Die Wüste Lop von Raoul Schrott, 2000, Hanser

Raoul Schrott

Als er das erste Mal...
(aus: Die Wüste Lop Nor, 2000, Hanser)

Als er das erste Mal mit Arlette spazierenging, fiel
ihm auf, daß sie hin und wieder hinkte, so als hätte
sie ein zu kurzes Bein.
Als er das erste Mal die Hand unter ihren Pullover
geschoben hatte, fühlte er Brüste, die ihm riesig
vorkamen (daß er nur wenig Erfahrung hatte,
entschuldigt nichts); ihre Hüften dagegen waren schmal wie die eines Knaben, die Füße klein wie
von einem Kind.
Als er das erste Mal mit ihr schlief, war ihm morgens beim Aufstehen schlecht. Danach gewöhnte Raoul
sich immer wieder nur langsam an sie; daß er
vom Schiff kam, half.
Er täuschte sich immer in den Frauen.
Dennoch ließen sie beide das Licht an.

[...]

Jedesmal, wenn er mit dem Trawler eingelaufen war, stand sie mit ihrer schwarzen Sonnenbrille am Hafen. Darunter waren Arlettes Augen blau. Raoul tat nichts lieber, als sie ihr abzunehmen, um dieses Blau zu
sehen, das dunkel war, dunkler als
das Meer.
Die Liebe; er versuchte, sie nachzuahmen, und es mißlang ihm wieder und wieder. Und die Schwere ihrer Brüste hörte nicht auf, ihn zu verwirren (das
mag lächerlich klingen, außer, man weiß, was gemeint ist).
Aus dem Dunkel des Schlafzimmers sah er manchmal den Mond im Fensterrahmen aufgehen, weiß wie das Glück. Raoul sagte das auf französisch; da reimt es sich: lune und fortune.

[...]

Den Sand, den er mitgebracht hatte, gab er in der Küche in eine Glasschüssel, eine Handbreit hoch. Dann stieß er mit einem Eisenrohr in den Haufen.
Das Knirschen war da, das Reiben und, wenn man
genau hinhörte, etwas, das entfernt an ein Bellen
erinnerte, ein Hund irgendwo hinter den Häusern.

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