste Brett.
Das Eis knirscht trocken, als ginge man über Zuckerkristalle. Eine scheinbar unermeßliche Weite; man selbst wie eine Ameise auf einem Tischtuch.
Die Begegnung mit der auf unserem Schiff zurückkehrenden
Mannschaft ist kurz und merkwürdig gespannt, als würden wir in ein Territorium
eindringen, das sie uns nicht überlassen wollen, trotz all den Monaten der
Dunkelheit, die sie hinter sich haben.
Einer von ihnen spricht es offen aus; ich habe irgendwie Angst zurückzukehren,
meint er, als wüßte ich nach der Zeit hier mit meinem Leben nichts mehr
anzufangen. Die anderen sehen ihn an und sagen nichts.
Nachdem wir eine detaillierte Liste von Anweisungen durchgegangen sind, bringt
sie der Hubschrauber auf die R.S.A., die eine halbe Stunde später schon wieder
Kurs nach Simonstown nimmt.
Wir bleiben: vier Wissenschaftler, Fanus, der Anführer der Expedition, Conrad,
der sich um die Magnetosphäre kümmert, Frank, der mit den Amerikanern beim
AMANDA-Projekt zusammenarbeitet, ich; und die fünf Techniker, die sich um den
Betrieb der Station kümmern, Karel um die Kommunikation, Mike um die Elektrik,
Ryan um alles Mechanische, James und Andre als Dieselmechaniker; und Edward,
unser Doktor. Zwei Schwarze, acht Weiße; neun Männer und eine Frau.
Auf dem Schiff sind wir uns nicht aus dem Weg gegangen, haben aber jeden näheren
Kontakt vermieden, im Bewußtsein, daß wir die nächsten zwölf Monate nur uns
und unsere Geschichten haben werden. Bis nächste Woche werden wir damit beschäftigt
sein, die Kisten und Container auf die Raupen zu verladen, mit der sie der Reihe
nach in unsere Station weiter südlich transportiert werden.
Fortwährend Wind; selbst wenn er lau ist, kühlt er alles um zwanzig weitere Grade herab. Alles ist ungewohnt, dadurch kaum beschwerlich; daß ich mir am Handrücken eine Erfrierung zugezogen habe, merkte ich erst, als es bereits zu spät war. Er pocht und brennt; eine Brandblase.
Das Kliff der Bukta arbeitet; Klüfte brechen
auf, Schnee löst sich von der Stirnwand und rauscht ins Meer.
Unten an der Wasserlinie grummelt das Treibeis, zertrümmerte Brocken klickern
in den Wellen, und Schollen schieben sich krachend übereinander; manchmal ein
vibrierendes Dröhnen wie das eines Gongs, eines Kanonenschusses, oder wie von
den Böllern der Feiertagsprozession in unserem Dorf, als ich acht Jahre alt
war. Der Streifen offene See so grell, daß man den Horizont nur mit
zusammengekniffenen Augen erkennt.
Hinter mir im Süden aber kommt über den Gletscher ein anfangs noch leises
Pfeifen, das stärker wird, oszillierend höher, die Obertöne des Eises im
Wind.
Weiter westlich läuft die Bukta nach zwei Meilen aus, ohne daß es einen
einzigen Felsen oder so etwas wie eine Landzunge gibt. Ein penetranter
Schwefelgeruch liegt in der Luft; am Meer sieht man den Brutplatz der
Kaiserpinguine, eine wirr drängende Masse von Tieren. Sie werden hier überwintern,
wo es wärmer ist als oben auf dem Gletscher, und im Dunkeln stehen wie Statuen,
jeder sein Ei auf Füßen balancierend, um es vor der Kälte zu schützen.
Jetzt aber sitzen sie, gehen, torkeln manchmal, schlittern auf ihren prall gefüllten
Bäuchen an Eisschollen hinab und füttern die Jungtiere. Das Eis braun von
ihrem Guano; eine betrunkene Parlamentsversammlung. Aber alle Vergleiche bleiben
hilflos, zeigen nur, wie illusorisch jede Vorstellung von Zivilisation bereits
geworden ist.
Alles Leben ist parasitär hier. Fanus lehrt mich die Namen einer Mikroflora von
Bakterien, Hefen, Algen und Pilzen, aber auch die von Milben, Läusen, Flöhen
und Schneewürmern (winzig schwarzen Fadenwürmer, die sich auf dem Kontinent so
weit verbreiten konnten, weil sie Eier legen, die voller Frostschutzflüssigkeit
sind). Das Latein für sie lerne ich von ihm zusammen mit dem Slang, den alle
Wissenschafter der zweihundert antarktischen Forschungsstationen benützen.
Seine Art hat etwas Einschüchterndes; ich weiß nicht, ob es daran liegt, daß
ich eine Frau bin. Aber er braucht mich; ich bin die einzige, außer ihm, die
mit einem Atemkreisgerät vertraut ist.
