Von der Erinnerung geweckt von Angelika Schrobsdorff, dtv

Angelika Schrobsdorff

Von der Erinnerung geweckt
(Leseprobe aus: Von der Erinnerung geweckt, Erzählungen, dtv)

Es war das erste Mal, daß ich meine Mutter weinen sah. Sie lag auf dem Bett und schluchzte wie ein Kind, das sich sehr weh getan hatte. Ihre Hände waren zu hilflosen Fäusten geballt, und unter ihren geschlossenen Lidern quollen die Tränen hervor und liefen als eilige Bächlein in den geöffneten, verzerrten Mund hinein. Sie merkte nicht, daß ich im Zimmer stand, starr vor Entsetzen und unfähig, mich von der Stelle zu rühren. Dann wurde plötzlich die Tür aufgerissen und eine Freundin meiner Mutter stürzte herein, lief auf das Bett zu, kniete davor nieder und brach, indem sie ihr Gesicht in das Kissen grub, ebenfalls in Tränen aus. Da drehte ich mich um und rannte wie gejagt aus dem Haus.
Im Garten setzte ich mich ins Gras und eine unbestimmte Ahnung, daß von nun an das Leben ganz anders werden würde, stieg in mir auf.
Einige Stunden darauf ging ich zu meiner Mutter und fragte sie: »Mutti, warum hast du denn vorhin so geweint?«
Sie schaute mich zärtlich an und antwortete: »Das verstehst du nicht und sollst es auch noch lange nicht verstehen, meine Kleine.« Da nahm die Ahnung die Form eines unheimlichen Schattens an, der mich auf Schritt und Tritt verfolgte.
Es vergingen vier Monate, ohne daß sich etwas Besonderes ereignete, doch dann eines Morgens erschien meine Mutter nicht zum Frühstück.
»Schläft Mutti noch?« fragte ich unsere Wirtschafterin, die gerade ins Zimmer trat.
»Nein, sie ist schon ausgegangen«, antwortete Elisabeth hastig und strich mir über das Haar.
»Ausgegangen!« rief ich. »Das glaube ich nicht!«
Ich wußte, daß Mutti nie zu so früher Stunde das Haus verließ, und kaum war ich allein, schlich ich mich zum Schlafzimmer meiner Mutter und öffnete vorsichtig die Tür. Noch ehe ich einen längeren Blick hineingeworfen hatte, fühlte ich, daß der Raum nicht mehr von ihr bewohnt wurde. Er war kalt, leer, tot! Und als ich meine Augen über die einzelnen Gegenstände des Zimmers gleiten ließ, wurde das Gefühl zur Gewißheit.
Das Bett war nicht mehr bezogen; vom Toilettentisch waren all die kleinen Fläschchen, Töpfchen und Dosen verschwunden; nirgends lag ein Taschentuch, ein Buch, ein Strumpf.
Mein Herz klopfte plötzlich wie wahnsinnig. Etwas würgte mich im Hals. Während ich auf den Schrank zuging, betete ich hastig immer wieder denselben Satz: Lieber lieber Gott, laß ihn nicht auch leer sein! Natürlich war er leer - gähnend leer!
Ich starrte fassungslos hinein und murmelte immer noch denselben Satz vor mich hin. Plötzlich sah ich in der hintersten Ecke eines Faches einen Handschuh liegen. Es war ein langer schwarzer Glacéhandschuh, der wie ein verängstigtes, zusammengeducktes Tierchen aussah. Das Würgen in meinem Hals wurde stärker. Ich ergriff den Handschuh und rannte aus dem Zimmer und zu meinem Vater.
»Wo ist Mutti?« schrie ich.
Er schien von meinem Ausbruch nicht überrascht, sondern nahm mich ruhig in den Arm und setzte mich auf sein Knie. Dann nahm er mir den zerknüllten Handschuh aus der Faust, legte ihn auf sein anderes Knie und strich ihn sanft und sorgfältig glatt.
»Du brauchst keine Angst zu haben, Angeli«, sagte er, »die Mutti ist nur wenige Schritte von hier entfernt, in derselben Straße. Sie wohnt jetzt in der Pension vorne an der Ecke, weißt du.«
»Aber warum denn?« fragte ich verzweifelt. »Ja, Kleine«, begann er unsicher und schaute hilflos auf den Handschuh hinab, »das verstehst du noch nicht.«
Da war sie wieder, dieselbe Antwort, und die Ahnung, in Form eines unheimlichen Schattens, wurde größer.
»Du kannst sie aber, wann du willst, besuchen«, fuhr mein Vater fort. Seine Stimme klang gequält, und das Lid seines linken Auges zuckte, wie immer, wenn er in Bedrängnis war.
»Und sie wird doch auch jeden Tag herkommen, nicht wahr?« fragte ich bittend.
»Ja, ja«, murmelte mein Vater ausweichend, doch an der Art, wie er es sagte, erkannte ich, daß es nicht stimmte.
Gleich darauf begleitete mich Elisabeth in die Pension. Meine Mutter schien vergnügt, ja geradezu übermütig zu sein. Sie sprach und lachte sehr viel und glaubte mich damit zu täuschen. Aber ich spürte instinktiv, daß sie unendlich traurig war.
Verschreckt schaute ich mich in dem altmodisch-düsteren Zimmer um, und die Frage: »Warum?« lag mir auf den Lippen. - Aber ich sprach sie nicht mehr aus.
Erst am Abend, als ich mit meiner um fünf Jahre älteren Schwester zu Bett ging, versuchte ich es noch einmal und sagte zögernd: »Bettina, weißt du eigentlich, weshalb Mutti nicht mehr bei uns wohnt?«
Sie warf mir einen schnellen, beunruhigten Blick zu, sprang dann hastig ins Bett, wühlte sich tief in die Kissen und brummte bitterböse und damit ihre Unsicherheit verratend: »Laß mich in Ruhe, ich bin müde und will schlafen.« Und dann nach einer langen Pause: »Schlaf gut, kleine dumme Gans.«
In dem letzten Satz, der grob klingen sollte, schwang ein verdächtiger Ton der Zärtlichkeit mit. (...)

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