Die hässlichste Frau der Welt
(Leseprobe aus:
Die hässlichste Frau der Welt, Roman, 2009, Nagel
& Kimche)
Sie ist für ihre kleine Rolle als englisches Mädchen herausgeputzt.
Mister Lent legt ihr die Federn für den Kopfputz
seiner Attraktion in die Hände. Lange, spitze Kiele in
Rot und Grün und Gelb. Es ist schwierig, sie so im Haar zu
befestigen, dass sie nicht knicken oder verrutschen beim
Tanzen. Sie hebt die Federn zum Scheitel von Miss Julia, um
das Gesteck in ihre Zöpfe zu nadeln. Mit beiden Händen
nestelt sie in den Zöpfen von Miss Julia. In diesem Moment
packt sie Mister Lent, rafft ihren Rock hoch, nestelt seine
Hose auf und nimmt sie von hinten.
Nimmt seine Belle! Als köpfe er eine Zigarre.
Julia Pastrana reißt mit einem Aufschrei den Federschmuck
aus ihrem Haar, schleudert ihn zu Boden und
hüpft darauf herum. Dann sinkt sie neben dem zerfledderten
Federbusch in die Knie. Schwer atmend, weinend, die
Hände vor dem Gesicht, den zitternden Rücken gegen Lent
und die Dienerin gekehrt.
«Irre!», sagt er. «Schnauf nicht so! Tränk nicht den
Boden mit Tränen! Bekreuzige dich nicht andauernd!»
Mit Ruhe sagt er das. Beim Zustoßen. Scharf und unerbittlich
sagt er es, als ob er ein Häufchen Asche mit dem
Fuß austrete. Er lockert nicht einmal den Griff um seine
Belle. Schnaubend reitet er seinen Tiger.
Die Schau von London kann beginnen.
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