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Von der
Erinnerung geweckt
(Leseprobe aus: Von der
Erinnerung geweckt, Erzählungen, dtv)
Es war das erste Mal, daß ich meine
Mutter weinen sah. Sie lag auf dem Bett und schluchzte wie ein Kind, das sich
sehr weh getan hatte. Ihre Hände waren zu hilflosen Fäusten geballt, und unter
ihren geschlossenen Lidern quollen die Tränen hervor und liefen als eilige Bächlein
in den geöffneten, verzerrten Mund hinein. Sie merkte nicht, daß ich im Zimmer
stand, starr vor Entsetzen und unfähig, mich von der Stelle zu rühren. Dann
wurde plötzlich die Tür aufgerissen und eine Freundin meiner Mutter stürzte
herein, lief auf das Bett zu, kniete davor nieder und brach, indem sie ihr
Gesicht in das Kissen grub, ebenfalls in Tränen aus. Da drehte ich mich um und
rannte wie gejagt aus dem Haus.
Im Garten setzte ich mich ins Gras und eine unbestimmte Ahnung, daß von nun an
das Leben ganz anders werden würde, stieg in mir auf.
Einige Stunden darauf ging ich zu meiner Mutter und fragte sie: »Mutti, warum
hast du denn vorhin so geweint?«
Sie schaute mich zärtlich an und antwortete: »Das verstehst du nicht und
sollst es auch noch lange nicht verstehen, meine Kleine.« Da nahm die Ahnung
die Form eines unheimlichen Schattens an, der mich auf Schritt und Tritt
verfolgte.
Es vergingen vier Monate, ohne daß sich etwas Besonderes ereignete, doch dann
eines Morgens erschien meine Mutter nicht zum Frühstück.
»Schläft Mutti noch?« fragte ich unsere Wirtschafterin, die gerade ins Zimmer
trat.
»Nein, sie ist schon ausgegangen«, antwortete Elisabeth hastig und strich mir
über das Haar.
»Ausgegangen!« rief ich. »Das glaube ich nicht!«
Ich wußte, daß Mutti nie zu so früher Stunde das Haus verließ, und kaum war
ich allein, schlich ich mich zum Schlafzimmer meiner Mutter und öffnete
vorsichtig die Tür. Noch ehe ich einen längeren Blick hineingeworfen hatte, fühlte
ich, daß der Raum nicht mehr von ihr bewohnt wurde. Er war kalt, leer, tot! Und
als ich meine Augen über die einzelnen Gegenstände des Zimmers gleiten ließ,
wurde das Gefühl zur Gewißheit.
Das Bett war nicht mehr bezogen; vom Toilettentisch waren all die kleinen Fläschchen,
Töpfchen und Dosen verschwunden; nirgends lag ein Taschentuch, ein Buch, ein
Strumpf.
Mein Herz klopfte plötzlich wie wahnsinnig. Etwas würgte mich im Hals. Während
ich auf den Schrank zuging, betete ich hastig immer wieder denselben Satz:
Lieber lieber Gott, laß ihn nicht auch leer sein! Natürlich war er leer - gähnend
leer!
Ich starrte fassungslos hinein und murmelte immer noch denselben Satz vor mich
hin. Plötzlich sah ich in der hintersten Ecke eines Faches einen Handschuh
liegen. Es war ein langer schwarzer Glacéhandschuh, der wie ein verängstigtes,
zusammengeducktes Tierchen aussah. Das Würgen in meinem Hals wurde stärker.
Ich ergriff den Handschuh und rannte aus dem Zimmer und zu meinem Vater.
»Wo ist Mutti?« schrie ich.
Er schien von meinem Ausbruch nicht überrascht, sondern nahm mich ruhig in den
Arm und setzte mich auf sein Knie. Dann nahm er mir den zerknüllten Handschuh
aus der Faust, legte ihn auf sein anderes Knie und strich ihn sanft und sorgfältig
glatt.
»Du brauchst keine Angst zu haben, Angeli«, sagte er, »die Mutti ist nur
wenige Schritte von hier entfernt, in derselben Straße. Sie wohnt jetzt in der
Pension vorne an der Ecke, weißt du.«
»Aber warum denn?« fragte ich verzweifelt. »Ja, Kleine«, begann er unsicher
und schaute hilflos auf den Handschuh hinab, »das verstehst du noch nicht.«
Da war sie wieder, dieselbe Antwort, und die Ahnung, in Form eines unheimlichen
Schattens, wurde größer.
»Du kannst sie aber, wann du willst, besuchen«, fuhr mein Vater fort. Seine
Stimme klang gequält, und das Lid seines linken Auges zuckte, wie immer, wenn
er in Bedrängnis war.
»Und sie wird doch auch jeden Tag herkommen, nicht wahr?« fragte ich bittend.
»Ja, ja«, murmelte mein Vater ausweichend, doch an der Art, wie er es sagte,
erkannte ich, daß es nicht stimmte.
Gleich darauf begleitete mich Elisabeth in die Pension. Meine Mutter schien
vergnügt, ja geradezu übermütig zu sein. Sie sprach und lachte sehr viel und
glaubte mich damit zu täuschen. Aber ich spürte instinktiv, daß sie unendlich
traurig war.
Verschreckt schaute ich mich in dem altmodisch-düsteren Zimmer um, und die
Frage: »Warum?« lag mir auf den Lippen. - Aber ich sprach sie nicht mehr aus.
Erst am Abend, als ich mit meiner um fünf Jahre älteren Schwester zu Bett
ging, versuchte ich es noch einmal und sagte zögernd: »Bettina, weißt du
eigentlich, weshalb Mutti nicht mehr bei uns wohnt?«
Sie warf mir einen schnellen, beunruhigten Blick zu, sprang dann hastig ins
Bett, wühlte sich tief in die Kissen und brummte bitterböse und damit ihre
Unsicherheit verratend: »Laß mich in Ruhe, ich bin müde und will schlafen.«
Und dann nach einer langen Pause: »Schlaf gut, kleine dumme Gans.«
In dem letzten Satz, der grob klingen sollte, schwang ein verdächtiger Ton der
Zärtlichkeit mit. (...)
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