HARRY
(Leseprobe aus: Alte
Liebe, Roman, 2009, Hanser - gemeinsam mit
Elke Heidenreich).
Früher, wenn mit Gloria irgendwas war – und irgendwas war ja immer –, fragte Lore meistens, Harry, was haben wir falsch gemacht? Das fragt sie Gott sei Dank nicht mehr. Wir haben nichts falsch gemacht, Lore. Ich lehne es ab, immer etwas in der Erziehung falsch gemacht zu haben, wenn die erwachsenen Kinder mit dem Leben nicht zurechtkommen.
Wir haben Gloria ein intaktes Familienleben geboten.
Wir waren immer für sie da und wir haben sie in Ruhe gelassen. Sie hatte alle Freiheiten und alle Möglichkeiten. Ich glaube, eines ihrer Probleme war, dass sie das gar nicht zu schätzen wusste, weil es so selbstverständlich war. Einmal, ich erinnere mich, Gloria war schon fast zwanzig und gerade aus Indien zurück und ziemlich am Ende, da sagte ich, ach, Kind, du hast so schön Klavier gespielt. Es war so schade, dass du das nicht weitergemacht hast. Sie hatte ja Begabung, von wem wissen wir nicht. Sie sang schön, war wirklich musikalisch. Da sagt sie doch tatsächlich: Ihr hättet mich eben zwingen müssen. Na fein! Das hätte ich erleben wollen, wenn wir sie jemals zu irgendetwas gezwungen hätten. Zwingen!
Wie denn? Womit denn? Mit Ohrfeigen, Strafen, Verboten?
Hätten wir sie zwingen sollen, die Schule fertig zu machen?
Hätten wir verhindern sollen, dass sie nach Indien ging mit diesem Schluffi? Hätten wir sie zur Abtreibung zwingen sollen, als sie später dann schwanger war von einem Kerl, der sich schon während ihres ersten Schwangerschaftsmonats ab seilte? Nein, das war bei uns nicht drin. Wir waren durch unsere autoritären und kriegsgeschädigten Eltern gewarnt. In diesen Dingen – in vielen anderen nicht – waren Lore und ich uns ziemlich einig. Natürlich war Lore der Tochter immer näher. Vielleicht denkt sie deswegen manchmal darüber nach, was sie falsch gemacht haben könnte, und dann sagt sie wir, wir haben was falsch gemacht.
Nun also Frank Bredow, gerade mal zehn Jahre jünger als ich, der Mann, den wir nicht kennengelernt haben, von dem bisher nie die Rede war, den sie vor einem halben Jahr wohl selbst noch gar nicht kannte. Frank Bredow, Leipzig, Heirat im September, Einladung zu großer Hochzeit. Kann man das ernst nehmen? Da heiratet die zum dritten Mal und macht ein solches Brimborium! Also ich weiß nicht – und ich will nicht. Frank Bredow. Ich habe über den Mann gegoogelt. Eckhart Bredow, der Vater, Inhaber der Firma Bredow-Bau-Hamburg (
BBH), Immobilien, Baufirmen, zwölfhundert Angestellte. Sohn Frank Bredow, Juniorchef und Leiter der Filiale der BBH in Leipzig, vierhundert Angestellte. Also kein Ossi, liebe Lore. Leipzig, dachte ich mir, Leipzig, da ist doch der Kollege Polenz aus dem Bauamt nach der Wende hingegangen.Ich also den Polenz angerufen. Interessante Informationen! Die Bredows haben nach der Wende eine große Gründerzeitvilla mit sehr viel Grund und Boden zurückbekommen. Frank Bredow hat das Anwesen übernommen, restauriert und zugleich eine Filiale der väterlichen Firma aufgezogen. Er ist sozusagen von Beruf Erbe, sagt Polenz. Reiche Leute, naturgemäß im Osten nicht beliebt. Frank Bredow, so Polenz, ist ein arroganter, unangenehmer Kerl. Großkotz, kriegt aber jetzt was auf den Deckel. Er hat ungenehmigt einen Tennisplatz mit Kunstrasen vor seine Villa gebaut, mitten in ein Wohngebiet. Das hat die Stadt untersagt. Jetzt prozessiert er mit den Behörden herum, was natürlich die Chancen, mit der Stadt Immobiliengeschäfte zu machen, nicht gerade begünstigt.
Jedenfalls, sagt Polenz, er wird sich den Tennisplatz abschminken müssen.
Und dann hat er gefragt, warum mich der Mann interessiert. Er wird mein Schwiegersohn, hab ich gesagt, und ich hab gemerkt, wie fassungslos der Polenz war. Jetzt wollte er einiges zurücknehmen, klar, aber ich hab gesagt, ist schon gut, Polenz, ich kenn den Kerl nicht und ich glaube auch, dass ich ihn nicht mag. Übrigens, sagte Polenz am Ende noch, seine Firma heißt Kaiserreich, nach der Mutter, einer geborenen Kaiser. Kaiserreich. Das muss einem einfallen.
Wann, wie und ob überhaupt ich das Lore erzähle, weiß ich noch nicht. Vielleicht ist es gut, wenn sie unvoreingenommen zu dieser Hochzeit fährt. Ich werde mich drücken – vielleicht krank werden, wer weiß.