Über uns Skuas, die es auf unsere Köpfe abgesehen haben, und Seidenschnäbler, so weiß, daß sie sich erst im letzten Moment vom Schnee abheben. Da ist ihr Krächzen zwischen dem Schrillen der kreisenden Raubmöwen und dem Murmeln der Pinguinkolonie. Doch was ich daraus instinktiv heraushören will, ist etwas symbolisch Menschliches, und weiß doch, daß es nur Geräusche sind, bedeutungslos für uns. Schneestaub, kristallen in der Luft und beißend auf der Haut: das ist unser Absolutum.
Heute morgen sind wir die Steilwand der Bukta
hinabgetaucht, Kuhlen und Rundungen weich changierenden Blaus entlang, die
Versuchung, immer tiefer zu gehen, eine Sucht, der man standhalten mußte –
Ganglien von geripptem Eis, ihr Blau übergehend in das Große Blau des Meeres,
als wäre der Himmel zu Wasser geworden. In diesem unwirklich klaren Meer schien
die Oberfläche, zu der die Luftblasen aufstiegen, so unveränderlich nah, daß
ich unsere Tauchtiefe am Tiefenmesser ablesen mußte. Wir hatten keine maximale
Tiefe ausgemacht; doch an dem Punkt, wo wir nicht mehr genug Luft haben würden,
um schwimmend aufzusteigen, falls das Gerät in der Kälte versagte, drehte
Fanus sich nicht einmal zu mir um, sondern ließ sich bis auf hundertsechzig Fuß
unters Eis hinab, wo das Licht immer grauer und grauer wird, so grau wie das
Eis. Erst im Schein der Handlampen begann Leben in allen Farben zu wuchern,
handgroße scharlachrote Klappenasseln, die kleinen Wedel der Röhrenwürmer,
Seegurken; ein riesiger schuppenloser Grundfisch reglos im Schlamm, seine
Schnauze abgeflacht und knorpelig, die Augen so randlos weiß, daß ich
narkotisiert vor ihm im Wasser schwebte.
Nichts als Tiefenrausch, der Stickstoff in meinem Blut; und es wurde schlimmer,
als wir am nächsten Eck des Kliffs in eine starke Strömung gerieten. Mit den
Fingerspitzen versuchte ich, Halt zu finden, an das Eis gedrückt, mühsam mich
voranarbeitend; aber obwohl ich von vielen Tauchgängen wußte, daß ich ruhig
Blut bewahren mußte, weil Panik tötet, atmete ich unwillkürlich immer
schneller, ohne daß ich etwas dagegen hätte tun können. Es war eine
Beklemmung, die mir jetzt noch körperliche Übelkeit verursacht, ein Gefühl
vollständigen Verlorenseins inmitten des unermeßlichen Ozeans.
Nach dem Auftauchen, als wir uns in der Raupe aus den Trockenanzügen in die
Daunenanzüge zwängten, warf ich Fanus alles an den Kopf. Mehr noch, als daß
ich vollkommen ausgefroren war, zitterte ich vor Zorn; er hatte gegen alle
Regeln verstoßen, rücksichtslos auf sein Ziel fixiert. Es kam mir vor, als
habe er herausfinden wollen, wie weit er mit mir gehen könne. Wie soll ich mit
jemandem die nächsten zwölf Monate verbringen, zu dem ich jetzt schon das
Vertrauen verloren habe?
Vor einer halben Stunde kam er, um sich zu entschuldigen. Linkisch machte er mir
ein paar Briefmarken mit Abbildungen eigenartiger Barsche und Dorsche zum
Geschenk. Was ich gesehen hätte, wäre ein Krokodil-Eisfisch gewesen, sagte er
zu mir, als würde dieses Gerede wieder etwas gutmachen; ihr Blut sei weiß,
voller Gefrierschutzproteine, die Flugzeughersteller interessierten sich dafür,
um eine Flüssigkeit gegen das Vereisen von Tragflächen zu entwickeln... Ich
komplimentierte ihn aus dem Zimmer.
James, Ryan, Mike und Edward sind heute wieder mit den beladenen Raupen zur
Basisstation vorausgefahren. Wir sitzen um den Tisch, ein Glas Whiskey vor uns,
und reden über die getane Arbeit und die, die noch zu tun ist; es ist auch ein
Abtasten, welchen Gesprächston wir für uns finden sollen. Conrad bietet mir
eine Zigarette an. Ich rauche nicht, sage ich. Das wirst du noch – wart nur,
bis das Dunkel erst eingesetzt hat, erwidert er, sich selbst mit einem Nicken
beipflichtend. Es dauert nicht lange, und die Stimmung ist wie in der Hotelbar
einer Vertretermesse nach Mitternacht. Die ersten Witze. Ich lache herzhaft, bemüht
zu dieser Männerrunde zu gehören. Sie erzählen mir dafür ihre
Weibergeschichten, als wäre ich einer von ihnen.
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