Rosenfest von Leander Scholz, 2001, Hanser-VerlagLeander Scholz

Rosenfest
(Leseprobe aus: Rosenfest, 2001, Hanser)

Es war der 2. Juni. In der Deutschen Oper wurde Mozart gegeben. Eine Handkamera fuhr durch die Menge der schreienden Studenten. Sie hoben die Fäuste und skandierten Parolen in den lauen Frühsommer des Jahres 1967. Andreas Baader langweilte sich.
"Schah, Schah, Scharlatan", riefen die Demonstranten und warfen Tomaten, Farbeier und Steine in die Richtung der Straße, auf der sie, über fünfzig Meter weit entfernt hinter einer stählernen Absperrung, die Staatskolonne erwartet hatten.
Ganz Berlin war eingekerkert. Das staatliche Programm der inneren Sicherheit hatte Sorge dafür getragen, daß das persische Kaiserpaar in seinem panzersicheren Mercedes den wenigen Steinen, die es bis zu der Kolonne schafften, gelassen entgegenblicken konnte.
Gerade hatte Figaro den eitlen Grafen Almaviva in eine peinliche Situation gebracht, so daß der unter den Augen des versammelten Hofstaates gegen seines Kammerdieners Hochzeit mit der hübschen Susanna nichts mehr einwenden konnte. Zwar war das alte feudale Recht der ersten Nacht mit der Braut des Untergebenen längst abgeschafft, aber gegen eine bare Mitgift wurde das sogenannte halbe Stündchen mit dem Fürsten immer noch gerne eingetauscht.
Die junge und unerzogene Lust war vor dem Recht-, Geld- und Machthaben des Alters gerettet, als eine vorbeifliegende Mehltüte Andreas zwang, seine Kamera vom Auge zu nehmen. Er pustete sorgfältig den feinen Staub vom Objektiv, setzte seine Sonnenbrille auf und sah sich die Studentengruppen, in deren Mitte er unversehens geraten war, zum ersten Mal aus der Nähe an.
Die Demonstrierenden, weit von dem Geschehen an der Oper abgedrängt, wurden sich langsam ihrer Überflüssigkeit in diesem politischen Schauspiel bewußt und leiteten enttäuscht einen Rückzug in die umliegenden Kneipen ein, als ihnen plötzlich von allen Seiten Krankenwagen stumm den Weg versperrten.
Andreas schob sich die schwarzen Brillengläser wieder auf die Stirn und zog einen neuen Film ein.

Leb wohl, leb wohl, mein schöner Fi-Fi-Figaro, sang Susanna, der Sopran, mit Frauen-, Knaben- und Kastratenlauten in den schönen Samstagabend hinein, der normalerweise von der Sportschau beherrscht wurde.
Unbeteiligt ließ Andreas den Fokus der Kamera über die grölende Menge gleiten. Eine menschliche Leberwurst, dachte er, die an beiden Enden auseinanderplatzen müßte, wenn die Schlagstöcke der Polizisten auf ihre Mitte einprügeln würden. Drängelnd und sich gegenseitig schubsend, wollten die Studenten nicht wahrhaben, daß sie eingekesselt waren.
Den einzigen in der Menschenmenge, der elegant gekleidet war, wie immer mit dunklem Hemd und jenen engen, selbstgeschneiderten Seidenhosen, die ihn, wo immer es ihn hinverschlug, an die Münchener Kunst- und Drogen-Schickeria erinnern sollten, diesen einzigen, dachte Andreas, könnten die Knüppel nicht berühren.

Die Rache, oh, die Rache! ist ein Vergnügen allein für die Weisen: Die Schande und die Beleidigung zu vergessen zeugt stets von niedrigem, feigem Wesen, klang es im Baß aus der Oper, während das stille Blaulicht bedrohlich über die Uniformierten flackerte, die sich in mehreren Reihen um die Demonstranten aufgestellt hatten.
Andreas hatte es sich angewöhnt, zu solchen Ereignissen immer ein wenig Koks bei sich zu tragen. Er hatte zwei Nächte nicht geschlafen und gehofft, ihm fiele am dritten Tag etwas ein für das Auge seiner Kamera. Aber tatsächlich war er den ganzen Nachmittag durch das gerüstete Berlin gelaufen, ohne daß er auch nur ein einziges Mal die Zuversicht empfand, jene entscheidende Szene festzuhalten, welche die Welt verändern mußte.
Ohne eine solche Hoffnung konnte Andreas nicht leben. Wenn er sich durch eine Menschenmenge schieben mußte, hatte er Angst, er wäre nicht imstande, die Vielzahl von Gedanken zu ertragen, die auf ihn einströmen könnten. Er haßte es, wenn die Vorübergehenden ihn anrempelten und offensichtlich nicht einmal im Traum darüber nachdachten, ob gerade Krieg war oder nicht.
Andreas Baader war stolz auf sein äußerst männliches Gesicht mit kräftigen Koteletten, auf die abgehackten Bewegungen der Gliedmaßen, entliehen von Rainer Werner Fassbinder, den er noch aus München kannte und dessen apathischen Blick er bei solchen Szenen stets im Kopf vorrätig trug. Ich mache Filme, hatte der Jungstar der Filmszene mit jener gleichen Radikalität gesagt, mit der der zwanzigjährige Andreas von München aus zu seiner ersten Suche nach der Geschichte durch die junge Republik aufgebrochen war. Ich schmeiße keine Bomben, rief ihm sein Idol hinterher, dessen ausdauernde Wut ihn ständig begleitete.
Kunst oder Schlagstock, ging es Andreas durch den Kopf, als er die jetzt noch lauter skandierenden Studenten abfilmte, deren schrille Empörungsrufe über den Staatsempfang des persischen Schahs mehr und mehr in Hilfeschreie übergingen.
Die Gewalt des Black Panther, der Krieg in Vietnam, die sich ausweitenden Studentenunruhen, das vom Westen prophezeite Ende des Kommunismus - das alles waren für Andreas nur weitere Indizien, daß im Kampf um die Geschichte noch nichts, aber auch gar nichts entschieden
war. Ihr alle, hatte er auf einer nächtlichen Party der Bildzeitung gebrüllt, bei der er bis vor wenigen Tagen noch ein Praktikum absolvierte, ihr alle lebt noch im Fegefeuer. Dabei hatte er vollkommen betrunken versucht, sich an einen Kronleuchter zu hängen, und Prophezeiungen über den Zeitungsmitarbeitern von der bevorstehenden letzten Schlacht ausgestoßen, bis sein Fuß ein überraschtes Redakteursgesicht traf und seine Karriere als Gehirn der schnellen Sprüche beendete.
Als die fünfhundert schwarzen Schlagstöcke der Polizisten in die knapp hundertköpfige Studentenschaft einschlugen, dachte Andreas, daß einzig reine Gefühl sei der Schmerz.

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