Die hässlichste Frau der Welt von Margrit Schriber, 2009, Nagel&KimcheMargrit Schriber

Die hässlichste Frau der Welt
(Leseprobe aus: Die hässlichste Frau der Welt, Roman, 2009, Nagel & Kimche)

Sie ist für ihre kleine Rolle als englisches Mädchen herausgeputzt.

Mister Lent legt ihr die Federn für den Kopfputz

seiner Attraktion in die Hände. Lange, spitze Kiele in

Rot und Grün und Gelb. Es ist schwierig, sie so im Haar zu

befestigen, dass sie nicht knicken oder verrutschen beim

Tanzen. Sie hebt die Federn zum Scheitel von Miss Julia, um

das Gesteck in ihre Zöpfe zu nadeln. Mit beiden Händen

nestelt sie in den Zöpfen von Miss Julia. In diesem Moment

packt sie Mister Lent, rafft ihren Rock hoch, nestelt seine

Hose auf und nimmt sie von hinten.

Nimmt seine Belle! Als köpfe er eine Zigarre.

Julia Pastrana reißt mit einem Aufschrei den Federschmuck

aus ihrem Haar, schleudert ihn zu Boden und

hüpft darauf herum. Dann sinkt sie neben dem zerfledderten

Federbusch in die Knie. Schwer atmend, weinend, die

Hände vor dem Gesicht, den zitternden Rücken gegen Lent

und die Dienerin gekehrt.

«Irre!», sagt er. «Schnauf nicht so! Tränk nicht den

Boden mit Tränen! Bekreuzige dich nicht andauernd!»

Mit Ruhe sagt er das. Beim Zustoßen. Scharf und unerbittlich

sagt er es, als ob er ein Häufchen Asche mit dem

Fuß austrete. Er lockert nicht einmal den Griff um seine

Belle. Schnaubend reitet er seinen Tiger.

Die Schau von London kann beginnen.

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