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Daniel Sammer
(Leseprobe aus: Sternloser
Himmel, Autobiografischer Roman, 2006, Eichborn)
Ich schlug die Tür hinter mir zu, drehte mich blitzschnell herum, weil ich die Türklinke noch erwischen wollte, was mir aber um Haaresbreite mißlang. Also fiel die Tür mit Donnergetöse ins Schloß, ein Laut, einem Schuß nicht unähnlich, der mir derartig in die Knochen fuhr, daß ich mich auf den Stuhl neben der Eingangstür setzen musste.
Langsam kam ich zu mir, tastete nach dem Lichtschalter; alles blieb dunkel. Im Haus war es bitterkalt, also war auch die Heizung ausgefallen, Kurzschluß vermutlich.
Ich angelte nach meinem Feuerzeug und zündete mit klammen Fingern eine der Kerzen an, die - für alle Fälle wohl - auf der Truhe lagen, dem einzigen Möbel in der Eingangshalle.
Im armseligen Schein der Kerze tastete ich mich zu Daniels Arbeitszimmer vor, zündete die Petroleumlampe an, die auf dem Schreibtisch stand, und ließ mich in den Ledersessel fallen, der bis zum heutigen Tag ausdrücklich Daniels Hintern vorbehalten war.
Ich beugte mich langsam vor, bis mein Kopf auf der eiskalten Tischplatte lag. So verharrte ich mit geschlossenen Augen und lauschte meinem regelmäßigen, aber schnell hämmernden Herzschlag, der mir in dieser vertrackten Stille viel zu laut vorkam.
Mit einem Ruck warf ich mich zurück, hielt mir mit beiden Händen die Ohren zu und sagte, ohne besondere Rücksicht auf Betonung: »Mein Leben ist ein Scherbenhaufen.«
»Ach Scheiße«, fügte ich leise hinzu, »das klingt wie ein Satz aus einem kitschigen Fernsehfilm.« Ich musste lachen, weil ich an Birthe dachte, die bei solchen Wehleidigkeiten meinerseits immer zu sagen pflegte: »Warum alles in Moll? Das paßt viel besser zu Daniel, zu dir paßt es nicht!«
Ich schlug die Augen auf und sah, daß bei jedem
Atemzug eine kleine Dampfwolke aus meinem Mund in Richtung Petroleumlampe
segelte. In diesem Augenblick fiel mein Blick auf den Schreibtisch, wo ein
Briefumschlag an ein silbergerahmtes Foto gelehnt war. »DAVID« stand darauf,
von einem schwungvollen Kringel umgeben, und darunter, fein säuberlich:
d.G. (durch Güte).
Ich holte den Umschlag heran, öffnete ihn mit dem Zeigefinger und hielt das Schreiben so, daß das Licht der Petroleumlampe auf das Blatt fiel. Der Inhalt des Briefes war folgender:
Mein über alles geliebter Bruder David, obwohl ich Dich sehr gern habe, muss
ich Dich und mein bisheriges Leben heute verlassen.
Ich kann diese Scheinexistenz unter den Augen der Öffentlichkeit nicht mehr ertragen. Ich muß etwas Neues anfangen, etwas völlig anderes, etwas Wirkliches. Die klatschenden Zuschauer, ob im Theater oder im Fernsehstudio, über die ich mich eigentlich freuen sollte, sind mir ein Greuel. Und das in zunehmendem Maße. Du wirst traurig sein, das weiß ich, weil Du an meinem Erfolg keinen unbedeutenden Anteil hast. Du warst mir in all den Jahren ein liebevoller, kritischer Begleiter, mein Agent, mein Berater, mein persönlicher Manager. Du hast mir die Mühen der Ebene abgenommen. Das werde ich Dir nie vergessen.
Und vielleicht kommt ja der Tag, an dem wir uns wiedersehen.
letzt brauche ich erst mal Zeit.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich das darf, aber ich rate Dir, eine Künstleragentur aufzumachen, mit einer Handvoll hochkarätiger Künstler, Schriftsteller, Regisseure, Schauspieler, genau in dieser Mischung und Reihenfolge. Das hat bis jetzt noch keiner versucht, aber Du könntest das.
Geld hast Du ja genug, glaube ich. Der Ledersessel, in dem Du jetzt sitzt, wird mitsamt dem ganzen Haus verkauft. Ich habe damit unseren Freund aus Kriegszeiten, Dr. K. beauftragt.
Kümmere Dich um meine Birthe, die mir unendlich fehlt, auch das ein Grund für meine Flucht. Du liebst sie doch? Oder? Und zum Schluß meine vielleicht schwierigste Bitte an Dich: Schreib' ein Buch über unser beider Leben. Wenn es überhaupt jemand kann, dann nur Du. In dem hohen Dokumentenschrank mit den zweiunddreißig Schubladen findest Du alle meine Tagebücher, und auch Deine, die ich über die Jahre gesammelt habe, ohne daß Du es wußtest.
Ich sage es jetzt ganz pathetisch:
Ich vertraue Dir mein Leben an. Such mich nicht, Du wirst mich nicht finden.
DANIEL
P.S.: Obwohl Du mir tausendmal bei der Arbeit zugesehen hast, versuche nicht, Schauspieler zu werden. Dazu muß man gut lügen können, und das kannst Du nicht.
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