Hau
(Leseprobe aus:
Hau, Roman,
2006, Hanser)
Endlich ist Ruhe im Saal. Das Spiel
kann beginnen. Dr. Eller macht seinen ersten Zug:
Angeklagter, haben Sie die Tat begangen?
Nein.
Hau sagt es mit fester Stimme.
Sie waren zur Zeit der Tat aber in Baden-Baden?
Darüber mache ich keine Angaben.
Sie sollen sich schon in ganz jungen Jahren, auf dem Gymnasium, mit
Frauenzimmern herumgetrieben und sich dabei etwas geholt haben?
Hau lächelt und zögert.
Leichtes Raunen im Saal.
Darüber möchte ich keine Angaben machen.
Auch auf der Universität sollen Sie viel und wahllos mit Weibern umgegangen
sein. Sie sollen stark gelebt und dann einen Blutsturz gehabt haben?
Ich will letzteres nicht in Abrede stellen.
Das Publikum will unruhig werden, wird aber vom Vorsitzenden zur Ordnung
gerufen, der froh ist, dieses Thema so früh schon angesprochen zu haben.
Sie mußten sich dann in eine Lungenheilanstalt und schließlich nach der
Riviera und nach Korsika begeben?
Ja.
Waren Sie auch in Monte Carlo?
Ja.
Haben Sie dort auch gespielt?
Ja.
Da waren Sie gerade neunzehn?
Ja.
Auf Korsika lernten Sie Frau Molitor und ihre Töchter kennen?
Ja.
Wie kamen Sie in nähere Beziehung zu Fräulein Lina Molitor und den anderen
Damen?
Ich lehne darüber jede Auskunft ab.
Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß die Verweigerung der Auskunft bei einer so
furchtbaren Angelegenheit doch wohl überlegt sein muß.
Danke.
Sie haben dann mit Fräulein Molitor eine Korrespondenz geführt?
Ja.
War diese sehr leidenschaftlich?
Ich verweigere die Auskunft.
Fräulein Molitor wollte der Sache ein Ende machen. Sie war einem Offizier
versprochen, schrieb dann aber, sie könne nicht die Frau eines anderen werden.
Sie verschwand dann mit Ihnen, nachdem sie 2000 Mark von der Sparkasse abgehoben
hatte.
Dr. Eller schaut Hau fragend an. Der lächelt und verschränkt die Arme vor der
Brust.
Fräulein Molitor lag dann krank in einem Schweizer Hotel – wegen einer Schußwunde
unterhalb des Herzens.
Als sei es Lina Haus Herz, starren alle auf das Herz der Josefine Molitor, das
in Spiritus eingelegt vor dem Vorsitzenden steht.
Haben Sie ihr diese Schußwunde beigebracht, weil Sie sich dann später auch
erschießen wollten?
Ich verweigere die Auskunft.
Ich mache Sie erneut darauf aufmerksam, wie bedenklich das ist.
Ich danke erneut.
Gelächter im Saal, aus einer Ecke kommt Beifall.
Ich darf bitten! Sie heirateten dann Fräulein Molitor und gingen nach
Washington. Warum gerade dorthin? Hatten Sie damals schon die Absicht, einen
hohen Flug zu nehmen?
Dr. Eller begleitet diese Frage mit einer schwungvollen Geste. Das Publikum ist
ihm ein Spiegel. Er gefällt sich. Es hat gut begonnen, so kann es weitergehen.
Ich hoffte dort auf besseres Fortkommen.
Sie haben dort drei Jahre Jura studiert?
Ja. Nach einem Jahr wurde ich Master of Arts, schließlich Dozent und
Hilfsprofessor mit 600 Dollar Jahresgehalt. Darauf machte ich das Staatsexamen,
auf Grund dessen man zur Advokatur zugelassen wird.
War dieser Bildungsgang regulär?
Nein.
Was heißt das?
Man ließ mich auf Grund bester Examina zu, obwohl ich noch kein amerikanischer
Staatsbürger war.
Sind Sie vor Gericht aufgetreten?
Nein. Ich behandelte Fälle über internationales Privatrecht. Seit 1905 wurde
ich gut bezahlt.