*
»Ist sie denn eigentlich glücklich, Lore, hört man mal dazu was oder ist das egal?«
»Ich glaube, unsere Tochter ist zum ersten Mal im Leben richtig glücklich.«
»Das wär ja mal schön. Und woher willst du das wissen?«
»Sie sagt es.«
»Hat sie das nicht jedes Mal gesagt, wenn sie einen neuen Kerl hatte?«
»Hat sie nicht.«
»Doch.«
»Sei doch nicht so stur. Lass doch mal den Gedanken zu, dass Gloria älter und vernünftiger geworden ist. Sie macht am Telefon einen sehr ausgeglichenen Eindruck. Das war nicht immer so.«
»Wahrlich.«
»Das war niedlich: ich hab sie gefragt, ob sie nicht Schwierigkeiten damit hätte, nun plötzlich so einen wohlhabenden Mann zu haben. Mama, hat sie gesagt, Frank ist nicht wohlhabend, er ist reich, steinreich, aber ich habe überhaupt kein Problem damit.«
»Woher hat der denn die Kohle? Geerbt?«
»Das auch. Der Vater macht irgendwas mit Immobilien in Hamburg. Frank ist der einzige Sohn und hat eine Dependance der Firma in Leipzig, wo sie eine Riesenvilla haben.«
»Und da wohnen sie?«
»Ja, Frank, Gloria und Laura. Und Personal.«
»Personal? Wie kommt unser einstiges Freakmädchen mit Personal zurecht?«
»Sie wird ja auch älter, Harry. Die Villa muss riesig sein, renoviert, denkmalgeschützt, großes Grundstück, Stallungen für Pferde, ein Park und ein Pförtnerhaus. Und stell dir vor, vor dem Haus haben sie einen eigenen Tennisplatz.«
»Vor der denkmalgeschützten Villa mitten im Wohngebiet?«
»Ja. Warum nicht?«
»Würde mich wundern, wenn das in Leipzig erlaubt wäre, privater Tennisplatz mitten in einem Wohngebiet.«
»Ich glaub, es hat ein bisschen Ärger gegeben, aber jetzt existiert der Tennisplatz. Frank hat wohl Beziehungen, er hat es irgendwie als ›Wiese mit Streifen‹ deklariert. Komisch, oder? Wiese mit Streifen. Zur Hochzeit wird er eingeweiht. Und Gloria schenkt Frank zur Hochzeit so einen Hochsitz.«
»Einen Hochsitz? Geht der etwa zur Jagd?«
»Nein, so einen Schiedsrichterstuhl für den Tennisplatz, wo er oben draufsitzen kann, wenn sie mit anderen Tennis spielt und er den Schiedsrichter macht – oder Punktrichter oder wie das heißt.«
»Wie ein Kaiser auf dem Thron, der über sein Kaiserreich blickt und Punkte vergibt.«
»Harry, ich verstehe deine Ironie nicht.«
»Das kam mir gerade so als Bild. Ist er groß oder klein?«
»Normal, wie ein Tennisplatz eben, denke ich.«
»Nein, der Schwiegersohn.«
»Eher klein und untersetzt.«
»Sagt Gloria das?«
»Nein. Ich weiß jetzt nicht, wie ich dir das sagen soll, Harry, ich bin doch auch verunsichert durch diesen plötzlichen Wandel im Leben unserer Tochter. Man macht sich doch auch Sorgen.«
»Warum? Nun ist sie doch versorgt.«
»Genau das ist es doch, was mich verunsichert hat.«
»Dachtest du, aha, jetzt reißt sie sich einen Reichen unter den Nagel, egal, was es für eine Type ist.«
»Ich wollte einfach wissen, was für ein Mensch er ist und ob ich Glorias Euphorie trauen kann.«
»Und weißt du es jetzt?«
»Na ja. Ich habe eine Kollegin aus der Leipziger Stadtbibliothek angerufen – die hab ich mal auf einem Lehrgang kennengelernt. Die hab ich ausgefragt.«
»Detektivin Lore, besorgte Mutter. Und was sagt die?«
»Sie sagt, dass die Bredows in Leipzig praktisch jeder kennt. Alteingesessene Familie, vor dem Krieg gehörten sie zu den Stadthonoratioren. Dann sind sie geflohen und jetzt zurückgekommen. Sie kennt Frank persönlich. Er sei sehr großzügig, habe zum Beispiel für den Ausbau der Bibliothek gespendet, tue viel für die Stadt und sei ein umgänglicher Mensch und sehr beliebt.«
»Und klein und untersetzt.«
»Das auch.«
»Also vermutlich kleiner als Gloria.«
»Vermutlich.«
»Lore, wie fändest du es, wenn unser Nachbar drüben die große Wiese vor seinem Haus zum Tennisplatz umbauen würde?«
»Was soll das denn jetzt, das ist doch ganz was anderes.«
»Und wir würden hier sitzen und es flögen uns die Tennisbälle um die Ohren. Und auf einem Schiedsrichterstuhl säße der Nachbar und würde rufen: fünfzehn, dreißig, Matchball, Ausgleich! Würde dir das gefallen?«
»Natürlich nicht.«
»Vielleicht gefällt das ein paar Leuten in Leipzig auch nicht.«
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