Vorher mußten Sie um Ihre Existenz kämpfen?
Ja.
Ihre Frau erhielt die Zinsen von 65000 Mark?
Ja.
Wieviel brauchten Sie jährlich?
Etwa 8000 Mark.
Drängten Sie oder Ihre Frau nach dem Kapital?
Meine Frau. Es wurde 1905 herübergeschickt. Ich verwendete es für mein Büro.
1903 gingen Sie erstmals in die Türkei?
Ich war Sekretär des Generalkonsuls Schönfeld in Konstantinopel. Er hatte
wegen der Weltausstellung in St. Louis mit der Türkei zu verhandeln.
1905 waren Sie nochmals in Europa. In Paris.
Ja. Ich reiste im Auftrag eines Anwalts der Standard Oil Company.
Wie hieß der Anwalt?
Ich lehne die Aussage ab.
Ihre Frau hat sich darüber beklagt, daß Sie diese Reise zu einem, sagen wir
einmal, ausschweifenden Leben vorwiegend mit Frauenzimmern nutzten.
Ich verweigere darüber die Auskunft.
Sie trugen sich in der Türkei mit hochfliegenden Plänen?
Die Anregungen gingen von Schönfeld aus. Im Auftrag der amerikanischen
Gesellschaften. Es handelte sich um Konzessionen für elektrische Eisenbahnen für
die Türkei.
Sie sollen bei der sogenannten Verbindung mit der Standard Oil phantastische und
nebelhafte Projekte gemacht haben?
Nein, es waren praktische Vorschläge. Generalkonsul Schönfeld war von der türkischen
»Pforte« veranlaßt worden, amerikanisches Kapital nach Konstantinopel zu
ziehen. Ich war beauftragt, die nötigen Schritte zu tun.
Ihre Vorschläge sind als verschwommen zurückgewiesen worden.
Nein, sie waren zuerst nicht fixiert. Man versprach mir aber eine Provision.
Dann haben Sie noch Geschäfte mit Kreuzern versucht?
Ich kann mich dazu nur allgemein äußern. Meine Aussagen könnten verschiedenen
Personen schädlich werden.
Jetzt geht es doch wohl eher darum, daß Ihre Aussagen Ihnen nicht schädlich
werden.
Es handelte sich um Lieferungen nach Rußland.
Was kostet ein Kreuzer? Und was sollten Sie als Provision bekommen?
Ein Kreuzer kostet etwa 21 bis 22 Millionen Mark. Davon sollte ich 5 Prozent
bekommen.
Ein Raunen geht durch den Saal.
Hatten Sie in der Türkei, wohin Sie im Januar 1906 nochmals gingen, Erfolge?
Ich hatte einen türkischen Großwürdenträger für mich gewonnen.
Und trotzdem gingen die Geschäfte nicht nach Ihren Vorstellungen?
Das waren ungünstige Umstände. Der Sultan wollte mit dem neuen Botschafter
nicht verhandeln. Außerdem war er schwerkrank. Es gab Verzögerungen und
Differenzen.
Sie sollen sehr verschwenderisch gelebt haben.
Das mußte ich, um meine Geschäfte zu fördern.
Geschäfte, die nicht stattfanden?
Es war alles in der Entwicklung.
Haben Sie Verschwendungssucht und Phantasterei nicht übertrieben?
Ich lebte so auf Anraten eines hohen türkischen Beamten.
Ein Jurist, Ehemann und Vater mit kleinem Einkommen durfte doch nicht so mit dem
Gelde herumwerfen.
Ich sah das nicht als so schlimm an.
Sie haben das Geld eines Geschäftsfreundes und das Vermögen Ihrer Frau
durchgebracht. Es handelt sich insgesamt um etwa 80000 Mark. Mit fremdem Geld
macht man doch nicht solche verwegenen Pläne. Das ist etwas für Millionäre,
aber nicht für Sie.
In Amerika sieht man das anders.
Sie scheinen die Amerikaner noch überamerikanisiert zu haben. Diese sind doch
sonst sehr vorsichtig und abwägend.
Große Geschäfte verlangen hohe Einsätze. In Amerika weiß man das.
Etwas Gelächter im Publikum. Hau genießt die große Geste. Dr. Eller lächelt
überlegen. Die Miene des Verteidigers Dr. Dietz verfinstert sich, gelingt es
Dr. Eller doch, die Intelligenz des Angeklagten und seinen stets wachen Verstand
schon sehr früh sichtbar zu machen. Das deckt sich nicht mit den Absichten des
Verteidigers, doch sieht er noch keinen Grund, einzugreifen.
Der Vorsitzende spürt, daß er so nicht weiterkommt. Er wechselt das Thema,
sehr zur Freude des Publikums.
Haben Sie sich in Konstantinopel viel mit Frauenzimmern abgegeben?
Hau lächelt und schweigt.
Sie sollen mit zwei Kokotten aus Paris oder noch weiter aus dem Süden Orgien
gefeiert haben, mit der Otero und der Carmensitta?
Hau schweigt.
Sie sollen nachher gesagt haben, jetzt hätten Sie für einige Zeit genug.
Gelächter.
Haben Sie uns dazu nichts zu erzählen?
Nein.
Sie hatten dann noch ein Geschäft mit der peruanischen Regierung in der
Schwebe? Was sollte Ihnen das bringen?
Dreißig Prozent von fünf Millionen Dollar.
Raunen im Publikum, kleine Diskussionen, alle rechnen und staunen.
Sind das dort übliche Provisionen?
Es handelte sich um einen Geschäftsmann, der an die peruanische Regierung einen
Anspruch auf fünf Millionen hatte.
Und die haben nicht bezahlt?
Nein.
Und Sie haben keine Provision bekommen?
Der Geschäftsmann war mittellos.
Anton Schmidt, Werkmeister aus Durlach und Geschworener, lacht laut.
Bitte, mein Herr!
Erschrocken schweigt Schmidt und schaut sich beschämt um.
Sie wurden also immer tätig, sollten aber immer erst bei Erfolg Geld bekommen,
ist das richtig?
Das ist drüben so Usus.
Als Sie in Konstantinopel kein Geld mehr haben und keine Geschäfte mehr zu
machen sind, fahren Sie nach Wien. Dort lösen Sie einen Kreditbrief von 400
Pfund ein und erheben das Geld wenige Tage später in Baden-Baden noch einmal
mit dem Hinweis, man habe Ihre Unterschrift gefälscht. Eine unlautere Handlung.
Nein. Es war ein Irrtum.
Diese 800 Pfund waren Ihr letztes Geld. Dann kamen Sie nach Baden-Baden?
Ja.
Hatten Sie Beziehungen zu Ihrer Schwägerin, Fräulein Olga Molitor?
Ich verweigere die Aussage.
War Ihre Frau eifersüchtig auf Fräulein Olga?
Ich lehne die Antwort ab.
Später fuhren Sie mit Ihrer Frau und Ihrer Schwägerin nach Paris?
Ich lehne jede Auskunft darüber ab.
Dann kam das mysteriöse Telegramm an Frau Molitor in Baden-Baden: »Erwarte
Dich mit nächstem Zug. Olga krank. Lina«. Frau Molitor fuhr sofort mit dem
Orientexpresszug nach Paris. Haben Sie das Telegramm geschrieben?
Darüber lehne ich die Antwort ab.
Bewegung im Saal. Zum ersten Mal, das fällt auch Wöhrle auf, ist Hau etwas
nervös. Was soll das, denkt der Papierfabrikant, es hat doch in den Journalen
gestanden, es ist doch erwiesen, das mit dem Telegramm, warum gibt er es nicht
zu? Ich wollte die Schwester weghaben, das wurde mir zu gefährlich, meine Frau
war schon eifersüchtig, das könnte er doch sagen, ohne daß man ihm damit
gleich den Mord nachweisen könnte. Harmloses zugeben, Lügen eingestehen, das würde
doch auch die Geschworenen gutmütig stimmen. Aber, denkt Wöhrle, was weiß
unsereiner. Er muß an den jungen Karl Hau in Ajaccio denken und an all das, was
er jetzt gelesen und gehört hat. Das ist gerade einmal sechs Jahre her. Was ist
in der Zeit in seinem Leben passiert?
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